Nr. 250 Erstes Blatt. Donnerstag den 25 October 1Ä
Meßmer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Das Oberconsistorium zieht sich nun zur Berathung zurück über den Antrag Emmerling.
Nach einer kurzen Berathung erscheint das Oberconsistorium wieder in dem Sitzungssaal und gibt Präsident Goldmann folgende Erklärung ab. Das Oberconsistorium konnte dem Wunsch, daß der Gesetz-Entwurf in der zweiten Lesung noch einmal zur Abstimmung gebracht werde, in der Voraussetzung, daß nach dem Antrag Emmerling dasselbe nicht wiederholt abgelehnt würde, nur beitreten. Ferner kann das Oberconsistorium die Bemühungen, eine Etnmüthigkeil herbeizuführen, nur mit Freuden begrüßen und wird daher den Antrag Emmerling, welcher den ursprünglichen Entwurf der Regierungsvorlage nicht aiteriit, acceptiren und keinen Anstand nehmen, Seiner König!. Hoheit zu empfehlen. (Bravo!)
Geh. Staatsrath Hallwachs erklärt, daß er es ebenfalls mit Freuden begrüße, daß das Ktrchenregiment dem Antrag Emmerling betgetrelen sei. Nach nochmaliger Abstimmung findet der Gesetz-Entwurf die einstimmige Annahme der Synode.
Ein Antrag Brand auf Erhöhung des Central-Kirchenfonds wird ohne Debatte erledigt.
Nunmehr gibt der Präsident, Herr Stabs-Auditeur Eigenbrodt, noch einen kurzen Rückblick über die abgewtckelten Geschäfte der nunmehr beendigten dritten Landessynode und gibt dem Hause ferner Kenntniß. daß er heute zum letzen Male von seinem Präsidentensitz ausspreche, da er das Amt hiermit niederlege. Er bitte noch, ihm ein gutes Andenken zu bewahren, da er auch keine Wahl zur Landes-Synode mehr anzunehmen gedenke.
Abg. Brand spricht in tief ergreifenden Worten dem Präsidenten den Dank der Synode aus. Die Synode wisse, was sie an ihm gehabt habe, da er mit Ruhe und Unparteilichkeit die parlamentarische Ordnung gehandhabt. Er bitte die Mitglieder, ihren Dank durch Erheben von den Sitzen auszudrücken. (Geschieht.)
Abg. Dieffen bach spricht noch dem Kirchenregtment Dank aus für seine gütige Unterstützung in den Verhandlungen der Synode.
Hierauf schließt der Präsident die dritte Landes-Synode mit einem Gebet des Decan Ritsert-Darmstadt.
Darmstadt, 23. October. Das Amtsblatt des Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, Sectton für Justizverwaltung, Nr. 28, enthält Ausschreiben vom 10. October, betreffend den zwischen dem Grotzherzogthum Hessen und den Vereinigten Staaten von Amerika abgeschlossenen Vertrag über die Staatsangehörigkeit der Auswandernden vom 1. August 1868; hier insbesondere die Auslegung des Art. 2 desselben und der Ziffer II des Schlußprotokolls zu demselben von dem gleichen Tage.
Dasselbe, an die Großherzoglichen Staatsanwaltschaften und Amtsgerichte gerichtet, besagt:
Nachdem es in der letzten Zeit mehrfach vorgekommen ist, daß Strafurtheile, welche auf Grund des § 140, Ziffer 1 des Strafgesetzbuchs für das Deutsche Reich und des § 470 u. folg, der Reichsstrafproceßordnung ergangen waren, gegen solche Ver-
^nen Gegenbesuch in Berlin zu machen und alsdann auch dem dänischen Hofe einen Besuch abzustatten.
