1888.
Dienstag den 20. März
Nr. GS
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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iVurearrr Schulstraße 7.
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Politisch- rr-L-rstcht.
eieren, 19. Mär,.
Unser unvergeßlicher Kaiser Wilhelm ruht nun im Mausoleum ,u Charlottenburg an der Seile seiner ebenfalls dort beigesetzten Eitern, der hoch« seligen König Friedrich Wilhelms III. und der hochseltgen Königin Luise von Preußen. Nicht weit von der Stelle ruht der große Todt-, wo er in bangen und schicksalsschweren Momenten seine» Lebens am Grabe seiner verch'ten Mutter, die er wie seinen guten Engel werth hielt, so ost und gern betete und seinen Geist zum großen Werke sammelte und stärkte. Da» einsache und kleine Mausoleuui zu Charlottenburg, welche» nicht genügenden Raum zur würdigen Ausstellung de» Sarge«, der die sterblichen Ueberrste Kaiser Wil« Helm»'enthält, bietet, wird noch in diesem Jahre größer umgebaut und dürste nach seiner Vollendung an besonder» denkwürdigen Tagen der deutschen Geschichte ein nationaler Wallfahrtsort werden. , m ,,
Von den Beisetzung»«Feierlichkeiten in Berlin, denen wir bereits Berichte widmeten, heben wir noch folgende Momente al« besonders ergreisend und erhebend hervor. Mindestens 30,000 Menschen, zu denen die Berliner Vereins der Beamten, Künstler, Kaufleute, Gewerbetreibende und Stu- deuten das stärkste Contingent gestellt hatten, bildeten in der Trauerstraße Spalier mehrere Hunderttausend Personen standen aber noch hinter dem Spalier - ober saßen auf den zahlreichen Tribünen. Im Ganzen wohnten aber wohl über eine Million Menschen den Beisetzungr-Feierlichkeilen bei, denn auf dem ganzen Wege vom Brandenburger Thor bis Charlottenburg bildeten ebenfalls Garde- truppen und eine ungeheuere Mengs Civilisten Spalier.
Der Tag der Berliner Beisetzungs-Feierlichkeiten ist auch für ganz Deutschland ein Tag tiefster Trauer gewesen und wohl kaum wirs c» einen Ort im Reiche gegeben haben, in welchem dieselbe nicht zum äußerlichen Ausdruck getanzt wäre. Aber auch das Ausland, welcher bereit« bei der ersten erschütternden Kunde vom Heimgangs Kaiser Wilhelms der deutschen Nation sein Mitgefühl in so Überwältigender Weise zu erkennen gab, hat den Tag der Beisetzung nicht ohne nochmalige weitgehende Theilnahme-Bezeugungen an der nationalen Trauer Deutschlands vorüverschwinden taffen und zahllos sind die Meldungen, welche hierüber vorliegen. In allen europäischen Haupt- städlen fanden am Freitag Trauergottesdienste statt, denen überall die Vertreter der Regierungen und der Behörden beiwohnten und die französtsche Hauptstadt machte hiervon keine Ausnahme, ebenso ist auch jenseits der Oceans an zahlreichen Orten da» Andenken Kaiser Wilhelm» durch entsprechende Trauerkund- gedungen gefeiert worden. In sämmtlichen größeren englischen Flottenstationen vom Mutterlands an bi» zur Südsee und den Küsten Indien» wurden am Freitag anläßlich der Beisetzung Kaiser Wilhelm» 91 Geschützsalven abgeieuert und die Flaggen aus Halbmast gehißt und dar Gleiche geschah in sämmtlichen größeren Garnisonen England» und seiner Colonien. Ebenso gib da» ganze italienische Geichwader am Freitag Mittag Trauersalven ab und die ganze russische Armee wie die Kriegsmarine Rußland» legte an diesem Tags nochmals große Trauer an. In Petersburg selbst sand am Freitag in der lutherischen Petrikirche Trauergottesdienst zur selben Stunde statt, zu welcher in Berlin dec verewigte Kaiser zu Grabe geleitet wurde. Der Gottesdienst gestaltete sich zu einer erhebenden und großartigen Feier und wohnten ihr das Kaiserpaar, die sämmtlichen in Petersburg anwesenden Mitglieder der Kaisersamtlie, Deputatio- nen her russischen Regimenter, deren Ches Kaiser Wilhelm gewesen, das dtplo- matische Corps, die höchsten Hof- und Staatswürdenträger, die Generalität und zahlreiche sonstige distinguirte Persönlichkeiten der Petersburger Gesellschast bet. — Diese Trauerbezeugungen des Auslandes legen in ihrer Wärme und ihrer Allgemeinheit den überzeugendsten Beweis von der hohen Verehrung ab, welche sich bei Heimgegangene Herrscher in aller Welt erworben, wie von der wahr- haften Theilnahme, welche alle Culturnationen der Erde anläßlich de» Hinschei' den» dieser großen Friedenssürsten empfinden. Hoffen wir, daß die gegenwär- tigen Trauertage zu einer Milderung der Spannung, welche jetzt leider große Culturvölker von einander trennt, führen werden I
Am kommenden Donnerstag, an welchem Tage Kaiser Wilhelm fein 91 Lebensjahr vollendet haben würde, wird bekanntlich in den Schulen und Lehranstalten Preußens und jedenfalls auch des übrigen Deutschlands eine Gedächtnißfeier für den Heimgegangenen Monarchen veranstaltet. In einer Reihe deutscher Städte sind nun seitens der Bürgerschaft an diesem Tage außerdem noch besondere Kundgebungen der Trauer geplant und er steht zu hoffen, daß der 22. Mär» im ganzen Reiche derartige Acte der Pietät gegenüber dem Gedenken de» großen Kaiser» zeitigen werde.
