Nr. l'to
Dienstag den 19. Juni
1888
Amts- und Anzeigtblatt für den Kreis Gießen.
Burcau- Schulstraße 7. ‘ Erscheint tätlich mit Ausnahme des Montag-. B»Ä
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Amtlicher Hheit.
Gießen, am 16. Juni 1888.
Betreffend: Das Ableben Sr. Majestät des Deutschen Kaisers und Königs von Preußen Friedrich.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Srotzherzoglicheu Bürgermeistereien bei Kreises.
Wir benachrichtigen Sie, daß aus Anlaß des Ablebens Sr. Majestät des Kaisers Friedrich vom heutigen Tage an bis auf Weiteres alle öffentlichen Tänze, Spiele, Musik (Kirchenmusik ausgenommen) und sonstige Lustbarkeiten allgemein einzustellen find.
Hiernach find die Vorstände von Vereinen, die Festlichkeiten veranstalten wollen, zu bedeuten und alle Festlichkeiten zu untersagen.
Dr. Boekmann.
Wilhelm.
Spiel zu rühren.
schloß Friedrichskron, den 15. Juni 1888.
Ihrem Berichte entgegen.
Schloß Friedrichskron, den 15. Juni 1888.
«fcd tos Wilhelm.
Berlin, 16. Juni, lieber die letzten Augenblicke Seiner Majestät des Kaisers Friedrich wird gemeldet, daß nur die Kaiserin und sämmtliche Kinder, der Erbprinz von Meiningen und Prinz Friedrich Leopold zugegen waren. Es war kein Todes- fampf — nur ein allmähliges Ausathmen des Lebens. Mackenzie eonstatirte den eingetretenen Tod. Die Kaiserin brach, überwältigt vom Schmerze, an der Leiche des Dahingeschiedenen zusammen. Kaiser Wilhelm führte die Mutter aus dem Sterbezimmer.
Berlin, 16. Juni, lieber die letzte Wendung in der Krankheit des Kaisers berichtet die National-Zeitung:
Das letzte Stadium des großen Martyriums, das Kaiser Friedrich durchgemacht hat, begann an dem Tage, als sich bei dem Genuß von Nahrung „Verschlucken" einstellte und dadurch klar wurde, daß der Krebs die Speiseröhre durchgebrochen hatte. Die Mit- theilung verschiedener Blätter, daß es sich dabei nur um eine Unbeweglichkeit des Kehl, deckels handele, die bald vorübergehen werde, war grundlos. Die Unbeweglichkeit des Kehldeckels, welcher bei Kaiser Friedrich abnorm vorgelagert war, bestand bereits seit der Tracheotomie, und seitdem schon war es deshalb nicht mehr möglich, den Kehlkopf mittels Kehlkopfspiegels zu untersuchen. Die Aerzte waren sich vom ersten Augenblick an vollkommen klar darüber, daß das Verschlucken von einer Verbindung zwischen Luft- und Speiseröhre herrühre. Hierdurch wurde der krampfartige Husten hervorgerufen, welcher bei jedem Versuche, Nahrung aufzunehmen, eintrat. Der Kaiser zeigte Widerwillen gegen jede Nahrungsaufnahme und es mußte neben der künstlichen Athmung durch die Eanüle auch noch die künstliche Ernährung mittels der Schlundsonde eingeleitet werden. Anfangs sträubte sich der hohe Patient gegen diese ungewohnte Art der Ernährung, welche ihm wegen der hohen Empfindlichkeit der von der Krankheit nunmehr auch ergriffenen Speiseröhre Beschwerden bereitete. Um die gereizte und schmerzhafte Stelle der Speiseröhre weniger empfindlich zu machen, wurde dieselbe mit einer Lösung von Morphium und Eocam
getragen. Für die Sanitätsoffiziere und die Beamten der Armee gelten die gleichen Bestimmungen in entsprechender Weise. An den Fahnen u. s. w. werden während der sechs Wochen zwei lange herabhängende Flore getragen, welche unter der Spitze zu de- sestigen sind. Während der ersten acht Tage der Trauerzeit ist bei den Truppen kein
