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Nr. 173 Freitag den 27. Juki 1888.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzcigeblatt für den Kreis Gießen.

ÜSrrreau: Sc^ulstraße 7.

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Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Politische Rundschau.

Gießen, 26. Juli.

Während aus Petersburg noch immer Stimmungsberichte und letzte Meldungen über die Kaiserbegegnung nachklingen, dürfte Kaiser Wilhelm auf seiner Heimfahrt »heute Mittag bereits in Stockholm eingetroffen sein. Der Besuch unseres Kaisers am schwedischen Hofe kann nur dazu beitragen, die freundschaftlichen Beziehungen, welche zwischen den Höfen von Stockholm und Berlin schon längst bestehen, zu befestigen und zugleich auch die politischen Beziehungen zwischen Deutschland und dem scandinavtschen Doppelkönigreiche enger zu knüpfen. Wenn im schwedisch-norwegischen Volke nach dem deutsch-französischen Kriege eine gewisse mißtrauische Stimmung gegen das neugeeinte Deutschland Platz griff, so mochte hierzu wohl die Befürchtung mit beitragen, das mächtige deutsche Reich könne sein politisches und militärisches Uebergewicht zu einer Eroberungspolitik nach allen Setten hin ausnutzen. Der Verlauf der Dinge wird zeigen, wie ungerechtfertigt diese auch auf andern Seiten gehegte Befürchtung gewesen ist. Schon am Freitag beabsichtigte Kaiser Wilhelm die Weiterfahrt von Stockholm nach Kopenhagen fortzusetzen und ist die Ankunft des kaiserlichen Geschwaders in der dänischen Hauptstadt für diesen Sonntag angekündigt. Auch in Kopenhagen sind alle Vor­bereitungen zu einer glänzenden Aufnahme des deutschen Kaisers getroffen und eine solche entspricht auch der schon wiederholt erörterten besonderen politischen Bedeutung, t welche der Besuch Kaiser Wilhelms am dänischen Hofe besitzt. Voraussichtlich im Laufe des 31. Juli, wahrscheinlich in den Vormittagsstunden, trifft das kaiserliche Ge­schwader wieder in Kiel ein, woselbst anläßlich der Rückkehr des Kaisers u. A. ein großes Banket der schleswig-holsteinischen Ritterschaft, ferner die Sprengung des aus- rangirten KanonenbootesDrache" durch Torpedogeschosse in Aussicht genommen ist. Fest steht nunmehr endlich, daß der Kaiser auf der Fahrt von Kiel nach Potsdam in Friedrichsruhe beim Fürsten Bismarck vorspricht, durch welchen Vorgang die Pe­tersburger Kaiserbegegnung ihre harmonische Ergänzung erfahren würde.

Die Niederlage, welche der Ex-General Boulanger und mit ihm die ge­lammte nach ihm genannte pseudo - republikanische Bewegung in Frankreich bei der Deputirtennachwahl im Arddche-Departement erlitten hat, wird in den republikanischen Kreisen Frankreichs fast allgemein als der Anfang vom Ende desBoulangtstenthums" betrachtet. Diese Anschauung erscheint in Anbetracht des mehrfachen Fiascos, welche die boulangrstische Bewegung in der letzten Zett überhaupt gemacht hat, nicht un­begründet, immerhin kann bei der Unberechenbarkeit der Stimmungen in der französischen Nation noch nicht positiv behauptet werden, die jüngste Wahlniederlage Boulanger's sei eine entscheidende gewesen. Hierüber wird sich vielleicht erst nach dem Ausgange der am 19. August statlfindenden Ersatzwahl im Somme-Departement bestimmt ur- theilen lassen, denn Boulanger gedenkt trotz aller Enttäuschung daselbst wieder zu can- dtdiren. Er hofft, von seiner Verwundung bis zu dem genannten Zeitpunkte wieder völlig hergestellt zu sein, um seine Sache persönlich zu betreiben, und bei der Rücksichts­losigkeit, welche das Auftreten Boulanger's zu kennzeichnen pflegt, wird es bei der Nachwahl im Somme-Departement lebhaft genug zugehen.

