Rr. 11® Erstes Blatt. Donnerstag den 24. Mai
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureaur Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Betreffend: Normal-Statut für öffentliche Waffergenoffenschaften zum Zwecke der Entwässerung von Grundstücken.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
a« die «rotzherzogltche« Bürgermeisterete« des «reis«.
Geltens der Großh. Oberen landwirthschaftlichen Behörde ist uns ein von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz genehmigtes Statut für eme nach dem Gesetz vom 30. Juli 1887 über die Bäche und die nicht ständig fließenden Gewässer gebildete EnjwäfserungSgensssenschaft mitgetheilt worden!
dreier Statut kann als Normalstatut aufgefaßt werden. Wir geben Ihnen hiervon unter der Empfehlung Kenntniß, sich wegen Ueberlaffung dieses Statuts an uns zu wenden, wenn die Einsichtnahme für Sie oder ein Mitglied Ihrer Gemeinde wegen eines etwa anzuregenden Meliorations-Projekts von «Antereffe fem sollte. *
Dr. Boekmann.
Politische liebersteht.
Gießen, 24. Mai.
Der Kaiser hat sich auch die Pfingstfeiertage über verhältnißmäßig recht wohl gefühlt und besagt dementsprechend das Charlottenburger Bulletin vom Dienstag Vormittag, daß das Befinden des Kaisers in den letzten Tagen erfreuliche Fortschritte gemacht habe. Husten und Auswurf seien mäßig, Fieber sei nicht mehr vorhanden; der Kaiser befinde sich viel im Freien und unternehme täglich Ausfahrten, lieber die Uebersiedelung des Monarchen nach .Schloß Friedrichskron steht jedoch noch immer nichts fest.
Nach einer langen schweren Zeit voll Trauer und voll Sorge ist mit der an diesem Donnerstag stattfindenden Vermählung dcS Prinzen Heinrich von Preußen mit der Prinzessin Irene von Hesien wieder ein Fest- und Freudenlag für das deutsche Kaiserhaus wie für die ganze deutsche Nation gekommen. Wohl ist die Erinnerung an den Heimgang Kaisers Wilhelm's noch immer frisch und wohl wohnt noch immer die Sorge um Kaiser Friedrich im Herzen des deutschen Volkes und es verbieten sich hiermit rauschende Freudenkundgebungen zum Vermählungstage des hochfürstlichen Paares von selbst. Aber die anhaltende günstige Wendung im Befinden Kaiser Friedrichs giebt doch den Untergrund für die gehobenere Stimmung, in welcher man am Berliner Hofe das Hochzeitsfest des zweiten Sohnes des Kaiserpaares begeht und die in der Nation ihren Widerhall findet und in dieser wieder hoffnungsfreudigeren Stimmung bringen denn auch Deutschland's Stämme dem jungen Paare ihre innigsten Glücks- und Segenswünsche zu der Vereinigung für's Leben dar.
Auf dem Gebiete der inneren Politik herrscht fast vollständige Windstille und alle Anzeichen deuten darauf hin, daß wir wieder vor der allsommerlichen stillen Zeit stehen. Augenblicklich inieressirt nur die Frage nach dem endlichen Geschick des preußischen Dolksschullastengesetzes, besonders in jAnbetracht des hierdurch heroorge- rufenen Gegensatzes zwischen Herrenhaus und Abgeordnetenhaus. Das letztere hat sich an diesem Freitag nochmals mit dem Gesetze zu befassen und ob dasselbe nun endlich perfect wird oder aber nur „schätzbares Material" für die nächste Landtagssession abgeben wird, hängt eben von den bevorstehenden letzten Beschlüssen der Abgeordneten ab und im Interesse der Wichtigkeit des Schullastengesetzes für die Gemeinden in Preußen kann man nur hoffen, daß die Volksvertretung den Anschauungen der ersten Kammer uachgeben und das Scheitern des Gesetzes somit verhindern wird. Nach der definitiven -Erledigung der Schullastenfrage, gleichviel ob im positiven oder negativen Sinne, wirb der Schluß der Landtagssession erfolgen.
