Lokales»
Gießen, 24. Juli. Wie sehr der hiesige Schul- und Stadtvorstand bemüht ist, nicht bloö das geistige, sondern auch das körperliche Wohl unserer Jugend zu fördern, davon geben zwei Einrichtungen Zeugniß, welche tm Lause dieses Semesters in Wirksamkeit getreten sind und die unseres Wissens noch in keiner Stadl Hessens bestehen; es sind der Unterricht für Stotterer und die Badeeinrtchtung tn der Stadtmädchenschule.
Der Unterricht für Stotterer ist Herrn Schuloerwalter Backes übertragen worden. Derselbe hat seit dem 28. Mat d. I. einen Eursus an der Stadtknabenschule mit 7 Knaben eröffnet. Diese wurden gestern in Gegenwart des Schulvorstandes auf ihre im Unterricht erlangte Sprachfertigkeit geprüft und das von Herrn Backes dargelegte heilpädagogische Verfahren zeigte von richtigem Verständniß für die Behandlung des Sprachleidens. Die Sprechübungen, das Lesen und Erzählen, gingen gut und ohne Anstoß, und man konnte die Wahrnehmung machen, wie durch Kenntniß des Artikulationsbetriebes, durch planmäßige, mit Geduld und Ausdauer betriebene Hebungen die Heilung herbeigeführt worden ist. Mit den Herbstferien beginnt ein neuer Eursus für eine weitere Abtheilung der Srtadtknabenschule. Wir können Herrn Backes allen Eltern empfehlen, deren Kinder an einem derartigen Sprachfehler leiden.
Die zweite Einrichtung, die Badeanstalt in der Stadtmädchenschule, ist seit einigen Wochen eröffnet. Man muß die Kinder sehen, wie körperlich und geistig frisch sie aus dem Bade in die Klasse zurückkommen und wie gern sie ein Bad nehmen. Nicht genug zu schätzen sind die Wirkungen in gesundheitlicher Beziehung und in der Angewöhnung zur Reinlichkeit. Wir geben uns der Hoffnung hin, daß der Sinn für Reinlichkeit unserer Jugend erhalten bleibe für's spätere Leben, der Segen wird nicht ausbleibcn. Da die Kosten der Anlage nicht so bedeutend sind,, so steht zu erwarten, daß bei künftigen Schulhausbauten die Einrichtung sofort getroffen wird.
Vermischtes.
Darmstadt, 23. Juli. [(Sin Riesen-Todea-Laum.j Die Sammlung von lebenden ausländischen Pflanzen in den Gewächshäusern des hiesigen Großherzoglichen Hofgartens ist in diesen Tagen um ein höchst bemerkenswerthes Stück bereichert worden. Der neue Ankömmling ist ein Riesen-Todea-Baum aus den australischen Urwäldern und wurde ca. 200 englische Meilen von dem Seehafen Melbourne aufgefunden. Die Todea africana ist in Europa nur durch wenige importirte Exemplare vertreten. Ein sehr zartes, ganz junges (etwa 30jähriges) Exemplar in einem Gewichte von 6 bis 8 Kilogramm vefindet sich in dem hiesigen Grotzh. Gewächshause, wogegen der in Rede stehende Baum ein Gewicht von über 1000 Kilogramm, dabei im Stamme einen Umfang von 3,20 Meter und eine Höhe von 1,20 Meter hat. Dieses Prachtstück ist der Munifizenz des Herrn Baron Ferd. v. Müller in Melbourne, Governement Botanißte for Victoria, zu verdanken. Wegen seiner wissenschaftlichen Verdienste um die Botanik von Sr. Königs. Hoheit dem Großherzog mit dem Comthurkreuz des Philippsordens decorirt, hegte derselbe den Wunsch, durch Übersendung einer seltenen Pflanze seinem Danke für diese Auszeichnung Ausdruck geben zu dürfen. Nachdem Herr v. Müller sich durch Vermittelung seines langjährigen Freundes, des Herrn Commerzienraths Heinrich Keller Hierselbst, der Entgegennahme seiner Gabe vergewissert und Letzterer dereitwilligst seine Mitwirkung zur Translokirung der Objectes zugesagt hatte, wurde der Pflanzencoloß zunächst zu Lande nach Melbourne und von da zu Schiff über London nach Hamburg, dann per Bahn an Herrn Keller Hierselbst behufs llebergabe an den Großh. Hofgarten geschafft. Wie Herr v. Müller mittheilt, ruft die Todea africana (die außer in