Ausgabe 
25.2.1888 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Deutscher Reichstag:

44. Sitzung vom 23. Februar 1888.

Die zweite Beratbung des Etats wird beim Etat der Zölle und Verbrauchs­steuern (tit. 3 Zuckersteuer) fortgesetzt.

Aha. Duvigneau (nach.) wünscht Auskunft darüber, ob eine Bestimmung geschaffen werden könne, wonach Exporischeine für ans unseren Fabriken heroorgehenden Mucker eingeführt werden, welche auch auf andere Garantien übel tragbar seien.

Geh Rath Bocctus erwidert, daß diese Frage bereits eingehende Erwägung gefunden, die Entscheidung aber noch ausstehe; doch sollten, soweit es mit den Reichs- interessen irgendwie vereinbar, Erleichterungen für die Industrie eintreten.

Abg. Dr. Witte (freis.) dankt den verbündeten i-rrgierungen dafür, daß sie den Londoner Zackercongreß mit der Tendenz der Abschaffung der Zuckerexportprämien veranlaßt haben. Der jetzt eingeschlagene Weg sei der einzig richtige.

Abg. Robbe (Rchsp) freut sich, mit dem Vorredner übereinstimmen zu können. Er wünsche und hoffe, daß die Resultate des internationalen Zuckercongresses für unsere Gesetzgebung verwerthet würden und zur Aufhebung der Exportprämien führen möchten.

Der Titel Zucker st euer wird hierauf genehmigt.

Beim Titel Branntweinsteuer erklärt

Abg. v. Mirbach (cons.), daß ein abschließendes Urtheil über diese Steuer zwar noch nicht möglich, daß seine Freunde aber noch immer nicht die schweren Be­denken gegen diese Steuer fallen lassen könnten. LieRothlage des Ostens werde durch diese Steuer noch verschärft. Trotzdem diese Steuer die Landwirtbschaft schwer belaste, Hütten die Freisinnigen behauptet, die Branntweinsteuer sei für die Agrarier ein Geschenk von 34 Millionen. Wie unrichtig diese Behauptung sei, zeigten die gegenwärtigen Splritusnottrungen. Redner bedauert, daß der Reichstag die vom Bundesrathe geforderte Nachsteuer von 60 3t, sowie die von den Conseroativen beantragten Export­prämien für Spiritus abgelehnt habe. Er bitte, von den rigorosen Bestimmungen über die Steuercrrdite in diesem Jahre noch keinen Gebrauch zu macken.

Abg. Dr. Witte (freis.) bezweifelt, daß dle Rechte nur dem Staatsinteresse zu Liebe für die Branntweinsteuer votiit hätte; seine Partei lehne jede Verantwortung für dieses Gesetz ab. Wttkliche Hülfe könne das Gesetz den Landwtrthen nur bringen, wenn öle Production eingeschränkt weroe. , .

Abg. Rack 6 (Eentr.) beklagt die bet der Denaturirung des Sprrrtus vor­gekommenen Mißgriffe, worauf der Rückgang des Spiritusconsums zurückzuführen sei.

Geh. Reg-Rath Boccias erwidert, daß die Frage eines anderen Denaturirungs- verfahrens bereits eingehend erwogen werde und ein Abschluß dieser Untersuchungen in Bälde zu erwarten sei. ,

Abg. v. Helldorf (cons.) räumt dem Abg. Kalle gegenüber ein, daß dre Branntweinsteuer die kleinen Brennereien geschädigt habe, ohne dieselbe aber würden sie ganz zu Grunde gegangen sein.

Abg. Dr. Barth (freis.) bleibt dabel, daß die Branntweinsteuer ein Geschenk für die Landwirthschaft bedeute, die Rechte sei freilich tndignirt darüber, wenn man die Dinge beim rechten Namen nenne. Redner wendet sich dann gegen die vom Bundesrathe kundgegebene Absicht, die Berechtigungsscheine für 20 3t bei der Steuer in Zahlung zu nehmen; diese Scheine würden an der Börse nur mit 1818'/r 3t

Mchdem noch Abg. v. Helldorff (cons.) die Ausführungen,des Abg. Dr. Barth bekämpft, wird die Discussion geschlossen, Der Titel sowie der Rest dieses Etats und des der Reicksstempel ad gab en debattelos bewilligt.

