Ausgabe 
28.3.1888 Erstes Blatt
 
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Nr. 7S Erstes Blatt. Mittwoch den 28. März 1L8L.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis

»ießen.

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Bureaur Schulstraße 7.

Jerttschland.

][ Darmstadt, 26. März. Wie schon erwähnt, findet nächsten Mitt­woch in der hiesigen Schloßkirche die Confirmatton Ihrer Großh. Hoheit der Prinzessin Alix statt. Das Programm bestimmt als Beginn der Feier die elfte Vormittagsstunde, die Confirmatton erfolgt durch den Superintendenten Oberconststorialrath Dr. Sell. Selbstverständlich wird der Grobherzog an diesem Tage im Neuen Palais keinerlei Rapport übhalten, der freie Verkehr durch das Großh. Schloß wird ausgehoben.

Gestern Vormittag ist ohne vorgängige Ankündigung Se. Königl. Hoheit der Prinz Heinrich von Preußen, der hohe Bräutigam unserer Prtn- zessin Irene, in Begleitung de« Kapitän-Lieutenant« v. Usedom, zu Besuch der Großh. Familie hier eingetroffen. Dec Prinz liebt derartige Ueberrasqungen, bei seinem letzten Besuche hier machte er es ähnlich.

Prinz Christian von Schleswig-Holstein, der Schwager unseres Großherzogs, gestern Vormittag zu Besuch der Großh. Familie hier eingetroffen. Der Prinz nahm an der Großh. Tafel Thell, reiste aber schon im Laufe des Nachmittags wieder von hier av.

Berlin, 25. März. Unter den fürstlichen Persönlichkeiten, welche zur Beisetzung des Käfters Wilhelm nach Berlin gekommen waren, hat der jugendliche Kronprinz von Italien die allgemeine Aufmerksamkeit in ganz besonderem Maße in Anspruch genommen und befriedigt. Die Bevölkerung Berlins, welche in jenen Lagen schmerz­licher Erregung das gesammte Deutschland auch insofern vertrat, als aus allen Theilen des Reiches Abgeordnete von Körperschaften und hervorragende Persönlichkeiten hierher gekommen waren, bekundete bei jeder Gelegenheit den Werth, den sie darauf legte, den zukünftigen Herrscher des befreundeten Landes, das dem deutschen Volke während der Tage seiner schweren Prüfung so zahlreiche und herzliche Beweise seiner Theilnahme gegeben hatte, von Angesicht zu Angesicht schauen zu können; und es unterliegt keinem Zweifel, daß sie ihrer Befriedigung darüber in lauten und freudigen Zurufen Aus­druck gegeben haben würde, wenn der traurige Anlaß, welcher den Kronprinzm von Italien nach Berlin geführt hatte, nicht solche oder ähnliche Kundgebungen als unstatt­haft ausgeschlossen hatte. Ader auch in politischen und in Hofkretsen, in denen man den Kronprinzen Victor näher beobachten konnte, hat dessen Erscheinung und ganzes Auftreten den vorthetlhaftesten Eindruck hinterlassen. Man hat sich darüber gefreut, daß derselbe dem Fürsten Bismarck die Ehre eines persönlichen Besuches erwiesen hat und hat in diesem Entgegenkommen einen Hinweis darauf erblickt, daß auch das zu­künftige Italien gesonnen ist, die guten Beziehungen zu Deutschland, welche unter der Regierung des jetzigen Königs zur Wahrung der Interessen Deutschlands und Italiens und des Friedens der Welt auf festen Grundlagen hergestellt worden sind in ihrem ganzen Umfange aufrecht zu erhalten. In Hofkretsen wird die Liebenswürdigkeit des Kronprinzen, sowie die überraschende Reife seines Verstandes, welche sich in jedem seiner Worte kundgab, allgemein anerkannt, und diesem Urtheile pflichten auch Diejenigen rückhaltlos bei, denen der hiesige italienische Botschafter, Graf de Launay, durch eine Einladung zu einem Mahle zu Ehren des italienischen Kronprinzen Gelegenheit gegeben hatte, sich diesem vertraulicher zu nähern. Unter den Gästen des Grafen de Launay befanden sich außer mehreren hervorragenden deutschen Ossicieren auch der Staatssecretär des Auswärtigen, Graf Bismarck, welch letzterem Kronprinz Victor die Ehre erwies, sich längere Zeit mit ibm zu unterhalten.

Berlin, 25. März. DasMilitär-Wochenblatt" schreibt unterm 24. d. M-: Es darf auch in der tiefen Trauer dieser Zett an dem Gedenken der Armee ein Tag nicht unbeachtet oorübergehen, welcher unter anderen fröhlicheren Verhältnisfen gewiß der lebendigsten Antheilnahme sicher gewesen wäre. Am 25. ds. Mts. werden fünfzig Jahre vollmdet sein, seit Otto von Bismarck zur Fahne des Garde - Jäger- Bataillons den Eid der Treue schwur.

