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Nr. 9$ Samstag den 21. April MM.

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Wnreaur Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Amtlicher Hyeil.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlobn« Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Bekanntmachung.

Betreffend: Eine auf dem Jahrmarkt zurückgebliebene fremde Kuh.

Auf dem gestern dahier abgehaltenen Viehmarkt ist eine Kuh zurückgeblieben, deren Eigentümer sich bis jetzt nicht gemeldet hat.

Derjenige, welcher Ansprüche an diese Kuh machen zu können glaubt, wird aufgefordert, dieselben binnen 4 Wochen bei der unterzeichneten Behörde

Dorzubringen, widrigenfalls die Kuh als gefundener Gegenstand behandelt werden wird. 3372

Gießen, am 19. April 1888. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Politische Rundschau

Gießen, 20. April.

Mit theilnahmvollster Spannung, mit bangster Besorgniß lauscht Deutschland, duscht die ganze gebildete Welt den erschütternden Nachrichten vom Krankenlager Kaiser Friedrichs. Denn die leichte Wendung zum Besseren, welche das Leiden t«es theueren Monarchen nach den ersten schlimmen Nachrichten aus dem Anfänge der Woche aufzuweisen schien, hat leider inzwischen wieder um so betrübenderen Meldungen HZlatz gemacht, welche bekunden, daß sich das deutsche Volk auf das Schlimmste gefaßt machen muß. Eine Meldung vom Mittwoch Abend besagte, daß das Fieber nicht unerheblich zugenommen habe, infolge dessen der Kaiser mehr angegriffen wie bisher war und noch vor neun Uhr zu Bette ging. Die Wucherungen des örtlichen Leidens laben sich weiter unten in der Luftröhee verbreitet und ist die Athmung eine ziemlich beschleunigte. Am Donnerstag früh veröffentlichte ein Extrablatt desReichsanzeigers" ö>as von Mackenzie, Wegner, Krause, Hooell, Leyden unterzeichnete nachstehende Bulletin vom Dienstag Abend:Bei Sr. Majestät dem Kaiser war heute Abend wieder eine Steigerung des Fiebers und eine stärkere Beschleunigung der Athmung ckngetreten. Infolge dessen ist auch das Allgemeinbefinden nicht so gut." Diese einander mgänzenden Meldungen machen es zur traurigen Gewißheit, daß das örtliche Leiden t es Kehlkopfes nicht mehr auf dieses Organ allein beschränkt ist, sondern sich in der

Luftröhre weiter nach unten verbreitet und die Gefahr einer Entzündung der Lungen i selbst würde dann außerordentlich nahe liegen, nachdem ja bereits die Schleimhaut der im die Lungen reichenden Verästelungen entzündet ist (Bronchitis). Zwar ist bislang ärztlicherseits das Vorhandensein einer Entzündung der Lungen bei dem erlauchten Kranken noch nicht constatirt worden, aber es kann eigentlich kaum mehr bezweifelt werden, daß diese Organe ebenfalls afficirt sind, unter den obwaltenden Umständen ciber wäre eine derartige Complication der Krankheit des hohen Herrn von tragischster Matur. Die Nachrichten vom Donnerstag Vormittag lauten ein klein wenig besser. Der Zustand des Kaisers erschien nach ärztlicher Berathung in der vorhergegangenen Macht befriedigender. Das Fieber erwies sich als vermindert und das Allgemetnbefindm als besser, nur ist andauernde Bettruhe erforderlich. Hiermit übereinstimmend besagt eine fernere Mitthetlung, daß sich in den Vormittagsstunden vom Donnerstag eine «egen den vorigen Abend relative Besserung zeigte, das Fieber war etwas niedriger mnd der Gesammtzustand befriedigender. Der Kronprinz verweilte Nachts in Berlin und begab sich am Donnerstag früh zur Truppenbesichtigung nach dem Tempelhofer Heide. So schimmert denn wieder ein leiser, leiser Hoffnungsstrahl, aber die schwere Sorge um den geliebten Kaiser, welche alle Stände, alle Schichten und Kreise des deutschen Volkes durchzittert, sie will trotzdem nicht weichen und in angstvollem Bangen harren Millionen der weiteren Nachrichten aus dem Eharlottenburger Kaiser- schlosse werden sie weiter die Hoffnung anregen oder aber werden sie die letzte, schwerste Kunde bringen / In des Höchsten Hand allein ruht die Entscheidung!