Südafrika in Südost-Australien und Neuseeland zu Hause) an ihren feuchten Standorten eine herrliche Wirkung in der Scenerie hervor. Die alten Stämme dieses Farrn sind sehr selten. Sie werden nur in fast unzugänglichen und (da sie Feuchtigkeit brauchen) an Waldbächen gelegenen Felsenschluchten aufgefunden. Das Alter des hier eingetroffenen Exemplars ist nach der bestimmten Ansicht hiesiger Sachverständiger ein sehr hohes, vielleicht nach Jahrtausenden zählendes, und nach einer Mütdeilung des Herrn v. Müller ist, soweit bekannt, nur in zwei Fällen das Gewicht ein größeres gewesen und in diesen beiden Fällen war der Stamm noch von Gesteinen durchsetzt, sodaß das hiesige Exemplar wohl als einzig in seiner Art gelten dürfte. Die Reise vom Fund- nach dem Bestimmungsorte nahm volle drei Monate in Anspruch (von Anfang April bis Anfang dieses Monats); der Baum, welcher ohne jeglichen Schaden hier eintraf, hat schon auf dem Wassertransport neue Wedel getrieben — die alten Wedel mußten der Verpackung wegen abgeschnitten werden, — welche neuen sich indeß leider in der Kiste nicht ausdehnen konnten und dadurch statt in die Höhe sich nach unten hin entwickelten. In den wenigen Tagen seines Hierseins hat der Baum wiederum frische Wedel getrieben, welche, jetzt natürlich noch zart und klein, sich hoffentlich wie in der Heimath nach oben hin ausdehnen werden. Noch mag von Interesse sein, daß die Kiste, in welcher der herrliche Baum die Reise von Australien nach hier gemacht hat, aus dem Holze der Eucalyptus obligna angefertigt ist, d. i. diejenige Species der zur Familie der Myrthengewächse gehörigen neuholländischen Bäume, auf welche vor nun gerade 100 Jahren Höritier das Pflanzengenus Eucalyptus begründete. Die genannte SpecieS findet sich in den australischen Gebirgsgegenden, ist sehr reich an ätherischen Oelen und Harzen und erreicht oft bei einem Durchmesser von 10 Fuß eine Höhe von 300 Fuß. Dem ungemein starken und dauerhaften Holze dieses Baumes ist es auch wohl zu danken, daß die aus ihm gefertigte Kiste selbst nebst kostbarem Inhalte ungefährdet hier eingelangt sind. (D. Z.)
A Mainz, 23. Juli. Nachdem die herrlichen Rheinanlagen längs der Stadt jetzt ihrer Vollendung entgegengeben, tritt die Frage der Restauration des kurfürstlichen Schlosses hier nothwendiger Weise in den Vordergrund. Nach einer Mittheilung des M. T." sind J)ie Kosten der eigentlichen Restauration zu 438 000 veranschlagt. Der von dem Stadtbauamt vor Jahren entworfene Renovationsplan sieht ferner die Herstellung von Giebeln und Dachgauben vor, damit die eintönig lang ausgestreckten Dächer zu der Schönheit des übrigen Baues in Einklang gebracht werden. Die Kosten hierfür find zu 93 000 JL berechnet. Mit einer weiteren Ausgabe von 47 000 JL. soll der Nebenbau für Unterbringung der Steinsärge ans der Römerzeit hergerichtet werden und schließlich sind noch für Bauleitung und unvorhergesehene Kosten 62 000 JL angenommen, so daß der Gesammtaufwand 640 000 wäre. Jetzt ist nun die Frage, wie diese Mittel beschafft werden sollen. Daß die hessische Regierung die Sache durch Genehmigung einer Lotterie unterstützt, erachtet man allgemein als selbstredend und plaibtrt nun weiter dafür, daß das Reich ähnlich wie bei der Katharinenkirche herangezogen werden soll, zumal in dem Schloß das römisch-germanische Eentralmuseum seine Heimstätte hat. Es liegt im Project der Bürgermeisterei, ein Eomil6 zu bilden, das sich zunächst mit der Frage der Geldbeschaffung beschäftigen soll.
— Gegen einen hiesigen Arzt ist bet der Staatsanwaltschaft Anzeige erhoben, weil derselbe die Section einer Kindesleiche vorgenommen, ohne von den Eltern des Kindes hierzu ermächtigt zu fein.