Seit der Besitzergreifung Mass au ah's durch Italien hat sich zwischen der italienischen und der französischen Regierung allmältch eine Controoerse über die Steuerpfltcht der in Massauah lebenden Europäer, also auch der Franzosen, heraus­gebildet. Es sind hierüber schon verschiedene Noten zwischen dem römischen Eabinet einer-, den Eabineten von Paris und Athen andererseits gewechselt worden, da in Massauah neben den Franzosen auch viele griechische Untertanen wohnen, aber die Frage kam ihrem Austrag nicht näher; nur erhielt der derzeitige italienische Oberft- commandirende in Massauah, General Baldissera, von seiner Regierung Befehl, mit den von ihm bereits ergriffenen Maßnahmen zur Einziehung der Steuern von den dortigen französischen und griechischen Kaufleuten einstweilen auszusetzen. Inzwischen hat nun ein neuerlicher italienisch-französischer Notenwechsel stattgefunden, aus welchem hervorgeht, daß die Steueraffatre noch immer nicht beigelegt ist. Die italienische Re­gierung erklärt, Italien besitze die volle Souveränität über Massauah und übe sie seit drei Jahren factifch aus; zugleich werden die Einwendungen Frankreichs wegen der Auf­legung von Municipalsteuern zurückgewiesen. Frankreich seinerseits behauptet, auf Grund der (Kapitulationen in Massauah gewisse Recdte ausüben zu können, eine Be­hauptung, welche indessen, wie dieAgenzia Stefani" meint, nicht nachgewiesen sei. Was Griechenland anbelangt, so stützt sich dasselbe in seinen Einwendungen gegen die Municipalsteuern auf den griechisch-italienischen Handelsvertrag vom Jahre 1867, doch hat es seine Untertanen in Massauah angewiesen, die Steuern vorläufig zu bezahlen. Einstweilen scheint also weder Frankreich noch Italien in dieser seltsamen Steuerfrage nachgeben zu wollen, so daß also zu dem mannigfachen zwischen beiden Ländern auf­gehäuften Eonflictsstoff noch neues Material hinzukommt.

Deutschland.

Darmstadt, 25. Juli. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute u. A. den Geheimen Baurath Dr. v. Ritgen aus Gießen.

Darmstadt, 25. Juli. Mit Ermächtigung Seiner Königlichen Hoheit des Groß­herzogs tft an die zweite Kammer der Stände des Großherzogthums nachstehende Pro- posilion des Ministeriums des Innern und der Justiz gelangt, betreffend die Ein- theilung des Großherzogthums in zwei Fabriktnspeklionsbezirke.

Das durch die Reichsgesetz-Novelle vom 17. Juli 1878 in Ergänzung der Gewerbe­ordnung eingeführte Institut der Fabrikinspektoren (§ 139b Gew.-O.), deren haupt­sächlichste Obliegenheit in der Ueberwachung der in Betreff der Beschäftigung von Kindern, jugendlichen Arbeitern und Arbeiterinnen in Fabriken und der bezüglich der Arbeitsbücher erlassenen Bestimmungen (§§ 135 bis 139 a und 107 des eben erwähnten Reichsgesetzes), sowie in der Anordnung und in der Ueberwachung der Unterhaltung tmgeorbneter Unfallverhütungsvorschriften besteht, hat sich überall da, wo es gelungen ist, für die Wahrnehmungen dieser Funktionen geeignete Persönlichkeiten' zu finden, bewährt und gute Früchte getragen. Sowohl die Vertreter der Arbeitnehmer als auch der Arbeitgeber stimmen hierin überein.

Für das Großherzogthum ist zur Zeit bekanntlich nur ein Fabrikinspektor ange­stellt, dem neben der Beaufsichtigung von über 1000 vorhandenen Fabriken in den oben j erwähnten Richtungen auch noch die Ueberwachung der nach § 16 der Gewerbeordnung

genehmigungspflichtigen gewerblichen Anlagen, auch wenn sie nicht unter den Begriff der Fabriken fallen, obliegt.