In den innerpolittschen Angelegenheiten ist die Aufregung, welche die KanzlerkrifiS mit sich brachte, wieder mit der einstweiligen Beilegung der Krisis geschwunden und nehmen dafür die Verhandlungen des preußischen Abgeordneten­hauses wieder das Tagesinteresse in Anspruch. In deren Mittelpunkte stand in dieser Woche die zweite Lesung des Volksschullastengesetzes, mit welcher sich das Haus am Mittwoch und Donnerstag befaßte. Der Schwerpunkt der Vorlage ruht in § 5, welcher die Beseitigung des Volkssckulgeldes vorschlägt und zu dem seitens der Commission oie aus dem Hause verschiedene Abänderungsanträge Vorlagen. Wahrend die Beschlüsse der Commission zu den ersten vier Paragraphen des Entwurfes, welche Beschlüsse namentlich eine Erhöhung des Staatsbetttages für einen zweiten ordentlichen Lehrer gegenüber der Regierungsvorlage vorschlagen, mit großer Mehrheit zur Annahme ge- I angten, gingen die Meinungen über die Opportunität der Aufhebung des Volksschul­geldes bedeutend auseinander.

Im Bunbesrathe ist der abgeänderte und von Kaiser Friedrich unterzeichnete Entwurf der Unfall- und Invaliditäts-Versicherung eingegangen und kann man seiner Veröffentlichung wohl bald entgegensehen. Der neue Entwurf soll gegen den früheren bedeutende Abänderungen aufweisen.

Die bayerische Abgeordnetenkammer genehmigte am Mittwoch fast ein- Ammig das Lokalbahngesetz in der Fassung der Reichsrathskammer, wonach die Zahl 6er neu zu erbauenden Eisenbahnen von 19 auf 11 herabgemindert wird. Der Minister Les Innern gab im Laufe der Debatte der sehr beherzigenswerthen Anschauung Aus­druck, daß man im Baue von neuen Eisenbahnen Maaß halten müsse und nicht vor- eilig zu Werk gehen dürfe. Außerdem genehmigte die Kammer einstimmig den Militär- atat pro 1888/89. Regierungsseitig wurde für eine spätere Session eine Vorlage über Lie Legung eines zweiten Geleises auf sämmtlichen bayerischen Hauptbahnstrecken in Aussicht gestellt.

Die badische zweite Kammer hat die neue Kirchenvorlage gegen 10 Stimmen ti9 Clericale, 1 Democrat) angenommen.

In der freien Schweiz weht jetzt ein schärferer Wind gegen die Socialdemokratie, fipecieU gegen die aus dem Auslande gebürtigen Vertreter derselben. So sind durch Bundesrathsbeschluß die Redacteure und Mitarbeiter amSocialdemokrat", dem in Zürich erscheinenden Hauptorgan der Socialdemokraten deutscher Zunge, Eduard Bern­

stein, Julins Moiteler, Schlüter und Leonhard Tauscher, aus der Schweiz ausgewiesen worden. Dem genannten Blatte war schon vor einiger Zeit wegen seiner ins Maß­lose gesteigerten hetzerischen Sprache eine Verwarnung zugegangen, die aber jedenfalls nicht beachtet morden ist, so daß die Ausweisung der betreffenden Mitarbeiter des Blattes als die nächste Folge der Verwarnung erscheint. Ob eventuell eine vollständige Unterdrückung desSocialdemokrat" erfolgen wird, wie vielfach behauptet wird, steht noch dahin.

Im österreichischen Abgeordnetenhause hat in dieser Woche die parlamen­tarische Haupt- und Staatsaction der Budgetdebatte begonnen. Wie in den Volksver­tretungen anderer Länder, so spiegelt die Budgetdebatte auch im österreichischen Parla­mente die jeweilige innere Lage mehr oder weniger getreulich wieder und dies ist auch diesmal wieder der Fall. Die unerhört heftigen Angriffe, welche die bisher zum Worte gekommenen Redner der deutschen Fractionen gegen die Regierung wegen deren fort­gesetzt slaoenfreundlicher Politik richteten, beweisen, daß sich in Oesterreich die An­schauungen über die nationale Frage nach wie vor schroff gegenüberstehen. Anderseits sind auch die Jungczechen durch ihren Führer, den Dr. Grego, dem Cabinet Taaffe mit Vorwürfen hart auf den Leib gerückt und sagte sich Dr. Grego förmlich von dem Ringe" der Rechten los, wahrscheinlich will er nun auf eigene Faust das czechtsche Programm durchführen. Am Mittwoch vertheidigte Finanzminifter Dr. Dunajewski gegenüber den Angriffen der Linken seine Finanzpolitik in langer Rede und wies er hierbei auf die Steigerung der Staatseinnahmen auf verschiedenen Gebieten hin. Schließlich versicherte der Minister ziemlich überflüssiger Weise, die Regierung werde im Vertrauen auf die fernere Unterstützung durch die Mehrheit auf dem bisherigen Wege unbeirrt weiter wandeln. Die Wehrausschüsse des österreichischen und des ungarischen Abgeordnetenhauses haben die neue Reseroisten-Vorlage fast unverändert angenommen

Darmstadt, 19. April. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller- gnädigst geruht:

Am 11. April dem Assistenten an dem Museum zu Darmstadt, Professor Dr. Rudolph Adamy, die Stelle eines Inspektors an diesem Museum, mit Wirkung vom 1. April 1888 an, zu übertragen;

an demselben Tage den ordentlichen Professor in der philosophischen Fakultät der Landes-Universität, Dr. Wilhelm Braune, auf fein Nachsuchen, mit Wirkung vom 1. October d. I. an, seines Dienstes zu entlassen.