Beim Etat des Reichsschatzamts sind für die Deckung der laufenden Aus­gaben der Universität Straßburg 40000 3t im Extraordinarium eingestellt.

Die Commission beantragt, diese Position in das Ordinarium einzustellen.

Abg. Dr. Petri (Hosp) bedauert, daß diese Position in das Extraordinarium eingestellt sei. Die Universität sei mit dem Münster die größte Zierde Straßburgs. Es habe Befremden erregt, daß dieser Reichsbeitrag jetzt in das Extraordinarium aus­genommen worden, man glaube im Elsaß, daß diese Aenderung die Folge des letzten Wahlausganges sei. Er werde die Verhältnisse seiner Hcimath stets vom nationalen Standpunkte aus betrachten.

Staatssecretär o. Bötticher spricht seine Genugthuung über die letzte Aeuße- rung des Vorredners aus und i offt, daß das gegebene Beispiel in Elsaß-Lothringen reiche Früchte tragen werde. Die Uedernahme dieser Position sei erfolgt aus etaistechnischen Gründen; die Pflege der Universitäten sei nicht -Lache des Reichs, überdies sei Straß­burg nicht Reichs, sondern Landesuniversität. Werde der Eommissionsbeschluß ange­nommen, so wisse er nickt, wie der Bundesrath entscheiden werde, er werde aber nach den Ausführungen des Vorredners rm Buudesrath für den Eommissionsbeschluß ein- treten, damit die Eliäfser erkenmn, daß ihre Interessen nirgends besser gewahrt seien als im deuischen Reich.

Nachdem die Abgeordneten Fürst Hatzfeld, Rickert und Dr. Wind thorst für den Antrag der Commission gesprochen, wird derselbe angenommen.

Der weitere Etat des Reichsschatzamts und des Reichs-Jnvalidenfonds wird debattelos erledigt.

BUm Etat des Allgemeinen Pensionsfonds wünscht Abg. Struckmann Abstellung des Verfahrens, wonach den in den Communaldienst eintretenden Offizieren die Pension gekürzt wird.

Minister Bronsart v. Schellendorf erklärt sich mit der Tendenz der Ausfüh­rungen des Vorredners einverstanden, glaubt aber, daß diesen Wünschen finanzielle Schwi rig- $eiten entgegenständen.

Der Etat wird hierauf bewilligt, ebenso der Etat der Reichs schuld.

Beim Etat der Außerordentlichen Zuschüsse enUpinnt sich eine längere Debatte über die Amortisationsfrage, an der sich die Abgg. Kalle (natl.), v. Bennigsen, Schrader (frs.) und Frhr. v. Maltzahn betheiligen.

Debattelos werden noch erledigt der Etat der Matrikularbeiträge und das Etatsgesetz; damit ist die zweite Berathung des Etats beendet.

Morgen 1 Uhr: Antrag Goldschmidt, Vogelschutz.

L s f na l e

Gießen, 23. Februar. In der heutigen öffentlichen Sitzung Großherzogl. Land­gerichts wurden nachstehende Namen behufs Bildung der Spruchliste für die am 12. März 1888 beginnende Sitzungsperiode des Schwurgerichts aus der Urne gezogen:

1. Bast, Johs., Bürgermeister in Beltershain.

2. Horst, Johs. III., Beigeordneter in Illstcr-C.ibertenrod,

3. Volk, LudwjgIXIH., Bürgermeister in Allendorf a. d. Lahn.

4. Schäfer, Heinrich, Rentner in Lich.

5. Christ, Georg, Förster in Ober-Ohmen.

6. Schultheiß, Heinrich II., Gärtner in Steinfurth.

7. Bender, Heinrich Leonhard, Fabrikant in Gießen.

8. Stahl, Hermann, in Kloppenheim.

9. Seilbach, Johs., Landwirth in Rainrod bei Schotten.

10. Keller, Andreas, Kaufmann in Gießen.

11. Keßler, Johs. VII., Landwirth in Großen-Linden.

12. Nückel, Wilh., Bürgermeister in Bettenhausen.

13. Lauterer, Freih. Riedesel'scher Sammtrath in Lauterbach.

14. Schmidt, Konrad, Landwirth in Strebendorf.

15. Dern, Anton III., Gemeinderechner in Lang-Göns.

16. Schüler, Wilh. Dr., Rechtsanwalt in Gießen.

17. Braune, Th. Wilh. Dr., Professor in Gießen.

18. Dürfen, Wilh. Dr., Professor in Gießen.

19. Loth, Ludwig, Beigeordneter in Kirschgarten.

20. Krauße, Rudolph, Kaufmann in Großen-Linden.

21. Lutz, Ernst, Landwirth in Hainbach.

22. Sandner, Johann, Gastwirth in Gießen.

23. Lenz, Philipp, Beigeordneter in Albach

24. seibert, Karl, Bäcker in Hungen.