Hierzu kommt, daß außerdem die Thätigkeit des Fabrikinspektors vielfach durch die Kreisämter bet Gesuchen um Genehmigung der in § 16 der Gewerbeordnung auf­geführten Anlagen und durch die Staatsanwaltschaften bei dem Vorkommen schwerer Verletzung oder Tödtung von Menschen bei dem Gewerbebetriebe in Anspruch genommen wird.

Es ergibt sich hieraus von selbst, daß ein regelmäßiger Besuch der Fabriken nicht in genügend oft wiederkehrender Weise, sondern, wie der Fabrikinspektor selbst angibt nur etwa im vierten oder fünften Jahre stattfinden kann.

Zu einer wirksamen Aufsicht, wie sie nach der Absicht des Gesetzes erstrebt wird reicht hiernach ein Beamter nicht aus. Die Großh. Regierung hat sich daher veran­laßt gesehen, noch vor Ablauf der dermaligen Budgetperiode die gegenwärtige Vorlage an die Stände zu richten, durch welche bezweckt wird, schon vom 1. April 1889 an die nöthigen Mittel für Anstellung eines zweiten Fabrikinspectors zu erhalten.

Verschiedener Ansicht kann man darüber sein, ob es zweckmäßiger sein werde, dem vorhandenen Fabrikinspektor einen Assistenten beizugeben ober einen zweiten Fabrik- inspekto mit felbftfto feiger Stellung und besonderem Bezirk anzustellen. Für beide Organist onsarte i ^ch Grü^e geltend machen. Die Großh. Regierung ist mit der Mehr z lir ^fragten Vertretungen des Handels- und Gewerbestandes

der Ansich oa^n, feiger zwei Jnspektionsbezirke die eine bestehend aus der Provinz S rrhnburt it dem Sitz in Darmstadt, der andere aus Rheinhessen (viel­leicht mit Ausnahme Kreises Worms, der dann zu dem Starkenburger Bezirk zu schlagen wäre) und Oberhessen mit dem Sitz in Mainz gebildet werden.

Was die zur Anstellung eines zweiten Fabrtkinspektors weiter erforderlichen Mittel betrifft, so werden diese veranschlagt:

1) an Gehalt zu . . . . JL 3600

2) für Reisekosten und Diäten zu . 700

3) für Bureaukosten zu . . . 300

zusammen JL 4600

Erläuternd wird hierzu bemerkt:

1) Der vorgesehene Gehalt von 3600 JL erscheint für die Dauer zur Erhaltung und Gewinnung tüchtiger Kräfte unzureichend und wird daher in dem nächsten Staats­voranschlag eine Erhöhung des Gehalts bis zum Durchschnittsgehalt der Kreisbaumeister in Aussicht genommen werden müssen.

2) Im laufenden Staatsvoranschlag sind für Reisekosten und Diäten vorgesehen 2X9 vtt. Im Durchschnitt der Jahre 1884 bis 1887 sind dagegen nur 1050 JL für das Jahr erforderlich geworden. In Folge der Anstellung eines zweiten Beamten wird eine Entlastung in den seither dem einen Beamten obgelegenen schriftlichen Arbeiten stattfinden und damit die wünschenswerthe Möglichkeit zur vermehrten Vornahme aus­wärtiger Dienftgeschäfte gegeben. Je 1500 JL jährlich für jeden der beiden Beamten dürfte daher erforderlich werden, bezw. genügen, wonach im Ganzen hierfür, außer den zur Perfügung stehenden 2300 Jt, noch 700 JL für ein Jahr zu bewilligen find.

3) Die für Publikationen und Arbeitsbücher vorgesehene Summe von 500 JL wird auch nach Anstellung eines zweiten Fabrikinspektors genügen.

Hiernach beehrt sich das unterzeichnete Ministerium mit Allerhöchster Ermäch­tigung Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs an die Stände des Grotzherzog- thums, und zwar zunächst an die zweite Kammer derselben, das Ansinnen zu richten:

die Zustimmung zur Verwendung von Ueberschüssen der laufenden Finanz- periobe für die Anstellung eines zweiten Fabrikinspektors im Betrage von zusammen 4600 JC. jährlich, mit Wirkung vom 1. April 1889 an, ertheilen __________zu wollen.___________________________________________________________________

Telegraphische Depeschen.