An die Marine! Ich mache der Marine mit tiefbewegtem Herzen bekannt, daß Mein geliebter Vater, Se. Majestät der deutsche Kaiser und König von Preußen, Friedrich III., heute Vormittag 11 Uhr 5 Minuten sanft in dem Herrn entschlafen ist, und daß Ich, an die Mir durch Gottes Willen bestimmte Stelle tretend, die Regierung der Mir angestammten Lande und somit auch ben Oberbefehl über die Marine übernommen h^be. Es ist wahrlich eine tiefernste Zeit, in der Ich das erste Wort an die Marine richte. Soeben erst sind die äußern Trauerzeichen für Meinen unvergeßlichen, theuren Großvater, den Kaiser Wilhelm L, abgelegt worden, der noch im vorigen Jahre bei seiner Anwesenheit in Kiel seine lebhafte Befriedigung und Anerkennung über die Entwicklung der Marine unter seiner glorreichen Regierung in den wärmsten Worten aussprach — und schon senken sich die Flaggen wieder für Meinen vielgeliebten Vater, weicher so große Freude und so lebhaftes Interesse an dem Wachsen und den Fort- schrntcn Der Marine hatte. Die Zeit ernster und wahrhafter Trauer stärkt und festigt aber den Sinn und die Herzen der Menschen, und so wollen wir — das Bild Meines Großvaters und Meines Vaters treu im Herzen haltend — getrost in die Zukunft sehen. Die Marine weiß, daß es Mich nicht nur mit großer Freude erfüllt hat, ihr durch ein äußeres Band anzugehörcn, sondern daß Mich seit frühester Jugend in voller Uebereinstimmung mit Meinem lieben Bruder, dem Prinzen Heinrich von Preußen, ein lebhaftes und warmes Interesse mit ihr verbindet. Ich habe den hohen Sinn für Ehre und für. treue Pflichterfüllung kennen gelernt, der in der Marine lebt; Ich weiß, daß jeder bereit ist, mit seinem Leben freudig für die Ehre der deutschen Flagge ein: zustehen, wo immer es sei; — und so kann Ich es in dieser ernsten Stunde mit voller Zuversicht aussprechen, daß wir fest und sicher zusammenstehen werden in guten und in bösen Tagen, in Sturm wie im Sonnenschein, immer eingedenk des Ruhmes des deutschen Vaterlandes und immer bereit, das Herzblut für die Ehre der deutschen Flagge zu geben. Bei solchem streben wird Gottes Segen mit uns sein.
Schloß Friedrichskron, den 15. Juni 1888. Wilhelm.
Indem Ich Ihnen den anliegenden Marine-Befehl zur sofortigen Bekanntmachung zugehen lasse, bestimme Ich hierdurch: der Chef der Admiralität sowie sämmt- ltche der Marine etatsmäßig angehörige oder dazu commandirte Admiräle, Offiziere, Aerzte, Beamte und Mannschaften haben, wie dieselben zur Treue gegen des verewigten Kaisers Majestät eidlich verpflichtet gewesen sind, Mir unverzüglich ben Eid der Treue zu leisten. Das gesammte Personal des Beurlaubtenstandes der Marine ist bei der nächsten Controloersammlung bezw. bei der nächsten Einziehung zu Uebungen entsprechend neu zu vereidigen, lieber die Ausführung vorstehender Bestimmung sehe Ich
Darmstadt, 16. Juni. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute u. A. den Professor Dr. Netto von der Landesuniversität Gießen und den Uni- oersitätsmusikdirector Felchner von Gießen.
— Wegen des Ablebens Seiner Majestät des Kaisers Friedrich, Königs von Preußen, ist auf Allerhöchsten Befehl eine Hoftrauer vom Heutigen bis einschließlich den 27. Juli 1888 verordnet worden.
Die Damen tragen:
Vom Heutigen bis einschließlich den 13. Juli schwarze seidene Kleider mit schwarzem Kopsputz und schwarzen Handschuhen.
Vom 14. bis einschließlich den 27. Juli dieselbe Kleidung mit weißem Kopfputz und weißen Handschuhen.
Die Herren tragen:
Die Uniform nach den in dem Reglement vom 14. Juni 1880 unter C. Abs. 2 enthaltenen Bestimmungen.
Darmstadt, 15. Juni. Das Großh. Staatsministerium veröffentlicht die Allerhöchste Anordnung Seiner Königl. Hoheit des Grobherzogs, nach welcher wegen des höchst bedauerlichen Ablebens Seiner Majestät des Deutschen Kaisers, Kömgs von Preußen Friedrich Folgendes bestimmt wird:
Es soll täglich von 11—12 Uhr Mittags während 14 Tagen Trauergeläute stattfinden.
