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Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Dirrcanr Sch ulstraße 7.
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Rr. m!9 'Lweit-r BIM. Mittwoch dm 20. Juni
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. ?rcJ/ * 1 2 3 4 5
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Amtlicher Hßeil.
Betreffend: Feldbereinigung in der Gemarkung Saasen.
Bekanntmachung.
Großherzogliche Landeskommission für Feldbereinigung hat auf Grund des Art. 42 des Gesetzes über die Feldbereinigung vom 28. September 1887 (Reg-Blatt S. 247) die Anwendung dieses Gesetzes auf die in der Konsolidation begriffene Gemarkung Saasen für zweckmäßig erklärt und den Unterzeichneten nach Art. 15, Nr. 1 daselbst zum Vollzugskommiffär ernannt.
Nach Vorschrift des Art. 16 des neuen Gesetzes soll zunächst Montag den 2S. Juni l. I., Vormittags 10 Uhr, in Saasen eine Versammlung der beteiligten Grundeigenthümer stattfinden, in welcher dieselben Wünsche und Anträge vorbringen können und in welcher die Wahlen zur neu zu bildenden Vollzugskommission und einem Schiedsgerichte vorzunehmen sind.
Zur Vollzugskommission sind zwei Sachverständige nebst zwei Stellvertretern, zum Schiedsgerichte ist ein Mitglied, nebst einem Stellvertreter von den bethelligten Grundeigenthümern zu wählen. Jeder anwesende Bethelligte hat eine Stimme. Die Beschlüsse erfordern zu ihrer Gültigkeit eine Mehrheit von zwei Dritltheilen der Anwesenden und sind unter dieser Voraussetzung auch für die nicht erschienenen Bethelligten verbindlich.
Kommen gültige Beschlüsse nicht zu Stande, so hat die Landeskommission für Feldbereinigung die Sachverständigen und Schiedsrichter zu ernennen.
Alle bei der Feldbereinigung in Saasen bethelligten Grundeigenthümer werden zu dieser Versammlung hiermit eingeladen.
Darmstadt, den 29. Mai 1888. Der Vollzugskommissär:
Nover, Regierungsrath. 4625
Kaiser Wilhelm II.
lieber den Lebensgang des neuen Kaisers bringt die „Nat.-Ztg" folgende Notizen: Kaiser Wilhelm II. ist am 27. Januar 1859 geboren. Er hat am 5. März 1859 in der Kapelle des damals kronprinzlichen Palais durch den Oberhofprediger Dr. Strauß die Taufe empfangen- Die ersten Pflegerinnen und Erzieherinnen des jungen Hvhen- zollern waren ein Fräulein Adolphi und Mademoiselle Dvngö, durch welche er die französische Sprache erlernte. Später erhielt er durch Miß Archer, die spätere Vorsteherin des Victvria-Lyceurns, Unterricht in der englischen Sprache. Bei Beginn des schulpflichtigen Atters wurde ihm der Professor, jetzige Geh.-Rath Hinzpeter als Civil- gouoerneur zugewiesen. Militärgouoerneur war Generalmajor v- Stolberg. Regelmäßige Exerzierstunden wurden schon frühzeitig in die Tagesbeschäftigungen mit eingelegt und durch den dabei bewiesenen Eifer wurde Prinz Wilhelm der besondere Liebling seines Großvaters. Dazu hatte er im Neuen Palais eine strenge Soldatenzucht und einen Stamm von Mustertruppen stets vor Augen und wohnte mit seinem Vater häufig dem „Schrippenfest" des Lehr-Jnfanteriebataillons und den Exertttten der Zöglinge des Militär-Waisenhauses bei. Auch an dem 150jährigen Jubiläum des Caoettencvrps im Jahre 1867 nahm Prinz Wilhelm neben seinem Großvater und seinem Vater Theil und zum Andenken an diesen Tag enthält das Album des Corps ein mit dem Datum 1. September 1867 versehenes Blatt, auf welches Großvater, Sohn und Enkel eigenhändig ihre Namen unter einander geschrieben haben. Am 27. Januar 1869, mit dem Tage, wo er in das 10. Lebensjahr trat, wurde Prinz Wilhelm als Offizier in die Armee eingestellt und wohnte am 2. Mai 1869 zum ersten Male einer Kirchenparade detz ersten Garderegiments z. F. bei. Als nach beendetem Krieg am 13. Juni 1871 der feierliche Einzug der Garden in Potsdam stattfand, da sah man neben dem an der Spitze reitenden Kaiser Wilhelm und neben seiner Mutter, der Kronprinzessin, auch schon den jungen Prinzen Wilhelm in voller Gala. Prediger Persius, der in den letzten Schmerzenstagen bei Kaiser Friedrich geweilt, hat dem