A Mainz, 24. Juli. Die im vergangenen Jahre eröffneten neuen Mainzer Hafenanlagen erweisen sich bereits als unzureichend und hat die Hafendeputation in ihrer gestrigen Sitzung beschlossen, alsbald noch die Erbauung einer weiteren Revisionshalle, sowie eines zweiten Getreidespeichers vornehmen zu lassen. Ferner wurden
größere Kellerbauten und die Aufstellung eines Getreideelevators für die Entleeruntz-. der Schiffe in Aussicht genommen. Durch diele Thatsache finden die Ausstreuungen, daß der Mainzer Handel trotz der kostspieligen Neuanlagen nicht zur Entwicklung, komme, die beste Widerlegung.
— Gestern ist der hier noch nicht dagewesene Fall vorgekommen, daß eine Anzahl Arbeiter, welche mit Rücksicht auf die bevorstehende Einführung eines gewerblichen Schiedsgerichts eine Versammlung abhalten wollten, kein Lokal von den Wirthen erhielten. Als die Interessenten in dem durch ein Plakat bezeichneten Lokal erschienen, fanden sie die Thüren verschlossen, desgleichen in einem anderen Lokal. Ein dritter Wirth erklärte, daß er überhaupt eine Versammlung, welche von der Polizei beaufsichtigt werde, in seinem Lokal nicht dulde. Durch die Furcht, in den Geruch zu kommen, die Socialdemokraten zu unterstützen und die Consequenzen davon tragen zu müssen, erklärt sich diese Erscheinung.
— Die 70jährige Greisin, welche unlängst in den Rhein sprang, um sich zu ertränken, hatte sich gestern Abend wieder an die L-tubenthür gehängt, wurde aber noch rechtzeitig von ihrem Manne abgeschnitten. Bei dieser Gelegenheit wollen wir unsere jüngste Mittheilung dahin berichtigen, daß nicht der Hunger die alte Frau zu dem Selbstmordversuch getrieben, sondern ein schweres Leiden.
A Vom Main, 23. Juli. Falls die mehrerwähnten Proteste der hessischen Gemeinden Bischofsheim, Griesheim und Kostheim gegen die von der preußischen Regierung projectirte Eorrection des unteren Maingebietes bis zum Zusammentritt der zweiten hessischen Kammer nicht auf dem Wege der Verhandlungen einen erwünschten Erfolg gefunden haben, wird, wie man uns aus Abgeordnetenkreisen mittheilt, bet* Standekammer durch einen btrecten Antrag Gelegenheit geboten werden, Stellung zu der Sache zu nehmen. Die Vertreter der betreffenden Orte, die Abgeordneten Möhn (Laubenheim) und Dr. Osann (Darmstadt) haben bereits das benöthigte Material erhoben und werden nächster Tage mit Delegirten des Kreisamtes Mainz, sowie mit mehreren rheinhessischen Abgeordneten zu einer Eonferenz zusammentreten.
— sTypographische Liebes - Phantasie.^ Die neueste Nummer der von Jul. Stettenheim herausgegebenen „Deutschen Wespen", welche wieder viel des Erheiternden — u A. auch Wippchens neuesten Bericht über die Kaiserreise — bringt, veröffentlicht auch folgende anschauliche Reime unter dem Titel: „Liebesphantasie unseres Setzers":
Mein ganzes Glück kann ich mir saugen Aus Deinen wundervollen 'T' o
Selbst in der allerweitsten Ferne, Sie leuchten mir, die Augen * * * Der Güter Nektar will ich nippen Von den korallenrothen ■——
Die Pulse meines Herzens stocken, Seh' ich die schönen blonden $SSS 8888
Vor allem hast Du nicht, Du Süße
Die mir verhaßten
O, duld es, daß ich, statt zu jammern, Mich darf an Deine Seele []
Da ich mich sehn' nach Hymens Band,
O, reich mir Deine kleine
Landwirthschaftliche Nachrichten.
(Nachdruck verboten.)