Oeffentliche Lustbarkeiten find bis nach erfolgter Beisetzung zu unterlassen.
Am Tage der Beisetzung (18. Juni) soll tn allen Schulen des Landes eine Trauerfeierltchkeit stattfinden.
Bei den durch die kirchlichen Behörden anzuordnenden Gottesdiensten wollen die Beamten in Uniform erscheinen.
Berlin, 16. Juni. Das Militär-Verordnungsblatt bringt folgende Armeebefehle und damit die ersten öffentlichen Regierungsacte Sr. Majestät des Kaisers und Königs Wilhelm II.: ~
Armee-Befehl: Während die Armee soeben erst die äußern Trauerzelchen für ihren auf alle Zeiten in den Herzen fortlebenden Kaiser und König Wllhelm I., Meinen hochverehrten Großvater, ablegte, erleidet sie durch den heute Vormittag 11 Uhr 5 Minuten erfolgten Tod Meines theuren, innig geliebten Vaters, des Kaisers und Königs Friedrich III. Majestät, einen neuen schweren Schlag. Es sind wahrlich ernste Trauertage, in denen Mich Gottes Fügung an die Spitze der Armee stellt, und es ist in der That ein tiefbewegtes Herz, aus welchem Ich das erste Wort an Meine Armee richte. Die Zuversicht aber, mit welcher ich an die Stelle trete, in die Mich Gottes Wille beruft, ist unerschütterlich fest, denn ich weiß, welchen Sinn für Ehre und Pflicht Meine glorreichen Vorfahren in die Armee gepflanzt haben, und Ich weiß, in wie hohem Maße sich dieser Sinn immer und zu allen Zeiten bewährt hat. In der Armee ist die feste unverbrüchliche Zugehörigkeit zum Kriegsherrn das Erbe, welches vom Vater auf den Sohn, von Generation tu Generation geht, und ebenso verweise Ich auf Meinen euch allen vor Augen stehenden Großvater, das Bild des glorreichen und ehrwürdigen Kriegsherrn, wie es schöner und zum Herzen sprechender nicht gedacht werden kann, auf Meinen treueren Vater, der sich schon als Kronprinz eine Ehrenstelle hi den Annalen der Armee erwarb, und auf eine lange Reihe ruhmvoller Vorfahren, deren Namen hell in der Geschichte leuchten und deren Herzen warm für die Armee schlugen So gehören wir zusammen — Ich und die Armee — so sind wir für einander aeboren und so wollen wir unauflöslich fest Zusammenhalten, möge nach Gottes Willen Friede oder Sturm fein. Ihr werdet Mir jetzt den Eid der Treue und des Gehorsams schwören und Ich gelobe, stets dessen eingedenk zu sein, daß die Augen Meiner Vorfahren aus jener Welt auf Mich hernieder sehen und daß Ich ihnen dermaleinst Rechenschaft über den Ruhm und die Ehre der Armee abzulegen haben werde!
Schloß Friedrichskron, den 15. Juni 1888. Wilhelm.
Kriegsministerium. Berlin, 15. Juni 1888.
Vorstebender Allerhöchster Armeebefehl wird hierdurch mit dem Bemerken zur Kmntniß der Armee'gebracht, daß unmittelbar an die Verlesung desselben sich die Ver- -idigung auf Seine Majestät Wilhelm II. zu schließen^hat.^ Schellendorff.
Armee-Befehl. Ich bestimme hiermit: Die Trauer um des verewigten Kaisers und Königs Friedrich III. Majestät hat auf die Dauer von sechs Wochen von heute ab in folgender Weife in der Armee stattzufinden: $n den ersten vier Wochen tragen die Generäle das Achselband und vasGeneralabzeichenzur ^sticktenlttiiform, üimmtlfcbe rffidere den Adler u. f. w. und die Cocardc am .Helm u.s.w., die Schärpe, Achselstücke 'Passanten das Portepee und beziehungsweise das Cartouchebandolier mit Alor überzogen sowie einen Flor am linken Oberarm. Die General - Adjutanten, Generäle K k suite und Flügel-Adjutanten tragen die Achfelbandcr, oie Husaren- und lllanen-Offiziere die Fangschnüre und das National-Abzeichen, die Offiziere der Jager imd Schützen das National-Abzeichen gleichfalls mit Flor überzogen In den letz en zwei Wochen wird von särnrntlichen Offizieren nur der Flor um den linken Oberarm


