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1888.

Samstag den 21. Januar

Nr. 18

(<>iißciict Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Politische Wochen-Ueberfkcht

($ugtn, 20. Januar.

Am Sonntag, den 22. d. Mts., findet im königlichen Schlosse zu Berlin die diesjähuge Feier des großen Kröuungs- und Ordensfestes statt, an welches sich der Beginn der Winterfestüchkeiten am kaiserlichen Hose zu knüpfen pflegt. Kaiser Wilhelm wird, wie nunmehr feststeht, ungeachtet seiner kaum überwundenen jüngsten Unpäßlichkeit, an der Feier theilnehmen und liegt hierin wohl der beste Beweis jür die erfolgte völlige Wiederherstellung des greifen Monarchen. Nach dem bereits vor einigen Tagen bekanntgegcbenen Programm wird fich auch das diesjährige Krönung«- und Ordensfest zu einer ungemein glanzvollen Cerenwnie gestalten. c r

Die Reichstag«'Commission zur Vorberathung des Wehrgesetzes hielt am Msttwoch ihre erste Sitzung ab. Die §§ 1 und 2, welche von der Ein! Heilung der Landwehr und der Dienstdaucr in dem 1 Aufgebote derselben handeln, wurden unverändert genehmigt. Bei § 3 (Dienstverpflichtung und Dtenstnauec in der Landwehr 2. Aufgebotes) glnetzmigte die Commission gegen die St mmen der Coniervaliven ein Amendement des Abg. Richter, wonach Per­sonen , die vor dem 20. Lebensjahre in das stehende Heer eingetrcten sind, ent- sprechend früher aus der Landwehr 2. Aufgebotes amtreten dürfen. Em wei­terer Antrag des Abg. Rich'er, die Landwehr-Ojficiere den Ehrengerichten nicht zu unterstellen, welchen er zu § 4 (Vergünstigungen für die Landwehrleute 2 Aufgebotes) eingebracht hatte, ward dagegen abgelehnt und der letztgenannte Paramaph fand unverändert die Zustimmung der Commission. Ebenso stimmte dieselbe den §$ 57, welche vom Uebertrilt aus der Landwehr 1. Aufgebotes in dir Landwehr 2. Aufgebotes, von den besonderen Fällen, in denen eine Zu­rückstellung Landwehrpflichtiger hmter die letzten Jahresklaffen und der Aus- stelung ber Control-Llsten handeln, durchweg zu. Hiermit ist der erste, die Landwehr betrrffenoe Abschnitt des Wehrgesetzes erledigt- In die Berathung des zweiten, von der Ersatz-Reserve handelnden Abschnittes, trat die Commission am Donnerstag ein. r r , |(V, v

Die Veröffentlichung des neuen Socialistengesetzes hat begreiflicher Weise in der Presse aller Parteischattirungen zu lebhaften Erörterungen über diesen Gegenstand geführt, die jedenfalls auch noch längere Zeit andauern werden. Ueberwiegend erfahren die. von der Negierung vorgeschlagenen Verschärsungen eine unMsirge Beurtheilung seitens der öffentlichen Meinung und gilt dies speciell hinsichtlich der Expatriirung, also des Verlustes der Reichs- und Staats­angehörigkeit. Jnwiewe-r sich diese ungünstige Auffassung auch im Reichstage wwerspiegelt, wird man ja wohl aus der Generaldiscufsion über den neuen Gesetzentwurf ersehen, welche wahrscheinlich am Montag beginnt. Der Reichs- kanrler, dessen Ankunft in Berlin für diesen Samstag signalisirt war, gedenkt namentlich an den Verhandlungen über das Socialistengefttz lebhaften Antheil zu nehmen und es muß noch abgewartet werden, ob die machtvolle Beredtsam- keit des (eilenotn Staatsmannes nicht doch noch den Sieg über die Einwände der voraussichtlichen Gegner der Verschärfungs-Maßregeln daoonträgt.

lieber die Alters- und Jnvaliden-Vsrforgung hört man endlich nach längerer Pause wieder etwas. Im Reichramte des Innern soll Die Um­arbeitung der Grundzüge zum eigentlichen Entwürfe jetzt soweit gediehen sein, daß die ÜeberWeisung desselben an den Bundesrath zur Berathung und Beschluß- fassung binnen etwa zwei Wochm erfolgen dürste.

