Nr. 172
Donnerstag den 26. Juli
1888.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Vurearrr Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf,
Amtlicher Hheil.
Betreffend: Die Prüfung der Bewerber um die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst im Herbst 1888.
Bekanntmachung.
Diejenigen jungen Leute, welche beabsichtigen, sich der im Herbst 1888 stattfindenden rubr. Prüfung ru unterrieben hierdurch aufgefordert, ihre desfalsigen Gesuche um Zulassung bei Meldung des Ausschlusses von dieser Prüfung ’ ’
spätestens bis zum 1. August 1888
werden
bei dec unterzeichneten Commission einzureichen.
Hinsichtlich der Anbringung der Gesuche wird im Speciellen das Folgende bemerkt:
1) Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüfnngs«Commission nur dann anzubringen, wenn der sich Meldende im Großherzogthum Hessen seinen dauernden Aufenthaltsort hat.
2) Die Zulassung zur Prüfung kann nicht vor vollendetem 17. Lebensjahr erfolgen.
3) Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbst geschrieben sein. Auch erscheint es zweckdienlich, wenn stets die nähere Adresse angegeben wird.
4) Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:
a. Geburtszeugniß;
b. Einwilligungs«Attest des Vaters oder Vormundes, mit der Erklärung über dessen Bereitwilligkeit und Fähigkeit den Freiwilligen während einer einjährigen activen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten und zu verpflegen;
In diesem Attest darf die Erklärung des Vaters oder Vormundes, dass er in der Lage sei, den Freiwilligen während des einjährigen Dienstes unterhalten zu können, nicht fehlen, auch muß die Unterschrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt sein; c. ein Unbeschollenheilszeugniß, welches von der Polizei-Obrigkeit oder der vorgesetzten Dienstbehörde auszustellen ist;
d. ein selbstgeschriebener Lebenslaus.
5),.In dem Gesuche ist außerdem anzugeben, in welchen zwei fremden Sprachen (Französisch, Englisch, Lateinisch oder Griechisch) der sich Meldende geprüft sein will.
6) Ist bereits früher ein Gesuch' um Zulassung zur Prüfung eingereicht worden, so bleibt dem erneuten Gesuche nur ein Unbescholtenheits- zengniß beizulegen.
Heber die Anforderungen, welche an die zu Prüfenden gestellt werden^ gibt die Prüfung««Ordnung (Anl. 2 zur Ers.-Ordn. — I. Tbeil der Webr- Ordn. vom 28. Septbr. 1875 — Reg.-Bl. Nr. 55 von 1875) Aufschluß.
Bezüglich des Prüfungs-Termins, sowie des Locals, in«welchem-die Prüfung stattfindet, erfolgt ev. weitere Bekanntmachung; auf specielle Ladung kann nicht gerechnet werden.
Darmstadt, den 11. Juli 1888.
Großherzogliche Prüfunas«Commission für einjährig Freiwillige. Der Vorsitzende: Dr. Zeller.
Politische Rundschau
Gießen, 25. Juli.
Kaiser Wilhelm hat seinen fünftägigen Besuch am Czarenhofe beendigt und am Dienstag Mittag von Peterhof aus die Rückreise angetreten, aus welcher der erlauchte Reisende auch den Königshöfen von Stockholm und Kopenhagen einen kurzen Besuch abslalten wird. Unser Kaiser nimmt auf der Heimfahrt von den Gestaden Rußlands das Bewußtsein mit sich, in wahrhaft glänzender und zugleich herzlichster Weise von der Czarenfamilie wie auch vom russischen Volke ausgenommen und gefeiert worden zu sein und die äußerlichen Zeichen größter Herzlichkeit und ungewöhnlicher Courtoisie, welche die jüngste Kaiserzusammenkunft umgaben, spiegelten auch den inneren Charakter der Zusammenkunft genugsam wieder. Allerdings fehlt es noch immer an authentischen Kundgebungen über die Ergebnisse der Monarchenentrevue von Peterhof, aber der außerordentlich intime persönliche Verkehr zwischen beiden Herrschern und ebenso verschiedene hervorstechende Einzelheiten der Petersburger Kaisertage lassen immerhin die innere Bedeutung der Zusammenkunft wenigstens andeutungsweise erkennen. Unter diesen Einzelheiten haben namentlich die Auszeichnung des Staatssecretairs Grafen Herbert Bismarck durch die Verleihung der Brillanten des Alexander-Newski- Ordens seitens des Czaren, anderseits die Verleihung der Brillanten zum Schwarzen Adlerorden an den Letter der russischen auswärtigen Angelegenheiten, v. Giers, des Großkreuzes des Rothen Adlerordens an den russischen Kriegsmtnister Wanowski und des Rothen Adlerordens erster Elasse an den Unterstaatssecretair im Petersburger Auswärtigen Amte, Geheimrath Vlangali, durch den deutschen Kaiser unter den obwaltenden Verhältnissen gewiß eine größere Bedeutung, als dies bet Ordensverleihungen anläßlich von ^ürstenbesuchen sonst der Fall ist. Was aber die wiederholten Einzelempfänge des jStao13fecretair§ Grafen Herbert Bismarck durch den Czaren, des Herrn v. Giers durch Kaiser Wilhelm sowie dre langen Conferenzen beider Staatsmänner mit einander anbelangt, so sprechen diese Vorgänge bezüglich der ihnen innewohnenden Wichtigkeit für sich selber. Der Umstand, daß es bislang an Aeußerungen von competenter Stelle über die Resultate und voraussichtlichen Folgen der Besprechung zwischen Kaiser Wilhelm II. und dem Czaren fehlt, ist natürlich der politischen Mythenbtldung sehr forderlich gewesen, wobei es an absonderlichen Phantastereien nicht fehlt. Als eine solche politische Phantasie, die aber trotzdem in der europäischen Tagespresse viel von sich reden gemacht hat, ist die in der französischen Presse gehörig verarbeitete Nachricht zu betrachten, Kaiser Wilhelm habe den Kaiser Alexander zur Abrüstung beivegen wollen, an welcher sämmtltche europäische Großmächte Iheilnehmen sollten.
