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HO den 19. Mai 1888

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigcblatt für den Kreis Gießen.

teuteaut Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch dre Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf,

Amtlicher Hßeik,

Betreffend: Die Verpflegung von Waisenkindern auf Kosten der Landeswaisenkaffe. Gießen, am 16. Mai 1888.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

a« die Grotzherzogltchen Bürgermeistereien des KreiseS.

m Ersuchen Grobherzoglicher Provinzial-Direction Starkenburg empfehlen wir Ihnen die genaue Beachtung der Vorschriften der S 20 der b'e Verpflegung armer Waisen betreffend, vom 26. April 1843. Wir fordern Sie daher auf, beim AblebenvonaufKossenderLandesmM-nan7ase Verpflegung befindlichen Warsenkrndern, dre vorgeschriebene Anzeige zu erstatten und darin anzugeben, ob dar Waisenkind Vermögen hinterlassen hat ________________________________________ vr. Boekmann.

Der Oberhessische Bienenzüchterverein beabsichtigt, gelegentlich der am 16. Juli d. I. zu Nidda stattfindenden 28. Wanderversammluna eine gwrnnf» Blenenutenfilien zu veranstalten. Großherzoglicher Ministerium des Innern und der Justiz hat die nachgesuchtt Erlaubniß zur Veranstalttlng dieser Verloosung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 2500 Loose ä 50 ausaeaeben und mindestens 66°A des aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen verwendet werden. 99 n llenS bb /o üeö ^ruttoerloses

Großherzogliches Ministerium hat zugleich den Vertrieb der Loose in der Provinz Oberhessen gestattet.

Greßen, am 17. Mai 1888. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

___vr. Boekmann.

Gießen, am 17. Mai 1888.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, vr. Boekmann.

~.h. Fs ""d hierdurch zur öffentlichen Kenntmß gebracht, daß Großhsrzogliches Ministerium der Innern und der Justiz dem Pferdemarktcomitö -u Frrtzlar die Erlaubmß ertheilt hat, die Loose einer von demselben am 12. Juli d. I. in Fritzlar zu veranstaltenden Verloosung von Pferden, Wagen F?hr'und Re,t-R^qEen und sonstigen Gegenständen in den Kreisen Gießen, Alsfeld und Lauterbach zu vertreiben. Nach dem von dem Konigl. Preußischen Ober-Prasidenten der Provinz Hessen>Naffau genehmigten Verloosungsplane dürfen 7000 Loose a 3 ausgegeben und müssen 14 900 JL zum Ankauf von Gewmnsten verwendet werden. '

Die Provinzial - Fohlenweide bei Merlau

beginnt den 1. Juni d. I. Die Fohlen muffen alsdann zwischen 10 und 1 Uhr Mittags daselbst mit einer gezeichneten Kette und Halfter, sowie Gesundbeits- schein von Bürgermersterel oder Vetermärarzt abgeliefert und den 29. September d. I. um dieselbe Tageszeit abgeholt werden, wobei der Besitzer beim Emfangen behilflich fein muß. ' 16 ucun

Die Fohlen erhalten, neben Behandlung und Weidefutter auf ca. 140 Morgen, bei trockenem Wetter Kleegras oder bei naffem Wetter Heu und -außerdem pro ^ag und Stück IV2 Pfund Hafer aus der Vereinskaffe. Jeder Besitzer kann jedoch seinem Fohlen Haferzusatz entweder durch Liefern in Natur sder durch Selbstzahlung geben laffen. 1

Das Weidegeld für bezeichnete Zeit von 4 Monaten beträgt pro Fohlen 39 04 oder pro Tag 32 und muß zur Hälfte beim Eintrieb und

zur Halste vor dem 1. August l. I. an den Großh. Baurath Dr. Dieffenbach in Grünberg gezahlt werden.

Allenfallsige Kurkosten muß der Eigenthümer der Fohlen bezahlen. Letzterer kann wegen begründeter Verhältniffe zu jeder Bett sein Fohlen rurück- nehmen und bezahlt alsdann nur die benutzte Weidezett. ö 4 6

Äronfe und bösartige Thiere, auch über IV2 Jahre alte Hengste, welche die anderen Thiere stören, können ausgeschlossen werden.

Sonstige Auskunft ertheilt der gedachte Großh. Baurath Dr. Dieffenbach.

Friedelhausen, am 7. Mai 1888. Der Präsident des landwirthschastlichen Vereins für Oberhessen

__________ Adalbert Frh. v. Rabe neu.

Politische Wochenschau

Gießen, 18. Mai.

