Nr. 9M Erstes Blatt. Sonntag den 22. April 1888;
Gießener Anzeiger
Amts und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Vrrrraur Schulstratze 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
reis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn, rnrch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf,
Amtlicher Hheil.
Bekanntmachung.
Er wird hiermU zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß der Georg Appel von Gießen zum Feldschützen für die Gemarkung Gießen ernannt, al, solcher verpflichtet worden ist und heute seinen Dienst angetreten hat.
Gießen, 20. April 1888. Großherzogliches Polrzemmt Gießen-
Fresenius-__ ________
Gefundroe Gcaenständ«: Ein Netz mit Spielsachen, eine Vorstecknadel, ein Stock, eine Mütze , ein paar Kinderschuhe, eine Schtrmquaste, ein Spazinstöckchen ein Hundemaulkorb, eine Hülsentasche mit 10 Hülsen, ein Hundehalsband, ein paar Handschuhe, zwei Fingerhüte, em schwarzwollene» Luch, eine Bleichmarke, ein Portemonaie mit Inhalt, ein Theil einer gold Uhrkette.
Gießen, am 21. April 1888. Großherzoglicher Polizemmt Gießen.
Fresenius.
Politische Rundschau
Gießen, 21. April.
Trotz aller zeitweise ein wenig günstiger lautenden Nachrichten über das Befinden des Kaisers kann doch leider nicht daran gezweifelt «erden, daß der Zustand des erlauchten Patienlen ein hochbedenklicher ist. Wenn z. B. vom Donnerstag Ahnd gemeldet wurde, daß das Befinden des Kaisers zu diesem Zeitpunkte nach reichlicher Eiterentleerung etwas besser, die Athmung freier und die Pulsthätigkeit geringer war, so besagt dies nur, daß im Zustande des kranken Monarchen die hochkritischen Perioden mit etwas günstigeren Zwischenräumen abwechseln, ohne daß an der überaus schmerzlichen Gesammlsiluation eine Aenderung zum Besseren zu bemerken wäre. Im Gegcntheil, dieselbe deutet auf eine wettere Verschlimmerung hin; eine Berliner Zeitung, zu der Dr. Mackenzie Beziehungen unterhalten soll und die sich in der Thal über die Vorgänge im Eharlottenburger Schlosse öfters als gut unterrichtet erwiesen hat, die „Local-Correspondenz", meldet, Dr. Mackenzie habe ernste Befürchtungen bezüglich einer Blutvergiftung (Pyämie) ausgesprochen. Sollte sich diese dem englischen Vertrauensärzte des Kaisers zugeschriebene Aeußerung bewahrheiten, so würde sie zunächst bekunden, daß nun auch Dr. Mackenzie, der sich bislang immer durch seinen Optimismus aus- zcichnete, zu andern Anschauungen gelangt ist und was das bedeuten würde, wenn seine Befürchtung einträfe, braucht wohl kaum des Näheren auseinandergesetzt zu werden. Eine Entzündung der Lungen hat bis jetzt noch nicht festgestellt werden können, daß sie aber mehr oder weniger angegriffen sind, unterliegt kaum einem Zweifel und wenn noch keine Anzeichen einer Lungenentzündung nachzuweisen waren, so ist 6tmnit das Vorhandensein einer gefährlichen Affection der genannten Organe keineswegs ausgeschlossen.
Die Nacht vom Donnerstag zum Freitag verbrachte der Kaiser gut; das Fieber wies am Freitag Vormittag eine abermalige Verminderung auf, die Athmung war im Ganzen zufriedenstellend. Das Allgemeinbefinden hatte sich gehoben. Ungeachtet dieser wiederum verhältnißmäßig günstigen Nachrichten — günstiger, als zu erwarten stand — ist indessen kaum anzunehmen, daß das Fieber bei dem hohen Kranken bald ocischwinden sollte. Dasselbe kann nach Anschauung der Acrzte geringer werden, dürfte aber günstigsten Falls noch eine Zeit lang fortbestehen, da es eben in dem vom Kehlkopfe ausgehenden Krankhxitsprozesse seine Ursache hat.
Erhebend sind die Kundgebungen warmer Theilnahme. welche auch jetzt wieder anläßlich der abermaligen schlimmen Wendung in der Krankheil unseres Kaisers aus dem Aus lande eingehen, so namentlich aus Oesterreich, England und Italien.
Das preußische Abgeordnetenhaus lehnte in seiner Donnerstag-sihung zunächst sämmtliche Anträge zu dem die Aufhebung des Schulgeldes aussprcchenden $ 5 des Volksschullastengesehes ab und genehmigte den oiclumstrtttenen Artikel in Verbindung mit $ 5a nach den Commifsionsbeschlüssen.
