Ur. 251 Freitag den 26. October 1888.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Schul st raße 7. — Erschein, täglich mit Ausnahme des Montag«. QÄSÄÄÄÄ
Politische Rundschau
Gießen, 25. October.
Kaiser Wilhelm weilt nunmehr wieder in der Mitte seines Volkes und in den begeisterten Begrüßungsartikeln, in denen die deutschen Tagesblätter ohne Unterschied der Partei die Heimkehr des Kaisers feierten, spiegelte sich die stolze Genugtuung der ganzen DZatton über die großartigen Erfolge wider, welche die nun beendigte Kaiserfahrt nach Süden umrankten. Die großen Reisen des jugendlichen Herrschers an die Höfe der befreundeten Souoeraine sind jetzt bis auf Weiteres zum Abschlüsse gelangt und wird derselbe während des Winters von seiner Residenz aus nur kleinere, theils der Jagd, theils anderen Zwecken gewidmete Ausflüge unternehmen. Bereits an diesem Freitag wird der kaiserliche Herr den ersten Jagdausflug nach seiner Heimkehr aus dem Süden unternehmen und zwar, wie bekannt, nach Blankenburg am Harz und hieran werden sich in kommender Woche die Reisen des Kaisers nach Hamburg zur Theilnahme an der Zollanschlutzfeier und nach Leipzig behufs Theilnahme an der feierlichen Grundsteinlegung zum Retchsgerichtsgebäude schließen. Jedenfalls sind aber die umlaufenden Gerüchte, als ob der Monarch demnächst den Höfen von Madrid und Lissabon, ja wohl auch von Athen „Antrittsbesuche" abzustatte^ gedenke, entschieden als unbegründet zu bezeichnen, da eben der Kaiser den Winter über Deutschland nicht verlassen wird.
Die genannten festlichen Ereignisse in Ha mburg und Leipzig werden sich beide in äußerst glänzender Umrahmung vollziehen, entsprechend der hohen politischen Bedeutung der beiden Acte. Von ihnen lenkt zunächst die Zollanschlutzfeier in der alten Hansastadt die Aufmerksamkeit auf sich, da der Kaiser bei derselben von einer hochapsehnlichen Versammlung, unter ihnen der Reichskanzler Fürst Bismarck, die Mehrzahl der preutzischen Minister und der Reichsstaatssecretatr, die Vertreter der übrigen Bundesstaaten und eine stattliche Reihe sonstiger Würdenträger und hervorragender officieller Persönlichkeiten, umgeben sein wird. Obschon die Feier erst am Montag statlsindet, reist der Kaiser doch schon am Sonntag von Potsdam, refp. Berlin ab und übernachtet beim Fürsten Bismarck in Friedrichsruh, mit welchem er sich dann am nächsten Morgen nach Hamburg begiebt. Die altberühmte Hansastadt wird dem Kaiser einen großartigen Empfang bereiten und ebenso harrt feiner in Leipzigs Mauern, wo das Oberhaupt des Reiches am Mittwoch erscheinen wird, eine glänzende Aufnahme.
Die von österreichischer Seite — vom Wiener „Fremdenblatt" — über neue russische Truppenverschiebungen ausgestoßenen Allarmrufe erfahren jetzt von andern Seiten eine wesentliche Abschwächung. Beispielsweise äußert sich die Berliner „Post" dahin, daß diese neuerlichen Truppenverschiebungen bereits im vergangenen Frühjahr angekündigt worden seien und daß die europäische Gesammtlage eine kriegerische Action Rußlands nach Westen völlig ausschließe; auch seien mit dem Besuche Kaiser Wilhelms in Petersburg die deutsch-russischen Beziehungen fortdauernd gute und freundliche. Diese Bemerkungen des fretconseroatioen Blattes entsprechen offenbar der Sachlage und wenn man außerdem das immer bestimmter auftretende Gerücht von einem bevorstehenden Gegenbesuche des Czaren am Berliner Hofe in Erwägung zieht, so ergiebt sich aus alledem allerdings die Unwahrscheinlichkeit eines drohenden Hirrter- grundes der signalisirten abermaligen Truppendtslocattonen an den Westgrenzen Rußlands. Räthselhaft bleibt es freilich dann immer, weßhalb eigentlich diese doch kostspieligen militärischen Operationen vorgenommen werden; vielleicht giebt die russische Presse über deren Grund Aufschluß.
