Nr. 91 Donnerstag den 19. April 1888.
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Bureaur Schulftraße?.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlobn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Hßeil. Bekanntmachung.
Zwecks Chausffrung de» zwischen der Rodheimerstraße und dem Hardtbergs gelegenen, sog. Wingertswegs, bleibt letzterer von Montag den 23. bi» -etwa zum 28. d. M- für Fuhrwerk und Reiter geschloffen.
Gießen, 18. April 1888. Großherzogliche» Polizeiamt Greßen.
Fresenius.
Politische
Ein officielles Bulletin vom Montag ver-
ausgenommen.
eingesetzt.
In der Montagssitzung der italienischen Dcputirtenkammer erklärte Minister- präsident Crispi auf eine Anfrage des Abgeordneten Martinie, die auf die afrikanische Expedition bezüglichen Schriftstücke würden der Kammer demnächst vorgelegt werden. General Pozzolini brachte eine Interpellation über die Maßregeln der Regierung zur Sicherung Massauah'tz ein, deren Beantwortung Erispi für den 20. d. M. verhieß.
Der Papst empfing am Montag die österreichischen Pilger und ermahnte er dieselben, ihrem erhabenen Monarchen stets unterwürfig zu sein und für religiöse Erziehung einzutreten.?
Die Bauernunruhen in verschiedenen Gegenden Rumäniens nehmen allmählich einen bedenklichen Charakter an und mußte die Regierung größere Truppenabtheilungen gegen die aufständischen Bauern entsenden. Bermuthltch hat man cs in dieser Bauernbewegung mit einem ins Ländliche übersetzten Echo des Bukarester Partettreibens zu thun.
Rundschau
Gießen, 18. April.
leider eine erneute schlimme Wendung ein-
Berliu, 17. April. Aus Charlottenburg liegen folgende Nachrichten vor : Das starke Fieber, welches bis 39,4o E. anstteg, hat Abends fortgedauert; der Puls mar auf 104 Schläge in der Minute, die Athmung auf mehr als 30 Athemzüge in der Minute gestiegen. Die Professoren Senator und Leyden wurden hinzugezogen, der letztere aus Wiesbaden, wo er sich aufhielt, telegraphisch berufen. Die gesammte kaiserliche Familie war gestern im Schlosse versammelt, der Kronprinz und der Prinz Heim rtch übernachteten dort. Der Kaiser hatte das Bett tagsüber verlassen und zeigte sich am Fenster zum unbeschreiblichen Jubel des massenhaft vor dem Schlosse versammelten Publikums Die Aerztc, einschließlich des Prof. Senator, verweilten Nachts im Schlosse. Um 11 Uhr heute Morgen findet wieder eine Berathung statt, an welcher Pros. Leyden theilnehmen soll. Gestern Abend trat keine Veränderung des Fieber« ein und während der Nacht soll sich der Zustand wenigstens nicht verschlimmert haben. Fürst Bismarck war gestern Nachmittag nochmals in Charlottenburg, woselbst gegen Abend auch die Kaiserin Augusta erschien. Die Lage ist sehr ernst und die Hoffnung der Aerzte nicht groß- sie stützt sich im Wesentlichen auf die gute Natur des Kaisers.
0 ' ___ Die Nat-Ztg." schreibt: „Leider handelt es sich beim Kaiser nicht um eine
einfache Entzündung der Bronchien, der feinen Verästelungen der Luftröhre in den Lungen, sondern um eine Ausdehnung des Kehlkopfleidens auf die Bronchien und damit auf die Lungen selbst. Diese neue, leider vorherzusehende Complication steht, wie uns mit Bestimmtheit versichert wird, mit dem Vorfall der vergangenen Woche in ursächlichem Zusammenhang. Infolge des bedauerlichen Umstandes daß die Canüle zeitweise nicht richtig gelegen und sich dadurch verstopft hatte, war die Absonderung aus dem Kehlkopfe, anstatt durch die Canüle ihren Weg nach außen zu nehmen, ent lang in die Bronchien hinabgeflossen und hatte dort entzundungserregend gewirkt
u Berlin, 17 April. Der Kaiser nahm Vormittags einen dreivtertelstündigen Vortraa Albednll's entgegen. Mittags erschien der Kaiser am Fenster seines Arbeits- zimmers uud wurde von dem vor dem Schlosse versammelten Publikum enthusiastisch begrüßt. Der Kronprinz und Prinz Heinrich, welche in Charlottenburg übernachtet hatten, kehren heute Abend nach Berlin zurück.
