M. 233 Drittes Blatt. Sonntag den 28. October 1888.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigcblütt für den Kreis Gießen.
Bureau: Schnlstraße 7. Erschein, täglich mit Abnahme des Mauiags. WWKW?->L-Mrlich 2 M°7k 50 R
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Amtlicher HAcik.
Bekanntmachung.
Die diesjährigen Herbst-Control-Versammlungen
1. Im Bezirke der 1. Compagnie (Gießen).
1) Zu Gießen am 3. November 1888 Vormittags im Oswald'schen Garten
und zwar:
um 8 Uhr für sämmtliche Reservisten der Infanterie,
um 9 Uhr für sämmtliche zur Disposition der Truppentheile und der Ecsatz- Bebörden entlassenen Mannschaften aller Woffen, sowie sämmt- Uche Reservisten der übrigen Waffen und die am Schluffe näher bezeichneten Wehrleute.
Hierher gehören die Orte: Annerod, Burkhardsfelden, Gießen (mit Schiffenberg und Herrnwald), Heuchelheim, Klein-Linden und Oppenrod.
2) Zu Lollar am 5. November 1888, Bormittags 9 Uhr neben dem neuen Bahnhofsgebäude
Hierher gehören die Orte: Mendorf a. d. Lda., Alten - Buseck, Bersrod, Beuern, Climbach, Daubringen (mit Heibertshausen), Großen - Buseck, Lollar. Mainzlar, Rödgen, Ruttershausen mit Kirchberg, Staufenberg mit Friedelhausen, Treis a. d. Lda., Trohe und Wieseck.
3) Zu Gründern am 5. November 1888, Vormittags 12 Uhr \ 30 Minuten an dem Bahnhose.
Hierher gehören die Orte: Allertshausen, Beltershain, Geilshausen, \ Göbelnrod, Grünberg (mit der Dickelsmühle, Neumühle, Stadtmühle, Stein- mühle, Obere und Untere Ziegelhütte, Latzmühle), Hattenrod, Harbach mit | der Kolbenmühle und Sommermühle, Kesselbach mit der Rabenau'schen Papiermühle, Lauter mit der Arztmühle, Bingmühle, Georgenhammer, Strellesmühle und Walkmühle, Lindenstruth, Londorf mit der Burg Rabenau, Burgmühle, Schmidtmühle. Reitzenmühle und Ziegelhütte, Lumda (Groß- und Klein-), Odenhausen mit Appenbörnechof, Queckborn^ Rein- hardshain, Reiskirchen, Rüddingshausen, Saasen mit Bollnbach, Veitsberg und Wirberg, Stangenrod, Stockhausen, Weickartshain, Weitershain mit dem Hainer-Hof, Winnerod.
II. Im Bezirke der II. Compagnie (Lich).
1) Zu Hungkn am 10. November 1888, Vormittags 9 Uhr
30 Minuten am Friedhöfe-
Hierher gehören die Orte: Bellersheim, Bettenhausen, Hungen, Inheiden, Langd, Langsdorf, Muschenheim mit Hof Güll, Nonnenroth, Obbornhofen, Rabertshausen mit Ringelhausen, Rodheim mit Hof Graß, Röthges, Steinheim, Trais-Horloff, Utphe, Villingen.
2) Zu Lich am 10. November 1888, Nachmittags 3 Uhr am Bahnhose.
Hierher gehören die Orte: Albach, Allendorf a. d. Lahn, Birklar, Dorf- Gill, Eberstadt mit Arnsburg, Ettingshausen, Garbenteich, Großen-Linden, Grüningen, Hausen, Holzheim, Lang-Göns, Leihgestern, Lich mit Albacher- Hof, Kolnhansen und Mühlsachsen, Münster, Rieder-Bessingen, Ober-Bes- singen, Ober-Hörgern, Steinbach, Watzenborn mit Steinberg.
