Mittwoch den 22. August
Nr. W»
188k
MWlW
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Vurcaur S ch u l st r - ß - 7. ' Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
A w L k i ch e r H ö e i k.
Betreffend: Lieferung von Militärbekleidungsstücken im Falle einer Mobilmachung. Gießen, am 20. August 1888.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an di* Grotzh-rzoglichen Bürgermeisterei*« des «re,se».
Falls in Ihrem Bllrgermeistereibezilke Wollwaarenfabrsianlen ansässig sein sollten, wollen Sie uns die Adressen derselben baldigst mittheilen.
I. V.: Jost.
Politische Rundschau
Gießen, 21. August.
Die einen so tiefen Eindruck im In- wie im Auslande hinterlassende Rede Kaiser Wilhelms anläßlich der Frankfurter Denkmalsseier ist, wie sich nachträglich herausstellte, oom osficiösen Wolff'schen Telegraphen-Bureau in mannigfach verstümmelter Weife wiedergegeben worden. Infolge dessen erschien im „Reichsanzetger" der officlöfe Wortlaut der Kaiserrede, wonach die Hauptstellen derselben, in denen Kaiser Wilhelm II. eine seinem hochseligen Vater zugeschrtebene Schwäche scharf zurückweist und mit voller Entschtedenheit erklär:, Deutschland werde keinen Stein von dem zurückgeben, was Kaiser Friedrich einst mit erringen half, an Wärme, Klarheit und Entschlossenheit des Ausdruckes noch wesentlich gewinnen. Außerdem wird durch die officielle Berichtigung noch manches andere beseitigt, was an der kaiserlichen Rede in deren ursprünglichen Lesart einigermaßen auffällig erscheinen mochte; so hat der Kaiser z. B. nicht den Ausdruck „aus der Strecke", sondern „auf der Wahlstati" gebraucht und ist dies offenbar auch ein weit richtigeres Bilo.
Die seit dem Rücktritte des Herrn von Puttkamer erledigte Stelle des Vicepräsidenten des preußischen Staatsministeriums ist durch Herrn von Bötticher, dem Staatssecretair im Reichsamte des Innern, wieder neu besetzt worden. Herr v. Bötticher ist demnach durch diese Ernennung der Vertreter des Reichskanzlers sowohl im Reiche — als Vorsitzender des Bundesrathes — als auch in Preußen — als Vicepräsident des Staatsministeriums — geworden.
lieber die geplante deutsche Expedition zur Unterstützung Emin Paschas vernimmt man, daß sich zur Förderung dieses Unternehmens in Berlin ein provisorisches ComitS gebildet hat, dem auch der inzwischen wieder in Egypten eingetroffene Afrikareisende Lieutenant Wißmann angehört. Da Lieutenant Wißmann nach Zanzibar weiter zu reisen gedenkt, um hier vor allen Dingen zuverlässige Nachrichten über Emin Pascha und dann auch über Stanley abzuwarten, so vermuthet man, daß die Expedition sich in Zanzibar sammeln und auch ihren Weg von dort aus direct nach den großen ost- afrikanischen Seen zu nehmen wird. Im Falle der Anschluß an Emin Pascha erreicht wird, soll eine Handelsstraße von den oberen Seeländern nach der Ostküste hergestellt und durch deutsche Stationen erhallen werden. Zu diesem Zwecke ist, wie weiter versichert wird, die Begründung einer deutsch-ostafrikanischen Seengesellschaft als das letzte Ziel der geplanten Expedition in's Auge gefaßt. Kaiser Wilhelm hat dem provisorischen Comitü bereits seine wärmsten Sympathien für das Gelingen des Unternehmens aussprechen lassen, doch soll eine Unterstützung desselben durch das Reich nicht beabsichtigt fein.
Der Besuch Crispi's und des Grafen Kalnoky in Friedrichsruh — und schon in nächster Zeit — kann jetzt nicht mehr bezweifelt werden. Der italienische Eabinetschef wird in diesen Tagen in Karlsbad eintreffen, um seine daselbst zum Eur- gebrauche weilende Gattin heimzugeleiten und daß Herr Crispi von dem böhmischen Weltbade aus einen Abstecher nach dem lauenburgischen Tusculum des Reichskanzlers unternehmen wird, darf um so gewisser betrachtet werden, als er vor Antritt seiner Reise nach Norden mit König Humbert in dessen Sommerfrische Valdierie eine lange Eonferenz hatte. Was den Leiter der auswärtigen Angelegenheiten Oesterreich-Ungarns anbelangt, so gilt dessen Erscheinen in Friedrichsruh für die nächsten Wochen ebenfalls als feststehend, ja, vermuthlich wird Graf Kolnoky gleichzeitig mit Crispi in Fried- richsruh vorsprechen. Eine solche Zusammenkunft der leitenden Staatsmänner der drei verbündeten Eentralmächte konnte nur als ein neuer hocherfreulicher Beweis von der unerschütterlichen Fortdauer der mitteleuropäischen Friedensliga aufgefaßt werden.
