Kronstadt, 19. Juli. Die kaiserliche Aacht „Hohenzollern" traf heute Nachmittag 4% Uhr unter den Salutschüssen aller Forts und der Kriegsschiffe auf der kleinen Rhede ein, woselbst alsbald die Begrüßung Kaiser Wilhelms durch Kaiser Alexander erfolgte.
Peterhof, 19. Juli. .Nach der Begrüßung fuhren beide Kaiser auf der russischen Aacht „Alexandria" unter den Salutschüssen der Geschütze an Kronstadt vorüber nach der hiesigen Landungsbrücke. Kaisir Wilhelm trug die Uniform des Petersburger Grenadier - Regiments, der russische Kaiser die des preußischen Alexander - Regiments. Kaiser Wilhelm verließ die „Alexandria" zuerst und eilte auf die auf der Landungsbrücke stehende russische Kaiserin zu, welcher er die Hand küßte. An der Landungsbrücke befand sich das glänzende Gefolge des russischen Kaiserpaares und eine Ehrencompagnie der Marinegarde, deren Musik die deutsche Nationalhymne spielte. Die Kaiser wurden mit russischen Willkommrufen begrüßt. Nachdem beide Kaiser die Front der Compagnie abgeschritten, bestiegen sie den Wagen und begaben sich nach dem Schlosse. Im ersten Wagen fuhren beide Kaiser, im zweiten Prinz Heinrich und der Großsürst-Thronsolger. In den folgenden die Kaiserin und die übrigen anwesenden Glieder der russischen Katserfamilie. Bet der Landung und Weiterfahrt wurden die Majestäten von einer großen Menschenmenge auf das Lebhafteste begrüßt. Militär bildete in der ganzen Ausdehnung des Weges auf beiden Seiten Spalier. Nach der Ankunft im Schlosse fand ein Famtliendiner statt.
Petersburg, 19. Juli. Kaiser Wilhelm trug bei der Landung in Kronstadt das große Band des russischen Andreasordens, er stand auf der Commandobrücke der „Hohenzollern" und grüßte tn militärischer Weise, von den Schiffen und Forts wurde mit Hurrahrufen geantwortet. Die russische Kaisernacht hatte die Kaiserflagge gehisst und erwartete die „Hohenzollern" an der kleinen Rhede, wo außer den russischen Kriegsschiffen hunderte von Prioatfahrzeugen mit Zuschauern Aufstellung genommen hatten. Die deutschen Kriegsschiffe ankerten an der großen Rhede.
So lates*
Gießen, 20. Juli. In der gestrigen Sitzung der Stadtverordneten wurde zu dem berent o.schl'ossenen Octroi-Reglement die nachstehenden Octroi-Tarifsätze angenommen. Des besseren Verständnisses wegen verzeichnen wir neben den neu beschlossenen Tarifsätzen auch die bisherigen. Es beträgt das Octrot auf:
Künftig. Bisher.
Mark
1)
0.16
0.25
0.25
6)
3.—
2.06
0.02
0.04
7.—
Stück
per
p. Kilo
Zerlegtes Wildpret, pro Kilogramm
0,04
0,04
7)
8)
9)
0,20 0,06
3.66
3.66
0.18
3 — 0.06 1.—
4)
5)
. . 6.—
. . 0.60
Ein Ein Ein Ein Ein
Hst sch, Spießer, Altthier oder Schmalthier
Wildkalb............
Reh
Wildschwein
Hase
schließlich vor, auch die Gänse mit Octroi und zwar mit 50 $ pro Stück zu belegen. Dieser Antrag wurde abgelehnt. Der neue Octroi-Tarif tritt, sofern bis dahin die ministerielle Genehmigung oorliegt, am 1. April 1889 in Kraft.
andere zur Bterbereitung verwendete Surrogate
Zucker
Ochsen .
Fasselochsen und Kühe^ .
Stiere bis 250 Kilo Schlachtgewicht und Rinder . .
Schweine
Stoppelkälber
Kälber, Hämmel und Schafe
Hektoliter .
Spiritus, von 88% und darüber, pro Hektoliter . . . .
