Dienstag den 25 September
1888.
Nr. 224
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
jvureaur Schulstraße 7.
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Politische Rundschau
Gteßen, 24. September.
Die Manöoerzeit mit ihren Anstrengungen und Strapazen ist für unfern Kaiser kaum vorüber und schon rüstet sich der kaiserliche Herr, neuen Pflichten und Anstrengungen, die nunmehr an ihn herangetrcten sind, sich zu unterziehen. Denn die Zeit der zweiten großen Reise Kaiser Wilhelms steht vor der Thür und nicht gering werden die Anforderungen sein, die während dieser Zeit nach den verschiedensten Richtungen hin an den erlauchten Monarchen wiederum herantreten und zu deren Bewältigung die Frische und Spannkraft des jugendlichen Kaisers gehört. Wie bekannt, tritt Kaiser Wilhelm an diesem Dienstag seine große Herbstreise-Tourn^e an, die ihn zunächst nach Detmold führt, da der Kaiser die Einladung des Fürsten Waldemar zu einer Hofjagd angenommen hat. Während seiner Anwesenheit am Detmolder Hofe wird Kaiser Wilhelm auch das Hernlanns-Denkmal auf der Grotenburg besichtigen, das bekanntlich zur Erinnerung an die Befreiung Deutschlands vom römischen Joche durch den Eheruskerfürsten Arminius errichtet worden ist. Von Detmold aus reift der Kaiser weiter nach Köln, um der rheinischen Hauptstadt einen kurzen Besuch abzustatten, und dann nach Stuttgart, um hierauf die Mainau zu besuchen und hier am 30. September den 77. Geburtstag der Kaiserin-Wlttwe Augusta mit zu feiern. Von der Mainau gebt die Kaiserfahrt weiter nach München und wird hierbei wahrscheinlich die Stadt Augsburg die Ehre haben, unterwegs den Kaiser in ihren Mauern begrüßen zu dürfen. Am 3. October trifft der deutsche Kaiser in Wien und am 11. October in Rom, dem Glanzpunkte der ganzen Reise, ein; von Rom aus besucht der Kaiser noch Neapel und wird somit die Kaiserfahrt bis zum Fuß des Vesuvs gehen, lieber den Tag der Rückkehr des Kaisers nach Berlin ist noch nichts bekannt; vermuthlich erfolgt dieselbe in der dritten Octoberwoche. Ueberall trifft man schon die eifrigsten Vorbereitungen zu einem würdigen Empfange des Schirmherrn des deutschen Reiches und verspricht sich dieser Empfang in Stuttgart wie in München, in Wien wie in Rom und Neapel außerordentlich glänzend zu gestalten.
Erzherzog Albrecht, der erlauchte Vertreter des österreichischen Kaisers bei Len Müncheberger Manövern, hat sich während derselben wiederholt äußerst anerkennend über die Leistungen der Garde und des 3. Armeecorps ausgesprochen und bewiesen seine Aeußerungen, daß sich der erlauchte Oberfeldherr der österreichisch-ungarischen Armee in jeder.Hinsicht von der Kriegstüchtigkeit der deutschen Truppen überzeugt fühlte. Für die preußisch-deutsche Armee liegt in dieser Anerkennung des Siegers -von Custozza nur ein Sporn zu fernerem, rastlosem Streben.
Das Tagebuch, welches Kaiser Friedrich als Kronprinz während des deutsch-französischen Feldzuges geführt hat, ist jetzt im Auszuge in die Oeffentlichkeit gelangt. Die Aufzeichnungen enthalten über die Anschauungen des damaligen Kronprinzen bezüglich einer Reihe politischer Fragen mancherlei Interessantes, während sie wohl kaum als ein wichtiger Beitrag zur Geschichte jener großen Zeit zu betrachten sind, da sie neue bemerkenswerthe Thatsachen nicht aufweisen und in vielen Punkten nur eine interessante Kleinmalerei bilden. Wohl aber spiegelt das Tagebuch an zahlreichen Stellen auf's Neue die edle und erhabene Gesinnung des unglücklichen Fürsten wieder und so wird denn auch die Veröffentlichung dieses Documents dazu beitragen, im deutschen Volke das Gedenken an Kaiser Friedrich lebendig zu erhalten.
Die Landtagswahlbewegung in Preußen treibt ersichtlich mehr und mehr ihrem Höhepunkt zu. Auf die Conservatioen und die Nationalliberalen sind noch in voriger Woche auch die Freiconseroatioen mit ihrem Wahlaufrufe gefolgt, welcher in vielen Punkten an denjenigen.der Nationalliberalen anklingt und im Allgemeinen einen recht günstigen Eindruck gemacht hat. Es sind jetzt also nur noch das Centrum und die Freisinnigen mit den partei-officiellen Kundgebungen an die Wählerschaft im Rückstände; was das Eentrum anbelangt, so hält dasselbe auch gegenüber den bevorstehenden Wahlen an seiner Gepflogenheit fest, seinen Aufruf immer erst nach Bekanntgabe des Wahltermins erscheinen zu lassen. Die freisinnige Partei dagegen will diesmal überhaupt mit keinem besonderen Aufrufe vor die Wähler treten; nur für Berlin ist eine programmatische Kundgebung der freisinnigen Führer erschienen, vielleicht, daß dieselbe indirect auch für das ganze Land gelten soll. In Berlin selbst werden die Conservatioen, Freiconservattven und Nationalliberalen gegenüber den Freisinnigen Zusammengehen und dürfte der Kampf um die Berliner Landtagsmandate ein ziemlich heftiger werden.
