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Nr. 21. Mittwoch den 25. Januar 1888.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

durearrr Schulstraße 7.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Psi

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Keulschland.

Darmstadt, 23. Jan. Am 20. Januar wurde der Gerichtsaffeffor Karl Röm Held in Büdingen zur Rechtsanwaltschaft bei dem Amtsgericht Bü­dingen, und der Gerichtsaffeffor Hermann Kampf in Osthofen zur Rechtsan­wallschaft bei dem Amtsgericht Osthofen zugelaffen.

Berlin, 22. Januar. Das heutige Ordensfest hat in hergebrachter Weise im Königsschloffe stattgefunden. Der Kaiser und die Kaiserin wohnte» lediglich der Verkündigung der neuen Ordensverleihungen, der Vorstellung der *eu ernannten Ritter, sowie der Defiliercour bei und kehrten sodann nach dem Prlats zurück. Der Prinz Wilhelm trank bei der daraus folgenden Galatafel

Politische Ueberficht,

«Gießen, 24. Januar.

Aus San Remo laufen über das Befinden des Kronprinzen durch­weg befriedigende Nachrichten ein; die Erkältung, welche sich der hohe Herr jüngst zugezogen hatte, ist von ihm rasch wieder überwunden worden. In den letzten Wochen haben Ausscheidungen kleiner Theilchen von jener Stelle im Halse des Kronprinzen stattgefundm, wo sich im vorigen November das Gewächs befand und erfährt dieser Ausscheidungsproceß ärztlicherseits eine sehr günstige Beurtheilung. In der Umgebung des Kronprinzen hält man jetzt seine Rückkehr nach Deutschland im kommenden Frühjahr für nicht ausgeschlossen. Am Sonn­tag unternahm der Kronprinz bei herrlichem Wetter eine Ausfahrt.

Noch im Laufe dieser Woche soll im Reichstage die Bsrathung des neuen Socialistengesetzes beginnen, nachdem ihr" bereits in der Presse eine wochenlange erregte Discuffion über diesen Gegenstand oorangegangen ist. Diese Preßpolemik hat indessen zur Klärung der Stellung brr einzelnen Parteien Zu der vorliegenden Frage verhältnißmäßig nur wenig beigetragen, sie spiegelte nur die Auffassung der verschiedenen tonangebenden Blätter wieder, ohne über die voraussichtliche Haltung der parlamentarischen Fraktionen selbst genügenden Ausschluß zu ertheilen. Mit berechtigter Spannung blickt man darum den Ver­handlungen über das neue Socialistengesetz entgegen, besonders, da von manchen Seiten die Ablehnung sowohl der Verlängerung als auch der vorgeschlagenen Verschärfungen schon als feststehend verkündigt wird.

Die Wehrgesetz.Commission des Reichstages tritt am nächsten Donnerstag in die zweite Lesung des Entwurfes ein. Falls dieselbe ebenso glat: verläuft, wie die Generaldebatre, so kann das Plenum möglicher Weise schon in den ersten Tagen der nächsten Woche die Specialberathung beginnen und er- wartct man von ihr, daß sie die verschiedenen Härten und Lücken, welche das neue Gesetz noch aufweist, beseitigen wird; daß dasselbe mit großer Mehrheit angenommen werden wird, unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, lieber die Höhe der Kosten für die Durchführung des Wehrgesetzes lausen noch immer allerhand uncontrolirbare Meldungen um; jetzt heißt es gar, die Regierungs­forderung betrage nicht 150 Mill, oder 200 Mill. JL, sondern 230 Mill. JL, welche natürlich durch eine neue Anleihe beschafft werden müßte».

Die Haftentlassung des wegen aufrührerischer Rede» zu 3 Monaten Gefängniß verurtheilt gewesenen irischen Depuürten und Agitators O'Brien ist von der Nationalliga zu dem Versuche benutzt worden, eine ihrer bekannten Demonstrationen in Scene zu setzen So sollte in Kilrusch eine große Versammlung zur Feier der Haftentlassung O'Brien's stattfinden, dre aber von der Regierung streng untersagt wurde. Auch in anderen irischen Städten, wie in Lismore und Tullamore, waren Festlichkeiten und Versammlungen zu Ehren O'Vrien's geplant, die von der Regierung vermuthlich ebenfalls verboten worden find. Zu Ruhestörungen scheinen diese Verbote nicht geführt zu baden, obwohl der hinkende Bote noch nachkommen kann.