— An der heute Abend stattfindenden Consultation nehmen nur die behandelnden Aerzte Theil; erst morgen Vormittag berathen wieder sämmtliche Aerzte. Wenn auch in Beurteilung des Zustandes des Kaisers große Vorsicht beobachtet wird, so wachst doch die Hoffnung auf Genesung. Die Nachricht, daß es dem Kaiser besser gehe, wmde von dem vor dem Schlosse versammelten Publikum mit lauten Jubelrufen Morgen wird wahrscheinlich durch Bergmann eine neue Canüle
Berlin, 17. April. Kaiser Friedrichs Befinden hat sich seit gestern nicht wesent- Das Fieber hält an, wenn es sich auch nicht gesteigert hat, eher ist es
Wernigerode, erschienen. . -
Berlin. 17 Avril, 3 Uhr 48 Min. Nachm. Der Nclchs-Anz-.gcr meldet an» Kfcm-TnHenbmn hpn 17 Avril 1888' Bei Sr. Majestät dem Kaiser haben sich die ^I^i^nckit licken^s^b^inuiraen^^seit gestern erheblich vermindert, auch ist das Fieber ge- Lr"g.'L°rd^^DI° Nacht SvÄ, d^AUg^met,.befinden ist b°fti°d^end Mvrell Mackenzie. Wegner. Krause. Mac. Hovell. v. Bergmann. Leyden. Senator.
lick verändert. Das Fieber hält an, wenn es stch aucy niaji genergeri yar, ryer m etwas geringer geworden. In der Nacht hat der Kaiser wenigstens etwas schlafen können - um 11 Uhr fand eine eingehende Berathung und Untersuchung seitens sammt- licher zugezogener Aerzte statt, welche feststellten, daß die Bronchitis nock immer in hohem Maße andaure. Der Kaiser hat gestern im Laufe desSage« roieberfalt trofc bee Gebers das Bett verlassen, unter anderm auch den Fürsten Bismarck, als dieser um 11 Uhr zu fast cinstündtgem Vortrage erschien, stehend in seinem Arbeitszimmer empfangen; auch heute gegen Mittag hatte der Kaiser das Bett verlassen und sich in sein Arbeitszimmer begeben. Die Nacht über halten der Kronprinz und Prinz Hein rick im Charlottenburger Schlosse zugebracht. Die Beunruhigung und Theilnahme de« Publikums ist hochgradig. Die Haltung des Kaisers ist w e seine-nähere Umgebung nicht genug zu rühmen weiß, bewunderungswürdig, er ist ein Held, wie es tapferere und gleich muthtgerc wenige gegeben hat.
Berlin, 17. April, 2 Uhr 18 Min. Nachm. Zwischen 10 und 11 Uhr fand eine Berathung der Aerzte statt, woran auberProf.Lenator noch Prof Lelidenthel nahmen. Der Kräftezustand des Kaisers hat sich nicht verschlechtert; das Befinden ist in den Vormittagsstunden relativ etwas befriedigender.
