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119 Freitag den 25. Mai 188&

Gießener Artzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

tetttttttt Schul st raße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf,

Amtlicher Iheil.

Bekanntmachung.

Betreffend: Die Vertilgung der Raupennester.

Die Garten- und Feldbesitzer der Gemarkung Gießen werden hiermit aufgefordert, bis zum 10. Juni l. Js. an Bäumen, Sträuchern und feeren vie Ntaupennester zu vertilgen.

Diejenigen, welche dieser Aufforderung nicht Folge geleistet haben werden, verfallen nach § 368, pos. 2 des Reichsstrafgesetzes in eine Geldstrafe c ^echSzig Mark oder in eine Haftstrafe bis zu vierzehn Tagen. Außerdem wird die Vertilgung der sich vorfindenden Raupennester <auf Kosten der Säumigen angeordnet werden.

Gießen, 22. Mai 1888. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Politische Ueberfieht.

Gießen, 24. Mai.

Unter der herzlichen Theilnahme des preußischen und deutschen Volkes schließen am heutigen Tage Prinz Heinrich von Preußen und Prinzesfin Irene von Heffen den Bund für's Leben und um dieses jüngste Familienfest im deutschen Kaiser- Hause webt die Freude über die sichtlich fortschreitende Wiedererholung Kaiser Friedrichs ihren lichten Schimmer. Wenn auch die Hochzeit des jungen fürstlichen Paares in Anbetracht der Rücksichten, welche das Befinden des Kaisers noch immer erheischt, lenes blendenden äußeren Glanzes entbehren muß, welcher unter anderen Verhältnissen dm Vermählungstag des Sohnes des Kaiserpaares umgeben haben würde, so vollzieht sich doch das frohe Fest immerhin im Nahmen einer gewissen Prunkentfaltung. Nament­lich wird dasselbe durch die Gegenwart zahlreicher fürstlicher Gäste verschönt, unter denen von fremden Fürstlichkeiten der Prinz von Wales, der Kronprinz von Griechen­land, der Großfürst und die Großfürstin Sergius von Rußland erwähnt seien, während sich an der Spitze der einheimischen fürstlichen Gäste der Großherzog von Hessen, als Vater der erlauchten Braut befindet; außerdem werden die Prinzen und Prinzessinnen des preußischen Königshauses und des großherzoglich hessischen Hauses, sowie die Ver­wandten beider Häuser aus den übrigen regierenden fürstlichen Familien Deutschlands anwesend sein. Nach dem Trauungsacte in der Charlottenburger Schloßkapelle und der Glückwunschcour vor den hohen Neuvermählten findet im Trompetensaale des Schlosses die Hochzeitstafel statt und schließt die Hochzeitsfeierlichkeit mit der üblichen Ceremonie der Anstheilung des Strumpfbandes durch die Ober-Hofmeisterin Freifrau v. Seckendorf ab.

Das preußische Abgeordnetenhaus hat sich an diesem Freitag endgültig über das Volksschullastengesetz zu entscheiden. Es verlautet jetzt, nicht nur das Zentrum, sondern auch die Freisinnigen seien entschlossen, an dem vom Herrenhause gestrichenen Paragraphen über die Verfassungsänderung § 7 welcher zum ent­scheidenden Punkte der ganzen Frage geworden ist, festzuhalten, so daß Alles auf die Haltung der Conservativen ankommt und diese wird ja die Abstimmung ergeben. Falls das Abgeordnetenhaus auf seinen früheren Beschlüssen bestehen bleiben sollte, würde es sich jedoch noch immer um die endgültige Stellungnahme der Regierung handeln, denn es bleibt der letzteren unbenommen, das Gesetz dem Herrenhaus alsdann nochmals vorzulegen, obwohl allgemein die Meinung vorherrscht, daß das Herrenhaus nicht mehr mit der Angelegenheit befaßt werden würde. Sollte das Gesetz indessen der ersten Kammer doch noch einmal zugehen, so wird dieselbe den 8 7 unzweifelhaft wiederum ablehnen und nunmehr erst wäre der Entwurf definitiv gescheitert; selbstverständlich würde aber eine solche Procedur einen nochmaligen Aufschub des Schlusses der Land­tagssession bedeuten.

