Dienstag den 24. April
Nr. 95
188L
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Brrreairr Schul st raße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
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dem Staatsinteresfe des Donaureiches nichts weniger als vereinbar sind und dennoch gelten die Czechen als eine der „staatserhaltenden" Parteien in Oesterreich!
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Donnerstag wie am Freitag den Vortrag des Generals v. Winterfeld entgegen erledigte am letztgenannten Tage Negterungsangelegenheiten, obwohl er im Bett blieb. Am Abend des Freitag nahm das Fieber wieder etwas zu und auch Athmungsprozeß war beschwerlicher. — Die Stacht vom Freitag zum Samstag brachte der Kaiser leider nicht so gut, das Fieber war wieder etwas gestiegen. Athmung erwies sich am Samstag Morgen allerdings als ziemlich leicht, das gemeinbefinden war aber weniger befriedigend, als am Freitag.
Der Ankunft der Königin von England wird für Dienstag Vormittag
Politische Rundschau.
Gießen, 23. April.
Ist die .jüngste schwere Krisis im Befinden Kaiser Friedrichs wieder vorüber, hat die Niesenconstttution des kranken Monarchen auch den letzten furchtbaren Anfall seines tückischen Leidens üb^wimbeii? Noch möchte wohl Niemand wagen, diese Frage bestimmt und mit freudiger Zuversicht zu bejahen, denn die lange Krankheitsgeschichte unseres Kaisers weist nur zu oft jähe Uebergänge aus einer Situation in die andere auf, als daß man auf den Bestand der wieder eingetretenen günstigeren Wendung im Befinden des hohen Kranken mit Sicherheit rechnen könnte. Immerhin haben die so bettübenden Nachrichten über den Zustand des Kaisers aus den ersten Tagen der vorigen Woche gegen deren Ende hin mehr und mehr eine Abschwächung erfahren und auch die jüngsten Meldungen bekunden, daß die bedrohlichsten Erscheinungen allmählich verschwinden. Vor Allem hat das Fieber weiter nachgelassen, während anderseits die fortgesetzten Eiterentleerungen aus dem Kehlkopfe dem erlauchten Patienten eine unverkennbare Erleichterung bringen, selbstverständlich erscheint aber bei Beurtheilung des Gesammtzustandes noch immer große Vorsicht geboten. Schlaf- und Fiebermittel werden dem Kaiser seit ein paar Tagen nicht mehr gereicht, was doch jedenfalls ein gutes Zeichen ist und die Gerüchte über fernere krankhafte Erscheinungen bet dem Monarchen, namentlich was das angebliche Anschwellen der Füße anbelangt, sollen durchaus unbegründet sein. Trotz seines schwer leidenden Zustandes widmet sich der Kaiser mit bewundernswerther Hingabe den Pflichten seines Hohen Amtes. So nahm er u. A. am
Deutschland.
Darmstadt, 21. April. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller- gnädigfr geruht:
Am 28. März dem Schullehrer zu Wtes-Oppenheim im Kreise Worms, Franz Buchinger, das allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift: „Für langjährige treue Dienste" zu verleihen.
Berlin, 21. April. Das Abgeordnetenhaus genehmigte nach einer wenig erheblichen Debatte die Nothstandsvorlage nach den Beschlüssen zweiter Lesung. Bel der dritten Lesung des Volksschullastengesetzes wurde nach längerer Debatte, namentlich über Paragraph 1, der Staatszuscbutz für einen ersten ordentlichen Lehrer auf 400 vH, für einen zweiten ordentlichen Lehrer auf 300 JL und für eine ordentliche Lehrerin auf 150 vH festgesetzt. Im Uebrigen wurde auch diese Vorlage nach den Beschlüssen der zweiten Lesung genehmigt. Nächste Sitzung findet am Montag um 11 Uhr statt; auf der Tagesordnung stehen kleinere Vorlagen.
München, 21. April. Die Kammer der Neichsräthe nahm einstimmig die pfälzischen Hypothekengesetze in der Fassung der Kammer der Abgeordneten an, sowie das Unfallversicherungsgesetz und in kurzer Debatte den Milttäretat, wobei der Kriegs- Minister erklärte, die bayerische Remonte bevorzuge die preußischen Pferde, weil dieselben billiger seien. Hierauf wurde der Landtag von dem Minister des Innern vertagt.
Augsburg, 21. April. Die Handelskammer Schwabens beantragt im Einvernehmen mit norddeutschen Kammern eine gründliche Reform des deutschen Markenschutz-Gesetzes auf Grund praktischer Erfahrungen.
Hesterreich.
Wien, 21. April. Kaiser Franz Joseph fährt morgen Abend nach Innsbruck, wo am Montag die Begegnung mit der Königin von England stattfindet, die als ein Zeichen der politischen Freundschaft zwischen Oesterreich-Ungarn und England aufgefaßt wird. Der Kaiser hatte bereits einmal eine Zusammenkunft mit der Königin Victoria und zwar im Jahre 1863 in Koburg.