Aui dem Gebiete ver auswärtigen Politik oiloete das friedeath- mende R^scriyr des russischen Kaisers an den Gouverneur von Moskau das hauptsächlichste Leitmotiv für die Preßbetrachtungen. Im Allgemeinen hat die frieoliche Kundgebung Des Czaren und seine Zuversicht aus Erhaltung des Weltfriedens in diesem wie im künftigen Jahre eine günstige Beurtheilung ge­sunden , die specicll in der Wiener R»gierungSpreffe heroorgetreten ist. Aber fast allgemem herrscht Dabei der Wunsch vor, der Czar möge feinen Friedens- rootlen nun auch entsprechende Thaten folgen laffen, auf die aber die Welt wahrfchernlrch noch länger wird warten müssen. Zwar versichern Pesther Mel­dungen, feil Weihnachten hätten die russischen Truppen an der galizischen Grenze mchr dir geringste Vermehrung mehr ersahren, aber das will doch noch nicht viel besagen.

Unter der Arbeiterschaft Belgiens spukt der Geist der Unzufrie- denheit wieder. In mehreren Kohlenbergwerken des Paturages-Gebietes haben die Grubenarbeiter die Arbeit eingestellt und fordern sie eine Lohnerhöhung.

Recht nette Dinge werden wieder aus dem heiligen Rußland gemeldet. In Petersburg und Moskau sind in jüngster Zeit förmliche Maflenverhastungen politisch Verdächtiger vorgenommen worden. In Petersburg allein z. B. wurden in der Nacht vom 12. aus den 13. d. M. 887 verdächtige Personen gelegentlich einer polizellichen Maffen-Haussuchung in das Gefängniß abgeführt; in einem der durchsuchten Häuser brach hierbei Feuer aus, welches das ganze Haus einäscherte. Durch den Brand wurde auch eine in dem Hause befind­liche nihilistische Druckerei zerstört; die meisten Bewohner deffelben wurden während des Feuers verhaftet. Viele Officiere und selbst die Beamten ganzer Polizeibureaus sollen in Petersburg verhaftet worden sein und bei allen Ver­haftungen spielen nihilistische Umtriebe eine Hauptrolle. Es ist daher nur glaubwürdig, wenn eine Petersburger Meldung besagt, der Czar beabsichtige, sich schon in nächster Zeit wieder in die Einsamkeit nach Gatschina zurück- zuziehcn.

Deutschland.

Berlin, 18 Januar. In gut unlerrichteten Reichstagskreisen erwartet man für die nächsten Tage die Einbringung der Vorlage, welche die aus Grund des neuen Wehrgesetzes erforderlichen einmaligen Kosten verlangt. Man nimmt an, daß nie Gesammtsorderung 100 Mill. weit überschreiten und sich näher an 200 als an 100 Mll. JL halten wird.

Die Agitationen für höhere Getreidezölle beginnen schon wieder. Dies­mal sind es nicht die ostpreußischen Agrarier, welche den Rus erheben, derselbe ertönt vielmehr aus dem agrarischen Flügel des Centrums, und zwar von dem früheren Reichstags-Abgeordneten v. Schalscha - Frohnau und einigen politischen Freunden deffelben. In einer Generalversammlung des oberschlesischen Bauern- Vereins, welche in diesen Tagen in Oppeln stattfand, hat, wie dieM. Ztg." berichtet, Herr v. Schalscha einen Vortrag Über die zollpolitischen Verhandlungm des Reichstages gehalten und bei dieser Gelegenheit darüber geklagt, daß Der Zoll von 5 eine Erhöhung der Getreidepreise bis jetzt noch nicht gebracht

habe und wohl auch nicht bringen werde; erst müffe der Unterschied zwischen dem guten deutschen und dem schlechten rufsischen Gelbe beteiligt werden. Um zu erzielen, daß der Roggen mit 14 JL verkauft werde, müffe ein Zoll von 9 c4L erhoben werden. Vor der letzten Zollerhöhung verlangten die extremen Agrarier, und mit ihnen dieKreuz-Zettung", einen Zoll von 8 JL Herrn v. Schalscha ist der Appetit seitdem schon wieder etwas gemachen. In Erwi­derung auf eine Anfrage aus der Mitte der Versammlung hat dann Herr v. Schalscha noch ausgesührt, der Grund davon, daß die Zölle bisher nicht genützt hätten, sei der, daß man sich gefürchtet habe, energisch durchzugreifen.

