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1888.

Freitag den 28 September

Nr. 227

MGMM

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Ivurearrr Schulftraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

reld vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

>urch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf^

Amtlicher Hßeit.

Betreffend: Ausbruch der Schaftäude zu Lang-Göns.

Bekanntmachung.

Unter den Schafen der Heerde des Schäfers R. Boller zu Lang-Göns ist die Räude ausgebrochen. Es wird deßhalb die Sperre über diese Heerde -verfügt. Gestattet ist die Ausfuhr von Schafen nur zum Zweck sofortiger Abschlachtung und ist in jedem einzelnen Fall, in welchem dieselbe erfolgen soll, unsere Erlaubniß einzuholen. Zuwiderhandlungen gegen die angeordneten Schutzmaßregeln unterliegen den gesetzlichen Strafen.

Gießen, den 25. September 1888. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

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Politische Rundschau

Gießen', 27. September.

Kaiser Wilhelm hat nunmehr seine großen Herbstreisen angetreten, hie den erlauchten Monarchen über Süddeutschland nach Wien und schließlich über die SUpen, nach Rom und Neapel führen werden. Das Retseprogramm des kaiserlichen Herrn umfaßt seiner Zeitdauer nach fast genau vier Wochen, denn am 21. October gedenkt der hohe Reisende wieder in Berlin einzutreffen. Eine volle Woche wird der deutsche Kaiser auf italienischer Erde weilen, da er, am 11. October in Rom eintreffend dis zum 18. October der Gast der italienischen Königsfamilie sein wird, in welche Zeit bekanntlich auch die großartige Floltenrevue bei Neapel vor König Humbert und seinem ckaiserlichen Gaste fällt; am 19. October tritt der Kaiser die Rückreise über Arezzo, Florenz und Ala (Südtyrol) an. In Wien wird der Kaiser am 3. und 4. October weilen, um vom 5. bis zum 9. October mit dem österreichischen Monarchen in der Steiermark zu jagen. Auf der Insel Mainau gedenkt Kaiser Wilhelm an diesem Samstag und Sonntag Aufenthalt zu nehmen und sich am. Montag über Lindau und Kempten nach der bayerischen Hauptstadt zu begeben, woselbst er bis zum Abend des 2. October verweilen wird.

Wenn etwas noch geeignet fein dürfte, die hohe politische Bedeutung dieser Kaiserfahrt nach Süden klar darzulcgen, so ist es der Umstand, daß der Reichskanzler eigens feinen Landaufenthalt in Fritdrlchsruh unterbrach, um mit dem Kaiser vor dem Beginne der Rejse höchstdesselben noch zu conferiren. Am Montag Abend traf Fürst Bismarck zu diesem Behufe in Berlin ein und begab sich am nächsten Vormittag nach Potsdam, woselbst er um 12 Uhr Mittags vom Kaiser im Marmorpalais empfangen wurde. Daß diese Audienz des leitenden Staatsmannes bei seinem kaiserlichen Herrn in erster Linie mit der großen Reise des letzteren gegolten hat, kann wohl als sicher betrachtet werden und als ebenso gewiß darf es gelten, daß über die hierbei spielenden, Politischen Fragen das vollste Einverständniß zwischen Kaiser und Kanzler geherrscht hat. Inwieweit die Audienz auch innerpolitischen Angelegenheiten und Fragen mehr persönlicher Natur gewidmet gewesen ist, wie mehrseitig angedeutet wird, muß einst­weilen dahingestellt bleiben. Uebrigens ist Fürst Bismarck alsbald wieder nach Friedrichsruh zurückgekehrt.

Die Kaiserin-Wittwe Augusta vollendet an diesem Sonntag, den 30. Sep­tember, ihr 77. Lebensjahr und wie bekannt, begeht die hohe Frau ihre Geburtstags­feier diesmal auf der Bodensee-Jnsel Mainau, im Kreise der großherzoglich badischen Herrschaften und im Beisein ihres kaiserlichen Enkels. Gar Schweres ist über das Haupt der greisen Fürstin in diesem Jahre dahingerauscht; noch trauerte sie um ihren so unerwartet dahingeschiedenen hoffnungsvollen, blühenden Enkel, Prinzen Ludwig von Baden, als sie der schwerste Schlag durch das Hinscheiden ihres kaiserlichen Ge­mahls betraf, mit dem die hohe Frau in fast 59jährtger glücklichster Ehe vereint war und nach drei Monaten hatte sie auch den Verlust des geliebten einzigen Sohnes zu beklagen! Aber in christlicher Ergebung, wenn auch auf's Tiefste erschüttert, ertrug Kaiserin Augusta all' dieses herbe Leid und die innigste Thetlnahme des deutschen Volkes gereichte der geprüften Monarchin zum nicht geringen Trost in jenen Letdens- tagen und wenn die hochbetagte Fürstin Heuer ihr Geburtsfest im engsten Familien­kreise, in der Abgeschlossenheit der Insel Mainau, begeht, so folgt ihr auch dahin die Theilnahme der Nation und die herzlichsten Wünsche für den ferneren Lebensabend der kaiserlichen Frau steigen aus treuem Volkesherzen zum Höchsten empor!

