Nr. 99 Samstag den 28. April
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Amts- und Anzkigebliilt für den Kreis Gießen.
Durean r Schul st raße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Hyeil.
Betreffend: Statistische Nachweisungen über das Volkrschulwefen im Kreise Gießen. Gießen, am 26. April 1888.
Die Großherzogliche Krris-Schul-Commission Gießen
an die Schulvorstände des Kreises.
Wir sehen Ihren Berichten in rubr. Betreff innerhalb 8 Tagen entgegen über:
I. Stand der einfachen Volksschule nach Beginn des Schuljahres 1888/89.
a. ohne Schulgeld, b. mit Schulgeld.
Zahl der Schulkinder:
Nach dem Geschlecht:
a. im Ganzen, d. Knaben, c. Mädchen.
Nach dem Bek^nntniß:
a. evangelische, b. römisch-katholische, c. israelitische d. anderer Consession.
II. Stand der Fortbildungsschulen nach Beginn der Schulperiode 1887/88.
Zahl der Fortbildungsschulen: a. einklassig, b. zweiklassig, c. dreiklassig rc.
Zahl der Schüler nach dem Bekenntniß:
a. evangelische, b. römisch-katholische, c israelitische, d. anderer Confession, e. im Ganzen.
III. Stand der erweiterten Volksschulen nach Beginn des Schuljahres 1888/89.
Wo sich erweiterte Volksschulen befinden, ist ganz nach Schema 1 über | dieselben zu berichten.
Die Berichte sind genau nach vorstehendem Schema unter Beibehaltung derselben Bezeichnungen abzufaffen.
Dr. Boekmann.
rischen „Residenz" Brüssel kürzlich an eine Anzahl seiner Getreuen gerichtet hat. Der Prätendent findet natürlich kein gutes Haar an der jetzigen französischen Republik und erklärt er die boulangistische Bewegung nur als eine Folge der politischen und anderen Sünden der Republik. Aber die boulangistische Bewegung kann nach der Meinung des Prätendenten Frankreich doch nicht die Lösung der gegenwärtigen Krisis bringen, hierzu wird allein die Monarchie — selbstverständlich die orleanisttsche — im Stande sein; sie allein könne dem Lande die Ordnung im Innern und den Frieden nach außen verbürgen. Vorerst hat jedoch der Graf von Paris mit dieser Kundgebung nur einen höhnischen Protest seitens der Pariser republikanischen Presse erzielt und findet dieselbe, daß der Graf genau die Sprache führe, wie Boulanger. — Ein weiteres erwähnens- werthes Ereigniß bildet die gegenwärtige Reise Carnots, des Präsidenten der Republik, nach dem Südwesten Frankreichs, die ein Gegengewicht zu den Demonstrationen der Boulangisten repräsentiren soll. Die officiellen Ansprachen, die an Herrn Carnot bis jetzt während seiner Reise gerichtet worden sind, lassen denn auch an Loyalität nichts zu wünschen übrig, während Herr Carnot selbst an diesem Sonntag in Bordeaux eine große politische Rede halten wird.
Politische Wochenschau.
Gießen, 27. April.
Wie ein Zug der Erleichterung geht es durch alle deutschen Herzen, seit es kaum mehr einem Zweifel unterliegen kann, daß die Riesenconstitution Kaiser Friedrichs auch den jüngsten schweren Krankheitsanfall bis zu einem gewissen Grade wieder überwunden hat. Die seit Sonntag vorliegenden Meldungen vom Schmerzenslager des Kaisers bekunden dies insgesammt, namentlich ist in diesem Zeitraum das Fieber mit jedem Tage geringer geworden und dementsprechend nehmen Appetit und Kräfte bei dem hohen Kranken wieder zu. In Anbetracht der abermals eingetretenen relativ günstigeren Wendung im Befinden des Kaisers wird seit Donnerstag täglich nur noch ein Bulletin ausgegeben und sind die behandelnden Aerzte überhaupt der Meinung, daß für den schwergeprüften fürstlichen Dulder nunmehr wieder eine Zeit der Ruhe gekommen sei. Wie lange diese Ruhepause anhalten wird, läßt sich freilich durchaus nicht mit Bestimmtheit sagen, während! anderseits die traurige Gewißheit fortbesteht, daß das Kehlkopfleiden an dem Leben des theuren Kranken immer weiter und weiter zehrt . . . . vorerst haben aber seine Leiden wenigstens wieder eine Linderung erfahren und man darf nur hoffen und wünschen, daß die allgemeine Wendung zum Bessern im Allgemeinbefinden des kranken Monarchen anhalten möge.
