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28.6.1888 Erstes Blatt
 
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Nr IMS Erstes Blatt. Donnerstag den 28. Juni 1888.'

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Lurearrr Schulstraße 7.

DerNationalconvent der republikanischen Partei Nordamerikas stellte am Montag nach einem halben Dutzend vergeblicher Wahlgange den Senator Harrison als republikanischen Eandidaten für die Präsidentschaft aus.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlobn.

Durck die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Deutschland.

Darmstadt, 26. Juni. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller- gnädigst^ gerich' ^en Privatdocenten Professor Leo v. Willmann zum Lehrer an der teW*e6n Gerichtsassessor Karl Theobald in Gießen zum Staats­

anwalt bei dem Landgericht'der Prdöinz Oberhessen zu ernennen.

Hamburg, 26. Juni, 11.35 N. In Kopenhagen ist im großen Sundswall eine Feuersbrunst ausgedrochen. Es liegen hier Berichte vor, wonach em großer ^beil der Stadt, sowie die Vdrstädte Normalm und St enhammer vernicht et sind. Viele Menschenleben sollen zu Grunde gegangen sein. Gegen 9000 Menschen srnd obdachlos. Es herrscht Mangel an Lebensmitteln. lr5- Ü-)

Reichstag.

<« Berlin, 26. Juni 1888.

(2. Sitzung)

Der Reichskanzler Fürst Bismarck tritt bei Beginn der Sitzung in das Haus ein und nimmt am Bundesrathstische Platz. -- ;; ... - m . , , . «

Der Präsident thetlt mit, daß in einer Rerhe ausländischer Parlaiuente der Theilnahme an dem Tode Sr. Majestät des Kaisers Friedrich Ausdruck gegeben worden und spricht denselben Namens des Hauses den Dank für diese wohlthuenden Kundge^^ng^ Präsident v. Wedell-Piesdorf bekannt, daß er dem Auf­

trage des Hauses entsprechend nachstehende Adresse an Se. Maiestat den Kaiser in Beantwortung der gestrigen Thronrede entworfen habe:

Allerdurchlauchtigster Großmächtigster Kaiser und König'.

Allergnadigfter Kaiser, König und Herr!

In bitterem Schmerz trauert mit Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät der Deutsche Reichstag um den Heimgang Seiner Maiestat des Kaisers Friedrichs lebte ber Zuversicht, daß in Seiner Hand das Werk,

welches Seine Majestät der unvergeßliche ftatter bewahrt, daß unter Seiner weisen Leitung Deutschlands Wohl in krteducher Arbest zu herrlicher Entwickelung geführt werden würde. Gott hat es anders beschlossen. Stach einer Regierung von wenigen Monaten mußten wir unseren geliebten Kaiser­lichen Herrn in's Grab sinken sehen. Die schönen Hoffnungen, welche auf Ihn gestellt waren, sind dahin, aber Sein Andenken wird in den Herzen. dÄtAi- Volkes fortleben, das leuchtende Vorbild, welches Er durch hmgebende Pflichttreue in schwerer Zeit, durch Heldenmuth im Handeln und im Dulden gegeben hat' "Urd nimmermehr vergessen werden, wird noch auf kommende Geschlechter eine mächtige Wirkung^üben.her ^ude und innigem Dank haben wir aus Eurer Majestät Munde vernommen, daß Allerhöchstdieselben entschlossen sind, die Wege zu wandeln, auf welchen Seine in Gott ruhende Majestät, der Kaiser Wilhelm, bas Vertrauen Seiner Bundesgenossen, die Liebe des deutschen Volkes und die wohlwollende Anerkennung des Auslandes gewonnen hat.

Eure Majestät wollen die Reichsverfassung unverbrüchlich wahren, die Gesetzgebung zum Wohle Deutschlands, insbesondere zum Schutzs der Schwachen und Bedrängten ausbauen, Recht und Gesetz schirmen und aufrecht ^halten.