3n London nahm am Montag der politische Sensationsprozeß „Times* ooutra Parnell seinen Anfang. Die zur Prüfung der von der „Times" gegen d°r"ell und andere irische Deputirte erhobenen Beschuldigungen - Mitwtssenschaft um bte Dubliner Morde rc. - eingesetzte Richter-Commission hielt am genannten Tage ihre erste Sitzung unter großem Andrange des Publikums ab; indessen förderte die Verhandlung nichts Wesentliches zu Tage.
In Preußen steht man vor dem Abschlüsse der Wahlbewegung, denn schon in nächster Woche, am 30. October, ist der cnlfcheidende Wahltag. Bekanntlich herrscht in Preußen bei den Landtagswahlen das indirecte Wahlsystem, nach welchem die Abgeordneten nicht, wie bei den Reichstagswahlen, direct gewählt, sondern bei dem von den Urwählern zunächst die Wahlmänner nominirt werden und erst die letzteren wählen dann die Abgeordneten selbst. Dieser letztere Theil des Wahlactes hat indessen eigentlich nur eine formelle Bedeutung, die Entscheidung liegt doch mehr oder weniger schon in der Wahl der Wahlmänner, die natürlich dann ihre Stimmen einem Angehörigen ihrer Partei geben und somit wird bereits der 30. October einen Ueberblick über den Ausfall der Wahlen gestatten, wenngleich erst der 6. November, der Tag der eigentlichen Abgeordnetenwahlen, das Wahlgemälde ergänzen wird.
Nach langer Zeit kann der Liberalismus in Belgien in seinem Kampfe gegen den Ultramontantsmus wieder einmal einen Erfolg verzeichnen. In Brüssel fand am Sonntag die Stichwahl zwischen dem gemäßigt-liberalen Candidaten Graux und dem clertcalen Candidaten Powis statt; die Wahl war durch den Tod eines katholischen Deputirten für Brüssel nothwendig geworden. Graux erhielt 5351, sein Gegner 5108 Stimmen und ist somit dem liberalen Candidaten das erledigte Mandat zugefallen; ob die liberale Bewegung in Belgien an diesen vorläufig vereinzelten Sieg einen neuen Aufschwung anknüpfen wird, muß indessen noch abgewartet werden.
Ist die Aera der russischen Truppenverschiebungen auf's Neue gekommen ? Nun, das officiöse Wiener „Fremdenblatt" wenigstens bejaht diese Frage, denn es hält allen entgegenstehenden Nachrichten gegenüber seine Meldung aufrecht, daß in den westlichen Gouvernements Rußlands in neuester Zeit wiederum beträchtliche Truppenverschiebungen aus dem Innern gegen die Grenze angeordnet seien. Welchen Zweck dieselben angesichts der herangenahten winterlichen Jahreszeit haben sollten, ist freilich absolut nicht erfindlich und es wird darum noch abzuwarten sein, ob denn das „Fremdenblatt" wirklich gut unterrichtet gewesen ist; eine Bestätigung dieser Nachricht würde allerdings für den europäischen Frieden wieder etwas bedrohlichere Aussichten eröffnen.
Die Kaisertage in Neapel haben einen erschütternden Nachklang gefunden. Schon vor einigen Tagen wurde gemeldet, daß ein mit Fahrgästen vollbesetzter, von den neapolitanischen Kaisersesten nach Brindisi heimkehrender Eisenbahnzug bet der Station Potenza*durch einen Bergsturz entgleist sei und daß hierbei eine größere Anzahl Personen verunglückt seien. Eine amtliche Depesche gab dann später die Zahl der Verunglückten auf ca. 60 an, aber jetzt stellt es sich leider heraus, daß diese Zahl noch viel zu niedrig gegriffen ist und schätzt man die Zahl der bei Potenza Verunglückten (Todte und Verwundete) neuerdings auf 350. Eine amtliche Darstellung des traurigen Sachverhaltes liegt seltsamer Weise immer noch nicht vor.
