Ausgabe 
25.2.1888 Erstes Blatt
 
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Ar 48 Erstes Blatt. Samstag den 25. Februar

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Vnreau r S ch u l st r a ß e 7.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerloh^ Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 M

Zwischenfälle scheinen auch an der italienisch-französischen Grenze nicht zu den Seltenheiten zu gehören. Auf dem Grenzbahnhofe Modana fand ein in seinen Einzelheiten noch nicht ganz aufgeklärtes ^encon.re zwischen dem italienischen Thierarzte Girolani und dem französischen StaöS- ante Farre statt, das einen Notenwechsel zwischen den beiderserttgen Regre- runqen zur Folge hatte. Die italienische Regierung schlug der französischen vor, zur Vermeidung fernerer ähnlicher Vorkommnisse das beiderseitige Dien,t- personal auf dem genannten Bahnhofe zu wechseln. DasJournal Eiercito', ein halbofficiöses italienisches Blatt, bespricht die französischen Truppenan­sammlungen an der italienischen Grenze und sagt: Italien verfolge roach- famen Auges diese Maßnahmen, welche durch die Haltung Jtallens^kemes- megS gerechtfertigt seien. .....

Politische Woche« «Ueberficht.

Gießen, 24. Februar.

Die Besorgnisse, welche das deutsche Volk gerade In der letzten Zeit wieder um seinen geliebten Kronprinzen hegen mußte, d-nameMltchprivaleBe richte au, San Remo sich über den Zustand des hohen Kranken se,. ernst äußerten, werden durch neuerliche Meldungen au« der Umgebung desselben etwas abgeschwächt. Wenigstens ist die Opcrationrwunde am Halse "unmehr glückbch verheilt, bis auf die für dar silberne Blhmungsröhrchen bestimmte Oeffaung, auch Husten Md Auswurf treten weniger belästigend auf und Schmerzen em« nfinbet der Kronprinz überhaupt nicht, außerdem fühlt er sich seit einigen Tagen wesentlich erleichtert. Leider hat aber die medicinische Wissenschaft den wahren Cha-ak/er der Im Halse wuchernden tückischen Leidens noch immer nicht zu erk-nn-n vermocht und so lange die« nicht geschieht, wird ftch auch die bange Sorge in ollen Volkskreisen um den theuern Kaisersohn trotz der zur Zett wieder etwa« günstiger lautenden Nachrichten aus Son Remo nicht verscheuchen lasten. Wa« die seit einigen Tagen courstrcnden Gerüchte von einer Reise Kaiser Wilhelm« nach San Remo anbelangt, so braucht e« wohl kaum emer besonderen Versicherung, daß dieselben der Begründung entbehren , d>e Aerzte würden sicherlich gegen eine solche weite und zur letzigen Jahreszeit doppelt de« schwerliche Fahrt ihr entschiedener Veto einlegen. Möglich ist e« >edoch immer­hin, daß der greise Monarch In seiner erklärlichen sorge um den geliebten einzigen Sohn einem derartigen Wunsche, wenn auch nur ganz andeutungrwetse, über die Verlängerung der Legislatur-Perioden und de« Socialistengesetzes eine allgemeine Abspannung eingetreten zu fein. Denn wie schon °m vorigen Samstag, so wiesen auch in dieser Woche die Sitzungen ganz bedenklich große Lück, n aus und dementsprechend konnten auch bie Verhandlungen kaum ein beton« bete« 3jje@ffeef^-jt4[age lm Reichstage verlautet, daß ber S-^ der Session noch vor dem 20. März in Aussicht genommen ist. Da die noch tagen« den Commissionen ihre Arbeiten zum Theil bereit« beendigt haben , so dürste er allerding« wohl möglich fein, bis zu dem angedeuteten Zeitpunkte die noch restirenden Vorlagen auch im Plenum definitiv zu erledigen. Voraurgefetzt muß hierbei freilich werden, daß dem Retchrlag kein neue« gesetzgeberischer Material mehr zugeht, wozu bie Regierung nicht Übel Lust zu haben scheint Denn fie will dem Bunderrathe demnächst nicht nur den Entwurf Über die Einbeziehung aller Berufe, die noch nicht der Unfallversicherung unterliegen, in dieselbe vor- legen, sondern auch die Stier«« und Jnvali°itätr.Versicherung««Vorlage, die nun wirklich im Reichramte de« Innern fertiggestellt fein soll. Fall« zedoch die Regie« runn gedenkt, mit diesen Gegenständen auch noch dem Reichstage zu kommen, so dürfte sie hiermit bei letzterem keine Gegenliebe finden, denn die jetzige perma- nente Leere im Reichstage - am Mittwoch z. B. sollen kaum 70 MitB-der anwesend gewesen sein besagt deutlich, daß die Reichsboten über Ostern hinaus schwerlich zusammenzuhalten sein werden.