Mit besonderem Bangen sahen die Aerzte dem Besuche der Königin Victoria von England am Berliner Hofe entgegen, da sie nicht mit Unrecht von dem Wiedersehen zwischen der Königin und ihrem kaiserlichen Schwiegersöhne unter den obwaltenden Verhältnissen eine bedenkliche Erschütterung im Zustande des erlauchten Patienten befürchteten. Indessen haben sich diese Befürchtungen im Allgemeinen als unbegründet erwiesen, denn wenngleich sich Kaiser Friedrich nach der ersten, schmerzlich bewegten Begrüßung mit der Königin Victoria am Dienstag etwas angegriffen fühlte, so daß das Fieber am Abend wieder stieg, so sind doch in feinem Befinden keine weiteren bedrohlichen Erscheinungen zu constatiren gewesen. Der Verkehr der englischen Monarchin und ihrer fürstlichen Begleiter, der Prinzessin Beatrice und des Prinzen Heinrich von Battenberg, während ihres dreitägigen Aufenthaltes bei Hofe mit den Mitgliedern des Kaiserhauses war ein ungemein reger und selbstverständlich außerordentlich herzlicher. Eine besondere Episode bildete der Besuch, den die Königin, begleitet von der Kaiserin, am Nachmittag des Dienstag der Kaiserin-Mutter Augusta in deren Palais zu Berlin abstattete und zeigten sich die Kaiserin Augusta wie die Königin von ihrem Wiedersehen tief bewegt. Am Mittwoch empfing die englische Monarchin den Reichskanzler in einstündiger Audienz im Charlottenburger Schlosse, nach deren Beendigung sich der Kanzler sofort zum Kaiser verfügte. Der Vorgang bekundet genugsam, daß der Besuch der Herrscherin Englands in der deutschen Reichshauptstadt, obwohl er sich ja im Allgemeinen als ein Familienbesuch charakterisirt, doch auch seine politische Seite aufzuweisen hat und es ist gewiß nicht ohne Bedeutung, daß der Unterredung zwischen dem Kanzler und dem königlichen Gaste unseres Kaiserhauses die Begegnungen der Königin Victoria mit dem König von Italien und dem Kaiser von Oesterreich, also der Souoeraine der mit Deutschland verbündeten Staaten, vorangegangen sind.
Unter den von Kaiser Friedrich in letzter Zeit vorgenommenen Standes- und Rangerhöhungen einer Anzahl Persönlichkeiten erregt die Ernennung des Staats- secreiairs im auswärtigen Amte, des Grafen Herbert Bismarck, zum preußischen Staats- Minister insofern ein besonderes Interesse, als hiermit der in Preußen noch nie dagewesene Fall eingetreten ist, daß Vater und Sohn zugleich als Minister omtlren. Zugleich hat es in Preußen noch niemals einen verhältnißmäßig so jungen Minister gegeben, wie jetzt den Grafen Herbert Bismarck, der im 39. Lebensjahre steht, wahrend er bereits vor zwei Jahren das Staatssecretariat des Auswärtigen übernahm.