Zu einem nationalen Weiheacte gestaltete sich die am Dienstag stattge- sundene Grundsteinlegung zu dem gemeinsamen Denkmal, welches Ulrich von Hutten und Franz v. Sickingen, den beiden muthvollen Vorkämpfern für die Glaubens- und Gewissensfreiheit [in Deutschland, auf der Ebernburg bei Kreuznach, dem Stammsitze der Sicktngen, errichtet werden soll. Der Feier wohnten Nachkonunen der beiden Ritter, der Oberpräsident der Rheinprooinz, Bardeleben, der Regierungs­präsident v. Puttkamer aus Coblenz und andere officielle Persönlichkeiten, sowie ein dtstinguirtes Publikum bei. Professor v. Gneist hielt die Festrede, in der er schließlich betonte, daß die höhere Macht, welche sich bis jetzt in der geeinten Nation über die Kirchen erhoben habe und allen Bekenntnissen vollständige Freiheit gewährleiste, Deutsch­land wiederum zu einem Mittelpunkte des europäischen Continents gesetzt habe, in welchem die beiden Grundrichtungen der christlichen Kirche sich friedlich vereinigen könnten. Deutschland möge Gott danken, der Alles gut gemacht und Deutschland Langsam zur Einheit heranreifen ließ, um vorher alle edlen Seiten des nationalen Lebens zu entwickeln. Die Feier schloß mit einem Festessen auf der Ebernburg.

In Frankfurt a. M. tagte in dieser Woche der 7. deutsche Lehrertag, der u. A. die Thesen, betr. die Forderung einer allgemeinen Volksschule, mit großer Mehrheit annahm.

Der deutsch-ostafrikanische« Gesellschaft ist jetzt eine engliche Concurrentin erwachsen. Wie derDaily Telegraph" meldet, hat sich eine englische o st afrika­nische Gesetlschaft gebildet, deren Gebiet an das der deutschen Gesellschaft angrenzt. Die letztere braucht zwar die neue Nachbarschaft nicht sonderlich zu fürchten, da sie sich in Folge fester Verträge im Besitze ihres ausgedehnten Gebietes befindet und außerdem unter dem Schutze des Reiches steht, immerhin wird die deutsch-ostafrikanische Gesell­schaft der wachsenden Concurrenz der Engländer in Ostafrika gegenüber die Augen offen halten müssen.

Für das Kronland Galizien '^werden neue Truppe «verschieb ungen an- gekündtgt, bestehend in der Verlegung derjenigen galizischen Regimenter, welche bislang noch außerhalb der genannten Provinz garnisonirten, nach ihren heimischen Ergänzungs- beztrken. Die offictösen Wiener Preßorgane beeilen sich indessen zu versichern, daß Liese neuerliche Truppenverschiebung mit politischen Verhältnissen und Fragen nichts

zu thun habe, sondern sich als eine lediglich interne, rein militärische Maßregel dar­stelle, wobei namentlich darauf hingewiesen wird, daß Galizien, obwohl es nach seiner geographischen Lage und Beschaffenheit die am meisten exponirte Provinz der öster­reichisch-ungarischen Monarchie sei, in der Durchführung seines Territorialsystems hinter den andern Provinzen zurückgeblieben sei.

Darmstadt, 19. Mai. Das Großherzogl. Regierungsblatt (Beilage Nr. 14) enthalt:

1. Summarische Uebersicht der Rechnung der Regierungsrath May'schen Schul- unterstutzungsstiftung für 1886.

2. Ermächtigung zur Annahme und zum Tragen eines fremden Ordens.

1A Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: Am 10. Mat dem Oberlandesgertchtsrath Dr. Franck zu Darmstadt die Erlaubntß zur An­nahme und zum Tragen des ihm von Seiner Heiligkeit dem Papste verliehenen Com- mandeurkreuzes des St. Gregorius-Ordens zu erthetlen.

3. Adelsanerkennung.

Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: Am 11. März den Adelstand des Rechtsanwalts Otto Brentano di Tremezzo in Friedberg für das Großherzogthum anzuerkennen und demselben, sowie seinen ehelichen Nach­kommen zu gestatten, den Namen von Brentano di Tremezzo zu führen.

4. Namensveränderungen.

5. Zulassung zur Rechtsanwaltschaft.

Am 9. Mai wurde der seitherige Rechtsanwalt bei dem Amtsgericht Nidda Eduard Holzapfel zur Rechtsanwaltschaft bei dem Landgericht der Provinz Oberhessen zugelassen.