Der dänische Reichstag ist auf den 1. October einberufen worden und wird hiermit die Epoche der parlamentarischen Kämpfe zwischen der radicalen Mehrheit der dänischen Volksvertretung und dem Ministerium Eftrup von Neuem anheben. Das Resultat derselben wird vermuthlich wie seit Jahren die abermalige Verweigerung des Budgets seitens der radicalen Parlamentsmehrheit sein und somit der budgetlose Zustand Im dänischen Jnselstaate fortdauern.
Zwischen der Türkei und Griechenland ist schon wieder eine kleine „Häckelei" in Gange. Die türkischen Behörden hatten griechischen Schwammfischern bei den Spo- raden-Jnseln die Ausübung ihres Geschäftes untersagt, infolge dessen sich die griechische Regierung bei der Pforte beschwerte. Da dieselbe sich, nach türkischer Manier, mit der Antwort durchaus nicht beeilt, so hat der griechische Minister des Auswärtigen, Dra- gumis, eine gepfefferte Note nach Constantinopel abgehen lassen und weitere Entschließungen Griechenlands in Aussicht gestellt. Eine besondere Bedeutung wird indessen dem neuen türkisch-griechischen Conflicte nicht beigelegt.
Die Belgrader Meldungen über die bevorstehende Rückkehr König Milans und über die angebliche Crisis im Ministerium Cristics widersprechen sich fortwährend, so daß aufklärende Mittheilungen noch abzuwarten sind.
peutschtand.
Darmstadt, 22. September. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 3. September den Landwirthschaftslehrer Dr. phil. Friedrich Knapp zu Bautzen im Königreich Sachsen zum Landwirthschaftslehrer an der in Verbindung mit der Realschule zu Groß-Umstadt errichteten landwirthschaftlichen Mittelschule mit Wirkung vom 1. October l. I. an, —
am 12. September den Finanzaspiranten Heinrich Kötter aus Rockenberg zum Rechner und Oekonomen an der Anstalt für Blödsinnige „Alicestift" — zu ernennen.
Darmstadt, 22. September. Seine König!. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 20. d. M. den Baumeister Ferdinand Reuter aus Darmstadt zum Sccretär des Oberbetricbsinspectors bei der Main-Neckar-Bahn mit Wirkung vom 1. October d. I. an zu ernennen.
Darmstadt, 22. September. Am 19. September wurde der seitherige Rechtsanwalt Friedrich Bi er au in Grünberg zum Gerichtsassessor ernannt.
Berlin, 22. September. Die nächste Plenarsitzung des Bundesraths findet am 26. d. M., Nachmittags 2 Uhr, statt. Auf der Tagesordnung stehen Anträge Preußens und Hamburgs wegen Verlängerung des sogenannten kleinen Belagerungszustandes.
Berlin, 22. Sept. (Äenderung des Patentwesens.) Es wird als wahrscheinlich bezeichnet, daß auf dem Gebiete des Patentwesens, sei es durch Abänderung des Gesetzes oder, was eher zu erwarten ist, durch anderweite Ausführungsbestimmungen eine Äenderung eintreten möchte. Einstweilen sind die Ergebnisse der bekannten Erhebung einer sehr genauen Prüfung unterzogen worden und es wird darüber an das Reichsamt des Innern berichtet werden.
Köln, 22. September. Die letzte Gesammtsitzung der 61. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte wählte in den Vorstand: Virchow (Berlin), Vorsitzender Brücke (Wien), Stellvertreter, ferner Biermer (Leipzig), Billroth (Wien), Becker (Heidelberg), Hegar (Freiburg i. B.), v. Hofmann (Berlin), Sanitätsrath Lent (Köln), v. Pettenkofer (München) und die beiden Geschäftsführer Quincke und Kühne (Heidelberg). Das Mitglied Dr. Gustav Hansemann (Berlin) wurde zum Schatzmeister und Dr. Lessar (Berlin) zum Generalfecretär gewählt.
München, 22. September. Die Generalversammlung des deutschen Vereins für Knaben-Handarbeit wurde heute Vormittag im Rathhaussaale unter großer Betheiligung eröffnet. Anwesend sind Vertreter des preußischen Cultusministers, der bayerischen, württembergischen, hessen-darmstädtischen und Fürst!. Greiz'schen Ministerien, der Stadtoertretungen von München, Berlin, Dresden, Mannheim, Brandenburg, Ulm, Gera, sowie vieler anderer» Städte. Auch zahlreiche auswärtige Lehrer- und Gewerkvereine haben Vertretungen entsendet. Dänemark, Schweden, Oesterreich und Rußland sind durch bervorragende Delegirte, Träger der Arbeitsidee vertreten. Stadtsckulrath Rohmeder-München eröffnete die Versammlung, Lammers-Bremen die Vereinssitzung. Oberbürgermeister v. Wiedenmeyer begrüßte hieraus Namens der Stadt den Verein. Die Versammlung beschloß alsdann einstimmig, ein Danktelegramm an den Reichskanzler Fürsten o. Bismarck für die gewährte namhafte Unterstützung des Reiches abzusenden. Groppler - Berlin reserirte über Lehrgang und Lehrart des Arbeils--