Prinzen Wilhelm den Confirmationsunterricht ertheilt. Die feierliche Einsegnung desselben fand am 1. September 1874 statt. Eine Stelle aus dem Glaubensbekenntniß, welches der Prinz auf Wunsch seines Vaters selbst aufgesetzt hat, lautete: „Ich weiß, welche großen und schweren Ausgaben meiner warten, und ich will die Zeit meiner Jugend benutzen, um denselben gewachsen zu fein; ich will meine Aufmerksamkeit dem Wohle des Staates, wie dem Ausbau der christlichen Kirche zuwenden." Bald nachher Konfirmation wurde der junge Prinz, wie andere Landeskinder, auf eine öffentliche Schule geschickt und zwar auf das königliche Gymnasium in Kassel, wo er im Herbst 1874 der Obersecunda einverleibt wurde. Er wohnte allen Unterrichtsstunden wie jeder andere Schüler bei, besuchte das Gymnasium über zwei Jahre und machte am 20. Januar 1877 das Abiturientenexamen. „Der Prinz", so heißt es tn dem Schulprogramm, „genügte den Anforderungen der Abiturientenprüfung in ehrenvoller Weise." Bei seinem Abgang von der Schule erhielt er eine der drei Denkmünzen, welche an die drei fleißigsten und würdigsten Primaner vertheilt wurden. In dem Curriculum vitae hatte Prinz Wilhelm „Staats-und Rechtswissenschaften" als Gegenstand seines künftigen Studiums angegeben. Am 27. Januar 1877 wurde Prinz Wilhelm mündig erklärt und dann begann der practische Militärdienst in der 6. Compagnie des 1. Garderegiments z. F.; eine bei dieser Gelegenheit an ihn gehaltene Anrede Kaiser Wilhelms I. schloß mit den Worten: „Nun gehe und thue Deine Pflicht, wie sie Dir gelehrt werden wird. Gott sei mit Dir!" Prinz Wilhelm verweilte längere Zeit als Student auf der Universität Bonn. Er war bis zum Generalmajor aoancirt und hatte sich in den verschiedenen Zweigen des Staatsdienstes unterrichtet, als der Tod Kaiser Friederichs ihn auf den Thron berief. Am 27. Februar 1881 vermählte der Prinz sich mit der Prinzessin Victoria Augusta von Schleswig-Holstein, der nunmehrigen Kaiserin. Vier Söhne sind dieser Ehe entsprossen; der älteste, Prinz Wilhelm, geb. 6. Mai 1882, ist nunmehr Kronprinz des Deutschen Reiches und von Preußen.
Darmstadt, 18. Juni. Ernannt wurde am 13. Juni der Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitze zu Hungen, Wilhelm Keil, zum Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitze zu Wörrstadt;
an demselben Tage der Gerichtsvollzieher-Aspirant Conrad Seipel zu Gießen zum Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitze zu Hungen.
Darmstadt, 18. Juni. Das Verordnungsblatt für die evangelische Kirche des Großherzogthums Hessen Nr. 8, ausgegeben Darmstadt den 9. Juni, enthält:
1. Verzeichniß der im 1. Vierteljahr 1888 erfolgten Schenkungen und Vermächtnisse für evangelisch-kirchliche Zwecke.
2. Nachweis der Befähigung zur Uebernahme eines Kirchenamts.
3. Berichtigung.
4. Dienstnachrichten.
Ernannt wurden: Psarramtskandidat Jakob Jaudt rum Verwalter der Pfarrei Maulbach, Pfarrverwalter Ad. Beckenhaub zum Verwalter der Pfarrei Ober-Rosbach.
5. Concurrenzeröffnung.
Erledigt ist die evangel. Pfarrstelle zu Staden mit Stammheim. Das Präsen- tationSrecht steht dem Herrn Grafen von Schlitz genannt von Görtz zu.
Berlin, 17. Juni. Kaiser Wilhelm II., der, am 27. Januar 1859 geboren, mit 29 Jahren und 5 Monaten zur Regierung gelangt, ist in der Reihe seiner Vorgänger auf dem brandenburgisch-preußischen Throne seit dem großen Kurfürsten noch bei weitem nicht der jüngste Herrscher. Der große Kurfürst selbst war erst 20 Jahre 10 Monate, der große Friedrich 28 Jahre und 4 Monate, Friedrich Wilhelm L 24 Jahre und 6 Monate und der Urgroßvater des jetzigen Kaisers 27 Jahre und 3 Monate beim Regierungsantritt alt. Aelter als Kaiser Wilhelm II. waren abgesehen von seinem Vater und Großvater beim Regierungsantritt nur Friedrich I. (30 Jahre 9 Monate); Friedrich Wilhelm II. (41 Jahre 11 Monate) und der IV. (44 Jahre 8 Monate). Das Durchschnittsalter der zehn Herrscher vom großen Kurfürsten bis zu Kaiser Wilhelm II. beim Regierungsantritt ist 36 Jahre und 8 Monate.
UuiverfftätS - Thronik.