Die ganze Welt weiß, wie er ihn gehalten, wie sein ganzes Leben dem Dienste des Königs und des Vaterlandes geweiht geblieben ist. Die Armee, deren Tapferkeit und Hingebung der von ihm geführten Poliltk stets die zuverlässigste Grundlage geboten hat, rechnet es sich zur höchsten Ehre, ihn zu ihren verdientesten Generalen zählen zu dürfen. Unvergessen werden ihr die anerkennenden Worte bleiben, die der Reichs­kanzler in der denkwürdigen Reichstagssitzung vom 6. Februar dss. Js. sprach. Und wenn er diesen Theil seiner Rede mit den Worten schloß:Darin sind wir Jeder­mann überlegen und deßhalb können sie es uns nicht nachmachen", so klingt aus den Herzen der Armee, in die er vor 50 Jahren eintrat, ihm der Wunsch entgegen:Gott erhalte ihn noch lange, denn ihm wird es keiner nachmachen!"

Berlin, 25. März. Wie man aus Bundesrathskreisen hört, hat der vom Reichstag beschlossene Gesetzentwurf über die Sonntagsarbeit wenig Aussicht, die Zu­stimmung der verbündeten Regierungen zu finden. Dagegen soll im Bundesrath die Geneigtheit herrschen, der ganzen Frage eines erweiterten Arbeiterschutzes auf Grund der Reichstagsbeschlüsse der jüngsten und der vorigen Session (Kinder- und Frauen­arbeit) näherzutreten und dem Reichstag eigene Anträge auf diesem Gebiete zu unter­breiten. Wenn sich dies bestätigt, so hätten die wiederholten Anregungen des Reichs­tags die beabsichtigte Wirkung gehabt.

Fürst Bismarck, der heute sein fünfzigjähriges mllitärisches Dienstjubiläum feiert, erhielt heute Morgen ein außerordentlich warm gefaßtes Beglückwünschungs­schreiben von Kaiser Friedrich, das der Flügeladjutant v. Brösigke im allerhöchsten Auftrage überbrachte. Die hier anwesenden königlichen Prinzen, als erster der Prtnz- regent von Braunschweig, brachten persönlich ihre Glückwünsche dar. Eine Abordnung des Heeres, bestehend aus dem General-Feldmarschall Grafen Moltke, dem Kriegs- mintster Bronsart v. Schellendorff, dem Chef des Militärcabinets v. Albedyll und dem Eommandeur der Gardejäger Frhr. v. d. Horst als dem Vertreter des Truppentheils, bet dem der Fürst den ersten Fahneneid geleistet, wird heute Abend gegen 6 Uhr zur Beglückwünschung erscheinen und beim Fürsten zu Mittag bleiben.

Berlin, 23. März. In den Controlversammlungen, welche demnächst statt­finden, werden dm Mannschaften der Landwehr ersten Aufgebots ihre Mtlitärpäsfe abgenommen. Es handelt sich darum, die in dm Pässen vorhandenm allgemetnm Bestimmungen zu entfernen und durch andere, dem neuen Wehrgesetz entsprechende zu ersetzen. Außerdem hat man die Absicht, diejenigen Stellen im Paßbüchlein, welche den Vermerk tragen:Uebergetreten zur Landwehr am ... . oder übcrgetretm zum Landsturm am . . . ." durch Papterstreifen zu überklebm und darauf folgenden Ver­merk zu machen:Uebergetreten zur Landwehr ersten Aufgebots am . . . ." Der vermerk, welcher vom Ucbertrttt zum Landsturm handelt, kommt für die Folge natürlich -in Wegfall. Im Jahre 1887 sind dem Armee-Verordnungsblatt zufolge tm ganzen

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlolm«

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50

Heere nur acht Beschwerden über die Beschasimheit der an die Truppen verausgabte« Naturalien erhoben worden, von denen vier als begründet erachtet sind. Von dem Corps-Intendanten sind gegen die betreffenden Lieferanten in drei Fällen Geldstrafen verhängt worden; einem Lieferanten ist infolge wiederholter Verletzung seiner vertrags­mäßigen Verpflichtungen die Lieferung abgenommen worden.

Das Kaiserliche Post-Zeitungs-Amt erläßt einen Auftuf zur Sammlung aller Zeitungen und Zeitschriften, welche aus Anlaß des Htnscheidens des Kaisers Wilhelm seit dem 9. ds. Nachrufe, Gedichte oder Zeichnungen gebracht haben.