Aus Rom wird noch immer von Nachklängen zur Papst-Jubel­feier berichtet. Am Samstag empfing der Papst diejenigen Persönlichkeiten aus Deutschland und Oesterreich-Ungarn, welche den Comitös zur Darbringung der Jubiläumsgeschenke, Vorbereitung der vatikanischen Ausstellung und Orga- msatian der P.lgerzüge angehört haben. Die deutschen Mitglieder wurden vom Fürsten Löwenstein, die österreichischen oom Grasen Pergen vorgestellt. Ferner erfolgte am Sonntag Vormtttag dic Heiligsprechung von Louis Gragnon be Mont­fort, bes Gründers der Missionäre des hüligen Geistes, in der Peterskirche Der Erzbischof von Paris cJebrirte die Messe. Am Nachmittag verrichtete der Papst vor dem Bilde des Heiliggesprochenen sein Gebet.

Heber die Vorgänge in Ostafrika lauten die Nachrichten noch immer etwas verworren. Bald heißt es, die Italiener seien entschlossen Saati anzugreifen, bald heißt es, diese Position sei von den Abessvniern gar mcht besetzt, nach einer dritten Version wären die italienischen Vortruppen ohne Kampf schon in Saati eingetroffen. Auch über die Haltung des Königs Menelik von Schoa, des mächtigsten Vasallenfürsten des Negus, lauten die Meldungen sehr widerspruchsvoll; das Wahrscheinliche ist, daß Menelik einst­weilen abwarten wird, wie der erste Zusammenstoß zwischen den Italienern und den Abessyniern abläuft. Ferner regen sich Privatberichten zufolge die Sudanesen wieder und sollen dieselben merkwürdiger Weise eine die Abeffunier bedrohende Haltung annehmen, während doch erst kürzlich von einem Vorstoße der Sudanesen unter Osman Digma gegen Suakim, also gegen die Stellung derEngländer am Rothen Meere, die Rede war.

im Auftrage und Namens des Kaisers auf dar Wohl der neuen und alten Ritter. b2r Kap.lls eröffnete der Kronprinz von Griechenland mit der

Prinzessin Wilhelm, welcher bet Tafel auch zur Rechten der Prinzessin fafe Von Diplomaten wohnten der Feier bei: die Botschafter de Launay Herberte und Benomar; ferner sämmtliche Minister und der Fürstbischof von Breslau Unter den Decorirten erhielt der Fürstbischof Kopp den Stern zum Kronen.' orden zweiter Klaffe, Dr. Dinder, Erzbischof von Gnesen und Posen, den rotüen Adlerarden zweiter Klaffe.

Merlin, 20. Januar. Der Kronprinz hat heute Mittag, wie die M. Ztg. aus San Remo meldet, eine Spazierfahrt im offenen Wagen in ter Richtung nach Poggio gemacht. Ueber da« Befinden der Kronprinzen wäb- rcnd der letzten Zeit giebt auch die nachstehende Drahtmetdung derVoss. Rta " befriedigende Auskunft: °

... L°"don, 20 Januar. Mackenzie empfing gestern befriedigende Rach, richten über das Befinden des Kronprinzen. Die Gerüchte, daß neue Symptome emer krebsartigen Gewächses sich gezeigt hätten, entbehren durchaus der Be« gründung. Am 14. d. Mts zog sich der Kronprinz eme leichte Erkältung mit Fieberanfällen zu, aber schgn am Dienstag war die Temperatur wieder normal Die Meldung, daß Mackenzie Ende Januar wieder nach San Remo reist ist unrichtig; das Dalum seines nächsten Besuches ist noch ungewiß. Der Kron-

, L mit IeBMter Freude der Aussicht entgegen, im Frühjahr nach Berlin

zuruckkehren zu können.