— (Schafft das Rassengeflügel ab ’J Nach langem Zureden beginnt man sich endlich auch bei uns für die Geflügelzucht zu interefsiren. Die meisten landwirth- schaftlichen Geflügelzucht- und sonstigen Vereine beschäftigen sich eingehend mit der Frage, welche Arten von Geflügel für den Landwirth am empfehlenswerthesten sind. Insbesondere mußten die verschiedenen Arten von Rassehühnern, mit denen die Land- wirthe von den genannten Vereinen oft in uneigennützigster Weise bedacht wurden, das undankbare Versuchsobject abgeben, um den Landwirth zu überzeugen, daß sein seit Jahrhunderten gleichmäßig gezüchtetes Huhn bei verständnißvoller Pflege doch das beste ist. Denn alle Versuche, durch Einführung und Kreuzung des Cochin- und Brahma-,. Dorktng- und Houdanhuhnes :c. mit unseren Landhühnern die im Argen liegende Hühnerzucht zu heben, haben zumeist sehr unbefriedigende Resultate geliefert. Die Nachkömmlinge aus dieser Zucht waren schwer aufzuziehen, gingen bei halbwegs ungünstiger Witterung massenhaft zu Grund und die llebetlebenben erwiesen sich später fast durchweg als schlechte Eierleger oder hatten wohl gar feinen Fleischansatz und waren somit für den Fleischtopf so gut als verloren. Nehmen wir uns ein Beispiel an dem Auslande, an Italien, Frankreich, England rc.! Hier haben die Landwirthe und Züchter ihre Landhühner mit Umsicht und Eifer gepflegt und sich Nutzthiere heran- gezogen, die nicht nur den Hausbedarf decken, sondern ihnen auch alljährlich viele Millionen Mark aus dem AuSlande eintragen. Wer also wirklich Nutzen von seinem Hühnerhof haben will, quäle sich nicht mit der kostspieligen Zucht von Rasse- hühnern.
— (Ein Mittel gegen die Lungenseuche gefundey.j Es ist für jeden Landwirth von höchstem Interesse, daß in Ungarn ein sicheres Mittel gegen diese gefährliche Seuche gefunden sein soll. Trotzdem man diese Seuche vor 10—15 Jahren im Lande noch nicht gekannt, hat dieselbe leider in den letzten Jahren besonders in den an Mähren, Schlesien und Galizien angrenzenden Landestheilen große Verbreitung erlangt. Seit einigen Monaten ist diese Angelegenheit nun in ein neues Stadium getreten, indem Versuche, die mit dem Mittel eines gewissen Mandl an diversen Orten, auch unter Controle staatlicher Thierarzte gemacht wurden, ganz überraschende Resultate ergeben haben. Nicht nur wurde in diversen Fällen dem Weiterschreiten der Krankheit, schon vom dritten oder vierten Tag nach der Anwendung des Mittels empfangen, Einhalb gethan, sondern auch solche Thiere, die sich noch in einem nickt allzu vorgeschrittenen Stadium der Krankheit befanden, wurden genesen. So unglaublich die obige Mit- theilung auch Allen scheinen mag, die den tückischen Eharakter und den rapiden Verlaus dieser Seuche kennen, so sichern die bisherigen Erfahrungen der Angelegenheit dennoch noch vor cnbgiltigem Abschluß der Versuche schon heute eine große Bedeutung. Die Erledigung der Angelegenheit zieht sich aus dem Grunde in die Länge, weil der Erfinder die Zusammensetzung seines Heilmittels geheim hält und weil Geheimmittel auf Grund unseres Hygiene-Gesetzes nicht in den Verkehr gelangen dürfen. Doch sind Verhandlungen im Zuge, um trotz dieses erschwerenden Umstandes die vollste Klarlegung über den Werth zu beschleunigen, sowie im wahrscheinlichen Falle eines positiven Resultates den Verkauf des für die Viehzucht von epochaler Bedeutung zu werden versprechenden Mittels zu ermöglichen, wie berichtet wurde. Es muß jedoch besonders hervorgehoben werden, daß die bisherigen Resultate zwar aus sehr glaubwürdigen Ouellen, aber unmittelbar aus der Praxis stammen. Exacte Versuche auf wissenschaftlicher Basis sind jetzt erst im Zuge.
Allgemeiner Anzeiger.
Zum Jugendfest empfehle Schleifenbänder, spottbillig. Spitzen, Spitzenstoffe, Rüschen n. Handschuhe.
Conr. Jos. Keller,
H979 Schloßgasse.
Bibliothek des Gescllschastsvercins.
Die Mitglieder des Gefellfchastsvereins werden ersucht, alle aus der Bibliothek entliehenen Bücher bis spätestens SarnStag, den 28. Juli, zurückzuliefern.
Von Montag, den 23. Juli anfangend, werden keine Bücher ausgeliehen. Die Wiedereröffnung der Bibliothek wird später bekannt gemacht werden.
5833 Der Bibliothekar: Dr. Fromme.