Seitdem im österreichischen Ministerium Taaffe mit dem neuen Justizminister Grafen Friedrich Schönborn ein ausgesprochener Czechenfteund sitzt, wagen sich die Czechen mit ihren nationalen Wünschen immer offener hervor. Nichts mehr und nichts weniger fordern sie jetzt, als die Wiederherstellung eines eigenen böhmischen Staatsrechtes und gleichsam als die Besiegelung desselben die Krönung des Kaisers Franz Josef zum König von Böhmen, also ungefähr eine ähnliche Stellung Böhmens zum Gesammtstaate Oesterreich, wie sie bereits Ungarn einnimmt. Wie man sich in den Wiener Regierungskreisen diesen ungeheuerlichen Wünschen der Czechen gegenüber verhält, ist noch nicht bekannt, aber unter dem Taaffe'schen Regime ist ja in Oesterreich nichts mehr unmöglich geworden, vielleicht bringt man da nun auch den staatsrechtlichen Trialismus glücklich zu Stande! Da übrigens am Mittwoch die Wintersession des österreichischen Retchsrathes eröffnet worden ist, so dürften in dessen Verhandlungen die an die Ernennung' Schönborn's zum Minister anknüpfenden Fragen vermuthltch ein lebhaftes Echo finden.
In Frankreich haben sich jetzt zu den Erörterungen über die Verfassungsrevisionsfrage auch solche über brennende Finanz- und Budgetfragen gesellt. Wie scharf auch in letzterer Beziehung in der französischen Deputtrtenkammer die Gegensätze auf einander stoßen, geht z. B. daraus hervor, daß der monarchistische Deputtrte Daynaud die Finanzpolitik des gegenwärtigen Cabinets eine „wahnsinnige" nannte und auch die repudlikamschen Gegner des Ministeriums Floquet setzten demselben hart zu, namentlich wegen der Einkommensteuer-Vorlage des Ftnanzministers Peytral. Vielleicht wird das Ministerium in finanzpolitischer Beziehung noch einen schwereren parlamentarischen Stand haben, als in der Angelegenheit der Verfassungsrevision; wenigstens sind im Senate Erklärungen abgegeben worden, welche bekunden, daß diese Körperschaft, obwohl gerade sie von den Revisionsgelüsten der Radicalen stark bedroht wird, in dieser Frage der Regierung zunächst noch keine principielle Opposition zu machen gedenkt.
Aeutschland.
Darmstadt, 24. October. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute u. A. den Prof. Stamm von Gießen.
nn Darmstadt, 24. October. Bei dem gestern Nachmittag zu Ehren der Anwesenheit Se. Majestät des Königs von Sachsen und Sr. König!. Hoheit des Prinzen Heinrich von Preußen im Großh. Palais gegebenen Galadiner versagte abermals Die electrische Lichtanlage, indem wieder die Bleischaltungcn abschmolzen. Die hohen Herrschaften befanden sich eine Zeitlang im Dunkeln, bis, da die Gasleitung im Palais entfernt ist, Seitens der Dienerschaft mittelst Kerzen Licht geschafft wurde. Die Anlage ist wie im Großh. Hoftheater von der Edison-Gesellschaft hergestellt.