Die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich haben durch verschiedene Grenzvorsälle der letzten Zeit, namentlich durch die Mißhandlung deutscher Studenten in Belfort und die Asfaire Littauer, wieder eine leise Verschärfung erfahren. Dieselbe tritt u. A. auch in den Auslassungen der „Nordd. Allg. Ztg." zum „Fall Littauer" hervor, bezüglich dessen das genannte offieiöse Blatt schrieb, daß den sich hierin doeumentirenden französischen Herausforderungen wahrscheinlich deutsche Repressalien folgen werden, man werde jedenfalls in Frankreich nicht das Recht haben, sich hierüber zu wundern, geschweige denn zu beklagen. Nach dieser Andeutung des Berliner Regierungsblattes möchte man beinahe annehmen, daß auch deutscherseits ein schärferer Aufsichtsdienst gegen die aus Frankreich kommenden Reisenden geplant wird, wodurch sich der deutsch-französische Grenzverkehr nur noch unerquicklicher gestalten wird, aber die Verantwortung und Schuld an diesem Zustande der Dinge trägt lediglich Frankreich.
Die Psingstfeier ist in der auswärtigen Politik durch keinerlei Ereigniß unterbrochen worden, welches einen Mißklang in die frohe Festesstimmung hätte bringen können. Im Gegentheil, es sind gerade aus den heutigen Pfingsttagen Ereignisse zu verzeichnen, welche nur im harmonischen Einklänge mit dem Friedenscharakter des lieblichen Lenzfestes stehen. Hierzu gehört die am Pfingstsonntag in Barcelona erfolgte feierliche Eröffnung der dortigen Weltausstellung, auf welcher sich die Kulturnationen der Erde wieder einmal im friedlichen Wettstreite auf den Gebieten der Industrie und des gewerblichen Lebens begegnen. Die Regentin, Königin Christina, eröffnete die Ausstellung in Person, worauf der Bürgermeister von Barcelona und der Regierungs- commissar Ansprachen hielten; der Ministerpräsident Sagasta erklärte alsdann die Ausstellung für eröffnet. Die Königin-Regentin unternahm, begleitet von den anläßlich der Eröffnungsfeier in Barcelona weilenden fremden Fürstlichkeiten einen längeren Rundgang durch die Ausstellung, bei welchem das Publikum die hohe Frau mit lebhaften Kundgebungen begrüßte. Am Abend fand ein Banket zu Ehren der in Barcelona anwesenden Fürstlichkeiten statt, welchem außer den letzteren die Botschafter und Gesandten, welche die Regentin von Madrid nach Barcelona begleitet hatten, sowie die Commandeure der im Hafen ankernden Schiffsgeschwader beiwohnten.
Ein weiteres bedeutsames Ereigniß aus der heurigen Psingstzeit repräsentirt die Gröffnung der Bahnlinie Belgrad-Saloniki, womit dem Weltverkehr ein ganz neues Gebiet erschlossen wird. Am Pfingstsamstag langte der erste Expreßzug aus
Paris in Saloniki an und dieses wichtige Ereigniß ward in der ägäischen Hafenstadt durch ein glänzendes Banket der offictellen Kreise gefeiert. Auf der ganzen Fahrt von Belgrad, resp. Nisch bis Saloniki ward das Pafsiren des ersten Zuges von der Bevölkerung als ein großes Fest begangen, ungeheuere Menschenmassen hatten sich aus jeder Station eingefunden, Militär war in Parade aufgestellt, die Stationsgebäude trugen Flaggen- und Guirlandenschmuck und wiesen deutsche, französische und türkische Willkommen-Inschriften auf. Auch die türkischen Behörden beobachteten überall beim Passiren des Zuges eine freundliche Haltung und all' dies beweist, wie sehr man in der Bevölkerung der von dem neuen Schienenwege berührten Gegenden der Balkan- Halbinsel die folgenschwere Bedeutung der Thatsache zu würdigen weiß, daß nunmehr das dampfende Eisenroß seinen Weg auch bis an die Gestade des Aegäischen Meeres gefunden hat.
In der belgischen Depntirtenkammer ist endlich die so lange in der Schwebe gewesene Frage der Maasbefestigungen zum Abschluß gelangt. Mit 61 Stimmen nahm die Kammer am Samstag die Vorlage über die Stärkung der militärischen Ver- theidigungsmittel Belgiens und die Befestigung der Maaslinie an, während sich 16 Deputate der Abstimmung enthielten. Ob freilich die großen finanziellen Opfer, welche sich Belgien durch die Anlage der Maasbefestigungen auferlegt, auch ihren Zweck erfüllen wcköeli, muß noch dahingestellt bleiben, wenigstens haben gewichtige militärische Stimmen die Befestigung der Maas als nutzlos für Belgien bezeichnet, im Falle dasselbe in einen europäischen Krieg verwickelt werden sollte.
Feutschlaud.