Aus Frankreich berichtete der Telegraph aus dieser Woche eine ganze Reihe von bemerkenswerthen Vorgängen. An ihrer Spitze steht die politische Ansprache, welche der Graf von Paris, der orleanisttsche Thronprätendent, in seiner prooiso-
Darmstadt, 25. April. Die Wiederbesetzung der durch den sehr bedauerlichen Tod des Geheimen Raths Becker zur Erledigung gekommenen Stelle eines Ministerial- raths im Großherzoglichen Ministerium des Innern und der Justiz wird, falls solche nicht bereits stattgefunden hat, in diesen Tagen vollzogen werden. Wie wir aus guter Quelle vernehmen, schwankt bislang die Wahl zwischen dem Geheimen Oberconsistorial- rath vr. Buchner und Oberlandesgerichtsrath Heinzerling. Uebrige Combinationen seien ohne thatsächliche Unterlage. Geheimer Oberconsistorialrath Buchner ist bis vor etwa Jahresfrist Rechtsanwalt gewesen, Oberlandesgerichtsrath Heinzerling ist seit Jahrzehnten Mitglied der zweiten Kammer der Stände und bei Herausgabe des in dem Verlage von Ed. Zernin dahier erscheinenden „Archivs für praktifche Rechtswissenschaft" seit ebenso langer Zeit vorzugsweise betheiligt, schriftstellerisch vielfach auch selbst thätig.
— Der Verkehr bei den Telegraphenanstalten des Großherzogthums hat im Jahre 1887 gegen 1886, wie wir dem Aprilhefte der Mittheilungen der Grobherzoglich hessischen Centralstelle für die Landesstatistik entnehmen, zugenommen. Die Zahl der Telegraphenanstalten (einschließlich Telegraphen-Hilfsstellen) betrug im Jahre 1886 215, 1887 235; die Zahl der aufgegebenen Telegramme 1886 277,201, 1887 291,718 Stück, die Summe der dafür erhobenen Gebühren 1886 240,316, 1887 JL 249,174. Dabet
entfällt eine Telegraphenanstalt 1886 auf je 35,7 Quadratkilometer, 1887 auf je 32,7 Quadratkilometer; und eine Telegraphenanftalt 1886 auf je 4449 Einwohner, 1887 auf je 4071 Einwohner. — Die Statistik der Gymnasien, Realgymnasien und Realschulen weist im Schuljahre 1886—87 sieben Gymnasien, vier Realgymnasien und siebzehn Realschulen auf. Die Zahl der ordentlichen Lehrer (einschließlich der Directoren) beträgt an den Gymnasien 144, an den Realgymnasien und Realschulen 184, die Zahl der außerordentlichen und HUfslehrer an den Gymnasien 23, an den Realgymnasien und Realschulen 41. Das Gesammtlehrerpersonal an allen diesen Anstalten beträgt mithin 328 (ordentliche Lehrer) und 64 (außerordentliche Lehrer) im Ganzen 392 Köpfe. Das jährliche Diensteinkommen der ordentlichen Lehrer beziffert sich von 1500 JL. und weniger bis zu 5400 JL. Die Zahl der Schüler war an den Gymnasien 2824, an den Realgymnasien und Realschulen 4566, die Gesammtziffer aller Schüler der erwähnten Mittelschulen mithin 7390. (u- I )
Darmstadt, 26. April. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller- gnädkgst geruht:
Am 11. April dem Professor am Prediger-Seminar zu Friedberg, Dr Heinrich Adolf Köstlin, das Ritterkreuz erster Klasse des Verdienstordens Philipps des Groß- mütbigen zu verleihen. ____________—
Die Krankheit des Kaisers.
Berlin, 26. April, 4.20 N. Die „Nordd. Allg. Ztg." meldet: „Der Kaiser fühlt sich nach einer befriedigenden Nacht heute recht wohl. .Der Appetit mehrt sich, die Aerzte brauchen bei Auswahl der Speifen nicht mehr so ängstliche Vorsicht anzu-