Es haben aus den genannten Orten zur bestimmten Stunde sämmtliche im betreffenc en Bezirke wohnenden Osstziere und Mannschaften des Beurlaubtenstandes aller Waffen des Deutschen Reichs zu erscheinen, welche zur Neserve gehören, zur DiSvvsition der Truppentheile beurlaubt oder zur Disposition der Ersatz-Behörden entlassen sind, sowie diejenigen der Landwehr I. Aufgebots angehörigen Mannschaften, welchen eine besondere Orore zur Gestellung bei der Herbst-Control-Bersammlung vom Bezirksfeldwebel zugegangen ist.
D-e Ersatz-Reservisten haben bei der Herbst-Control-Bersammlung nicht zu erscheinen.
Dispensationen können nur in ganz dringenden Fällen eintreten und müssen darauf bezügliche Gesuche, welche von den betreffenden Bürgermeistereien beglaubigt sein müffen, spätestens 8 Tage vor den betreffenden Control-Versammlungen auf dem Dienstwege eingereicht werden. Die ohne Entschuldigung fehlenden Mannschaften haben sich der gesetzlichen Strafe zu gewärtigen.
Es wird noch bemerkt, daß die Leute mit Mllitär-Paß und Führungs- Attest versehen in bürgerlicher Kleidung zu erscheinen haben, und vor dem Beginn der Control-Versammlung Schirme, Stöcke, Pfeifen re. fortzulegen sind.
Schließlich wird noch ganz besonders daraus hingewiesen, daß sämmtliche an der Control-Versammlung theilnehmenden Mannschaften für den g a uze n Tag, an welchem die Control-Versammlung ftattfindet, zum activen Heere gehören und den Militärgesetzen unterworfen sind.
werden im Kreise Gießen wie folgt abgehalten werden:
C a Spart), Oberstlieutenant z. D. und Kommandeur des Landwehr-Bataillons-Bezirks Gießen.
Politische Ueberfieht
Gießen, 27. October.
Heber den Besuch Kaiser Wilhelms im Batican meiden jetzt widersprechende Mittheilungen Derbreitet, e>o wußte die „Kreuzzenung" aus Rom von „zuDerlässigster Seite" zu melden, daß der Papst hochdesiiedigt von seiner Unterredung nut dem Kaiser sei; dagegen läßt sich die „National-Zeiturg" von tbtnfo „zuverlässiger Seite" das gerade Gegentheil berichten und auch eine Anzahl anderer Berichte wollen wissen, daß diese Unterredung mit einem Mißklange geendet habe. Anderseits wären aber wiederum nach einem Berliner Briefe der „Pol. Corresp." beide Theile von der Begegnung befriedigt worden und hätten im Uedrtgen die durch die historische Entwickelung gegebenen Beziehungen zwischen dem Kaiser eines in feiner Mehrzahl protestantischen Volkes und dem Oberhaupte der katholischen Kirche auch durch ein persönliches Zusammentreffen der beiden hohen Persönlichkeiten naturgemäß keine besondere Veränderung zu gewärtigen. All' diesen widerspruchsvollen Meldungen gegenüber muß aber doch das Eine betont werden, daß das Zwiegespräch zwischen Kaiser und Papst zeugenlos gewesen ist und es ergiebt sich hieraus, welcher Werth den hierüber sofort verbreiteten Details beizumessen ist." Schließlich erklärt auch noch das eine O.gan dis Vaticans, der „Osservatore Romano", sowohl die Blättermittheilungen über das, was der Unterredung voranging — gemeint ist wohl die Scene mit dem Prinzen Heinrich — als auch die Meldungen über die Unterredung selbst als jeder Begründung entbehrend.
Die Theilnahme des Reichskanzlers an den Hamburger Zollanschluß- feierlichkeiten, die von ihm selber zuerst in ziemlich sichere Aussicht gestellt wurde, soll wieder zweifelhaft geworden sein. Es ist indessen nichts darüber bekannt geworden daß der in letzter Zeit so befriedigende Gesundheitszustand des Fürsten Bismarck in zwischen ein weniger günstiger geworden wäre und sollte der Fürst in der Thal den Hamburger Festlichkeiten fern bleiben, so könnte dies nur infolge dringender Geschäfte gefchehen. Andere Meldungen wissen dagegen bestimmt zu berichten, daß der Reichskanzler an dec Seite des Kaisers in Hamburg erscheinen werde; man wird also wohl die Ereignisse selbst abzuwarten haben.