Die Veröffentlichungen aus dem angeblichen Tagebuche Kaiser Friedrichs erhalten die Tagespresse fortwährend in Alhem. Gegenüber dem Umstande, daß sie ohne Wissen Kaiser Wilhelms erfolgt sind und in Anbetracht dessen, daß die Echtheit der mitgetheilten Aufzeichnungen des hochseligen Kaisers vom Reichskanzler, wie von hochosficiöser Seite angezweifelt worden ist, tritt namentlich die Frage in den Vordergrund, wer denn eigentlich diese Mtttheilungen derDeutschen Rundschau" zur Veröffentlichung übergeben habe. Die in dieser Beziehung ausgetauchten Vermuthungen haben sich indessen bis jetzt sämmtlich als unbegründet erwiesen und da die Redaction derD. R." entschlossen zu sein scheint, sich über ihren Gewährsmannauszuschweigen", so ist demnach jene Frage noch ungelöst.

Aus Ostafrika kommen jetzt fast täglich ernstlautende Nachrichten, die zum Theil auch für Deutschland ein nur zu berechtigtes Interesse besitzen. Die Meldung, daß erst kürzlich wieder ein Angriff der dortigen Eingeborenen auf eine der Stationen der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft, auf Bagamoyo,.erfolgt ist, der erst mit Hülfe gelandeter deutscher Marine-Soldaten blutig zurückgeschlagen werden konnte, läßt die Verhältnisse in der deutsch-ostafrikanischen Jnteressen-Sphäre auf's Neue in bedrohlichem Lichte erscheinen. Dasselbe gilt auch von der weiteren Meldung, daß General Matthews, der Oberbefehlshaber der zanzibaritifchen Truppen, aus Pangani, woselbst er erst jüngst die gegen die deutsch-ostafrikanische Gesellschaft gerichtete Bewegung unterdrücken half, von den Eingeborenen vertrieben worden ist, da dieselben einen arabischen Gouverneur fordern- Auch an andern Punkten Ostafrikas soll große Aufregung gegen die Cbristen herrschen und sind hierbei überall Jntriguen arabischer Sclavenhändler mit im Spiel; ein gemeinsames energisches Einschreiten Deutschlands und Englands gegen diese Be­wegung erscheint da dringend geboten. Endlich kommen auch von Suakim Mil­

theilungen, welche einen ne-m ernstlichen Ansturm der Mahdisten gegen diesen wich­tigen Platz und dessen englisch' gyptisä ^tzung signalisiren, so daß vor genannter Stadt neue Kämpfe zu erwarten stehen.

Deutschland.

Berlin, 26. September. DerNat.-Ztg." wird bestätigt, daß die Kaiserin Friedrich sich mit großer Schärfe gegen die ohne ihr Vorwisfen erfolgte Veröffentlichung der Auszüge aus dem Tagebuch des verstorbenen Kaisers Friedrich in derDeutschen Rundschau" ausgesprochen habe. Die Nachricht mehrerer Blätter, daß in der Villa Eirio bei der Abreise des Kaisers Friedrich ein Exemplar des Tagebuchs versehentlich in einer Schublade zurückgelassen worden sei, wird für unwahr erklärt.

Berlin, 26. Septembers Die weitere Ausgabe des Tagebuchs Kaiser Fried­richs in derDeutschen Rundschau" ist, wie derFreis. Ztg." von der Verlags-Buch- Handlung mitgetheilt wird, sistirt worden. Nähere Mittheilungen darüber will die Verlags-Buchhandlung erst morgen machen.

Telegraphisch« Depeschen.

Wslst'S telegr. Correfpondenz. Brrrea«.

Berlin, 26. September. Staatsminister Graf Herbert Bismarck und das militärische Gefolge, welches sich dem Kaiser auf seiner weiteren Reise anschließen wird, reisten beute Abend nach Frankfurt a. M.