Italienische Blätter hatten die Meldung gebracht, daß in dem österreichischen Kriegshafen Pola ein Geschwader zusammengezogen werde, wie ein solches von Oesterreich noch niemals ausgesendet worden sei. Dasselbe sollte aus acht Panzerschiffen und fünfzehn oder zwanzig Torpedo- und Kanonenbooten bestehen und hieß es weiter, die nächste Bestimmung des Geschwaders sei Barcelona — anläßlich der bevorstehenden Eröffnung der Barcelonaer Weltausstellung — aber dasselbe hätte noch andere, politische Zwecke zu erfüllen. Diese sensationelle Meldung hat aber nui^ durch die „Pol. Corresp?" eine starke Abschwächung erfahren. Nach dem genannten Organe handelt es sich einfach um die Zusammenziehung des alljährlichen österreichischen Uebungsgeschwaders und umfaßt dasselbe, unter dem Eommando des Viceadmirals Manfroni stehend, fünf Easemattschiffe und drei Torpedoboote. Die Flotille begibt sich anläßlich der Eröfftiung der'Weltausstellung nach Barcelona, wo sie wahrscheinlich mit einem englischen und einem italienischen Geschwader zusammentrifft, um dann mehrere italienische Mittelmeerhäfen anzulaufen. Alle sonstigen Gerüchte über eine anderweitige Verwendung des österreichischen Geschwaders werden für unbegründet erklärt. .
Aus der großen parlamentarischen Jungfernrede Meister »oulangerS am letzten Donnerstag ist es vorläufig noch nichts geworden. Die französische Depu tirtenkammer hat sich diesen Genuß infolge der Initiative des Minister-Präsidenten Floquet noch versagen müssen. Floguet erklärte zu Beginn der Donnerstagssitzung, es seien vor Feststellung der Tagesordnung einige Erörterungen über die ernste Lage zwischen Regierung und Kammer nöthig und müsse daS Eabtnet vorher wissen, ob es unter den obwaltenden Umständen eine Parlamentsmehrheit hinter sich habe, ^m Anschlüsse hieran verlangte Floquet ein entschiedenes Vertrauensvotum von der Kammer und dies wurde denn auch dem Ministerium mit 379 gegen 177 Stimmen mit der Erklärung ertheilt, die Kammer hege das Vertrauen zu der Regierung, daß sie den republikanischen Einrichtungen des Landes energisch Achtung zu verschaffen und die vom Lande verlangte Politik des Fortschrittes, der Reformen und der Freiheit zur Geltung zu bringen wissen werde, ein Votum, daß sich ganz augenscheinlrch gegen die Boulangisten richtet.
Der Papst empfing am Donnerstag die belgischen Pilger. Eine größere, politisch gefärbte Ansprache, wie beim Empfange der österreichischen und der französischen Pilger, scheint der Papst diesmal nicht gehalten zu haben, wenigstens berichtet der Telegraph nichts hiervon.
Im englischen Unterhause erklärte Unterstaatssecretär Fergusson auf eine Anfrage, das Gerücht, daß auf Anordnung von Beamten der Congo-Regierung mehrere Dörfer zwischen Stanley - Pool und Matadi niedergebrannt, die Männer erschossen und deren Frauen und Töchter gemißhandelt oder ebenfalls gelobtet worden seien, von Brüssel aus amtlich dementirt werde. Dem Dementi sei die Erklärung htnzugefügt, daß in den wenigen Fällen, in denen die feindselige Behandlung von Karawanen eine Bestrafung der Eingeborenen nothwendig gemacht habe, mit der größten Mäßigung verfahren und Blutvergießen meist vermieden worden sei.
Dir Krankheit des Kaisers.
Berlin, 20. April, 4 N. Der „Reichsanzeiger" meldet: Der Kaiser empfing gestern Nachmittag und heute Vormittag den General Winterfeld zu Vorträgen, gestern Nachmittag auch den Flügeladjutanten Eorvettencapitän Seckendorfs.
Berlin, 20. April, 4.45 N. Die „Nordd. Allg. Ztg." erfährt, bei dem Kaiser habe eine mäßige Eiterentleerung während der Nacht angedauert und von Zeit zu Zeit in größeren Zwischenräumen aus der Umgebung des künstlichen Athmungswegs stattgefunden. Die dadurch eingetretene Erleichterung sei unverkennbar, wenngleich in der Beurtheilung deS Zustandes noch Vorsicht geboten sei, da ein völliges Nachlassen des Fiebers noch nicht zu constatiren war. Jndetz erscheine doch ein Ergriffensein der Lungen ausgeschlossen. Weitere krankhafte Erscheinungen, wie das mehrfach gemeldete An- schwellen der Füße, seien nicht vorhanden. In letzter stacht wurde anstatt der silbernen eine an Gewicht leichtere Alumincanüle ohne Schwierigkeit eingesetzt.
