Ausgabe 
23.9.1888 Drittes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 2LS Zweites Blatt. Sonntag den 23. September 1388.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Bureau r Schulstraße 7.

für Bessungen.

II

II

n

i

Mainz Offenbach Gießen Worms Alzey

3) Erbes- 275 Meter, Meter.

25,8 20,5997

25,5 21,886

23,226

und 24,587

25,8 19,623

25,5 20,555 23,293

im Vorjahre: 20,553 Pfg. für Darmstadt

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Steuerkapital Darmstadt 22,832 Pfg.

Hat er aber einen Degen, So kommt sicher gar bald Regen!"

DieserDegen" ist ein Wolkenstretfen, unter dem Gipfel sich vorlagernd. Ob indessen der Pilatus jetzt noch Lust haben wird, seinen Posten als Wetter-Prophetzu versehen, nachdem man den Frieden seiner Einsamkeit ihm raubte? Jetzt umwolkt

l

Auf dem Pilatusberge hat vor Kurzem ein 2228 Meter hohes Ereigniß stattgefunden: Die Probefahrt der neuen Zahnrad-Bahn! Wird er doch jedem Gebirgs-Liebhaber ein gut Stück näher dadurch gerückt, der Schweizer Bergrtese, dessen Gipfelpunkte noch bis Anno 1858 wegen ihrer steilfelsigen Naturbeschaffenhett nur aus­erwählten klettergewandten Menschenkindern zugänglich waren, bis damals vor dreißig Jahren ein besserer, breiterer Pfad in das unwtrthliche Gestein gehauen wurde. Nun hat das Dampfroß sich auch dieses stillen, hohen Bergfriedens bemächtigt, des Bergwahrzeichens von Luzern", denn das ist der Pilatus! Schon im frühen Mittel­alter war der Pilatus wohlbekannt und weltberühmt alsgroßer Herr", nur daß er damalsFrackmunt" oderFrackmont" hieß, als eine Germanisirung des lateinischen mons fractus, zerspaltener, zerbrochener Berg. Diesen seinen ursprünglichen Namen aber führt er höchstens noch in seiner allernächsten Nachbarschaft, in der Welt wird er längst, seit das Mittelalter in die Brüche ging,Pilatus" genannt, entweder von dem

j keltischen WortPilader, Pfeiler, stammend, oder dem lateinischenPileatus, einen / Hut aufhabend, weil er saft immer seine Nebelkappe trägt. Auch Pontius Pilatus, der römische Procurator, muß Geoatter stehen, in Anknüpfung an die Legende, daß der Leichnam dieses durch Selbstmord endenden Richters des Erlösers Jesu Christi, nach mehrfacher Wanderung schließlich in den kleinen jetzt ausgetrockneten Bergsee auf dem Pilatus geworfen sei, und auch dort nicht Ruhe finden könne, worauf die zahlreichen schweren Gewitter der dortigen Gegend zurückzuführen wären. Die Rück­sicht auf das Pilatus - Gespenst veranlaßte einst sogar den hohen Rath von Luzern im 15. und 16. Jahrhundert, ein förmliches Gesetz gegen das Besteigen des Pilatus zu erlassen, damit der unheimliche Störenfried, dessen Anblick besonders an einem Charfreitag Jedem Tod und Verderben bringen sollte, nicht seinem Zorn über die unerbetenen Besuche Luft mache. Nach altem Volks-Sprichwort heißt es, daß der Pilatus ein sicheres Wetter-Wahrzeichen sei und bleibe, nämlich:

Hat der Pilatus einen Hut, So wird das Wetter recht und gut!

sDie Höhen im Großherzogthum Hessen.) Bei der am 23. d. Mts. be­vorstehenden Thurmeinweihung auf der Neunkircher Höhe dürfte es gewiß viele Leser unseres 'Blattes und besonders Touristen interessiren, die bekanntesten Berghöhen unseres engeren EVaterlandes in systematischer Ordnung kennen zu lernen. Es dürfte namentlich Besuchern des neuen Thurmes mit seiner weittragenden Fernsicht von ganz besonderem Werthe sein, an der Hand dieser Zahlen, wie sie im Auftrage des Odenwald-Clubs durch Herrn Stadt- .geometer Fleckenstein ermittelt sind, sich aus den vielen ringsum hervorragenden Bergköpfen vergleichsweise orientiren zu können. Dieselben sind:

I. Provinz Starkenburg.

1) Neunkircher Höhe 605 Meter, 2) Seidenbuch (Kirchberg) 598 Meter, 3) Haardt­berg bei Siedelsbrunn 594 Meter, 4) Sensbacher Höhe 556 Meter, 5) Tromm 554 M., 6) Würzberg 547 Meter, 7) Krähberg 545 Meter, 8) Bulauer Höhe 525 Meter, 9) Meli- bokirs 520 Meter, 10) Eulbach 519 Meter, 11) Mooswald 518 Meter, 12) Felsberg 516 Meter, 13) Knodener Höhe 509 Meter, 14) Finkenbacher Höhe 475 Meter, 15) Rohrbacher Berg 453,5 Meter, 16) Hainhaus 453 Meter, 17) Frankenstein 419 Meter, 18) Böllsteiner SSöbe 405 Meter, 19) Steinkopf 404,5 Meter, 20) Lindenfels 404 Meter, 21) Güttersbach 403 Meter 22) Beerfelden 398 Meter, 23) Otzberg 369 Meter, 24) Auerbach (Schloß) 368 Meters 25) Waldmichelbach 360 Meter, 26) Zeller Kopf 355 Meter, 27) Schnellere 352 5 Meter, 28) Tannenberg 341 Meter, 29) Reichenberger Schloß 326 Meter, 30) Hering 318* Meter, 31) Breuberg 306 Meter, 32) Roßberg 302 Meter, 33) Starkenburg 298 M., 34) Ober-Ramstadt (Ludwigseiche) 291 Meter, 35) Lichtenberg 284 Meter, 36) Ludwigs­höhe bei Darmstadt 242 Meter, 37) Darmstadt (Bahnhof) 137 Meter.

II. Provinz Oberhessen.

1) Taufstein 783 Meter, 2) Hohenrodskopf 768 Meter, 3) Sieben Ahorn 742 M., 4) tzerchenhain 741 Meter, 5) Nesselberg am Oberwald 709 Meter, 6) Forellenteich 702 Meter, 7) Geiselstein 699 Meter, 8) Sackpfeife 670 Meter, 9) Feldkrücken 648 Meter, 10) Hasserod 625 Meter, 11) Ulrichstein 602 Meter.

III. Provinz Rheinhessen.

1) Eichelberg bei Fürfeld 320 Meter, 2) Steinbockenheim 312 Meter, büdesheim 301 Meter, 4) Warteberg bei Alzey 285 Meter, 5) Herrnsheim 6) Ockenheim 273 Meter, 7) Oberhilbersheim 270 Meter, 8) Wallertheim 269

Trauer wohl sein hohes Haupt und seine Geister klagen, daß ihr Reich nun zu Ende gehe und sie nun flüchten müssen und sich verlieren im Nebelschleier ihres Berg-AsylS und der Jahrhunderte.

Ein Erbschaflsstreit, der einzig in seiner Art dastehen dürfte, schwebt gegen­wärtig vor dem Gerichtshof von Melun in Frankreich. Paul August Barciller, so erzählt derTemps", war der Besitzer eines Schlosses in Boissise-le-Roi bei Melun. Barciller halte Jura studirt, sich mit Malerei beschäftigt und Alterthümer gesammelt, irgend welche Vorfälle aber scheinen ihm die Lebensfreude vergällt zu haben, verbittert zog er sich auf seine Besitzung zurück und baute hier, von seinen Mitbürgern wegen feines Geizes und feiner Procetzsucht verabscheut, seinen Kohl. Im Frühjahre 1887 war Barciller zu einem Monat Gefängniß verurtheilt worden, weil er auf einen Tage­löhner, der eine Forderung einziehen wollte, einen Revolverschuß abgegeben Halle; da er unschuldig verurtheilt zu sein glaubte und schon damals kränkelte, hoffte er bei Gelegenheit des Nationalfestes vom Präsidenten der Republik begnadigt zu werden. Aber er wurde nicht begnadigt und starb am 20. Juli 1887 im Gefängnisse von Melun. Das Testament Barcillers, das derselbe einige Tage vor seinem Tode seinem Wachter mit den Wortenjetzt kann ich ruhig sterben", übergeben hatte, bereitete den Erben eine arge Täuschung. Der Verstorbene hatte nämlich sein Schloß nebst Zu­behör, 180 ha Weideland, Wiesen, Wald und Aecker, dem damaligen Kronprinzen des deutschen Reiches vermacht mit der Bestimmung, daß daselbst unter dem Namen Colonie Barcillcr-Krvnprinz" ein landwirthschaftliches Institut eingerichtet würde, in dem nur Deutsche beschäftigt, Franzosen aber grundsätzlich ausgeschlossen sein sollten. Das war die Rache des Sonderlings, er wußte, daß er seine Landsleute am empfind­lichsten treffen würde, wenn er den verhaßten Deutschen das Erbe überwies, auf das jene bereits gelauert hatten. Die Erben fochten die Giltigkeit des Testaments an und auf diplomatischem Wege ging durch die deutsche Botschaft die Nachricht ein, daß Kaiser Friedrich III. dte Verhandlungen hatten sich bis zum Tode Kaiser Wilhelms hin­gezogen nicht gewillt sei, das Erbe anzutreten. Ein förmlicher Verzicht aber lag nicht vor und das Gericht hat sich noch nicht darüber ausgesprochen, ob jene Erklärung vor dem Gesetz als Verzichtleistung zulässig ist. Ist das nicht der Fall, so muß eine solche erst von den Erben Kaiser Friedrichs eingeholt werden. Bis zu der Ent­scheidung wird das Erbe von Sachkundigen, die das Gericht eingesetzt hat, verwaltet.