Bier, von außen ctngeführt, pro Hektoliter Bier, tn der Stadt gebraut
pro Centner Malz, Getreide, Schrot, grüne Stärke
0.25 0.38 0.50 6.86 4.58 2.75 1.72
2.15 0.58 0.12 0.05 1.72 0.58 0.43
1.29 0,06 0,03
12) 13) 14)
15) 16) 17)
18) 19) 20) 21) 22) 23) 24) 25) 26)
8.— 5.—
3.20 1.80
2.— 0.70 0.20 0.06
3.— 1.—
1.—
Steinkohlen und Coaks, per Centner 0,04 0,04
Der Entwurf, wie solcher in der Commission am 12. Juli d. I. beschlossen worden, enthält 31 Nummern; dadurch, daß die Nummern 5, 6 und 7 zusammengefaßt, 14 und 15 gestrichen und 21 und 22 ebenfalls zusammengesaßt wurden, kamen 5 Nummern in Wegfall. In Nr. 14 und 15 des Tarif-Entwurfs waren Octroisätze für Essig von der Commission vorgeschlagen und zwar war vorgesehen für Essig, sowohl von außen eingeführt als in der Stadt bereitet und abgesetzt, pro Hectoliter 70 Psg., für Essigsprit von 40% an und höher, pro Hectoliter 2 «4L Der Antrag wurde indeß adgelehnt, weil man einerseits den Essig unter die Categorie der von der unbemittelten Bevölkerung confumtrten Nahrungsmittel stellte, anderentbeils der Ansicht war, daß mit Revision des Octroi-Reglements keinesfalls die Absicht auf Vermehrung der ociroipflichiigen Gegenstände verbunden sein sollte. (Wie Herr Beigeordneter Gnauth mittheilte, würde sich nach dem seither etngeführten Essigquantum und bei Annahme der vorgeschlagenen Sätze eine Octroieinnahme von 1600 «X pro Jahr ergeben.) In dem Commissions-Entwürfe war ferner für Spiritus ein Octroisatz von 8 «X pio Hektoliter vorgesehen: es wurden, nachdem der Antrag des Herrn Haust ein, 5 v4L festzusetzen, abgelehnt worden, 6 .X festgesetzt. Im übrigen wurde der Commissions-Entwurf unverändert angenommen; die bet Festsetzung der Octroisätze auf Schlachtvieh von Herrn Vogt beantragten Octrtoermäßigungen wurden abgelehnt. Unter Anderem trat Herr Vogt für Herabsetzung des Octrois auf Ochsen von 8 auf 6.50 X und ferner dafür ein, daß die Tarifsätze für Kühe, Fasselochsen, ebenso für Rinder und Stiere getrennt und für Kühe und Rinder 3 X, für Fasselochsen 4.50 X und für Stiere über 250 Ko. Schlachtgewicht der gleiche Satz wie für Ochsen erhoben werden solle. Dagegen beantragte Herr Vogt die Erhöhung des Octrois für Fleisch, Dörrfleisch, Geraub rc. auf 10 H per Kilogramm, für einen Hasen auf 30 H, und schlug
Lpanferkel............‘ . . .
Frisches Fleisch, Dörrfleisch, Wurst, Gelünge, Geraub rc
Wein in Fässern eingeführt pro Hektoliter 4.— Wein in Flaschen eingeführt pro Flasche bis zu 1 Liter Inhalt . 0.06 Obstwein pro Hektoliter...............1.—
Branntwein, tn der Stadt fabrtztrt von Großbrennern aus mehligen Stoffen, pro Hektoliter Matschraum . . . ......0.20
Branntwein von Kleinbrennern, desgl. aus Weintrebern, Kernobst, Trauben ober Obstwein rc. pro Hektoliter Branntwein, von außen eingeführt ober von Großhändlern in die Stadt abgesetzt, oder in eigenen Geschäften und Haushaltungen verbraucht, bis zur Stärke von 50% pro Hektoliter ....
Beträgt die Stärke mehr als 50%, so wird das Mehr auf diese Normalstärke berechnet refp. zugeschlagen.
Branntwein, in Flaschen oder Krügen eingeführt, das Stück . . Rum und Arrac, von Großhändlern in die Stadt abgesetzt, pro
Gießen, 20. Juli. Der Mainzer Liederkranz, noch vom Jahre 1885 durch em Covcert tm Kursaal zu Bad Nauheim bekannt, wird nächsten Sonntag den 22. d. Mts., Nachmittags, daselbst ein großes Garten -Concer t in Gemeinschaft mit der Kurkapelle veranstalten. Der Verein wird mit 80 Sängern unter Direction des Herrn Kapellmeister Rupp auftreten und diesmal das Volkslied hauptsächlich auf seinem Programm vertreten sein.