Recht fleißig wird in den zur Zeit tagenden Volksvertretungen der Mittelstaaten gearbeitet, in den Landtagen von Bayern, Sachsen, Württemberg und Baden, so daß wohl überall in den genannten Bundesstaaten der Schluß der parlamealarifchen Thätigkeit bis Ostern zu erwarten steht.

Die au» Florenz eingehenden Berichte über da« Befinden des König« von Württemberg constatiren eine stetige, aber langsame Besserung.

DerNordd. Lloyd" hat den Bau eines neuen großen Reichs- post-Schnelldampfers von 6000 Tons beschlossen. Die Actiengesellschaft Vulcan" ist mit dem Bau des neuen Dampfers betraut worden und muß derselbe vertragsmäßig bereits am 1. Juli 1889 abgeliefert werden.

Die herrschende Unsicherheit in ber allgemeinen Lage verspricht, sich durch bie russischerseits angeregten neuen diplomatischen Verhandlungen über bie bulgarische Frage wenigstens in etwas zu klären. Jndeffen wäre es vorschnell, über das Schicksal ber russischen Eröffnungen, wonach also durch einen gemeinsamen Act dieAnwesenheit" des Prinzen von Co­burg in Bulgarien als ungesetzlich erklärt werden soll, schon jetzt cm ab« schließendes Urtheil zu fällen. Freilich ist es noch unerfindlich, rote Prmz ober Fürst Ferdinand aus Bulgarien entfernt werden soll, wenn bie Mächte keinen ,,Zwang" anwenben wollen, denn baß der Coburger auf eine bloße Aufforderung hin das Feld nicht freiwillig räumen wird, ist bei seiner bekannten Halsstarrigkeit zweifellos. Aber es ist schon etwas gewonnen, wenn neue Er­örterungen über baS bulgarische Problem in Fluß kommen, denn gerabe die bisherige totale Versumpfung der bulgarischen Angelegenheit hatte etwas Uu« heimliches an sich. Unzweifelhaft haben die russischen Vorschläge bet allen Mächten eine wohlwollende Aufnahme gefunden, nur ist über schon erfolgte officielle Antworten von dieser ober jener Seite her noch nicht« Authentisches bekannt geworden.

In ber belgischen Deputirtenkammer ist regierungsseitig das Gerücht, zwischen Belgien und der Friedensallianz bestünden gewisse Abmachungen, kurz und bündig dementirt worden. Trotzdem will man in Brüffel wissen, daß die Regierung in dieser Frage den Kammern und dem Lande nicht vollständig reinen Wein eingeschenkt habe.

nn Darmstadt, 22. Februar. sZweite Kammer der Landstände.1 Bei Beginn der heutigen Verhandlungen macht der Präsident die Mittheilung, daß die Wahl des Abgeordneten Bräumer nach Prüfung der Wahlakten für giltig zu erklären lei und bittet die Kammer um Zustimmung. ___nrr, - -

Hierauf tritt die Kammer in die Debatte über den Antrag Ullrich,die so- fortlae Jnhastirung des Landtags-Abgeordneten Jost betreffend . ,, ~

Die Kammer beschließt nach Anfrage des Präsidenten die Dringlichkeit mit allen Stimmen. rnoIb aIß Berichterstatter glaubt, daß die Regierung sowohl als auch die richterlichen Behörden vollständig auf dem Rechtsstandpunkt gestanden und daß wohl hier eine Verletzung des Art. 84 kaum stattgefunden habe.

Abg. Ullrich tritt mit großer Entschiedenheit diefen Anschauungen gegenüber, indem er betont, daß man diese Streit rage über Anwendung des Art84derDer- fassung nicht vom politischen Standpunkte betrachten könne. Es sei die Verfassung durch die Jnhastirung des Abg. Jöst durchlöchert worden, es sei daher Pflicht ber Kammer, ihr heiliges Recht, welches ihr durch die.Verfassungi rugetheilt zu wahren, indem fie einstimmig gegen die Jnhastirung eines ihrer Dtitglreder protestire.