Berlin, 23. October. Die „Nordd. Allgem. Ztg." bespricht die jüngsten Vorgänge in Havre und sagt, daß dieselben, zusammengehalten mit der Mißhandlung deutscher Studenten in Belfort und der Verweigerung einer gerichtlichen Vertretung der geschädigten Deutschen und anderen Vorfällen, zeigen, wie Frankreich von der hohen Stufe der Civilisation, auf welcher es zur Zeit, als sein Staatswesen 'geordnet war, stand, immer tiefer herabgesunken sei. Dadurch schließe sich das französische Volk aus dem Kreise der gesitteten Nationen selbst aus. Aber Deutschland unterhalte Beziehungen zu civilisirten sowohl wie zu wilden Nationen und habe gelernt, sich in beide einzuleben.
TekgrapHisch« Aepifchen.
Walls'S leUgr. Corresporrdenz. Bureau.
Berlin, 24. October. Die städtische Deputation zur Begrüßung des Kaisers bei seiner Rückkehr von der Reise wird Samstag Mittag vom Kaiser im hiesigen Schlosse empfangen werden. Der Kaiser hörte heute die Vorträge des Geh. Cabtnets- raths Lucanus und des Staattzministers Grafen Bismarck. Zum Diner waren die Professoren Bergmann und Gerhardt geladen.
Berlin, 24. October. Die „Berl. Pol. Nachr." melden, daß Kaiser Wilhelm sich dafür entschieden habe, dem Reichskanzler am 29. d. M. die Ehre seines Besuches zu erweisen, um in Friedrichsruh den Vortrag des Kanzlers öntgegenzunehmen. Die vom Fürsten für die Rückkehr des Kaisers bereits angemeldete Reise nach Berlin unterbleibe somit. Es wird in der Mittheilung hinzugefügt, daß das bedeutsame Licht, das solchermaßen auf die zwischen dem Monarchen und seinem vornehmsten Berather obwaltenden persönlichen Beziehungen geworfen wird, die Situation in bemerkenswerther Weise erhellt. Kaiser Wilhelms wiederholter Besuch in Friedrichsruh führe eine Sprache, welche keines Commentars bedürfe, um das zwischen ihm und dem Reichskanzler bestehende Vertrauensverhältniß zu bocumentlren. — Dasselbe Blatt hört, daß im Etat für 1889/90 sowohl die völlige Aufhebung der Relictenbeiträge der Elementarlehrer, wie auch die Erhöhung der Alterszulagen für dieselben vorgesehen wird. Gleichzeitig werden auch die Fonds für eine Verbesserung der äußeren Lage der Geistlichen aller Bekenntnisse, welche in 1887/88 von 3 255 612 JL auf vier Millionen Mark vermehrt worden, eine weitere erhebliche Erhöhung erfahren.
Regensburg, 24. October. Der Reichslagsabgeordnete Dr. Frhr. v. Gruben (ult.) ist gestern Nacht 11 Uhr gestorben.
Bremen, 24. October. Einer Londoner „Lloyd"-Meldung zufolge ist der Lloyd- dampfer „Neckar", welcher bei Shanghai auf den Grund gerathen war, nach theilweiser Löschung der Ladung wieder flott geworden.
Wien, 24. October. Der Berliner Brief der „Pol. Corr." führt aus, daß die Beziehungen der drei verbündeten Regierungen nach den Kaiserbesuchen in Wien und Rom auf so mächtigem Fundamente ruhen, daß jeder Anprall gegen dieselben als unerschütterlich zurückgewiesen wird. Die Darstellungen, wonach die Begegnung des Kaisers Wilhelm mit dem Papste für beide Theile gleich unbefriedigend gewesen, seien durchaus unwahr. Dieselben gingen von Personen aus, denen die guten Beziehungen, die zwischen dem deutschen Kaiser und dem Papste herrschten, unangenehm seien. Eine Veränderung der Verhältnisse, welche sich zwischen dem Kaiser und dem Papst historisch herausgebildet hätten, wäre weder beabsichtigt noch erhofft worden. Zahlreiche Anzeichen lägen dagegen vor, daß der Papst die volle Bedeutung der ihm durch den Besuch Kaiser Wilhelms erwiesenen spontanen Aufmerksamkeit würdige, während der Kaiser über die impontrende Größe des beim Empfange Tn Anwendung gekommenen Ceremoniells die größte Anerkennung geäußert habe. Neue Abmachungen wären weder in Wien, Rom und Petersburg, noch im Vatikan in's Auge gefaßt worden.