Wien, 21. April. Das Abgeordnetenhaus erledigte die Budgetkapitel „Ministerrath" und „Gemeinsame Ausgaben". Der Abgeordnete Neuwirth bemängelte die Höhe der gemeinsamen Ausgaben, beleuchtete die materiellen Interessen Oesterreichs im Oriente und bezeichnete eine friedliche Verständigung mit Rußland als sehr wünschens- werth. Der Finanzmtnister constatirte, daß in der Monarchie die Tendenz zu einer kriegerischen Action nicht bestehe. Das Interesse und die Pflicht aber der österreichischen und ungarischen, wie der gemeinsamen Regierung sei in der gegenwärtigen Zeit so viel a/s nur möglich für die Entwickelung der Wehrkraft zu thun. Die Haltung der erwähnten Regierungen stehe in vollem Einklänge mit dem Buchstaben und dem Geiste des allseitig und mit Recht so sehr gepriesenen Bündnisses, mit dem Deutschen Reiche.
gegengesehen.
Der BttNdeSrath erledigte in seiner Wochenplenarsitzung vom Donnerstag wiederum zahlreiche kleinere Sachen und überwies außerdem den abgeänderten Entwurf des Alters- und Jnvaliditätsoersicherungsgesetzes den zuständigen Ausschüssen zur Vor- berathung.
Das preußische Abgeordnetenhaus hat in voriger Woche das wichtige Volksschullastengesetz nach zweitägigen, zum Theil sehr bewegten Debatten in der Specialberathung meist nach den Commtssionsbeschlüssen angenommen. Dieselben andern die Regierungsvorlage in sehr weserülichen Punkten ab, besonders was die von der Regierung befürwortete durchgängige Aufhebung des Schulgeldes in den Volksschulen anbelangt. Die Eommission hat da eine Menge, von dem Hause mit großer Mehrheit genehmigter Ausnahmen festgesetzt, welche den Fortfall des Schulgeldes nur zu einem sehr bedingten machen und es ist nicht unwahrscheinlich, daß an diesem Widerspruche zwischen der Regierung und der Kammermehrheit das Gesetz schließlich noch scheitert. Es kommt hinzu, daß sich die Kammermehrheit auch hinsichtlich der Frage ob das Gesetz eine Verfassungsänderung bedinge, auf den bejahenden Standpunkt'der Commissiön gestellt hat, während die Regierung entgegengesetzter Meinung ist so daß also auch nach dieser speciellen Seite Schwierigkeiten obwalten. — Am Freitag erledigte das Abgeordnetenhaus die Eisenbahn-Vorlage in zweiter Lesung mit einigen Abänderungen, am Samstag nahm es die Nothstands-Vorlage definitiv an.
Eine neue Ueberschwemmung Deutschlands mit Ruffenwerthen fit der „Köln. Leitung" zu Folge schon seit einiger Zeit im Gange und handelt es sich namentlich um die erste russische Orientanleihe, von welcher bereits sechs Millionen Rubel auf den Berliner Geldmarkt untergebracht sein sollen. Es ist nach der „Köln. Ztg." im hohen Grade wahrscheinlich, daß nach dem Scheitern der jüngsten russischen Anletheversuche die in Berlin eingeführten Millionen der Orientanleihe verkauft werden sollen, um die zur Zahlung der nächsten Zinsscheine nöthigen Geldbeträge flüssig zu machen. Der Vorgang ist eine neue Warnung für die deutsche Capitalistenwelt, den Russen- werthen gegenüber die Augen offen, die Taschen aber zu ruhalten.
Die Liste des schon seit einigen Tagen fertigen neuen holländischen CabinetS Mackay ist gesetzlich euch amtlich veröffentlicht worden. Es ist, wie folgt zufammen- aeiefet9 Baron Mackay Präsidium und Jnners, Ruys Justiz, Godin de Beaufort Finanzen Hartzen Auswärtiges, Keuchenius Colonien, Oberst Bergansius Krieg, Dyserineck Marine, Havelaar öffentliche Arbeiten. Seinem politischen Grundcharakter nach ist das neue niederländische Ministerium ultraconservattv mit einem Stich ms intramontane und entspricht es somit im Allgemeinen nur dem Ausfälle der Neuwahlen zur holländischen Deputirtenkammer; wie sich das Eabinet Mackay jedoch zur liberalen Mehrheit der ersten Kammer stellen wird, bleibt noch abzuwarten.