' Abg. Wasserburg hebt hervor, daß er nicht das Wort ergreife, um etwa ein Einverständniß mit der Partei und den Ansichten des Abgeordneten Ullrich aus- zudrücken, sondern lediglich zu dem Zwecke, um im Interesse- des Hauses und des eigenen Ansehens Einspruch zu erheben gegen eine unrechtmäßige Jnhastirung eines Abgeordneten. Seitens des Oberlandesgertchts habe ^man sich eine Verletzung der Immunität durch die Verhaftung des Abg. Jost zu Schulden kommen lassen und er eX die Großh. Regierung, die Haftentlassung um der Wurde des Hauses willen zu veranlass^^ Ansicht der Regierung sprechen noch die Abgeordneten Heinzerling und Fin ger spricht sich entschieden gegen die Ansichten der Abge­

ordneten Ullrich und Wasserburg aus, da durch Art. 6 der Reichsgesetze die Immunität aufgehoben fei Die Großh. Regierung werde keinen Finger breit von ihrem Rechls- standpunkte abgehen, da die Jnhastirung des Abg. Jost gesetzmäßig erfolgt sei.

Abg. Bergsträßer stellt den Anttag, den Antrag nochmals dem Gesetzgebungs- Ausschuß zuzuweisen und beschließt das Haus demgemäß.

Bevor^da?Haus?ie gestern unterbrochene Budget-Berathung fortsetzt, findet die Vereidiauna des inzwischen eingetretenen Abgeordneten Bräumer statt.

Hierauf beginnt die Berathung bei Kap. 28 ' Polizeibehörden. Die Kammer beschließt nach dem Anträge des Ausschusses unter Absetzung von 400 personl. Zu­lage für den Polizeirath in Gießen die Summe von 27,200 X ju bewilligen.

Gegen den Abstrich sprechen die Abgeordneten Gutflersch und Metz-Gießen und W^rner^ §^armcrje beantragt der Ausfchuß, 34M80 X mit der Be­schränkung zu bewilligen, daß für den Fall eines Abganges eines der dermalrgen In­haber de^ Distrikts-Commandeurstellen die Stelle des Distrikts.CommandeurS dritter Gehaltsklasse Dacant gehalten und dessen Gehalt rc. dann in dieser Finlmzperwdenicht mehr verausgabt werde, dagegen während einer Vacanz für Stellvertretung 500 X mehr als vorgesehen verwendet werden dürfen.

Das Haus beschließt einstimmig demgemäß.

Kap. 30 bis 36 finden ohne Debatte die Genehmigung nach den Regierungs- Anträgen. , ,

Hebet das Kapitel 37, LandesuniversitLt, müssen wir etwas ausführlicher TCfet Die Anforderung der Regierung von 3000 «X für Vermehrung des Personals der Universitätsbibliothek - wovon 2000 X zur definitiven Anstellung eines Custos, IC00 X für einen weiteren Hilfsarbeiter bestimmt sind veranlaßt ^ine längere Debatte. Der Ausschuß beantragt, nur 2200 X zu bewilligen, wobei von Anstellung des Custos abzusehen ist, dagegen die früher bereits bewilligten 1000 X für Hilfs­arbeiter um 1200 X vermehrt werden sollen. ,

Geh« Staatsrath v. Knorr bemerkt: Der Ausschuß berufe s^^für seinen ftrich von 800 X darauf, daß die Bibliochek zu ®te6en eine ^ef^ranftc fe müsse diese Ansicht als irrig bezeichnen. Bereits vor zwölf Jahren habe bie Bibliothek 150 000 Bücher und 1208 Handschriften besessen. Jetzt ist die Zahl ber Bände auf 250 000 gewachsen. Das sei keine beschrankte Bibliothek. Im Gegentheil übertreffe sie andere Universitätsbibliotheken, z. B« Kiel, nicht unerheblich. Die Zahlderaus- geliehenen Werke sei auf 11-12000 ftn Jahre gestiegen. Bei dieser Bedeuwng der Bibliothek sei eine Vermehrung des Personals ganz unerläßlich, Redmrexe^Ustcirr auf Königsberg, Greifswald, Halle Marburg, wo drei und mehr Custoden unv arbeiter angeftellt seien. Mit 2200 X könne man kaum einen wissenschaftlicy ge

seien Fälle bekannt, wo Docenten bei ihrem Wegzug von iAiegen me ooriigc MLLÄÄISÄÄ »ä-> *'!-