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Nr 222 Samstag den 22. September 188&

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Preis vierteljährlick 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohm

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 M

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Bureaur Schulstraße 7.

Amtlicher Hßeil.

Betreffend: M. OtiM.f». b.n 19. 1888.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen

an di- Srotzherzoglichen Bürg-rm-ist-r-i-n des KreiseS.

Es ist zu unserer K-nntniß gekammen, daß sich noch immer Ortstafeln vorfinden, welch- veraltete Bezeichnungen bezüglich der Gerichtsbezirke enthalten.

Wir beauftragen Sie, für die Berichtigung solcher Tafeln Sorge zu AS^oekmann

Politische Rundschau

Gießen, 21. September.

Die glanzvollen Bilder, welche sich anläßlich der UaisermanSVer der preußischen Garde und des 3. Armeecorps seit voriger Woche auf dem Sande der Mark Branden­burg entrollten, haben am Mittwoch ihren effectvollen Abschluß erhalten. Denn nach­dem an diesem Tage gegen Mittag die letzten Schüsse zwischen den manovrtrenden Truppen gefallen waren, begann in den Nachmitlagsstunden die Einschiffung der Futz- truppen beider Armeecorps in den Bahnhöfen zu Straußberg und Müncheberg, sowie in dem zu diesem Zwecke vom Eisenbahnregiment eigens erbauten Militärbahnhofe in Ahnitz an der Ostbahn. Um diese 57 Bataillone fortzuschaffen, waren 1200 Wagen und 72 Maschinen nöthig, welche zusammen 31 Züge repräsentirten, in denen die Truppen nach ihren Garnisonen befördert wurden. Der Kaiser wohnte mit den könig­lichen Prinzen und den fürstlichen Manövergästen eine Zeit lang der Einschiffung der Truppen im Bahnhofe Ahnitz bei, alsdann verabschiedete er sich in herzlichster Weise von den fremden Fürstlichkeiten, welche nach Berlin zurückkehrten, während sich der Kaiser nach Hubertusstock zur Abhaltung von Jagden begab. Die somit beendigten Kaisermanöver des heurigen Jahres haben von Anfang bis Ende wiederum das schönste Zeugniß von der Tüchtigkeit und Leistungsfähigkeit der deutschen Truppen, in diesem speciellen Falle des Garde- und des brandenburgischen Armeecorps, abgelegt und nahm der allerhöchste Kriegsherr wiederholt Veranlassung, seine besondere Zufriedenheit mit den Leistungen der Truppen auszudrücken.

Die fürstlichen Manövergäste Kaiser Wilhelms haben zur Stunde sämmtlich wieder die Rückreise nach der Heimath angetreten, nur Großfürst Nicolaus von Rußland gedachte noch bis Samstag in der Reichshauptstadt zu verweilen, woselbst am Donnerstag Abend auch der König von Griechenland, auf der Heimreise von Kopenhagen nach Athen begriffen, eintraf. Jedenfalls wird aber in den Besuchen fremder Fürstlichkeiten am Berliner Hofe angesichts der unmittelbar bevorstehenden großen Herbstreisen Kaiser Wilhelms bis auf Weiteres nunmehr eine Pause eintreten.

Die nachsommerliche Stille in der innere« Politik ist offenbar vorüber und sind es namentlich die Vorbereitungen zu den preußischen Landtagswahlen, welche immer weitere und weitere Kreise ziehen. Daneben wirken auch noch mancherlei Vorgänge der jüngsten 'Zeit, wie die Ernennung Bennigsen's zum Oberpräsidenten von Hannover und der Personalwechsel in der Leitung des Reichsschatzamtes, in der öffentlichen Meinung nach und regen noch immer zu Erörterungen seitens der Tagespresse an. Schließlich schlägt auch die Frage der Neuorganisation der Neichsämter fortgesetzt ihre Wellen und wenngleich sie noch einigermaßen verschleiert erscheint, so ist sie jedenfalls mit den ihr officiöserseits zu Theil gewordenen Dementis nicht abgethan.

lieber den mehrtägigen Besuch, welchen Graf Kalnoky in dieser Woche dem Fürsten Bismarck in Friedrichsruh abgestattet, ist bis jetzt merkwürdiger Weise äußerst wenig in die Oeffentlichkeit gedrungen, selbst Diejenigen, welche doch sonst immer bei Diplomatenbegegnungen das politische Gras wachsen hören, wissen über die Entreoue beider Staatsmänner nichts zu fabuliren. Daß dieselbe aber lediglich im Interesse einer friedlichen Weiterentwickelung der Dinge in Europa erfolgt ist, steht außer allem Zweifel, selbst wenn dies vom WienerFremdenblatt" nicht so ausdrücklich betont worden wäre und deshalb kann man die Ergebnisse der abermaligen Diplomaten­begegnung von Friedrichsruh in vollster Ruhe abwarten. In wiefern die Meldungen einiger Blätter, es seien in den Verhandlungen zwischen Bismarck und Kalnoky auch Fragen handelspolitischer Natur zur Erörterung gelangt, den Thatsachen entspricht, läßt sich zur Zeit noch nicht beurtheilen.