Arankreich.

Paris, 19. Januar. Deputirtenkammer. Auf Antrag des Ministers Sarrien wurde die Dringlichkeit für den Gesetzentwurf, belr. die Jnstallirung des Seine-Präfekten, im Hötel de Ville ohne Dircufsion angenommen und der Entwurf der Commission für das Munizipal-Gefetz überwiesen. Die Kammer trat darauf in die Debatte über die Correction der Seine ein.

Pari-, 18. Januar. Die aus Rom datirte Mittheilung derR^publ. Franyaise" ist offenbar ein Ausfluß der starken Verstimmung, welche sich der Franzosen bemächtigt hat, weil ihnen die Erledigung des Streitfalles schon zu lange dauert. Allgemein wird von Flourens entschiedenes Vorgehen gefordert. CriSpi, sagtMatin", benehme sich wie der Minister eines Negerkönigs, den man kräftig an den Ohren ziehen müffe, um ihn zu Verstand zu bringen. Ge­fährlicher noch ist es bei der ohnedies zwischen französischen und italienischen Arbeitern bestehenden Feindschaft, daß die radikalen Blätter bei Nichtbewilligung der französischen Forderungen die Ausweisung aller Italiener vorschlagen. Wenn diese Aufhetzerei von französischen Arbeitern in Marseille, wo die Gegen­sätze aufs Höchste zugespitzt sind, ausgenommen wird, stehen Zwischenfälle zu erwarten, welche an Bedeutung den Fall von Florenz weit übertreffen. Einige Blätter beharren dabei, daßBismarck uns diesen Hund (Crispi) zwischen die Beine gehetzt hat." Jndeffen werden die beiderseitigen Regierungen wohl den Weg finden, die Sache einer gütlichen Lösung zuzuführen.

DasXIX. (Steele" meldet eine Schauermähr aus Marle (Departe­ment Nord). Danach wurden dort zwei preußische Spione verhaftet, welche als Nonnen verkletdet waren. Andererseits wird demPetit Journal" aus Marleille telegraphirt, daß dort ein Elsässer Namens Feldneiger, Der nicht für Frankreich optici hat und sich jetzt den Namen Hestner beilegt, und ein Italie­ner Namens Sudrini als Spione festgenommen seien. Die Freude am Spwnen- sang scheint den Franzosen noch nicht oetleibet zu sein.

Rußland.

Petersburg, 17. Januar. DieK. Ztg." hält ihre Nachricht auf­recht, am 11. December habe der Kriegsrath in Petersburg beschlossen, das zweite kaukasische Armee-Corps mit einer Schützenbrigade und einer kaukasischen Cavallerie-Division in ständige Garnisonen an der österreichisch-rumänischen Grenze zu verlegen. Vielleicht handelt es sich hier um jene zwei russischen Divisionen, deren demnächst erfolgende Ankunft in der westlichen Region des russischen Reiches der hiesige russische Militär-Attache Oberst Zujeff angezeigt hat. Wie übrigens verlautet, sollen diese beiden Divisionen nicht zur Verstärkung der an den Westgrenzen stehenden Truppen, sondern zur Ablösung von zwei russischen Divisionen dienen, die aus dem Königreiche Polen in das Innere von Rußland verlegt werden sollen.

Einem Gerüchte zufolge ist im Narwa'schen Stadttheile in Petersburg ein ganzes Polizeibureau (Uschastok) vom Pristaw (Vorsteher) bis zum jüngsten Gorodowoi als politisch verdächtig ausgehoben worden; Alle wurden arretirt. Diese Verhaftungen stehen angeblich in Verbindung mit der jüngst gemeldeten Arretirung eines Feldscheers.

Die Nachricht von der Verhaftung mehrerer Officiere bestätigt sich. Die Officiere gehören nicht der Garde an, sondern sind nach Petersburg com- mandirte Officiere der Armee. In ihrer an der Moika gelegenen Wohnung wurde neben sehr compromittirenden Briefschaften auch Dynamit gefunden.