Detmold, 26. September. Der Kaiser ist bereits früh 4 Uhr zur Jagd auf­gebrochen, wobei er einen starken Vierzehnender erlegte. Bei der Rückfahrt wurde er von einer zahlreichen Menge auf den festlich geschmückten Straßen enthusiastisch begrüßt.

Ter Kaiser, welcher auch am Nachmittag an der Jagd theilnahm, wurde auf der Hin- und Rückfahrt von der zahlreichen Bevölkerung enthusiastisch begrüßt und demselben Abends ein glänzender Fackelzug dargebracht.

München, 26. September. Die heute veröffentlichte Allerhöchste Anordnung für den Empfang Sr. Majestät des Kaisers Wilhelm lautet: Der Prinzregent, um­geben von den sämmtlichen Prinzen des königlichen und herzoglichen Hauses, wird Se. Majestät im Eentral-Bahnhofe empfangen, woselbst sich ferner sämmtltche Staats­minister in großer Galauniform mit preußischen Ordensbändern, der Kommandeur des 1. Armeecorps, Freiherr v. Orff, der Oberst v. Trombetta und Rittmeister Frei­herr v. Guttenberg vom 1. Ulanenregiment einfinden. Außerdem ist zum Ehrendienst bet Sr. Mazestät der Kämmerer v. Hermann befohlen, welcher sich mit dem Regierungs­präsidenten von Schwaben, v. Kopp, vorher nach Lindau begiebt, um Kaiser Wilhelm an der Landesgrenze zu empfangen. In Buchloe wird der Regierungspräsident v. Kopp durch den Präsidenten von Oberbayern, Frhrn. v. Pfeufer, abgelöst. Zum Empfang Sr. Majestät im köntgl. Schlosse sind sämmtliche anwesende Prinzessinnen mit deren großen Dienst im Hofgartenbau versammelt. Beim Eintreffen Kaiser Wilhelms auf dem Bahnhofe wird eine Ehrencompagnie mit Fahne und Musik aufgestellt. Auf dem Wege vom Bahnhofe bis"zur Residenz wird Se. Majestät von einer Eskadron des ersten schweren Reiterregiments als Ehreneskorte begleitet. Die ferner aus dem 1. Ulanenregiment beorderte Deputation besteht aus dem Rittmeister Frhrn. v. Lamzan, dem Premier-Lieutenant Martin, dem Seconde-Lieutenant Frhrn. v. Wolfskeel und dem Regiments-Adjutanten Frhrn. v. Leonrod nebst 6 Unterosficieren, welche an dem Fuße der Kaisertreppe als Doppelposten aufgestellt sind.

Karlsruhe, 26. September. Die Jahresversammlung des deutschen Vereins für Armenpflege und Wohlthätigkett nahm heute Thesen zu Gunsten der Fürsorge für Bedürftige, Genesende, für die hauswirthschaftliche Ausbildung von Mädchen ärmeren Volksklasfen, sowie zur Steuerung der Trunksucht an. Hierauf gelangte ein Telegramm Ihrer Majestät der Kaiserin Augusta zur Verlesung, in welchem Allerhöchstdieselbe die lebhafte Theilnahme für die Veretnsbestrebungen kundgibt. Der Vorsitzende schloß die Sitzung mit Dankesworten an die Negierung und die Stadt. Nachmittags fand ein Festdtner statt. Abends ist Concert in der Festhalle.

Paris, 26. September. Die Kammern werden wahrscheinlich auf den 15. October einberufen werden.

Heute Vormittag ereignete sich in den Kohlengruben von St. Etienne ein ernsterer Zusammenstoß zwischen den Strtkenden und denjenigen Arbeitern, welche weiterarbetten wollen. Eine ganze Anzahl der Kämpfenden wurde verwundet. Die Gensdarmen schritten ein, indem sie von der Waffe Gebrauch machten, und verhafteten mehrere Personen, welche Befreiungen versuchten.

Lyon, 26. September. Aus den dem hier tagenden landwirthschaftlichen Eon- greß erstatteten Berichten ergibt sich, daß die Getreideernte weniger ungünstig ist, als früher angenommen wurde.

London, 26. September. Eine Reuter-Meldung aus Zanzibar vom 25. ds. besagt: Die Eingeborenen griffen am 21. September zwei Angestellte der deutsch- ostafrtkanischen Gesellschaft in Ktlwa an und tödteten sie. Die Eingeborenen, welche Boganoyo angriffen, zogen sich in das Innere des Landes zurück.

; Athen, 26. September. Hiesige Blätter theilen officiell die Verlobung des. ! Prinzen Georg mit der zweiten Tochter des Herzogs von Ehartres mit.

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