— Die Universität Kiel zählt 560Studirende, von denen 86 zur theologischen, 46 zur juristischen, 285 zur medicinischen und 143 zur philosophischen Fakultät gehören.
— Professor Dr. Thaner in Innsbruck ist als Professor des Kirchenrechts an die Universität Graz berufen worden.
— Der Professor der germanischen Philologie, Dr. Paul aus Freiburg, hat einen Rus nach Gießen abgelehnt.
— Der außerordentliche Professor Dr. Theodor Rumpf zu Bonn ist in gleicher Eigenschaft in die medicinische Facultät der Universität Marburg versetzt worden.
Vermischtes.
— Es ist auch leider in gar mancher Gemeinde unserer Gegend die verwerfliche Sitte eingerissen, Stromer, Vagabonden und Gewohnheitsbettler ?c. rc., selbst wenn sie in einem Orte strafbare Handlungen begehen (es kommt z. B. gar nicht selten vor, daß derartiges Gesindel, namentlich in der Erntezeit, wenn Alles im Felde bei der Arbeit ist und sie treffen eine alte Frau allein zu Hause an, Geld erpreßt ober sonstige Sachen gewaltsam an sich nimmt), doch nicht verfolgt werden, weil es häufig damit entschuldigt wird, was soll ich der Gemeinde Unkosten und mir unnöthige Schreibereien machen. Es dürste deshalb nachstehende Gerichtsverhandlung für manche Ortsbehörde eine wichtige Belehrung fein:
Ravensburg. Ein gemüthlicher vberschwäbischer Dvrfschultheiß stand dieser Tage vor der hiesigen Strafkammer, wegen Unterlassens der Verfolgung strafbarer Handlungen, nämlich der 76 Jahre alte Schultheiß M. von H., weil er an einem Tage drei vom Ortspolizeidiener wegen Bettels vorgeführte Stromer, statt sie an das Oberamt abzuliefern und ohne auch nur ihre persönlichen Verhältnisse festgestellt zu haben, ohne Weiteres entließ, so daß einer der frei ausgehenden Bettler dem Polizeidiener höhnisch zurief: „Gelt Polizeidienerle, hast doch Nichts mache könne!" Die Vorgeführten hatten angegeben, daß sie wunder Füße wegen nicht nach der Oberamtsstadt laufen könnten, worauf sie der Schultheiß entlaffen hatte, um dem Staat die Kosten zu ersparen. Das Gericht erkannte unter Zubilligung mildernder Umstände auf sechs Wochen Gefängniß.
Darmstadt, 18. Juni. Dem hiesigen Möbelfabrikanten und Möbeltransporteur A. passirte das Mißgeschick, daß ein mit den Möbeln eines hierher versetzten Beamten beladener Möbelwagen in der Nacht von Freitag auf Samstag bis auf die Achsen verbrannt ist. Der Fuhrmann bemerkte während der Fahrt, daß Rauch aus dem Innern des Wagens hervordrang und als er den letzteren öffnete, schlugen ihm die hellen Flammen entgegen. Er spannte die Pferde aus und überließ den Wagen, der sich auf der Chaussee befand, seinem Schicksal.
△ Mainz, 18. Juni. Viele Geschäfte und Läden hatten am heutigen Beisetzungstage Kaiser Friedrichs geschlossen, ebenso zeitweise die Poft und die Reichsbank. Im Gymnasium, der Realschule und den Volksschulen fanden Trauerfeiern statt, bei welchen den Schülern Vorträge über den erhabenen Dahingeschiedenen gehalten wurden. Auf Anordnung des bischöflichen Ordinariats findet am nächsten Sonntag im Dom eine große Trauerseier statt. In der Synagoge hier widmete am Samstag Rabbiner Dr. Salfeld unter dem ersten Eindruck des allgemeinen Schmerzes Kaiser Friedrich einen tief empfundenen Nachruf. Er schilderte die Regierung des Verstorbenen als eine vielverheißende Aera der Freiheit, des Fortschritts und des Friedens.
= Frankfurt, 18. Juni. Die äußeren Zeichen der Trauer um den verewigten Kaiser Friedrich haben sich von gestern auf heute noch erheblich vermehrt, die Stadt zeigt überall, namentlich aber in den Zentren, tiefe Trauer. Die Geschäfte sind fast ausnahmslos geschlossen, die Schaufenster sind mit reichen Trauerdecorationen aefüllt. Die florumhüllte Büste des zur ewigen Ruhe eingegangenen kaiserlichen Dulders beaeanet dem Auge des Wandernden alle paar Schritte; vielfach findet man auch die mit Zeichen der Trauer verhüllten Büsten der beiden deutschen Kaiser, Vater und Sohn, ausgestellt, die Kunsthandlungen stellen Bilder Kaiser Friedrichs aus, auf die der Blick nur mit Rührung ruhen kann bei dem Gedanken, daß diese edle Mannes- und Helden-