Berlin, 23. März. Der folgende Erlaß des Ministers der öffentlichen Arbeiten wird im neuestenEisenbahn-Verordnungs-Blatt" publicirt:Bezüglich der Verladung unfc Beförderung von lebenden Thieren auf Eisenbahnen ist darüber geklagt worden, daß die gehörige Abfertigung und Verladung der Sendungen, sowie das Rangiren und Umsetzen der Wagen auf Zwischenstationen vielfach nicht ausreichend von Seiten der Stations- vorftände überwacht, sondern die Sorge hierfür oft unteren Beamten und Bahnarbeitern, ohne genügende Controle überlassen werde. In Folge dessen sei häufig eine sorgfältige Behandlung der Viehwagen beim Rangiren nur durch Verabreichung von Trinkgeldern yi erlangen, auch sei ohne solche ein rechtzeitiges Tränken der Thiere auf Tränkstationen nicht immer zu erreichen. Indem ich die königl. Eisenbahn-Directionen von Neuem anweise, die- Erleichterung und Sicherung des Viehverkehrs mit Aufmerksamkeit zu überwachen und Zu­widerhandlungen gegen die vom Bundesrath und von mir erlaffenen Vorschriften mit Nach- druck zu verfolgen, erwarte ich unter Hinweis auf die gemeinsamen Bestimmungen für alle Beamte im Staatseisenbahndienst vom 15. Januar 1876 und auf die gegen die Annahme von Geschenken und Trinkgeldern sonst ergangenen Vorschriften, daß derartigen Pflicht­widrigkeiten der im Staatsdienst beschäftigten Beamten und Arbeiter auf das Strengste entgegengetreten werde. .

ArauLreich.

Pari-, 26. März. Nisard, Mitglied der Akademie, ist gestorben. Einzelne Zeitungen betrachten da- Resultat der Deputirtenwahl im Departement Aisne, wo General Boulanger zur Stichwahl kommt, als eine der Kammer und der Regierung ercheilte Warnung. Die Mehrzahl dec Blätter äußert sich noch nicht über das Wahlresultat. Es heißt, Laguerre werde heute darüber interpelliren, daß die Polizei in Marseille die Wahlzettel für den General Bou­langer mit Beschlag ^belegte, well sie nicht den Namen des Druckers trugen.

Graf Alten überreichte heute Präsident Carnot ein kaiserliches Hand­schreiben, worin Kaiser Friedrich für die Entsendung des General« Billot bei den Beisetzungsfeierlichkeiten dankt. Carnot sprach bei der Entgegennahme des Schreibens feine aufrichtigsten Wünsche für die baldige vollständige Wiederher­stellung des Kaisers au«.

Temps" bespricht die Wahlen in Marseille und im Departement Aisne. Er glaubt nicht, daß die 45,000 Wähler Boulanger's lauter Boulan- gisten seien, ebensowenig wie die Majorität Pyars in Marseille aus lauter Revo­lutionären bestehe; aber es existirten in diesen Departements und unzweifelhaft in vielen anderen viele Unzufriedene, welche jede Gelegenheit benützen, ihre Ge­sinnungen auszudrücken. Es träten dieselben nur allzu sichtbar hervor, nur eine entschlossene Mehrheit allein könne hierin Aenderungen herbeiführen, doch fei es zweifelhaft, ob die gegenwärtige Kammer eine solche Majorität ergebe. Der Temps" fordert die Nation vringend auf, endlich über sich selbst die Herrschaft wieder zu gewinnen.

Aus Parlamentskreisen wird mitgetheilt, mehrere republikanische Depu- tivte sprachen sich dahin aus, die allgemeine Lage taffe es nicht für angezeigt erscheinen, daß die Kammer auseinander gehe, ohne vorher eine große polnische Debatte hervorgerusen zu haben, an welche sich die Blldung eines neuen Cabinets schließen könnte. Letzteres müßte sich zur Aufgabe machen, in Anlehnung an die verschiedenen Gruppen der Majorität ein Regierungs-Programm zu ent­werfen, welches geeignet wäre, die öffentliche Meinung zufrieden zu stellen, um so die bei den Wahlen am Sonntag hervorgetretene Aufregung der Gemüther zu beschwichtigen. Wahrscheinlich beschließen die einzelnen Majoritättz. Gruppen morgen über die Ausführung.

Paris, 26. März. Das Untersuchungsgericht vernahm heute Mittag den General Boulanger. Das Verhör dauerte nur 10 Minuten. Die Ent­scheidung des Gerichts wird erst bekannt gemacht, nachdem dieselbe dem Präsi­denten Carnot mllgetheilt worden ist.

England.

Dublin, 26. März. Gestern Nachmittag fanden Ruhestörungen in Voughal statt. Der Deputirle O'Brien beharrte darauf, auf einer verbotenen Pächterversammlung zu sprechen und fügte sich auch nicht dem Verbote der Polizei. Der Richter Plunkett ließ schließlich 50 Soldaten und Polizisten ein* schreiten, welche mit Bajonneten und Stöcken die Menge zerstreuten, wobei meh­rere Personen verwundet wurden. Plunkett selbst ist im Gesicht leicht verletzt.

Rußland.

Petersburg, 26. März. Wie dieNordische Telegr.-Agentur" ver­nimmt, hat der Kaiser von Rußland dem Staatssecretär Grafen Bismarck den Alexander-Newskt'Orden verliehen.

Telegraphische Depesche«.

lvolff'S telegr. Torr^pmrdem Bvres«. >

Berlin, 26. März. Se. Majestät der Kaiser nahm Vormittags die Vorträge Winterfelb's und Wilmowki'S entgegen.

Eine CabinetSordre deS Kaisers bestimmt:Die Generaladjutanten, Gene­rale d le enlte und Flügeladjutanten Meines in Gott ruhenden Herrn Vaters treten sämmtlich in derselben Eigenschaft zu Mir."

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag«.