Berlin, 20. April, 6.10 R. Sobald der Fteberzustand des Kaisers gänzlich beseitigt ist, ist bei andauernd milder Temperatur eine Ausfahrt in Aussicht genommen. Das „Bert. Tagebl." erklärt die Meldung für unrichtig, daß der Kaiser Schlafmittel empfangen habe. In den letzten Nächten wurden nicht einmal Mittel gegen das Fieber gereicht. Die Kaiserin hatte sich hoffnungsreicher dahin ausgesprochen, daß die Krisis überwunden sei.
Berlin, 20. April, 8.13 N. Die Hoffnung, daß der Kaiser die jetzige Krisis überwinden könne, regt sich wieder. Der heutige Tag, über den unsere Nachrichten bis Abends 6 Uhr reichen, war der beste seit einer Woche. Die starke Etterentleerung, die gestern stattgefunden hat und die heute in mäßigem Umfange noch andauerte, hatte einen Herabgang des Fiebers, eine Erleichterung der Athmung und in Folge davon eine Hebung des Allgemeinbefindens bewirkt. Diese Erscheinung spricht dafür, daß nicht eine Erkrankung der Lunge vorliegt, sondern daß es sich um eitrige Absceffe im unteren Theile der Luftröhre und ihrer Umgebung gehandelt hat. Pyämie ist nicht eingetreten; was einzelne Zeitungen über Schüttelfröste berichtet haben, war unrichtig, eS stellt sich jetzt auch heraus, daß Mackenzie unter Pyämie das gewöhnliche Etterfieber 4 verstanden hat. Wiederholte Erkundigungen ergeben auch, daß keine ödematöse Anschwellung der Gelenke und keine Tumorenbildungen vorhanden sind, von denen ein-- . zelne Blätter zu erzählen wissen. Es ist auch nicht richtig, daß der Rückgang des Fiebers nur durch starke Dosen antifibriler Mittel erreicht worden fei. Es ist ferner zum Mindesten übertrieben, wenn behauptet wird, daß der Schlaf nur durch Narkotika ermöglicht sei. Wenn vollends ein hiesiges, stark in Pessimismus arbeitendes Blatt sich zu der Behauptung versteigt, der Herabgang der Temperatur sei nur ein scheinbarer, weil die Temperatur durch einen Thermometer unter der Zunge gemessen worden fei, während oder unmittelbar nachdem der Kaffer Eisstückchen genoffen habe, fo ist dies eine an's Lächerliche streifende Vorstellung von der Sorafalt und der Einsicht der behandelnden Aerzte. Der Diiebergang der Temperatur und des Fiebers ist die directe Folge der Eiterentleerung. Es hat heute einige Mühe gekostet, den Kaiser, der durchaus aufstehen wollte, im Bette zu halten. Er hat der Genugthuung darüber, daß er sich heute viel wohler fühle, wiederholt Ausdruck gegeben. An die Stelle der bisherigen silbernen Canüle ist in der verflossenen Nacht eine leichtere aus Aluminium getreten. Dr. Mackenzie hat die Auswechselung selbst vollzogen, wohl hauptsächlich deßhalb, weil die bei dem letzten Austausch der Canüle aus einer Art Conrtoisie erfolgte Hinzuziehung Bergmanns zu der beleidigenden und für Jeden, der eine Vorstellung von der Einfachheit dieser Operation hat, unbegreiflichen Insinuation Anlaß gegeben hat, daß die englischen Aerzte keine Canülen einsetzen können. Die Theilnahme des Publikums aller Kreise ist fortgesetzt eine große und aufrichtige. Die Freude über die günstiger lautenden Bulletins, die jetzt an den Bäumen vor dem Schloßgitter in Charlottenburg angeschlagen werden, kommt unter dem angesammelten Publikum zum offenen Ausdruck. Die Aerzte, sowohl die englischen wie die deutschen, sind in ihrem Urtheil über den weiteren Verlauf sehr vorsichtig, sie widersprechen aber der Hoffnung nichts daß der Zwischenfall in einigen Tagen überwunden sein könne. (F. Z.)
Berlin, 20. April, 11.42 N. Das Befinden des Kaisers gestaltete sich in den Abendstunden weniger gut. Die im Schwinden begriffenen Symptome wurden wieder stärker. Das officielle Bulletin von heute Abend 9 Uhr lautet: „Der Kaffer hatte einen ziemlich gut verbrachten Tag, aber gegen Abend stieg das Fieber, arrch die Athmung I wurde etwas schwerer." (F. Z)
Berlin, 21. April, 1.5 V. Das Befinden des Kaisers war heute Abend ungünstiger, als das officielle Bulletin erkennbar macht. Die Besorgniß ist um so