Die Pariser Strikebewegung ist im Allgemeinen zu Ende. Am Freitag hielten die strikenden Erdarbeiter eine General-Versammlung ab, in welcher der leitende Secretair des Strike-Bureaus mittheilte, daß die Fonds zur Aufrechterhaltung der Arbeitseinstellung nicht mehr ausreichten, und es jedem überlassen bleiben müsse, nach eigenem Ermessen zu handeln, der Secretair fügte hinzu, die Strike-Eommission werde in Permanenz bleiben und eine „bessere" Arbeitsorganisation vorbereiten. Infolge dieser Erklärung beschloß die Versammlung mit großer Mehrheit, die Arbeit wieder aufzunehmen, womit also der Pariser Arbeiterausstand, der eines bedenklichen social-revolutionären Hintergrundes nicht entbehrte, im Großen und Ganzen als beendigt angesehen werden kann.
Im belgischen Ministerium Baernaert ist eine kleine Personalveränderung eingetreten. Der Minister für Ackerbau und öffentliche Arbeiten, Chevalier de Moreau, reichte, angeblich aus Gesundheitsrücksichten, seine Entlassung ein; über seinen Nachfolger ist noch nichts bekannt.
Die diplomatischen Auseinandersetzungen zwischen Pari- und Rom, wegen der Massauah-Angelegenheit haben zur Uebergabe einer neuen Note Crispi's in Paris geführt. Im Eingänge derselben begründet der römische Eabinetschef nochmals in eingehendster Weise das Verhalten Italiens in Massauah und rechtfertigt den Standpunkt Italiens speciell in der Frage der (Kapitulationen durch juristische Beweisgründe wie durch practische Beispiele. Mit Schärfe weist dann Crispi auf das provocatorische Auftreten der französischen Agenten in Massauah hin, erklärt hierauf aber, die italienische Regierung lege Werth darauf, den Zwischenfall als geschlossen zu betrachten und in Frieden auf der Linie zu verharren, die sie sich vvrgezeichnet. Zum Schluß betont Crispi, daß Italien seine Interessen im Rothen Meere bis zum Ende
veriheidigen werde. — Ob die französische Regierung nunmehr ebenfalls die Debatte über die Massauah-Angelegenheit als abgeschlossen betrachten wird, möchte indessen zu bezweifeln sein.
Deutschland.
][ Darmstadt, 20. August. Wie wir hören, wird Seine Königliche Hoheit der Großherzog, welcher von England direct nach dem Manöverfelde reift, am 9. September bei Hamm das 7. (westfälische) Armeekorps inspiciren, welches bekanntlich im Verein mit dem 8. (rheinischen) und dem 11. Corps die dem Großherzog verliehene 3. Armee-Jnspection bildet. Am 11. September trifft der Großherzog hier wieder ein, um seinen Geburtstag in seiner Residenz zu verleben. Am 12. September findet aus diesem Anlaß im Schloß eine größere Tafel statt. Demnächst begibt sich der Großherzog zur Theilnahme an den Divisionsmanövern, welche sich vom 10.—15. September zwischen Westhofen und Nieder-Olm abspielen, nach Rheinhessen. Am 13. September werden sämmtliche Stabsosficiere der Großh. (25.) Division zu Wörrstadt an der Großh. Tafel tbeilnehmen.