Darmstadt, 19. Mai. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute u. A. den Ministerialrath Dr. Dittmar, ferner die Professoren Dr Heß und Dr. Stade als Comit6 des Luther-Festspiels zu Gießen.
Darmstadt, 22. Mai. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller- gnadigst geruht:
Am 9. Mat den Seminarlehrer i. P. Hermann Stromberger zum Lehrer an dem Luvwig-Georgs-Gymnasium zu Darmstadt zu ernennen;
am 17. Mai den Landrichter bei dem Landgericht der Provinz Starkenburg Eberhard Weller zum Landgerichtsrath bei diesem Gericht zu ernennen;
am 20. Mai den Canzleidiener bei dem Hofmarstallamte Wilhelm Lefz auf fein Nachsuchen und unter Anerkennung seiner mehr als fünfzigjährigen treu geleisteten Dienste, mit Wirkung vom 1. Juni an, in den Ruhestand zu versetzen.
Darmstadt, 19. Mat. Das Amtsblatt des Großh. Ministeriums des Innern
Justiz, Sektion für Justizverwaltung, Nr. 11 enthält Ausschreiben d. d. 5. Mai 1888, betr. die Dienstvorschriften für den Oberstaatsanwalt und die Staatsanwaltschaften bei den Landgerichten.
Darmstadt, 19. Mai. sMilitärdtenstnachrichten.j Die nachbenannten Offi- ciere und Sanilälsofficiere außer Diensten sind in der Landwehr wieder angestellt und zwar: D '
o i Infanterie 2. Aufgebots: Sec.-L. Dietz, zuletzt von der Inf. des
Landw.-Bats. Darmstadt II (Landw.-Bats.-Bez. Gießen); Sec.-Lt. Dieffenbach zuletzt von der Inf. des Landw.-Bats. Gießen (desgl.); Sec.-Lt. Haberkorn, zuletzt von der Inf. desselben Bats. (desgl.); Sec.-Lt. Noack, zuletzt von der Inf. desselben Bats. (desgl ); Sec.-Lt., Kutsch, zuletzt von der Res. des 2. Großh. Hess. Jnf.-Rgts.
V6 Sec.-Lt. Wagner, zuletzt von der Inf. des Landw.-
Bats. Gießen (Landw.-Bat.-Bez. Worms).
. , „ ®ti d'r Kavallerie 2. Angebots: Sec.-Lt. Hoffmann, zuletzt von der Kao. des Landw.-Bats. Gießen (Landw.-Bats.-Bezirk Gießen)^ Sec.-Lt. Gail, zuletzt von der Kao. desselben Bats. (desgl.).
Bei den Sanitäts-Officieren 2. Aufgebots: Assist.-Arzt 1. 61. Dr. Stamm, zuletzt von der Landwehr des Landw.-Bats. Gießen (Landw.-Bats.-Bez. Gießen).
. ©erlitt, 19. Mai. Se. Majestät der Kaiser nahm gestern Nachmittag den Vortrag des Grafen Herbert Bismarck entgegen und arbeitete mit dem Chef des Mtlitär- cabinets v. Albedyll.
... 7^ 2hre Majestät die Kaiserin Augusta stattete im Laufe des heutigen Vormittags Sr. Maj. dem Kaiser Friedrich einen Besuch ab.
, , .77 Der „Post" zufolge haben sich die Anmeldungen zum Beitritte zur Spiritusbank fett gestern bedeutend vermehrt. Seit gestern sind 4 Millionen Liter neu hinzu- gekommen; von den Spritfabrikanten sind bereits 93 Procent beigetreten.
Berlin, 19. Mai. Se. Majestät der Kaiser machte Nachmittags um 5 Uhr 20 zVitn. mit der Kaiserin im offenen Wagen eine Ausfahrt in langsamem Tempo nach dem Grünewald. Im zweiten Wagen folgten die Prinzessinnen-Töchter, im dritten Wagen Dr. Mackenzie und General v. Winterfeld. Der Kaiser sah wohl aus und erwiderte freundlich die Grüße des Publikums, welches vielfach Blumenspenden darbrachte.
Münster a. St», 22. Mai. Die Feier der Grundsteinlegung zum Huiten- Sickingen-Denkmal auf der Ebernburg vollzog sich unter lebhafter Bethelligung der Bevölkerung des ganzen unteren Nahethales, sowie zahlreicher Fremden. Böllerschüsse begrüßten von der Höhe der Ebernburg den mit Musik von Münster a. St. ausgehenden Zug. Nach einem Chorgesang hielt Herr Kreiäschulinspector Bornemann an Stelle des er-