6. 'Aufgabe der Zulassung zur Rechtsanwaltschaft.

Am 1. Mai hat der Rechtsanwalt Eduard Holzapfel in Nidda die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft bei dem Amtsgericht Nidda, der mit Wirkung vom 15. Mai zum Mtnisterialrath ernannte Rechtsanwalt Dr. Dittmar in Gießen hat die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft bei beni Landgericht der Provinz Oberhessen vom genannten Tage ab aufgegeben.

7. Milttärdienstnachricht.

8. Dienstnachrichten.

Seine Königliche Hoheit der Großherzog Haben Allergnädigst geruht: Am 13. März dem ev. Pfarrer Georg Friedmann zu Marienschloß die ev. Pfarrstelle zu Goddelau, am 27. April dem von dem Herrn Fürsten zu Solms-Braunfels präsen- tirten Pfarrverwalter Johannes König zu Maulbach die ev. Pfarrstelle zu Bellers­heim zu übertragen.

Am 10. April wurde dem Schullehrer Martin Lotz zu Münster eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Hechtsheim, am 22. Apnl wurde dem Schullehrer Heinrich Joseph Lehr zu Dienheim eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Nteder-Jngelhetm, an demselben Tage wurde dem Schullehrer Leonhard Schubert zu DietelShetm die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Welgesheim, an demselben Tage wurde dem Schulamtsaspiranten Georg Heid aus Ober-Kinzig eine Lehrerstelle an der Gemeinde­schule zu Jugenheim, an demselben Tage wurde dem Schuloerwalter Peter Joseph Ax zu Dalheim eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Appenheim übertragen; an dem­selben Tage wurde Philipp Jakob Dosch in Bensheim zum Kretsamtsgehilfen bei dem Kretsamte Bensheim auf Widerruf ernannt.

9. Eoncurrenzeröffnung.

Erledigt sind: Die mit einem evang. Lehrer zu besetzende erste Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Götzenhain mit einem Gehalte von 900. Mit der Stelle ist Organisiendienst verbunden. Dem Herrn Fürsten zu Jsenburg-Birstetn steht das Präsen­tationsrecht zu derselben zu. Zwei mit katholischen Lehrern zu besetzende Lehrerstellen an der Gemeindeschule zu Bürstadt mit nach dem Dienftalter sich bemessenden Gehalten von 10001300 JL Eine Lchrerstelle an der kath. Schule zu Nierstein mit einem nach dem Dienstalter sich bemessenden Gehalte von 10001500 jl. Mit der Stelle ist ein Theil des Kirchendienstes verbunden. Eine mit einer kath. Lehrerin zu besetzende Lehrerinnenstelle an der Gemeindeschule, zu Heppenheim a. d. B. mit einem Anfangs­gehalte von 1000 JL

Marburg, 23. Mai. Die Prinzessin Irene, der Großherzog, der Erbgroßherzog und die übrigen hohen Herrschaften trafen um 11 Uhr hier ein und wurden von dem Hofstaat und den zum Ehrendienst commandirten Herren empfangen. Außerdem waren der commandirende General v. Schlothetm und der Oberpräsident von Hessen-Nassau, Graf Eulenburg, sowie zahlreiche Officiere, Beamte und Geistliche anwesend. Depu­tationen von Damen und Landmädchen überreichten der hohen Braut Blumen. Das zahlreich anwesende Publikum begrüßte die Prinzessin mit enthusiastischen Zurufen. Der Großherzog und der Erbgroßherzog schritten die Front der auf dem Bahnhofe aufgestellten Ehrencompagnte ab. Nach einem Aufenthalt von etwa 10 Minuten erfolgte die Weiterreise.

Kastel, 23. Mai. Die Prinzessin Irene und die Großh. Herrschaften, welche von dem preußischen Hofstaat in Marburg in Empfang genommen waren, trafen um 2Va Uhr in dem festlich geschmückten Bahnhof hier ein und wurden von den gesammten Militär-, Civil- und städtischen Behörden empfangen. Der Oberbürgermeister hob in seiner Ansprache hervor, daß Prinz Heinrich während seines hiesigen Aufenthalts die Herzen Aller erobert habe. Nach dem Diner wurde unter Hochrufen der am Bahnhos versammelten Volksmenge die Fahrt nach Charlottenburg fortgesetzt.