Generalfeldmarschall Graf Moltke vollendete am Freitag in voller Frische des Geistes und Körpers sein 88. Lebensjahr. Möge der greise Schlachtendenker, obwohl nicht mehr an der Spitze des deutschen Generalstabes stehend, in seinem neuen Wirkungskreise noch lange zu des Vaterlandes Ruhm und Ehre thälig sein!
Der regierende Fürst von Waldeck, Georg Victor, ist in seinem Residenz- schlosse zu Pyrmont schwer erkrankt. Fürst Georg Victor, geboren den 14. Januar 1831,
folgte seinem Vater am 15. Mai 1845, unter Vormundschaft feiner Mutter, in der Regikrung und übernahm dieselbe selbstständig am 17. August 1852. Der Fürst ist seit 1853 mit Prinzessin Helene von Nassau vermählt, aus welcher Ehe fünf Töchter und ein Sohn, Erbprinz Friedrich (geb. 1865), entsprossen sind. Unter dem Fürsten Georg Victor wurde der Accessionsvertrag zwischen Preußen und Waldeck abgeschlossen, durch welchen ersteres die Verwaltung des Ländchens übernahm.
Heber die Unruhen in Ostafrika enthält der „Reichsanzeiger" einen Bericht des deutschen Generaiconsuls in Zanzibar, Dr. Michahelles, aus welchem hervorgeht, daß, übereinstimmend mit allen andern Berichten, die arabische Aristocratie mit ihren sklavenhändlerische,i Interessen der eigentliche Urheber der die Europäer bedrohenden Unruhen in Ostafrika ist. Was die Stellung der Reichsregierung zu denselben an- belangt, so soll die Reichsregierung den Beschluß gefaßt haben, eine größere Flottenmacht in den ostafrikanischen Gewässern zusammenzuziehen. Es werden voraussichtlich nicht nur verschiedene auf den außereuropäischen Stationen befindliche deutsche Kriegsschiffe nach Zanzibar beordert werden, sondern es wird wahrscheinlich noch ein besonderes Geschwader in den heimischen Häfen ausgerüstet werden und dann nach Ostafrika abgehen. Ob noch weitere Maßnahmen geplant sind, steht einstweilen dahin. Man soll sich jedoch auch in den Kreisen der Reichsregierung die Schwierigkeiten eines bewaffneten Einschreitens in den ostafrikanischen Küstengebieten nicht verhehlen.
Der französisch-italienische Streitfall wegen der italienischen Schulen in Tunis befindet sich noch immer in der Schwebe. Es handelt sich bekanntlich um das staatliche Aussichtsrecht über diese schulen — und ebenso über die in Tunis bestehenden Vereine der Italiener - welches die französische Regierung beansprucht und das die italienische Regierung nicht abgeben will. In einer Unterredung mit dem italienischen Botschafter Grafen Menabrea machte der französische Minister des Auswärtigen, Herr Goblet, allerdings das Zugeständniß, daß die gegenwärtig in Tunis bestehenden italienischen Schulen und Vereine der Oberaufsicht durch die Landesbehörden nicht unterliegen sollten, aber er wollte dieselbe auf die künftig zu errichtenden italienischen Institute in Tunis angewendet wissen. In seiner Erwiderung ließ jedoch der Botschafter Italiens deutlich durchblicken, daß Italien auch in letzterem Falle seinen Protest aufrecht erhalten würde und somit läßt sich noch nicht absehen, welchen Ausgang dieser neueste Eonflict zwischen Frankreich und Italien nehmen wird.
Das 50jährige Dienstjubiläum des russischen Ministers des Auswärtigen, Herrn v. Giers, hat dem „Journal de St. P^tersbourg" Anlaß zu einem recht be- nrerkenswerthen Aitikel gegeben. Das osficiöse Blatt reproducirt die anläßlich der Thronbesteigung Kaiser Alexander III. von Giers an die Mächte gerichteten Rund-