Vermischte-.
— Frankfurt, 19. Juli. Man spricht hier davon, daß zur Eröffnung deS Hauptbahnhofs, welche, wie ich Ihnen schon gemeldet, am 15. August stattfinden soll, Kaiser Wilhelm nach Frankfurt kommen werde und zwar auf der Durchreise von Straßburg. Die Nachricht ist jedenfalls mit Vorsicht aufzunehmen, wenn auch anläßlich der Eröffnung dieses gewaltigen Bahnhofsgebäudes der Besuch Sr. Majestät des Kaisers nicht unwahrscheinlich erscheint.
— Zu dem gestrigen Unfall im Taunusbahnhof — Entgleisung eines mit Pferden beladenen Waggons — kann ich noch nachtragen, daß laut amtlichem Bericht ein Pferd, welches einen Beinbruch erlitten hatte, auf dem Platze getöbtet werden mußte. Die Ladung Pferde (9 Stück) war für die hiesige Firma Kauffmann bestimmt.
— Gestern kamen die fünf Kinder eines ehemaligen preußischen Offiziers hier cm, von deren sterbenden Eltern der Wunsch geäußert worden, ein hier wohnender
Bruder des Vaters möge die Erziehung der Kinder übernehmen. Die Lebensgeschichte der Eltern klingt wie ein Kapitel aus einem Roman. Der Vater soll nämlich im deutsch-französischen Kriege von 1870/71 verwundet und weil das Lazarelh keinen Platz mehr bot, auf ein Gehöft in Feindesland gebracht worden sein. Der Verwundete wurde von seinem Hausherrn und dessen Gattin, namentlich aber von deren jugendlichem, hübschen Töchterchen mit wahrer Aufopferung gepflegt. Das junge Mädchen hatte den schmucken Offizier während seiner Leibenszeit liebgewonnen und als er genesen und der Friede geschlossen war, wurden Pflegerin und Gepflegter ein glückliches Paar. Dor einem Jahre starb die Gattin und vor einigen Wochen schloß auch der ehemalige tapfere Krieger seine Augen, auf immer. Seine fünf Kinder reiften hierher zu ihrem Onkel, dem zur Erziehung die Zinsen eines beträchtlichen, den Kindern hinterlassenen Vermögens zur Verfügung stehen.
— Aus Suhl wird der „Thür. Ztg." geschrieben: In fachmännischen Kreisen, wird erzählt, baß ein ganz neues Infanterie-Gewehr für das deutsche Heer eingeführt und mit dessen Bau schon in diesem Monat begonnen werden solle. Das neue Gewehr erhält ein Kaliber von 8 Millimeter, ein niedriges Visier und wird auf 3000 Meter eingeschossen. Damit steht tm Zusammenhang die bereits erfolgte und bevorstehende umfassende Kündigung für die Hilfsarbeiter in den königlichen Gewehrfabriken. In Erfurt allein betreffe dies gegen 500 Personen. Doch wurde den Leuten gesagt, daß sie nach vollendeten Vorarbeiten, Einrichtungen rc. wieder einberufen werden sollen. Mit der Herstellung des Schießbedarfs zu dieser neuen Waffe werde in den nächsten Tagen begonnen. Diese Nachricht, bemerkt die „Thür. Ztg." dazu, hat sich im Allge- metnen als richtig erwiesen. Es ist in der That in der königlichen Gewehrfabrik in Erfurt 700 Arbeitern gekündigt worden, doch wurde die Kündigung am 13. dss. Mts. rückgängig gemacht, wahrscheinlich weil der Bau des neuen Gewehres mit allen Kräften gefördert werden soll.
Handel und Verkehr.
— Die Zweimarkstücke mit dem Bildnisse Kaiser Friedrichs sind am 16. d. M. zur Ausgabe gelangt, nachdem die kaiserliche Genehmigung zur Jncurssetzung dieser Münzen ertheilt worden ist. Dieselben zeigen den Kopf des verewigten Kaiseis tn treuer Portraitähnlichkeit und wohlgelungener Plastik; der „Haarwulst" am Hinterkopfe des Porträts, wie er auf den Goldstücken zu vielfachen Ausstellungen Anlaß gegeben,, findet sich auf den Zweimarkstücken nicht. Begreiflicherweise ist die Nachfrage nach den neugeprägten Kaiser-Friedrich-Münzen eine sehr große.