Die KaukasuSreise deS russischen KaiserpaareS hat mit dem Besuche "desselben in der Naphlastadt Baku ihren südlichsten Endpunkt erreicht und befinden "sich die Majestäten nunmehr wieder auf der Heimreise; an diesem Donnerstag sieht man ihrer Ankunft in der Gouoernementshauptstadt Kutais im Westkaukasus entgegen. "Alsbald nach seiner Rückkehr nach Petersburg gedenkt der Czar dem deutschen Kaiser -
Politische Rundschau
Gießen, 24. October.
Kaiser Wilhelm erfreut sich ungeachtet der großen Reisestrapazen und der Anstrengungen des Repräsentirens u. s. w., welche die letzten Wochen für ihn erklärlicher Weise mit sich brachten, des besten Wohlbefindens. Alle über den hohen Herrn in den letztvergangenen Tagen verbreiteten beunruhigenden Mittheilungen werden von competenter Seite als völlig unbegründet bezeichnet, wie denn auch Haltung und Aussehen des Kaisers nach seiner Rückkehr von der großen Südenfahrt jenen Mit- 4heilungen entschieden widersprechen. Daß sich der erlauchte Monarch von der zurückgelegten Reisetour durchaus nicht nachhaltig angegriffen fühlt, geht auch weiter daraus hervor, daß er den kommenden Freitag und Samstag bet Blankenburg am Harz -stattfindenden Hofjagden des Prinz-Regenten von Braunschweig beizuwohnen gedenkt, um sich zwei Tage darauf zu den Zollanschlußfeierlichkeiten nach Hamburg und nach wiederum zwei Tagen nach Leipzig zu begeben, um hier die Grundsteinlegung zum Rerchsgerichtsgebäude durch seine Gegenwart zu verherrlichen. An den Blankenburger Hosiagden werden sich von Fürstlichkeiten außerdem noch betheiligen die Herzöge von Altenburg und von Anhalt, der Fürst von Schwarzburg-Rudolstadt, Prinz Albert von Sachsen-Altenburg, die Prinzen Aribert und Eduard von Anhalt und Prinz Günther von Schwarzburg-Rudolstadt, auch Graf Otto von Stolberg-Wernigerode, General ^onfart Schellendorf, General v. Caprivi, General v. Albedyll und andere distin- guirte Persönlichkeiten haben Einladungen zu den Blankenburger Jagden erhalten.
Die weiter bevorstehenden Besuche des Kaisers in Hamb ur g und Leipzig gelten dort wie hier ie einem hochbedeutsamen Ereignisse. In der alten Hansastadt mtib der kaiserliche Herr die in Folge des Zollanschlusses errichteten großartigen Anlagen besichtigen und durch seine Gegenwart bei der ofsiciellen Zollanschlußfeier der nun vollzogenen vollständigen wirlhschaftlichen Einigung D^ttschlands die würdigste Wethe geben; auch die Anwesenheit des Reichskanzlers steht bekanntlich bei den Hamburger Festlrchkeiten zu erwarten. In Leipzig aber wird der Kaiser durch sein Erscheinen bei der Grundsteinlegung des Reichsgerichtsgebäudes einem Acte beiwohnen, in welchem das einheitliche nationale deutsche Recht zum sichtbaren Ausdrucke gelangt. So spricht sich in den Kaiserbesuchen in Hamburg und Leipzig symbolisch die fernere nationale Befestigung des Reiches und seiner Institutionen aus — möge nach beiden Richtungen hin die Regierung des jugendlichen Herrschers gesegnet sein!
Wie der „Hamb. Corresp." erfährt, haben ihr Erscheinen bei der Hamburger Zollanschlußfeier noch fernerjugefagt: General Feldmarschall Graf Moltke, die Minister v. Bötticher, v. Goßler, v. Scholz, v. Bronsart, Herrfurth, Graf Bismarck, sowie der Viceadmiral Graf v. Monts und der Geueraldirector der indirecten Steuern, v. Hassel- bach; auch die übrigen Bundesstaaten werden Vertreter entsenden. Im Ganzen umfaßt die Liste der osficiellen Theilnehmer bisher 194 Personen, abgesehen vom Gefolge des Kaisers. — In Bremen fand am Sonntag die Eröffnungsfeier des neuen Freihafengebietes statt.