Die Ausweisung des Redactionsstabes des „Socialdemokrat" aus der Schweiz bat die Weiterexistenz dieses socialistischen Hauptorganes auf schweizerischem Boden östlich inÄ gefteüt. VW daher, daß man in den „l-tt-nden Kreisen" der deutschen SocialbemoEratk die lieberfiebelung des Soctaldemokral nach einem anderen freien" Vnnbe erroäae Man soll habet in erster Linie an Belgien und dann an England denken, sich aber dabei nicht verhehlen, daß einem Erscheinen des Blattes auf belgischem oder englischen Boden von Seiten der betreffenden Regierungen wah^chein. lich Schwierigkeiten bereitet werden wurden I Nun, wie wäre es, wenn der „SociaL demokrat» sein Heim im souoerainen Fürsteiithum Liechtenstein au,schlüge, wo sich der socialtstische Moniteur gewissermaßen auf neutralem Boden befände
Der ezechische Patriotismus hat sich bei der Generaldebatte des oster- reich i ,chen Abgemdneknhaases über das Budget wieder einmal in bezeichnendem e ite prä enttrt Unter dem Beisalle seiner speeiellen Landsleute donner'- a ^ungczeche V-rsaty gegen das deutsch österreichische Bundniß, nachdem da, elbe et un. mittelbar vorher oom Finanzminister Tunajews« in beredien Worten g- erert wmdm war und sand der erleuchtete Blick des Herrn Vusaty das einzige Hei Oesterietch Ungarns in einer schleunige» Allianz mit Frankreich und Rußland. s^n 'mach b r m oe Palaty die Befürchtung aus, baß Oesterreich vom deutschen Reichskonzleretoö idjönen Tages einen „Fußtritt erhalten" werde und meinte er daher, daß sich Oester-
; reich lieber dem Wohlwollen Rußland's anvertrauen solle. Glücklicher Weise vermag ■ das Wuchgebrüll des czechischen Redners dem innigen Bunde Deutschlands und Oester- j reichs keinerlei Schaden zuzufügen, aber die Vasaty'schen Ausführungen beweisen doch ! wieder einmal, wohin die Herzensneigungen der Ezechen gehen, Neigungen, die mit
Arankreich.
PariS, 21. April. Die von den Bureaux der Kammer gewählte Verfassungs- revisionscommtssion besteht aus 4 Mitgliedern, welche gegen jede Revision sind, 2 Mitgliedern, welche die sofortige Revision der Verfassung wünschen und aus 5 Mitgliedern, welche zwar eine Revision der Verfassung wollen, einer Verschiebung der Revision, welche die Regierung Vorschlägen würde, aber zusttmmen werden.
Amerika.
New'Aorr, 21. April. Der Lloyddampfer „Donau", welchem auf der Fahrt von Baltimore nach Bremen der Schaft gebrochen war, ist durch den Dampfer „Geiser" hierher bugsirt worden.
Die Krankheit des Kaisers.
Berlin, 21. April, 1.14. N. Der Zustand >des Kaisers ist, wenn auch eine unmittelbare Gefahr nicht vorliegt, doch ernst. Das Fieber ging im Laufe des Vormittags nicht unter 39,2 Gr. zurück. Die Annahme liegt vor, daß neue, noch nicht entleerte Abscesse in der Umgebung der Luftröhre bestehen. Die Eiterentleerung ist heute geringer, der Eiter selbst dicker. _ ,
_ Die deutschen Aerzte des Kaisers glauben letzt auch, daß ein septisches Fieber, allerdings geringen Grades, vorliege. , c m c 3
Berlin, 21. April, 6.15 N. In den Nachmittagsstunden ist das Befinden des Kaisers verhältnißmätzig etwas besser, das Fieber etwas vermindert. Größere Be- ruhigung^ut^ingetreteMp^il, Die Hoffnungen, die sich gestern durch den
günstigen Verlauf des Tages regten, sind wieder zu Schanden geworden. Der Zustand des Kaisers hat sich verschlimmert. Von gestern Abend ab stieg das fieber, es überschritt im Laufe Nacht 40 Gr., Schlaf trat nur sehr unregelmäßig und mit vielen
Unterbrechungen ein und darunter leidet natürlich der allgemeine Kräftezustand. Gegen Morgen ging das Fieber etwas herunter, betrug aber Vor mittags noch genau einen Grad mehr als in denselben Stunden des gestrigen Tages, nämlich 39,2^Grad. Im Laufe des Tages ist wenig Veränderung eingetreten; nur die Athmung wurde etwas leichter, woher es wohl auch kommen mag. daß der Kaiser selbst gegen Mittag sein Allgemein b e finden als „komfortable" bezeichnete. Die Lungen wurden auch bei der heu?igen Untersuchung von Leyden und Senator als frei befunden. ^DietAnnahme, daß septisches Fieber in einer vorläufig noch milden Form
Wahrscheinlichkeit. Die Eiterentleerung ist geringer, was fälschlich als emb^0"ders günstiges Zeichen aufgefaßt wird, denn da allem Anscheine nach noch Abscesfe oor- banden sin^ verschafft der Abgang des Eiters dem Patienten Erleichterung und vermindert das Fieber. Ein günstiger Umstand ist es, daß ber ^aijer torefÖOE EetS' Itd) Nahrung zu sich nimmt und eine Widerstandskraft und Willensstärke bekundet, die Staunen und Bewunderung erregt. Die Stimmung m allen Kreisen ist eine recht trübe namentlich im Abgeordnetevhause kam das deittlich zum Ausdruck. ^Dabei uers anlaßt di7 ungünstige Wendung im Befinden des Kafiers auch zu Ueberttetbung n ' Es ist nicht richtig daß die Aerzte alle Hoffnung aufgegeben hatten und eo kann auch " nicht richtig sein daß ein gewisser Professor der Chirurgie wieder einmal Tag und