Auf seiner Heimfahrt trifft Kaiser Wilhelm voraussichtlich an diesem Donnerstag in Stockholm und am Samstag in Kopenhagen ein, am 30. Juli gedenkt der Monarch wieder in Krel zu sein. Auf der Fahrt von Kiel nach Potsdam will der Kaiser dem Vernehmen nach beim Fürsten Bismarck in Friedrichsruhe vorsprechen.
Der Ankunft des in Kissingen behufs Gebrauches einer drei
wöchentlichen Kur wird für Mitte August entgegengesehen und wird das alte Absteigequartier des Kanzlers in Kissingen, dqs Schloß an der oberen Saline, bereits in Stand gesetzt.
Präsident Carnot ist von seiner politischen Rundreise durch den Südosten Krarikreichs am Montag Abend wieder in Parts eingetroffen. Dem Staatsober- chaupte Frankreichs wurde allerorten auf seiner Tour durch die Dauphins ein warmer ’
Deutschland.
enthält - 24. Juli. Das Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 21
. , r * brhöch st e Verordnung, die Unfall- und Krankenversicherung der in land- Und forstwtrthschaftlichen Betrieben beschäftigten Personen betreffend.
f ^?"^machung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, die Organi- ü" b-rg<-ngsstell-n b«r°ff-ndRnchsst°u°rn, deren Befugnisse, sowie die Errichtung °°n
. < 24. Juli. Das Amtsblatt des Großh. Ministeriums des Innern
""b der Justiz, Sektion für Justizverwaltung, Nr. 20 enthält Ausschreiben vom .mh3lRR71888 'm Be blC ^ievtsion des Gerichiskostenwesens in den Jahren 1886 w"bbÄt7tiat"utfun^re4nU”8 b" wahren der Großh. Notare und des Stempels „ 9ir- .21 erhält Ausschreiben vom 14. Juli 1888, betreffend Gerichtskosten und ■■"»•'“““"‘«w »- »>■ «-x
forderung ohne Lerchenpaß. y
Empfang bereitet, an welchem sich auch die Geistlichkeit hervorragend beteiligte und so durfte die Reise das ihrige zur Befestigung des Ansehens der Republik auch im Sudosten des Landes beigetragen haben. Um so mehr verblaßt der Stern Boulanaer's denn der Ex-General ist bet der Abgeordnetennachwahl im Ardöche-Departement seinem gemaßigt-republikanischen Gegner unterlegen und das jüngste Wahlfiasco Boulanaer's mag wohl als ein abermaliger Beweis für die schwindende Volksthümlichkeit des französischen „Zukunftsdictators" betrachtet werden. Zur gleichen Zeit haben die Bou- langisten auch bei der Depurirtennachwahl in der Dordogne eine arge Enttäuschuna erlitten; hier gelangte der boulangistische Candidat vor zwei Monaten in die Stichwahl diesmal aber fielen auf Boulanger, welcher selber candidtrt hatte, kaum 5,000 Stimmen' Allerdings wurde der republikanische Candidat ebenfalls nicht gewählt sondern derjenige der Bonapartisten, doch hatten letztere von jeher einen starken Anhang im ae- nannten Departement. Endlich hat am Sonntag in Frankreich noch eine dritte Nachwahl ^uttgefunden, in Lyon, welche das bei der überwiegend radicalen Gesinnung der Lyoner Wählerschaft überraschende Resultat ergab, daß der Opportunist Chept gewählt wurde; freilich stimmte etwa nur ein Sechstel von ca. 180,000 Wahlberechtigten für Ehepi, die große Mehrzahl der Wähler enthielt sich der Abstimmung
Telegraphische Depeschen.
Wolff'« telegr. Correfporrdenz. Burearr.
.. 3ul[l ®on dem Ministerium des Innern ist eine Verordnung
betr. die Maßregeln zum Schutze gegen vte Trichinenkrankhett, erlassen worden
Rom, 24. Juli. Die „Ag. Stefani" meldet: Die italienische Negierung theilte ?oU worin die volle Souveränetät über Massauah mld dre facttsche Ausübung derselben seit drei Jahren nach- i"ner die Einwendungen Frankreichs gegen die Auferlegung oon Mumcipalsterttrn abgelehnt werden. Hierauf habe die italienische Regierung Seitens der sranzosrschen Regierung eine Note erhalten, worin behauptet, aber nicht nach-