Darmstadt, 19. April. Ernannt wurde: Am 11. April der Assistent bei der naturwissenschaftlichen Abtheilung des Museums dahier, Johann Jakob Schmidt, zum Präparator bei diesen Abtheilungen mit Wirkung vom 1. April 1888 an;

am 13. April der erste Museumsdiener, Museumsaufseher Christian Wimmenauer, zum Assistenten bei dem Museum mit Wirkung vom 1. April 1888 an.

Berlin, 19. April. DieKöln. Ztg." schreibt unter dem Gestrigen: Heute vor 24 Jahren stand der Kaiser Friedrich in der Gammelwerkbatterie und auf dem Spitzberge vor Düppel und betheiltgte sich an der Erstürmung der Düppeler Schanzen, die für ewige Zeiten in der ruhmreichen Geschichte des preußischen Heeres verzeichnet bleiben wird, hier waren ebenbürtige Gegner, deren Höchstkommandirender, General Duplat, den Tod auf dem Wahlplatze fand, hier wurde mit unbeschreiblicher Tapferkeit auf beiden Seiten gefochten, aber die preußischen Truppen waren im begeisterten An­stürme den heldenmüthigen Dänen überlegen; das Auge des tapferen Königsfohnes, der sich wegen feiner Unerschrockenheit und Tapferkeit im Feuergefechte schon wenige Wochen vorher die Schwerter zum Rothen Adlerorden errungen hatte, entflammte dte braven Truppen zu heldenmüthiger Begeisterung. General von Raven rief tödtlich getroffen aus:Es ist Zeit, daß wieder einmal ein preußischer General für seinen König stirbt", und am Abend des 18. April 1864 wehte der preußische Adler von diesem dänischen Bollwerke herab, um dasselbe nicht mehr zu verlassen. Lob und Dank spendete damals der Kronprinz den braven Soldaten. Den 35ern rief er zu:Ihr seid ja wahre Eisenfresser! Wie wird sich der König freuen, wenn ich ihm von Euren Heldenthaten erzähle!" Seitdem sind 24 Jahre des schwersten Kampfes, des unaus­gesetzten Ringens vergangen, und jetzt, welche Wandlung! Der unvergleichliche Held liegt auf dem Krankenbette und in schwerster Besorgniß lauscht ganz Deutschland, lauscht die Welt auf die traurigen Nachrichten, die aus dem Sladtschloffe zu Charlottenburg kommen. Aber bis zum letzten Augenblicke bleibt Kaiser Friedrich sich treu, Furcht und Zaghaftigkeit kennt er nicht. Unerschrockenheit und Gleichmuth zeichnen ihn heute wie vor 24 Jahren in unvergleichlichem Glauze aus.

Berlin, 19. April. Die aus Charlottenburg vorliegenden Meldungen lauten betrübend. Im Laufe des gestrigen Nachmittags zeigte sich der Kaiser noch dreimal am Fenster, zuletzt gegen 7 Uhr Abends. Um 8 Uhr erfolgte eine Berathung der Aerzte, darauf fpeiste der Kaiser und begab sich um 8»/2 Uhr zur Ruhe. Das Fieber dauerte an, bald mehr bald weniger stark, die Athembeschwerden nahmen indessen so zu, daß der Kaiser im Bette eine halbsitzende Stellung einnehmen mußte. Erst nach 1 Uhr Nachts trat einige Beruhigung ein. Die im Schlosse anwesenden Aerzte traten noch in der Nacht zusammen und heute früh um 9 Uhr war eine Berathung sämmt- licher behandelnder und beobachtender Aerzte. Ein Bericht derNalional-Zeilung"^ mit welchem sich die mir zugehenden Mitthetlungen decken, besagt:Die Eiterung aus dem Kehlkopfe dauert fort und ist seit dem Auftreten der bronchitischen Erscheinungen reichlich mit Blut vermischt. Das örtliche Leiden des Kehlkopfes ist nicht mehr auf dies Organ allein beschränkt, sondern hat sich in der Luftröhre weiter nach unten ver­breitet. Nicht nur um die für die Einführung der Canüle bestimmte Oeffnunq in der Luftröhre, sondern auch unterhalb dieser Oeffnung zeigen sich Wucherungen, welche die Luftröhre verengt und das Heroordrängen der Canüle veranlaßt Haven. Der Umfang