Der Reichstag ist bereit, Eure Ma;estat in der Ausführung dieses Willen- mit aller Kraft zu unterstützen, er hofft, daß der Allmächtige zu seiner Arbeit das ®CUn66ureb$ia^fträtC ftnb entschlossen, gestützt aus bewährte Bündnisse und B-- ziehungen, den Frieden aufrecht zu erhalten, so lange der Krieg nicht eme un- aufgedrungene Nothwendigkeit ist. Um den Frieden zu sichern und wenn er dennoch gestört werden sollte, ihn mit Ehren zu erkämpfen, wollen Eure Majestät die Schlagfertigkeit unseres Heeres erhalten und pflegen. . r.s.

Der Deutsche Reichstag zollt dieser erhabenen Kundgebung Eurer Majestät seinenenro®^at-ein ppfer scheuen, welches zur Sicherung unseres Vaterlandes nöthig ist, wie wir einmüthig bewilligt haben, was unser Hochseliger Kaiser Wilhelm von uns forderte, um den Frieden Deutschlands zu bewahren. Wir hegen aber das Vertrauen, düß der Friede des mit seinem Kaiser und den verbündeten Negierungen fest geeinten deutschen Volkes von Niemand gestört werden wird.

Möge es Eurer Kaiserlichen und Königlichen Maiestat beschieden sein, unserem Vaterlande eine lange Zeit ungetrübten Glücks zu bringen.

Möge Gott Eurer Majestät und dem Kaiserlichen Hause Seinen gnädigen Schutz verleihen, möge Er unser Deutsches Vaterland segnen und behüten. ,

In tiefster Ehrfurcht verharrt Eurer Kaiserlichen unb Königlichen Maiestat . Allerunterthänigster

Der Deutsche Reichstag.

Das Haus nimmt von diesem' Entwürfe stehend Kenntniß und nimmt denselben debattelos einstimmig an. (Beifall von allen Seiten des Haifies.)

Das Präsidium wird beauftragt, diese Adresse Sr. Maiestat dem Kaiser zu I überreichen.

Bekanntmachung.

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Politische Rundschau

Gießen, 27. Juni.

Noch niemals wieder seit der Eröffnung des ersten deutschen Reichstages, seit dem 21. März 1871, hat sich die Eröffnung deS Reichsparlaments innerhalb eines so glänzenden Rahmens vollzogen, wie dies am vorigen Montag der Fall war und in dieser so glanzvollen äußern Umrahmung des Er°nmmgsact-s gelang» zugleich dessen besondere B-dcuiung mit zum wirkungsvollen Ausdruck. Vor Allem bekundete die erhabene Fürstenversammlung, die sich an di-s-mTag-um> den Kaiser schaarte, daß es sich um einen außerordentlichen Dorgang handelte und diesen Charakter trug ja auch der diesmalige Zusammentritt des Reichstages, die Bunde - fürsten huldigten durch ihr Persönliches Erscheinen dem neuen Ob-rhanP,- desReiches und Mil ihnen im Verein die versammelten Vertreter ^d-r Nation und die hoh^ poli­tische Bedeutung dieser Kaiserhuldtgung liegt klar ru ^age. Es wird hierdurch all Welt kund gethan, daß trotz der io erschütternden Ercignrsse, d» über Deutschland innerhalb weniger Monate dahingebraust sind, das feste Gefügedes deutschen Reiche nicht im Entferntesten ins Wanken gekommen ist und daß auch in Zukunft sich die deutschen Fürsten und die deutsch- Nation treu und einig um den Km er, den ob-r,»n Träger des Reichsgedankens, schaaren werden! Die Erosfnungsseierl^ke t selbst bot wohl als hervorstechendstes, malerisches Moment den Zug der Fürstlichkeiten rn den Weißen Saal des Berliner Residenzschlosses dar. Sämmtliche regierende Fürsten waren , mit dem purpurnen lang herabwallenden Sammetmantel der Ritter vom Schwarzen Adlerorden geschmückt, ebenso di- übrigen diesem hohen Orden angehorcnden Fürst­lichkeiten An ihrer Spitze schritt, umgeben vom König von Sachsen und dem Piinz- Regenten von Bayern, Kaiser Wilhelm II, den Fürstlichkeiten s-drittm di- verschie­denen Hoschargen in ihren flimmernden Uniformen und die Trager der Reichsinsignien voran. Der Weiße Saal war in Trauer gehüllt; Festons von schwarzer Crepe um­gaben die silbernen Wandleuchter an den Wänden, zogen sich an den Arkaden hrn, umflorten den Baldachin des Thrones, während an dem mit Purpursammet überzogenen, mit reicher vergoldeter Schnitzarbeit versehenen Thronscssel ebenfalls schwarze Festons bcrabhingen. Wahrlich, es war ein imposantes und gerade durch den Kontrast der Farben zu so wirkungsvoller Geltung kommendes Bild, welches aber in seinem Glanze und seiner eigenartigen Pracht der politischen Bedeutung des ganzen Erostnungsacles nur enUprach-^ssnung be§ Reichstages folgte am Montag um drei Uhr di- erste Plenarsitzung, welche vom Präsidenten von Wedell-Piesdorf mit einer, das Gedächtniß Kaiser Friedrichs III. feiernden Ansprache eingeleitet wurde, an deren Schluß ber Präsident ein Hoch auf Kaiser Wilhelm II. ausbrachte, in welches das Haus enthu siastifch einstimmte. Der vorgenommene Namensaufruf ergab die mehr als ^reichende Beschlußsähigkeit des Hauses und nachdem durch Zuruf das seitherige Präsidium v Wedell-Piesdorf, Dr. Buhl und v. Unruhe-Bomst wiedergewahlt worden war, be chloß das Haus die Thronrede mit einer Adresse zu beantworten; der Entwurf derselben stand für Dienstag auf der Tagesordnung. Schließlich wurde das Präsidium noch ermächtigt, der Kaiserin Victoria Augusta und den beiden verwlttweten Kaiserinnen das Beileid des Reichstages auszudrücken.