[$)ie Rache der Schwiegermutter.) In einer Villa des Berliner Thiergartenviertels gab es kürzlich ein glänzendes Fest, dessen Stimmung auf eine ebenso originelle wie drastische Weise gestört werben sollte. Der reiche und elegante Festgeber war nämlich nicht immer der große Herr gewesen, der er heute ist, sondern hatte im Gegentheil recht klein angefangen und erst nachdem er die einzige Tochter eines seither längst verstorbenen Grünzeug- und Geflügelhändlers geheirathet hatte, war er in die Höhe gekommen und schließlich zum reichen Manne geworden. Diese Ver­gangenheit wird aber ängstlich verschwiegen und vor aller Well verborgen gehalten und nur die Schwiegermutter erinnert den reichen Mann zu seinem Verdruß noch manch­mal unfreiwillig an jene Zeiten, wo er an Markttagen regelmäßig zu ihrem Stand­orte am Gensdarmenmarkt oder auf dem Dönhoffsplatze kam und sich schüchtern nach dem Befinden des Fräulein Tochter erkundigte. Diese unbequeme Schwiegermama wurde nun in dem eleganten Hause in der Villenstraße, wenn Gesellschaft da war, höchst ungern gesehen, und seitdem sie in einer solchen einmal einen höheren Osficier, der zuweilen in der Familie verkehrt, derb auf die Schulter geschlagen und zu ihm gesagt hatte:Wie jeht's, olles Papeken?" war sie gänzlich bet solchen Gelegenheiten verbannt und verpönt worden. Darob entbrannte in dem Busen der schwer belei­digten Frau der Durst nach Rache. Als nun an dem obenerwähnten Festtage Equipage auf Equipage an der Villa vorfuhr und distinguirte Gäste dem Feste zuführte, da promenirte die Frau Schwiegermama in dem denkbar primitivsten ehemaligen Markt- costüm, an jedem Arm einen großen Korb mit Gemüsen, Eiern rc., auf dem Rücken eine riesige Marktkiepe und auf dem Kopfe den bekannten vorsündfluthlichen Strohhut, vor der Villa auf und nieder. An jeden Wagen, der vorfuhr, trat sie zum unbeschreib­lichen Gaudium des schnell sich ansammelnden Publikums heran und rief mit lauter Stimme:Sie fahren woll ooch zu X'ens? Ick bin seine Schwiegermutter und mir hat er nich injeladen. So 'ne Jerneinheit! Jrüßen Se'n ooch hübsch von mich." In der vornehmen Gesellschaft soll diesmal eine eigenthürnlich gedrückte Stimmung geherrscht haben und viel früher als man gerechnet hatte endete das Fest.