Zum ersten Male seit seinem letzten schweren Krankheitsanfalle konnte Kaiser Friedrich am Donnerstag Nachmittag wieder eine Spazierfahrt unternehmen, die von einstündiger Dauer war und ihm in erwünschter Weise bekommen ist. Durch diese erfreuliche Thatsache wird auch der letzte Zweifel, ob der hohe Patient die jüngste Krisis wirklich vollständig überwunden hat, beseitigt und man kann nun wohl die be­stimmte Erwartung aussprechen, daß die Kräftezunahme rasch vorwärts schreiten wird, da bis jetzt gerade der Mangel an Bewegung im Freien die'Reconvalescenz des Kaisers noch immer wesentlich verzögerte. Voraussichtlich wird demnächst auch der schon wiederholt erörterten Frage der Uebersiedelung des Kaisers nach Schloß Friedrichskron bei Potsdam ernstlich näher getreten werden; dahingestellt muß noch bleiben, ob der Monarch, wie er beabsichtigt, der am kommenden Donnerstag stattfindenden Ver­mählung seines Zweitältesten Sohnes, des Prinzen Heinrich, mit der Prinzessin Irene von Hessen, wird beizuwohnen vermögen. Die Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag verbrachte der Kaiser recht gut und begab er sich bereits gegen 10 Uhr Morgens des letztgenannten Tages in den Park, wo er zum ersten Male das für ihn daselbst er­richtete Zelt benutzte. Während der Kaiser im Parke verweilte, besuchten die Kaiserin und die Prinzessin Victoria die Ausstellung der Arbeiten der Berliner Lehrlinge, wo­selbst sie längere Zeit verweilten.

In Preußen hat der parlamentarische Kampf um das Schulgeld bis in die Pfingstwoche hinein gewährt, ohne daß er jedoch zum Austrage gekommen wäre. Denn das Herrenhaus stimmte in seiner Mtttwochssitzung nicht nur dem Beschlüsse seiner Eommtssion hinsichtlich der Wiederbeseitiguvg der vom Abgeordnetenhaus be­schlossenen besonderen schulgeldfreien Armenschulen zu, sondern es lehnte auch den § 7 des Schullaftengesetzes, welcher nach der Fassung des Abgeordnetenhauses eine Aenderung der Verfassung in Folge des Gesetzes ausspricht, mit großer Mehrheit ab. Hiermit ist also das Herrenhaus in entschiedenen Gegensatz zur Ab­geordnetenkammer getreten und wenn letztere bei ihren Beschlüssen beharrt, so ist das Schullastengesetz gescheitert; doch erhält sich inelngeweihten" Kreisen die An­nahme, daß sich die Conservatioen des Abgeordnetenhauses schließlich doch noch der Meinung des Herrenhauses über den Schulgeldparagraphen und über die Verfassungs­änderung anbequemen werden. Wann das Abgeordnetenhaus zur Vornahme dieser

letzten entscheidenden Berathung über das Schullastengesetz wieder Zusammentritt, hängt indessen noch vom Ermessen des Präsidenten v. Köller ab; wahrscheinlich wird dies Ende nächster Woche geschehen.

Das Herrenhaus ist am Donnerstag nach Erledigung der Vorlagen über die Regulirung der Weichsel, resp. der Oder und der Spree, in die Pfingstferten gegangen

Aus Karlsruhe wurde über das Befinden des Großherzogs vom 16. b. gemeldet, daß die Besserung der katarrhalischen Affection zwar nur sehr langsam fört- schrettet, daß aber der Genuß der milder gewordenen Luft dem hohen Herrn doch sehr gut bekommt.

Das württembergische KönigSpaar ist von seinem Winteraufenthalt in Florenz am Donnerstag wieder in Stuttgart, resp. Villa Berg eingetroffen.

In München fand durch den Prinz-Regenten Luitpold am Dienstag die feier­liche Eröffnung der deutfch-nattonalen Kunstgewerbe-Ausstellung statt welche Zeugniß von den Fortschritten auf den verschiedenen Gebieten des deutschen Kunftgewerbes ablegen soll.

Unter verhältnißmäßig friedlichen Aussichten, friedlicher, als sie eigentlich zu er­warten waren, begeht die politische Welt das Pfingstfest. Denn wenn auch der politische Horizont noch immer mehr oder weniger umdunkelt erscheint, so bietet doch keine der schwebenden Tagesfragen der europäischen Politik, auch das vielverschlungene orientalische Problem nicht, Anlaß zu besonderen Beunruhigungen und erscheint der Weltfriede, soweit menschliche Voraussicht reicht, für die nächste Zukunft als gesichert. Allerdings ist gerade in diesen Tagen aus dem rusfisch-afghanischeir Grenzgebiete wieder emmal ein bewaffneter Conflict zwischen den Afghanen und einem der im Süd­westen Turkmeniens hausenden Nomadenstämme, den Saloren, gemeldet worden, welcher den russischen Oberst Altchaneff zum Vormarsch an die Grenze veranlaßte. Doch hatten sich die Saloren beim Eintreffen des russischen Detachements bereits wieder auf russisches Gebiet zurückgezogen und wird demnach die kleine Katzbalgerei zwischen Afghanen und Saloren schwerlich welterschütternde Folgen haben.

Auch sonst nimmt sich im Orient die Lage zur Zeit gar nicht so trübe aus, als Pessimisten immer glauben machen möchten. Gewiß dauern die panslaviftischen Wühlereien auf der Balkanhalbinsel fort, wie die Meldungen über das Auflauchen revolutionärer Banden an der serbisch-bulgarischen Grenze beweisen, aber die sofort ge­troffenen gemeinsamen Gegenmaßregeln der bulgarischen und der serbischen Regierung lassen erwarten, daß die Rolle auch dieser Banden bald wieder ausgespielt haben wird