Wien, 24. October. In der heutigen ersten Sitzung des Abgeordnetenhauses legte der Ftnanzmtntster v. Dunajewskt das Budget für 1889 vor. Nach demselben beträgt das Gesammterforderniß 538 345 786 fl., die Gesammtbedeckung 538 515 245 fl. Es ergiebt sich demnach ein Ueberschuß von 169 459 fl. Das Budget erscheint mithin gegenüber dem Vorjahre um 21 544 819 fl. günstiger.
PariS, 24 October. Nach einer „Havas"-Meldung wird der bisherige Geschäftsträger in München, Mariani, an Stelle des Grafen Mony Botschafter im Quirinal werden.
Paris, 24. October. In der Revisions-Kommission sprach sich heute Boulanger für Auflösung der Kammer und Einberufung einer constituirenden Versammlung aus. Die unabhängige und vor Dem Lande verantwortliche Executivgewalt müsse in den Händen einer Constituante liegen, welche Maßregeln treffen müsse, um dictatorischen Mißbräuchen vorzubeugen. Im übrigen bezieht sich Boulanger auf feine früher über diesen Gegenstand abgegebenen Erklärungen.
London, 24. October. In der heutigen Sitzung der Untersuchungs-Commission in Sachen Parnell gegen die „Times" zeigte der Vertreter der letzteren, Generalanwalt Webster, an, er werde den ehemaligen irischen Deputirten O'Shea citiren, welcher bezeugen werde, daß Parnell das Manifest an das Volk, welches die Ermordung Lord Cavendish' und Burke's verurtheilte, mit Widerstreben unterzeichnet habe. Webster legte ferner die Urschrift des vielgenannten Briefes Parnell's vor mit der Erklärung, daß Letzterer die Morde im Phönix - Parke aus politischen Parteigründen verur- theilt habe.
Rom, 24. October. Der Papst empfing heute Mittag etwa tausend neapolitanische Wallfahrer und erwiderte auf die vorgelesene Adresse: Die Italiener hätten durch ihre Kundgebungen anläßlich seines Jubiläums die Feinde der Kirche Lügen gestraft, welche glauben machen wollten, daß ganz Italien dem Papstthum feindlich gesinnt fei und dahin strebe, die Gläubigen vom Papststuhl loszutrennen, von dem allein das Hell kommen könne. Anstatt das Papstthum zu bekriegen, sollten die Feinde dasselbe mit Achtung umgeben und ihm seine Freiheit gewähren. Aber ganz im Gegentheil hierzu setzten die entarteten Söhne den Papst, insbesondere nach seiner Rede an den italienischen Clerus, herab, trotzdem diese doch nichts Neues enthalten, sondern nur gegen die unwürdige Lage des apostolischen Stuhles reflamirt hätte. Er, der Papst, habe stets die Freiheit und Unabhängigkeit gefordert und frage sich daher, warum man sich zu neuen, dreisten Unternehmungen gegen den päpstlichen Stuhl veranlaßt gesehen hätte? In Rom insbesondere sei der Kampf heftiger als anderswo in Folge Der Sekten und des dort concentrirten Haffes gegen die weltliche Macht des Papstthums. Man wage, die begangenen Usurpationen und Gewaltthättgketten durch neue Injurien zu bekräftigen. Ohne die großen Geschicke Roms zu begreifen, wollten die Feinde dasselbe zur einfachen Hauptstadt eines Königsreichs herabsehen, während Rom Die Königin und die Hauptstadt der katholischen Welt sei. Was immer man thun möge, Rom werde die Hauptstadt der katholischen Welt bleiben, weil daselbst der Stellvertreter Christi refibtre, der seine Pflichten kenne und sie niemals aufgeben werde. — Nach der Rede ertheilte der Papst der Versammlung seinen Segen.