Wolss'S telegr. Eorresponden,, Bureau.

Berlin, 25. Juli. Die Nationalzeitung schreibt über das Ergebniß der Kaiser- zusammenkunft: Se. Majestät der Kaiser Wilhelm hat mit seinem Besuch in Peters­burg die Erbweisheit des Preußischen Königthums ausgelöst, welche ihm sein sterben­der Großvater auf den Lebensweg mitgab:Rußland nie zu verletzen." Selten ist ein junger Herrscher in so verzerrtem Bilde dem Auslande vorgeführt worden, wie dieses methodisch während der langen Monate Kaiser Wilhelm begegnete. Jetzt ist der Kaiser zum ersten Male als Herrscher dem Auslande erschienen und die einfache Würde, die jugendliche dennoch gehaltene Heiterkeit, das lebhafte Interesse für Alles, die Freund­lichkeit und die Lebhaftigkeit seines Wesens haben den Petersburger Hof sowie Pu­blikum, wie nach allen Berichten hervorgeht, für ihn gewonnen. Wir halten indessen für vielleicht den wichtigsten Punkt der politischen Bedeutung der Kaiserzusammenkunft, welchen Eindruck Kaiser Wilhelm selbst in Petersburg von der Zuverlässigkeit der russischen Friedensoersicherungen erhalten hat. Wenn Kaiser Wilhelm mit der lieber- zeugung zurückkehrt, daß die russische Politik ohne einen Hintergedanken eine Politik des Friedens und der guten Nachbarschaft ist, so wird das wechselseitige Vertrauen der beiden mächtigen Herrscher für alle bestehenden Streitfragen und für alle auf­tauchenden Jncidenzfälle die Lösung finden können. Das Vertrauen wird dem Zu­stand des bewaffneten Friedens wesentlich von seiner Härte nehmen. Dürfen wir uns zu diesem Ergebniß beglückwünschen? Es wird das von zuständiger Seite mit solchem Nachdruck bejaht, daß wir es gern als eine feststehende Thatfache und einen neuen Factor in der europäischen Politik begrüßen.

München, 25. Juli. Heute Nachmittag trafen zur (Kentennarfeier König Ludwigs I. der Oberbürgermeister und eine Deputation der Stadt Athen ein und wurden von den Gemeindebehörden empfangen. Der Oberbürgermeister sprach in einer deutsch gehaltenen Ansprache die Sympathie Griechenlands für den unvergeßlichen, kunstliebenden König Ludwig aus, welcher Unvergeßliches für Griechenland gewirkt habe und schloß mit einem Hoch auf das Haus WittelSbach und Bayern. Der erste Bürger­meister der Stadt München, Widenmayer, dankte, woraus der hiesige Archimandrit die Gäste in griechischer Sprache begrüßte.

Bayreuth, 25. Juli. Die zweite Parsival-Vorstellung fand heute vor aus­verkauftem Hause unter der Direction Mottl statt. Neu besetzt waren Kundry durch Malten. Gurnemanz durch Gillmeifter und Amfsrtas durch Reichmann. Die Leistungen waren durchgehends ausgezeichnet, der Beifall stürmisch. Unter den Zuhörern befanoen sich heute Prinz Leopold von Bayern mit Gemahlin.

PariS, 25. Juli. Die strikenden Erdarbeiter verlangen die Anwendung des vom Pariser Gemeinderath ausgestellten Tarifes, mithin einen Lohn von 60 (Kent, per Stunde, anstatt der bisher gezahlten 45 Eentimes. Die Strikenden forderten die übrigen Arbeiter auf, sich mit ihnen zu verbinden.

London, 25. Juli. Das Unterhaus nahm ohne Abstimmung die Bill an betreffs Einsetzung einer Commission zur Untersuchung der im Processe O'Donnel- Times gegen Parnell und Genossen vorgebrachten Anschuldigungen.