Der Papst hat an Kaiser Friedrich ein Condoienzschreiben gerichtet, welche» neben dem tiefen Beileide an dem Heimgänge Kaiser Wilhelm'« die Hoffnung ausspricht, daß die Beziehungen Deulschland's zum heiligen Stuhl fortgesetzt die freundlichsten und zutrauenrvvlle sein würden. Der Wiener Nunliu», Monfignore Galimberti, ist in Berlin eingetroffen, um dem Kaiser Friedrich die Glückwünsche bei Papste» zur Thronbesteigung zu überbringen. — Sehr herzlich ist dar Beileidsschreiben de» Prinz-Regenten Luitpold an Kaiser Friedrich, welcher Prinz Ludwig, der älteste Sohn und der Stell- Vertreter de» Prinz-Regenten bei den Beisetzungsfeierlichkeiten, persönlich über- brachte, abgefaßt. Er heißt darin etwa: Do» Bild de» Vrewiglea stehl mit leuchtenden Farben in der Geschichte da. Seiner weisen und kraftvollen
Führung war e» beschicken, unter der treuen Mitwirkung der deutschen Fürsten und getragen von der begeisterten Zustimmung der Ration, die deutschen Völker auf versaffungsmäßiger Grundlage wieder zusammen zu schließen und ein geeinigte» Reich in den Bahnen sriedlicher und gedeihlicher Entwickelung zu erhalten. Unvergessen lebt in mir die dankbare und persönliche Erinnerung, an hochdeffen Seite es mir vergönnt war, in ernster Zeil den glorreichen Kamps und den gemeinsam erfochtenen Sieg zu schauen.
In recht merkwürdiger Weise ist die Stimmung der Petersburger Panslavisten-Presse gegen Deutschland in Folge der ernsten Eceigniffe in Berlin umgeschlagen. Während man in der genannten Presse und den geflnnungrverwandten Morkauer Organen bi» vor gar nicht langer Zeit form« lichen WuthausbrüLen gegen den deutschen Nachbar und den craffesten Verdächtigungen seiner Politik begegnen konnte, sind dieselben Blätter heute wie umgewandelt. Sie anerkennen mit der gesammten übrigen europäischen Presse, daß die von Kaiser Friedrich formutirten und bekannt gegebenen leitenden Grundsätze seiner Regierung unserem Weltlheil den hoffnungsreichen Ausblick auf eine Periode friedlicher kultureller Entwickelung eröffnen und bann er- scheint es auch begreifltch, wenn Blätter, wie „Neue Zeil" und „Graihdanin", sich für den in den Petersburger finanzpolitischen Kreisen ousgetauchten Gedanken eine« deutsch-russischen Handelsvertrages erwärmen. Wie lange frei« lich diese Stimmung andauern wird, ist bei dem Wechsel der Strömungen in Rußland eine andere Frage.
In Sofia fcheint gar manche» faul zu fein. Im Kriegrdepartement sind bebeutenbe Unterschleife entdeckt worden, in Folge dessen der hierbei schwer gravirte Platzcommandant, Major Popoff, auf Antrag der eingesetzten milt- lärischen Untersuchungscommission verhaftet werden sollte. Major Popoff ist aber einer der tapfersten Führer der bulgarischen Armee au» dem Kriege mit den Serben und außerdem ein treuer Anhänger de» ehemaligen Fürsten Alexander und genießt et deshalb in Bulgarien große Sympathien, io daß es Fürst Ferdinand nicht für räthlich hielt, in die Verhaftung Popoff's zu tnin«;?n. Vielmehr ließ er demselben nahe legen, seine Entlassung zu nehmen, was auch geschah und hierüber ist die Uniersuchungscommisston so ausgebracht, daß sie ebenfalls demissioniren will. Für die Zustände in Sofia ist der Zwischenfall jedenfalls charakteristisch.