In Desterreich-Ungarn zieht der Zwischenfall von Belovar noch immer seine Kreise und erst dieser Tage hat ja der ungarische Cabinetspräsident, Herr Tisza, in einer Bariketrebe seine außerordentliche Genugthuung über die mündliche Maßregelung des Bischofs Straßmayr durch den Kaiser Franz Josef ausgesprochen. Für den pan- slaviftenfreundlichen Bischof selbst sind aber die Eonsequenzen des Vorganges von Be­lovar noch nicht abgeschlossen, vielmehr macht sich nun auch die Stellungnahme des Vaticans gegen Dr. Straßmayr entschieden bemerklich. Wie diePol. Corresp." aus Rom erfahrt, hat die päpstliche Curie den croatischen Kirchensürsten zur persönlichen Verantwortung nach Rom berufen und nach den Aufklärungen Dr. Straßmayr's wird die Curie entscheiden, ob er auf seinem Posten als Bischof von Djakovar verbleibt, ober eine andere Verwendung erfährt.

In der österreichischen Hauptstadt rüstet man sich zu einem möglichst glänzenden Empfange deS deutschen Kaisers. Auch von Seiten des nieder- österreichischen Landtages steht eine Betheiligung an den EmpfangsfestUchkeiten zu ge­wärtigen und wurde in demselben ein bezüglicher Antrag bereits einer besonderen Commission überwiesen.

In Rumänien ist die Auflösung der Kammern durch königliche Botschaft aus­gesprochen worden und wird der Ausgang der sich hieran knüpfenden Wahlcampagne entscheidend für die Stellung des Ministeriums Rosetti-Carp sein. Das Ministerium hat bereits seinen Entschluß ausgesprochen, sich in keiner Weise beeinflussend in die Wahlen einzumischen, dagegen erklärt, daß es nach wie vor auf den Grundzügen seiner bisherigen Politik, zu denen auch unbedingte Anhänglichkeit an die königliche Dynastie, nach außen aber stricte Neutralität in den schwebenden europäischen Fragen gehöre,

verharren werde. Bukarester offieiöfe Nachrichten widersprechen dem Gerücht, der in dieser Woche abgeftattete Besuch des Erzherzogs Carl Ludwig beim rumänischen Königs­paare in Sinaja habe bezweckt, den König Karl zu einem Besuche in Wim anläßlich der Anwesenheit des deutschen Kaisers einzuladen.

Deutschland.

Darmstadt, 20. September. Seine König!. Hoheit der Großherzog sind gestern Abend 10 Uhr mit dem bekannten Gefolge von Mariahütte hierher zuruckgekehrt und im Schlosse abgestiegen. ,

Darmstadt, 20. September. An Stelle des kürzlich oerftorbenen Landgerichts­raths Oppermann in Gießen ist Herr Landgerichtsrath Holzapfel daselbst in bie Commission zur Begutachtung des Entwurfs eines bürgerlichen Gesetzbuchs für das Deutsche Reich berufen worden. m u

Berlin, 20. Sept. Die heutige jüngste Ausgabe derDeutschen Rundschau enthielt ein 32 Seiten großes Tagebuch Friedrichs III., welches er als Kronprinz während der ganzen Dauer des deutsch-französischen Krieges 1870/71 geführt hat und aus dem hervorgeht, daß Friedrich allein mit großer Entschiedenheit für die Wreder- aufrichtung des Reiches und des Kaiserthums eintrat, während König Wllhelm, Bis­marck und Andere diesem Gedanken lange widerstrebten und sich nur zögernd zu seiner Verwirklichung entschlossen. Das Tagebuch enthält viele interessante Einzelnheiten über die damals entscheidenden Personen und Vorgänge. (Fr. Z.)

Arankreich.