25. Pichler, Karl Dr., Professor in Gießen.

26. Koch, Hermann, Landwirth in Stockheim.

27. Becker, Wilhelm X., Beigeordneter in Alten-Buseck.

28. Oriola, Graf Waldemar, zu Büdesheim.

29. West er nach er, Richard, Pachter in Lindheim.

30. Stichtenoth, Ferdinand, Kaufmann in Lauterbach.

Vermischtes.

Aus Oberbayern schreibt man demNürnb. Anz.": In dem Lokalblatte eines unserer kleinen Gebirgsstädtchen fand ich folgendeTraueranzeige", die ich getreu in Stil und Orthographie wiedergebe. Sie lautet:

Heute Morgen 7 Uhr Schied ins Land der Geister an der Schwmdsuchl Unheilbaren Weh, Mein vielgelübter Mann der Schneidermeister Georg Reisinger, im dritten Jahre Unserer Eh. Alle, die den Seligen kannten, wissen, was ich an Ihm Verlohr um stille Theilnahm' bitt ich bie Verwandten Mein Geschäft betreib' ich wie zuvor.

Hochachtungsvoll und ergebenst in tüfster Trauer Anna R.

im Nomen fämmtlicher Verwandten.

Literarische-.

Was sollen wir lesen? Vor 50 Jahren war cs mit der Lesekost für Frauen und Mädchen im Großen und Ganzen traurig bestellt. In den Stunden der Muse griffen sie wohl zu unseren großen Dichtern und erbauten sich an ihnen. Allein weder Schiller noch Goethe, noch der alljährlich zu Weihnachten erscheinende Almanach für die elegante Welt mit den romantischen Ritter- und Räuber-Geschichten konnten ihnen helfen, wenn sie eine große Wäsche veranstalten, das tägliche Mahl bereiten, ihre Kinder mit Mäichen, Gedichtchen oder Spielen erfreuen wollten. Wie eS Groß- und Urgroß­mutter gemocht, so machte es die Mutier; sie konnte es auch, denn der Verkehr war nicht groß und die Frauen der einen Gegend wußterr ost nickt, wie die andern draußen es trieben. Unsere Zett mit ihren gewaltigen Verketzrsnutt.ln stellt viel größere An­forderungen an die Frauen. Sie hat der häuslichen Fragen so viele gebracht, daß selbst ein Salomo nicht alle beantworten könnte.Warte nur lus zum Samstag", ruft dann die geplagt? Hausfrau dem ungeduldigen Gatten zu,da bringtunser" liebes Blatt Antwort auf alle Fragen". Der Samstag erscheint und mit ihmunser Blatt", die praktische, nur 1 3t vierteljährlich kostende ZeuschrittFür's Haus", gleich dem Mädchen aus der Fremde, für Jedes eine Gabe in ihren Spalten bergend. Sie bringt der Mutter das ersehnte Recipl, erzählt den Kindern ein schönes Märchen, weist der vom Schicksal schwer getroffenen Wiltwe einen anständigen Erwerb nach, tritt an das Belt des armen Kranken und ertheilt Witcke für lebte Pflege, lehrt die jungen Töchter des Hauses hübsche Handarbeiten fertigen, sorgt für Ordnung und Reinlichkeit in Küche und Keller, in Haus und Hof, im Garten und Stalle draußen und oben auf dem Boden, kurz, sie vergißt nichts und Niemand. Wahrlich, der Dichter hat Recht, der da sagt:

Nur eine schöne Kunst ist nützlich in der That, Hausdaltungskunft im Haus, im Leben und im Staat, Haushaltungskunst, die so der Künste Schaugepränge, Verw.ndet, daß kein Spiel den ernsten Zweck bedränge".