Trauerseirrlichketten für Kaiser Wilhelm im Auslande.
Heber die am Freitag im ganzen deutschen Daterlande abgehaltenen Trauerfeierlichkeiten für unseren verblichenen Kaiser Wilhelm laufen allenthalben aus allen Städten Städtchen und Orten die erhebensten Nachrichten ein. lieber all die zahlreichen in den größeren wie kleineren Orten Deutschlands veranstalteten Feierlichketten zu berichten, refp. dieselben zu erwähnen, ist nicht möglich, aber überall war man bestrebt das Andenken an Kaiser Wilhelm in einer dem Dahingefchiedenen würdigen Weise zu begehen. Wenn In all den feierlichen Veranstaltungen, die innerhalb der Grenzen Deutschlands getroffen wurden, für jeden Deutschen schon etwas Erhebendes liegt um so zuversichtlicher können wir unsere Blicke über die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus schweifen lassen, um zu sehen, wie nicht nur tu Europa, sondern in der ganzen cioilifirien Welt das Andenken Kaiser Wilhelms in erhebendster Weife gefeiert wurde. Nachstehend lassen wir eine Uebersicht über die uns gemeldeten im Auslande abgehaltenen Trauerseierltchketten folgen: ,
Basel, 17. März. Die gestern Abend stattgehabte Todtenfeier für den hochseligen Kaiser Wilhelm nahm einen sehr erhebenden Verlauf. Die Münsterkirche vermochte die Theilnehmenden bet Weitem nicht zu fassen. 4000 Besucher befanden sich in der Kirche, wovon mehr als die Hälfte Schweizer waren. Nach Vorträgen des Orchesters uni> der Orgel pries Pfarrer Zimmermann die Verdienste des verewigten Kaisers, beklagte den Verlust Deutschlands und sprach die Hoffnung aus, daß der jetzige Kaiser dem deutschen Volke recht lange erhalten bleiben möge. Gebet und Gpsangsoorträge schlossen darauf dle erhebende Feier. Das Stadttheater war geschlossen.
Antwerpen, 16. März. In der hiesigen deutschen protestantischen Kirche sand heute Morgen um 11 Uhr eine Trauer- und Gedächtnißfeier für den verewigten Kaiser Wilhelm statt. Zu dieser Feier waren alle Mitglieder unserer deutschen Colonie, ohne Unterschied der Confessionen eingeladen; ferner hatten Einladungen erhalten die städtischen, sowie die Militär- und Civilbehörden und das Consularcorps. Die Theilnahme, auch Seitens der Belgier, war eine außerordentlich große und die Kirche war schon lange vor der zum Anfang der Feier festgesetzten Zeit stark überfüllt. Dre Behörden und Eonsuln, vollzählig erschienen, trugen große Uniform. Die Feier bestand in Chorgesang, ganz vorzüglich ausgeführt von einem deutschen Männerchor, ferner in einer Gedächtnißrede, gehalten von Herrn Pfarrer Seitz, und einem Gebete von Herrn WOr®iume, 16. März. Anläßlich der Beisetzung des Kaisers Wilhelm hatten alle öffentlichen Gebäude, Consulate und Schiffe die Flaggen auf Halbmast gehisst.
Brüssel, 18. März. Für den verstorbenen Kaiser Wilhelm fand heute m erner der katholischen Kirchen ein Trauergottesdienst statt, welchem die Gräfin von Flandern, der deutsche Gesandte mit dem Gesandtschaftspersonal, der deutsche Konsul, alle Mrnister, sämmtliche Mitglieder des diplomatischen Csrps, die sich hier aufhaltenden Deutschen und zahlreiche Itr einheimischen Bevölkerung angehorende Einwohner bei- "°^Ni„a, 16. März. In der hiesigen protestantischen Kirche sand heute Vormittag 11 Uhr ein feierlicher Trauergottesdienst für den Kaiser Wilhelm statt, welchem alle Consuln und zahlreiche Notabilitäten beiwohnten.
Spezzia, 16. März. Das ganze italienische Geschwader gab Mittags Trauer- jalven ab. Die Schiffe und Arsenale haben Flaggen auf Halbmast.
Drontheim, 46. März. Zur Trauerfeter für Kaiser Wilhelm wurde heute Abend 6 Uhr tm hiesigen Dome ein zahlreich besuchter Gottesdienst abgehalten. ~
Ehristiania, 16. März. In dem schwarz dekar rten unb mtt Trauerkranzen geschmückten Saale der Militärturnanstalt fand heute Mittag 1 Uhr ein äußerst zahl-