ITheure Gasrechnung.) Vor 7 Monaten reifte ein Mr. Grinell mit Frau und Kindern aus New-Aork nach Europa, nachdem er fein leeres Haus fest ver­schlossen und die Schlüssel zu sich gesteckt hatte. Nach einer Tour durch England, Frankreich und Italien kehrte er zu seinem Heimwesen zurück. Noch an demselben Tage erschien ein Beamter der Gascompagnie bei ihm, warf einen Blick auf den Gaso­meter und erschien am andern Morgen mit einer Rechnung von 2600 Franken.Aber", rief Grinell entrüstet,ich habe vor meiner Abreise meine Schuldigkeit an die Com­pagnie bezahlt und kann feit gestern nicht für 590 Dollars Gas verbrannt haben." Verzeihung, Herr, der Gasometer kann nicht lügen."Das wollen wir sehen." Grinell nahm seinen Hut, eilte nach dem Bureau der Compagnie und verlangte Be­strafung des unredlichen Beamten.Auf jeden Fall," setzte er beim Abgehen hinzu, zahle ich nichts, denn ich bin nichts schuldig." - Am Abend erzählte er den Vorfall feiner Frau, die ihn lächelnd anhörte.Nun", sagte sie,man mutz eben die Rechnung bezahlen."Und warum?"Weil ich am Tage meiner Abreise etwas vergessen, und da ich bei verschlossenen Laden im Finstern das Gesuchte nicht finden konnte, die Gasbrenner angezündet hatte, die ich wieder auszulöschen ganz und gar vergaß. ,Und nun?"Nun haben sie, so lange wir abwesend waren, fortgebrannt und ich habe sie bei unserer Ankunft noch brennend gefunden." Mr. Grinell bezahlte sofort, unter höflichen Entfchuldigungen gegen den Secretär der Compagnie und den Beamten, seine Rechnung.

IFür Hochzeitsreifende ober Patienten.) Der Directton der fpanischen Bahnen wurde, wie dieW. A. Z." erfährt, vor einigen Monaten das Modell eines neuen Eifenbahn-Waggons vorgelegt, der für Hochzeitsreifende bestimmt ist. Der Wagen ist in kleine Coupös geteilt, weiche blos zwei Sitze enthalten, sodaß kein Dritter mehr sich eindrängen und die stille Seligkeit der Hochzeitsreifenden stören könne. Die Direktion hat das Modell ausführen lassen und den Wagen eingereiht, aber derselbe hat bisher noch keine Passagiere angelockt, weil sich die betreffenden Pärchen genirten, sich officiell als Hochzeitsreisende zu declariren. Die Direction, welche Anfangs die Absicht hatte, für das CoupS der Hochzeitsreise einen Ausschlag zu fordern, ist nun über ihren Mißerfolg sehr indignirt und hat erklärt, wenn sich die Beliebtheit des neuen Vehikels nicht bald deutlicher manifeftirt, werde man die neuen Waggons einfach als Coupss für Patienten durch die Conducteure empfehlen gebeefter Spuk.) Auf dem Kirchhof zu St. Quen in Frankreich spukte es" seit einiger Zeit. Vorübergehende hatten die Geister laut lachen Horen. Nach einiger Ueberwachung entdeckte die Polizei 18 Landstreicher und Diebe, die sich

Vermischtes.

- DerNass.Volksztg." schreibt man aus dem Großherzogthum Hessen, H8. September: Dem hessischen Volksschulwesen mangeln fortwährend die Lehrkraste, insbesondere katholische Lehrer. Das Schulmtnisterium Jab sich deshalb schon fett einer Reihe von Jahren zum Import auswärtiger Lehrer genötigt. Dazu stellte namentlich das ferne Großherzogthum Oldenburg ein beträchtliches (Kontingent. Die um Ostern dieses Jahres aus dem katholischen Lehrer-Seminar zu Vechta, dem einzigen des dortigen Landes, entlassenen neun Schulamtscandidaten traten inzwischen gleichfalls sammtlich in den hessischen Schuldienst. Das oldenburger Oberschul-Collegium bertef dagegen inzwischen mehrere der schon früher übergesiedelten jungen Lehrer wieder zuruck, da sich nach dorten ein Lehrermangel bemerkbar macht. Bei Entlassung aus dem oldenburger Dchulverbande behält sich nämlich die dortige Regierung dieiederzeitige Ruckberufung i hrer Lehrkräfte vor. Da aber das ganze Großherzogthum Oldenburg nur 190 katholische Lehrer zählt, fo gehören derartige Rückberufungen nicht zu den Seltenheiten. Die dadurch dem diesseitigen Schulwesen erwachsenden Lücken können jedoch vor der im kommenden Frühjahre erfolgenden Entlassung junger Lehrer aus den Seminarien kaum ausgeglichen werden, weshalb auch eine Reihe von Schulstellen bis dorthin unbesetzt Bbleiben muß.

__ Die Communalsteuerausschläge derjenigen Gemeinden des Großherzog- übums, in welchen die Städteordnung eingeführt ist, betragen demDarmst. Sagbl.' zufolge für das Etatsjahr 1888/89:

auf die Mark