Deutschland.
gnädigs^gnM^^ 23‘ October. Seine Königl. Hoheit der Großherzog haben Aller- T. a ^^3'c?otober den Kreisassistenzarzt bei dem Kreisgesundheitsamte Gießen, zu ernennen * Grunberg, zum Kreisarzt des Kreisgesundheitsamles Schotten 23. October. Se. Majestät der König von Sachsen, welcher bisher in Baden-Baden weilte, traf heute Nachmittag 5 Uhr 15 Mtn. hier ein. Seine Konigl. Hoheit der Großherzog, Se. Königl. Hoheit Prinz Heinrich von Preußen, Se. Konigl. Hoheit der Erbgroßherzog, I. I. G. G. H. H. die Prinzen Heinrich und Wilhelm von Hessen, Se. H. der Fürst Alexander und Se. D. der Prinz Ludwig von Battenberg empfingen den Hohen Herrn am Bahnhofe der Main-Neckar-Bahn. Die Herrschaften fuhren darauf nach dem Neuen Palais, wo um V26 Uhr Großherzogliche Wei fta tanket Nach zweistündigem Aufenthalt soll die Reise nach Dresden über Frankfurt-Hanau-Bebra fortgesetzt werden.
nn. Darmstadt, 23. October. sDritte evangelische Landes-Synode.l Nach Beginn der Verhandlungen tritt die Synode sofort in die zweite Lesung des Gesetz- Entwurfs über die Besetzung der evang. Pfarrstellen.
Seitens der Synode wurden bekanntlich am Samstag die § 4-8 der Regierunas- vorlage abgelehnt und die Regierungsvorlage in Frage gestellt. Mimsterialrath Emmerling stellte damals einen Vermittelungsontrag in Aussicht, welchen er heute einbringt. Nach demselben soll das Oberconsistorium, wenn es dem Vorschläge des Kirchenvorstandes in der Personenfrage nicht stattgeben will, erst die Entschließung deS ein holen, ohne dah die Stelle bis zur Entscheidung durch den vorgefchlagenen Bewerber zu besetzen sei. Im xßtuuo or-J™ „n2
einige redactionelle Abänderungsvorschläge. Geh. Staatsrath Hall wachs erkärt, der Ausschuß stehe dem Antrag des Abg. Emmerling sywpatisch gegenüber, ohne indeß seinen principiellen Standpunkt aufzugeben. Der Ausschuß erblicke in dem Antrag die Möglichkeit zu einer Einigung, auf welche er so großen Werth lege, daß er auf feine Anträge zu Gunsten des Emmerling'schen Antrags verzichten wolle. Minifterial- rath Emmerling begründet nun seinen Antrag, welcher den Zweck habe, einen Meinungsausgleich herbeizuführen. Die Synodalen Müller-Alsfeld und Dr. Weiffenbach sprechen ebenfalls für Annahme des Antrags Emmerling. Auch Director Brandt- Mainz begrüßt den Antrag, indem er hervorhebt, daß er es bedauert haben würde wenn die Synode ihre Beschlüsse aufrecht erhalten hätte und wenn dadurch die seitherige einmüthige Wirksamkeit der Synode in Frage gestellt worden wäre. Er fordere daher die Mehrheit und Minderheit auf zu einem einmütigen Votum, denn der Friede der evangelischen Kirche gehe ihm über Alles. Auch die Synodalen Dieffenbach und Kalb Henn empfehlen den Antrag. Letzterer hält es für persönlich nicht richtig, daß dem Oberconsistorium in persönlichen Fragen noch ein erweitertes Consistorium über- gestellt werden solle. Aber auch er wolle nur den Frieden und stimme daher für den Antrag Emmerling.