Die Meldung Berliner Blätter von angeblichen Reibungen zwischen dem Reichs- kanrler und dem Generalquartiermeister Grafen Wald er see wird von derNordd- Allg. Ztg." als eine Fabel und als ein tendenziöses Machwerk bezeichnet, lediglich zu dcin Zwecke bestimmt, Unfrieden zu stiften. o,

äS)ie Nordd Allg. Ztg." wendet sich schars gegen denP-ster Lloyd , welcher di- Proclamation Kaiser Wilhelms II. an das preußisch- V°lk in ganz g-m-in-r und gehässiger Weise angegriffen hatte. DieN. A. Z." meint angesichts des Umstandes, daß der P-ster Lloyd" die öffentliche Meinung Ungarns reprasen ir-n solle, war- es von Fnte'rcsse ob di-S auch von dem ang-d°ut-Icn Artikel gelte, ob di-Auslaffungen des­selben also v^n der ungarischen Nation gebilligt würden. Wenn dies der Fall wäre, so würden zweifellos die herzlichen Gesühle, welche die deutsche Thronrede für Oesterreich- Ungarn zum Ausdruck- bring-, bezüglich Ungarns -in- wel-ntUch- Modisicatwn -rs°hr-n.

Die österreichisch-ungarischen Delegationen erledigen letzt ihr Arbeits^ tvnfnm nndmerabe mit Dampf. Die ungarische Delegation genehmigte am Montag unverändert das Marinebudget, ferner den Voranschlag des Finanzministeriums, des obersten Rechnungshofes, die Schlußrechnungen und endlich das Budget des - Aeußern, lettteres mit einem Vertrauensvotum für Kalnoky. Dre osterrerchische DUegation ihrerseits genehmigte am gleichen Tage ebenfalls unbeanstandet die Voranschläge des aemeinfamen Finanzministeriums und des obersten Rechnungshofes, sowie die Zoll- aefälle den außerordentlichen Occupationscredit und das Marinebudget. Die Budget­commission der österreichischen Delegation endlich erledigte am Montag in iwei Sitzungen beit47-Millionen-Eredit" und bewilligte denselben schließlich einstimmig, nachdem der Kriegsminister und der Marinecommandant (Marineminister) über die Verwendung des Eredits vertrauliche Mittheilungen gemacht hatten.

cvm enaliscken Nnterhause sollte an diesem Mittwoch die Abstimmung über 'den Antrag der Gladstonianer, welcher die Handhabung der irischen Verbrechenbill tadelt, stattfinden. Das Cabinet Salisbury rechnet für sich auf eine Mehrheit von 70 bis 80 Stimmen.