- Dis Adresse der Berliner Bürger an den Kronprinzen und die Frau Kronprinzessin liegt heute und morgen zur Besichtigung aus. Dieselbe wird demnächst nach San Remo gebracht und dort den erlauchten Herrschaften ru ihrem dreißigjährigen Hochzeitstage am 25. Januar überreicht werden Die Ausstattung ist eine kunstschöne. Dar Titelblatt hat der Kalligraph S Senaer in Wasserfarben ausgeführt; es versinnbildlichst dis Theilnahme der Bürger. 'd?ft und ihre Fürbitte um Genesung des geliebten Kaiserfohner. Ein Blick « r von San Remo bient ber Composition zum lenbfdboftliäen

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L r Berlin, 21. Januar. Aus San Remo wird derM. Ztg." gemeldet, baß ber Kronprinz heute Vormittag mit bem Erbprinzen und der Erbprinzessin von Meiningen und dem Prinzen Heinrich im offenen Wagen über die dicht belebte Promenade und sodann den Berigoweg hinaufg-fahren ist, auf dessen Höhe am Rondel er für einige Zett aurstieg. In einem zweiten Wagen folgten die Mazors v. Lynker und v. Kessel und Dr. Howell. Das Wetter war mild und sonnig ; dar Aussehen der Kronprinzen war vortrefflich. Die Störung in seinem Befinden kann jetzt als völlig gehoben betrachtet werden.

~ Rußland ist in seinen Bemühungen, eine größere Anleihe auf dem auswärtigen Markte zu erheben, unglücklich. Neuerdings weilt wieder eia be- kannter russischer Finanzagent In der Reichshauptstadt; doch wird er sich in seinen Unterhaltungen mit unfern Gelsmännern wohl schnell überzeugen, daß für die russischen Geldbedürsnisse deutsche Kapitalien für eine übersehbare fteit nicht mehr ausreichend zu haben sind.

onnl. Dar preußische Eisenbahnnetz umfaßt zur Zeit 21,338,60km, wovon 389km im letzten Jahre neu in Betrieb gesetzt wurden. Die größte Anzahl von Kilometern haben die beiden Provinzen Schlesien und die Rheinprovinr nnt 2865,71 und 2854,71km. Dar gesammte Anlagekapital für alle Strecken beträgt 5,865,376,569 Jt, oder auf den Kilometer 274,872

England.

London, 19. Januar. Die Geschichte der Unruhen auf Trafalgar Square wurde gestern nachträglich noch bereichert durch die Berurtheilung des Parlaments-Mitgliedes Cunningham Graham und der Socialisten Burns zu sechsmonatlicher Gefängnißstrafe wegen Theilnahme an ungesetzlicher Versamm. lung. Zwangsarbeit bleibt ihnen erlassen; im Uebrigen aber stehen sie gewöhn- lichen Sträflingen gleich. Auch würben sie gestern schon in Newgate untersucht, ausgezogen, gebadet, in Slraftracht gesteckt unb numerirt. Der Herausgeber berPall Mall Gazette", welcher das Gefängnißleben aus eigener Erfahrung fennt, bef^rcibt Zelle, Kost unb Beschäftigung. Erstere enthält eine Pritsche,

Tisch, einen Stuhl, eine Bibel, ein Gebetbuch und ein Bibliothekbuch. Die Mahlzeiten finden um 8, 1 und 5 Uhr statt; bas Frühstück unb Abend­brot besteht aus Brühe, Braunbrot unb Salz, bas Mittagessen aus Pudding

Munbrot. Mit ben übrigen Sträflingen kommen ste nur während der *ier0än9e Zusammen; sonst haben sie Einzelhaft unb beschäftigen mit Wergzupfen. Sehr angenehm und unterhaltend ist dies nicht; aber sie mögen doch dem Himmel danken, welcher ber Geschworenen Sinn so milde stimmte, daß ste von ben drei Anklagepunkten die Meuterei und die Angriffe aus die Polizei verneinten und nur die verhältnißmäßig harmlose Thellnahme an ungesetzlichen Versammlungen bejahten; sonst hätte es sechsmonatliche Zwangs­arbeit abgesetzt.

Deutscher Reichstag:

19. Sitzung vom 23. Januar 1888.

. v. W ed ell -Piesdorf eröffnet die Sitzung mit der Mittheiluna von

m be8 ?^g. 2B ö i b o ro = Reitzenstetn (cons.). Das Haus ehrt das Andenken des Verblichenen durch Erheben von den Plätzen.