Berlin, 19. August. Die Frage der Anlegung eines großen Kriegshafens bei Danzig, welche in den letzten Tagen mehrfach in der Presse erörtert worden ist, hat die zustehenden Kreise bekanntlich schon seit Anfang der siebziger Jahre beschäftigt. Man hat auch bereits in dieser Beziehung auf die Denkschrift über die Marine hingewiesen, welche dem Reichstage im Jahre 1873 vorgelegt worden war. Aufs Neue ist diese Frage, r>ie jetzt bekannt wird, vor nun bald zwei Jahren bei den Verhandlungen der in den letzten Tagen vielgenannten Landesvertheidigungs-Commlssion wieder erörtert worden. Da nun bereits angekündigt ist, daß sich die gedachte Commission demnächst mit Land- und Seeküstenbefeftigungssragen zu beschäftigen haben soll, so gilt es als sehr wahrscheinlich, daß auch die Angelegenheit des Danziger Kriegshafens hierbei Gegenstand der Verhandlung bleiben wird.
Hesterrcich.
Wien, 20. August. Schönerer hat heute Morgen um 10 Uhr seine Strafe angetreten. Derselbe fuhr in einem offenen Wagen in Begleitung seiner Frau nach dem Landesgericht, wohin ihm vom Hotel aus zwei Polizeicommissare und Detec- tives mittelst Wagen folgten. Vor dem Hotel und dem Landesgericht fanden Ansammlungen statt, die aber, von den Wachmannschaften zersprengt wurden. Neunzehn Demonstranten wurden verhaftet; im Ganzen kamen heute und gestern 30 Arretirungen vor. Die verhafteten Tumultuanten wurden zu Arrest von 1—5 Tagen verurtheilt. Das Justizministerium hat Schönerer Begünstigungen bezüglich der Kleider und des Kopf- und Barthaares zugestanden. (F. I.):
Telegraphische Depeschen.
Wolff s telegr. Correfpondenz - Bureau.
Breslau, 20. August. Die Hauptversammlung des Vereins deutscher Ingenieure ist heute hier im Festsaale des Vereinshauses zusammengetreten und wurde Namens der Staatsregierung durch Oberregierungsrath Strauß, Namens der Stadt durch den Oberbürgermeister begrüßt.
Frankfurt a. M., 20. August. Der Ministerpräsident Crispi ist heute Nachmittag 3Va Uhr hier eingetroffen und im „Frankfurter Hof" abgestiegen.
Haag, 20. August. Der König, welcher sich in dem Schloß Loo befindet, ist seit einigen Tagen von katarrhalischen Leiden befallen und in Folge dessen das Bett zu hüten genötigt.
Paris, 20. August. Nach den bis jetzt bekannten Resultaten der gestrigen Wahlen erhielt Boulanger in Lille 130,152, Köchlin 126,567, Desmoutiers 97,409, Noreau 95,023, Delcourt 6347 und Delcluze 5837 Stimmen. — In Amiens wurden 76,094 Stimmen für Boulanger und 41,371 Stimmen für Bernot abgegeben. — In Larochelle erhielt Boulanger 32,614 und Lair 23,731 Stimmen.
Paris, 20. August. Die republikanischen Abendblätter schreiben die dreifache Wahl Boulanger's dem Umstande zu, daß durchweg in reaktionären Departements gewählt worden sei. Der „Temps" sagt, das Wahlergebniß sei zwar ein erniedrigendes in Bezug auf den nationalen gesunden Menschenverstand und auf die Loyalität der Parteipolitik in Frankreich, aber es sei durchaus kein beunruhigendes für die Republik als Staatsform, weil ja Boulanger seinen Triumph ausschließlich den Reaktionären verdanke; diese Cvalition sei aber nicht beunruhigender als diejenige vom 16. Mai. Mehrere opportunistische Blätter führen aus, die gestrigen Wahlen bewiesen vor Allem die gänzliche Ohnmacht der radikalen Regierung.
Rom, 20. August. Die „Rfforma", das officiöse Organ der Regierung, erklärt in ihrer heutigen Abendausgabe: Der Reise Crispi's nach Deutschland wohne nichts inne, was aus dem normalen Rahmen der gegenwärtigen italienischen Politik herausträte.
— In Savona stellten 1500 Arbeiter einer Metallfabrik die Arbeit ein wegen Herabsetzung des Lohnes. Eine Arbeiterdeputation begab sich zum Unterpräfekten. Die Ordnung ist nicht gestört.
Lokares.
E. Gießen, 21. August. Vom hiesigen Gabelsberger Stenographen-Verein wird uns mitgetheilt, daß der im gestrigen Blatt angekündigte Damenkursus in Gab. Stenographie leider jetzt nicht stattfinden kann, da sehr viele Damen während der Herbstferien verreist sind, die Zeit für denselben also sehr ungünstig ist. Der Cursus wird erst Anfang October eröffnet werden.