Paris, 20. September. Die gestrigeHavas"-Meldung, daß der deutsche Gensdarm Selbstmord verübt habe, bestätigt sich. Man fand in feinen Armen die abgeschossene Flinte und in seiner Wohnung einen Zettel, worin er die Absicht des Selbstmordes kundthut. Unglückliche Liebe soll ihn zu der That getrieben haben. Er gehörte der Gensdarmerie von Dannemarie an und stammte aus Lauterbach. Etnige chauvinistische Organe stellen die unsinnige Behauptung auf, daß der Leichnam von Deutschen auf das französische Gebiet transportirt worden fei, um einen neuen Zwischen­fall zu veranlassen. Der Gensdarm wurde seit dem 8. August vermißt und in Dannemarie für einen Deserteur gehalten. Da der Leichnam in Verwesung über­gegangen, wurde er sofort nach der gerichtlichen Untersuchung begraben. Er wird von der Familie reklamirt. (% B-)

Telegraphische Depeschen.

Wslst's telegr. Eorrespondrnz. Durearr»

Berti«, 20. September Der Reichsanzeiger veröffentlicht den an den Ober­präsidenten der Provinz Brandenburg gerichteten Allerhöchsten Erlaß, welcher lautet: Die Provinz Brandenburg ist durch die diesjährigen großen Herbstübungen des Garde- und des III. Armee Corps, besonders in einzelnen Theilen durch die enge Zusammen­ziehung der Truppen, in hohem Grade in Anspruch genommen worden. Aus den Meldungen der beiden Armeecorps ersehe ich, daß trotzdem seitens der Kreis- und Ortsverwaltungen, wie seitens der einzelnen Bewohner den Anforderungen mit großer Bereitwilligkeit entsprochen wurde. Sämmtliche Truppen sind, wie Ich dies von Meinen Märkern nicht anders erwartet habe, gut und freundlich ausgenommen worden. Es gereicht Mir zur besonderen Freude, hierfür, wie für den Mir persönlich in Münche­berg bereiteten herzlichen Empfang Meine warme und dankende Anerkennung auszu­sprechen, und beauftrage Ich Sie, dies zur Kenntniß der ganzen Provinz, insbesondere aller näher Betheiligten zu bringen. ,

Müncheberg, den 19. September 1888. «Bugelm.

Berlin, 20. Sept. General Oberst Pape übernahm heute die Geschäfte des Gouvernements an Stelle des Generals Werder, der auf sein Abschiedsgesuch unter Belassung im Verhältnis als Generaladjutant des Kaisers zur Disposition und glerch- zeitig ä la suite des Garde-Füsilier-Regiments gestellt wird.

Berlin, 20. September. Die Poft veröffentlicht dm Wahlaufruf der frei- costservativen Partei. c n

Werbig (Kreis Lebus), 20. September, lieber eine gestern Abend gegen 7 Uhr hier stattgehabte theilweise Entgleisung eines Militärzuges wird Folgendes mitgetheilt: Der betreffende Ertrazug 5a mit 1500 Mann des Regiments Nr. 64 sollte auf der hiesigen «Station vom G-lels- der Ostbahn aus die Linie Franksurt-Angermunde uber- gesetzt werden. Hierbei entgleiste ein Theil des Zuges aus einer bisher nicht f-stg-st-ll'cn Ursache. Fünf Wagen stürzten um und wurden beschädigt, die darin besindlichen Soldaten erlitten nach den Aussagen des Stationspersonals außer einigen Haut­abschürfungen und leichten Quetschungen keine Verletzungen. Nachts traf ein Hilfszug aus Freienwalde ein, mit dem die Soldaten gegen 12 Uhr weiterbefördert wurden. Die Militärtransporte stockten vollständig, da die Strecke erst gegen 4 Uhr frei wurde. Die Aufräumungsarbeiten wurden vom Arbeitspersonal der Ostbahn und von Ao- tyeilungm des Eisenbahnregiments ausgeführt. Nachts gegen 2 Uhr bezogen noch die bei Müncheberg der Einschiffung harrenden Truppen in Müncheberg und Umgebung Nothquartiere: dieselben kehren zur Zeit in Fußmärschen nach ihrerGarmfon zurück.

Berlin, 20. September. In Betreff der Entgleisung des Militärzuges 5 a bei Werbig wird amtlich mitgetheilt, daß dieser Zug, welcher das 64. Infanterie-Regiment nach Prenzlau und Angermünde befördern sollte, fahrplanmäßig auf der Guterftatton Werbig eingetroffen ist und hier weiter nach dem Bestimmungsort Letschin rc. befördert werden sollte. Da die von dem Betriebsamt Berlin-Stettin gestellte Zugmaschine den 8ufl nickt allein anzuziehen vermochte, wurde die diesseitige Maschine zum Schieben des Huges beordert. Bei dieser Gelegenheit entgleiste auf bislang noch nicht aufgeklärte Weise ein dreiachsiger mit Soldaten besetzter Wagen, welcher sich zur Sette legte und