Landwirthfchaftliche Nachrichten.

(Nachdruck verboten.)

sBlühende FliederzweigeZ Zu den beliebtesten Vorboten des Frühlings gehören seil langem blühende Fliederbäumchen und Fliedersträucher und viele Gärtner betrachten die Treiberei des Flieders als eine Specialuät. Obgleich sich nun bewurzelte Fliederbüschc und Kronenbäumchen im Zimmer ziemlich leicht treiben und zur Blüthe bringen lassen, so hat dies für den Blum-nfreund doch seine Schwierigkeit, da nur selten Fliedersträucher in der geeigneten Größe und Beschaffenheit im Herbste zu erhalten sind. Jndeß kann man jetzt, von Ende Februar an, auch unbewurzelte Fliederzweige zur Blüihe bringen. Man wählt zu diesem Behufe solche Zweige, die an der Spitze recht große, viel oeripr eckende Knospen, tragen und schneidet die Zweige schräg, auf eine Länge von 20 bis 25 Ctrn. ein. Dann bringt man sie mit möglichst frischer Schnittwunde in ein Gefäß mit lauwarmem Wasser, das täglich durch Zusatz warmen Wassers wieder erwärmt werden muß, während man das Gefäß, um eine Auskühlung möglichst zu verhüten, hinter oder auf dem Ofen aufstellt. Sehr gut ist es, wenn man die Zweige bis nahe an die große Blüthenknospe mit einem Leinwand- oder Lösch­papierstreifen umwindet, dessen unteres Ende immer in das Wasser taucht und auf diese Weise die Rinde leucht hält. So schön und groß wie bei dem mit den Wurzeln getriebenen Flieder werden die Blüthensträuße allerdings nicht, immerhin sind sie derart, daß der Blumenliebhaber seine Freude daran hat und die Mühe belohnt wird.

GchLff-uuchTichten«.

Bremen, 21. Februar. sPer transatlantischen Telegraph.^ Der Schnelldampfer Eider, Eapt. H. Baur, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 11. Februar von Bremen und am 12. Februar von Southampton abgegangen war, ist gestern 3 Uhr Nachmittags wohlbehalten in Newyork angekommen.

Handel und Verkehr.

Limburg, 22. Februar. Rother Weizen pro Malter 3t 1495, weißer Weizen 3t 14.80, Korn 3t 10 25, Gerste 3t 9 40, Hafer 3t 6.40, Erbsen 3t 00.00, Kartoffeln 3t 0.00.

KireMthe Mrrzeigen der WieGeri.

EvsngeUschc GrMrindr.

Gottesdienst.

Sonntag Reminiscere, 26. Februar:

Vormittags 9Vr Uhr: Professor Dr. Go11schick.

Nachmittags 5 Uhr: Pfarrer Dingeldey.

Kinderkirche, Vormittags 11 Uhr, Pfarrer Schlosser. c

Montag, den 27 Februar, Abends 8 Uhr, Bibelstunde m der Klemkinder- schule, Markus Kap. 15, Jesu Verhör und Verurtheilung vor Pilatus.

Pfarrer Dr. Naumann. , ,. , ,

Mittwoch, den 29. Februar, Abends 6 Uhr: HI. Passionsand acht m der

Kirche. Pfarrer Dingeldev. 3 . ,,

Arn Sonntag Ocnli, den 4. März: Beichte und heiliges Abendmahl im Abendgottesdienst ~ , rf _ , f .

Die Pfarrgeschäfte in der Woche vom 26. Februar bis 3. Marz besorgt Pfarrer Dr. Naumann.

Katholische ÄeMeiutze.

Zweiter Fasten-Sonntag.

(Reminiscere)

Von 7 Uhr an Beichte.

Um 8 Uhr: Frühmesse und Austheilung der h. Communio«.

VzlO Uhr: Hochamt und Predigt.

2 Uhr: Fasten-Andacht.

Am Freitag um 6 Uhr: Predigt und Fasten-Andacht.

Am nächsten Sonntag beginnt die österliche Zeit.

L GgttesdienN in her Zynagsge.

Freitag Abend 5 Uhr. Samstag Morgen 830 Uhr, Samstag Mittag 3 Uhr, ' Samstag Abend (Purimfest) 619 Uhr.