— [Unterhaltung der Personenwagen.) Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat neuerdings die königlichen Eisenbahndirectionen angewiesen, ihr Augenmerk auf die Unterhaltung der Personenwagen sowohl hinsichtlich des äußeren Anstrichs als der inneren Einrichtung und Reinhaltung der Coupss zu richten und nicht nur für baldige Abstellung der etwa Vorgefundenen Mängel, sondern auch für dauernde Ueberwachung des Zustandes der Personenwagen Seitens der dazu berufenen Beamten zu sorgen.
Kemmerich’s
Fleisch-Extract, Pepton u. Bouillon sind in kurz. Zeit bereits mit 16 Ehrendiplomen u. goldenen Medaillen ausgezeichnet worden.
Kaiser Friedrich.
Wieder in fein thränenschweres
Düstres Kleid hat sich der Himmel gehüllt; Wieder wallen Trauerfahnen, Und es schlingen
Von Haus zu Haus, von Mast zu Mast, Schwarzen Gewändern gleich
Sich der Kränze umflorte Guirlanden, Und der Glocken klagender Rus Schallet ernst
Durch die deutschen trauernden Lande.
Dort auf dem stolzen, Lichtumflossenen, Zauberretchen Ahnenpalast Ist die Standarte langsam gesunken. Und wo in lieblicher heiterer Stille Sonst ein fröhliches Leben gewaltet, Zog jetzt zerstörend, Hoffnungszerschmetternd Stille des Todes Fürchterlich ein-
Ohne zu klagen, Heldengroß Bewundernder Rührung werth Ist Deutschlands Kaiser Hinweggeschieden, Die herrlichste Eiche Der tückischen Axt
Zum tragischen Opfer gefallen!
O gönnt es ihm alle!
Zum heißerfehnten, ewig blühenden Reiche des Frühlings
Zog er empor, Der alle Leiden Endlich ihm löst Und ihm mit Rosen Sein duldendes Haupt Statt der Krone des Dulders umwindet.
Und mit dem greifen Kaiser und Vater Einig nun ruht
Von Mühen und Leiden Irdischer Tage Selig er aus.
O möget ihr schauen,
Unsterbliche Geister, Beschirmend und segnend Aus euere Werke, Aus euer Volk, Das dankbaren Herzens Mit Palmen des Friedens Und rauschendem Lorbeer Unsterbliche Kranze hienieden euch flicht! —
Und nun tragen
Fort aus den Raumen, drin er so gerne waltet' und wohnte,
Ihn die Getreuen
Thränenden Auges
Durch der Bäume
Ragenden Dom,
Daß in der Kirche ewigem, heiligem Frieden
An der Seite des großen Königs er ruhe,.
Ein Sieger und Held
So lang er gelebt;
Ein Sieger und Held
Noch im Tode! — —
Wir aber denken in ahnendem Sinne, Wie unerforschlich, wie wunderbar Des Himmels Wege oft führen. —
Bald bringt der Sage dämmernder Schein In die strahlenden Mauern und Säle hinein. Durch die alten Wipfel zieht leise das Lied, Wie Kaiser Friedrich hier litt unb verschied. Und dichter und dichter die Zweige sich fügen, In heiliger Stille die Hallen liegen;--
Doch die Sonne des Lebens ruft uns empor, Die glänzend erstrahlet dem Erben der Krone, Und heißet dem neuen erstarkenden Throne Uns nahen in hoffnungsjubelndem Chor: Glück auf denn, o Kaiser! Mög Gott Dich behüten!
Mein Deutschland, Glück auf! In Sturm und in Frieden!*)
*) Anmerkung der Redaction. Wenn wir auch in der Regel Gedichte nicht auf* nehmen, so glauben wir in dem vorliegenden Fall mit Rücksicht auf den Umstand, daß obiges Gedicht von einem hiesigen jungen Acaderniker — stud. phll. — verfaßt Ist, eine unsren Lesern erwünschte Ausnahme machen zu sollen.