Berlin, 17. April, Nachm. 2 Uhr 45 Min. Ich komme soeben aus Charlotten- bürg und erfahre verläßlich, daß sich da» Befinden de» Kaisers -rb-blich.«-bch'U hat. Die Nacht war besser, als man es erwarten konnte, der Kaiser schlief v-rhaltnttzmMg viel das Fieber Hot bedeutend abgenommen und es ist daher Cßlust ctngetreten. Der Kaiser ist außer Bett, erledigte einige Arbeiten und nahm Vortrag- e^gen, * W auch etwa 12«/, Uhr am Fenster zur Freude der zahlreich vor dem ^chlone Verzam mellen. Heute Bormittag waren im letzteren die 8'au Prm,essln Friedrich Karl, der Prinz Alexander und der stellvertretende Minister des konigl. Hauses, <^raf ^tolbeifl-
abhangen. * . ,
Die erste Lesung der RothstandSvorlage im preußischen Abgeordnetenhause welche im Interesse der von den Ueberschwemmungen heimgesuchten Landes- theile bekanntlich insgesammt 34 Millionen Mark fordert, hat am Montag zu deren Verweisung an die Budgetcommission geführt. Es war auf mancher Seite erwartet worden, daß die Vorlage in Anbetracht ihrer Dringlichkeit nicht erst an eine Commission gehen würde, indessen wurde in der Verhandlung betont, daß die Vorlage bei ihrer Wichtigkeit und im Hinblick auf die verschiedenen hierbei zu erörternden Specialfragen doch eine commissarische Vorberathung erheische und so entschied sich das Haus für eine solche, mit welcher sich auch die Regierung einverstanden erklärt hatte. Im Laufe der Discussion war auch die Besorgniß ausgesprochen worden, daß sich die geforderte Summe als unzureichend erweisen möchte und es ist allerdings möglich, daß sie durch einen Nachtrag erhöht werden wird, namentlich wenn auch für andere von Hochwasser- calamitäten betroffene Gegenden, die in der jetzigen Vorlage nicht mit erwähnt sind, Staatshilse gewährt werden sollte. Die Debatte streiste auch inehrsach die Frage des Volksschullastcngesetzes und erklärte hierbei der Centrumsführer Dr. Windthorst entschieden Ä16 seine Partei dem Gesetze in der vorliegenden Fassung nicht zustimmen fönnr das Gesetz selbst stand sür Mittwoch zur zweiten Lesung auf der Tagesordnung. Die zweite Halste der Montagssitzung wurde durch die Sv-cialbcrathung der Weichscl- und Nogatregulirungs-Vorlage ausgefüllt, wobei namentlich die Frage der Coupirung der Nogat eine Hauptrolle spielte. Di- Meinungen über die Nothwendigkclt oder Nützlichkeit du ser Maßregel gingen indessen mehr oder weniger auseinander und wurde die Vorlage schließlich an die Commission zur nochmaligen Prüfung zuruckverwiesen.
Der (Soi.flict, welcher sich in Lestcrreich zwischen dem Polcnclub des Abgeordnetenhauses und dem Cabinet Taoffe wegen des Widerstandes der Polen gegen ine Branniweinsteuer-Poriag- der Regierung erhoben hatte, ist durch die Nachgiebigkeit der Dolen wieder beseitigt worden. Dem persönlichen Einnnrken Kaiser Franz Josef S ist es sehr rvesentlich zu danken, daß diese bejriedigende Wendung herbeigesührt wurde. -In einer dem polnischen Reichsrathsabgeordncten Ritter v. Jaworski gewährten Audienz verlieh der Monarch seiner Erwartung Ausdruck, daß di- Polen die ja immer für das Interesse des Staates cingetreten feien, dasfelbc auch m der Sranntroclnfteucilragc b rüLgen würden. Der Kaiser verwies hierbei auch au, die Weltlage, die eine groß- Anspannung aller Kräfte des Stoates erheisch- und betonte WW baß von dem Schicksal der Branntweinsteuer-Po,lag- auch das Geschick des Cabincts abhängig sei. Diesen aus allerhöchsten, Munde vorgebrachten Argumenten hat sich der Polenclub begreiflicherweise nicht entziehen können, er ließ alle seine Anträge fallen, welche aus eine gründlich- Abänderung des Spiritussteuergesetzes zielten und das Ministerium Taaffe kann nun mit Sicherheit aus einen vollständigen Erfolg seiner SSc Ion ,n der Spiritusfrage rechnen. Jedenfalls werden die Herren stolen für ihre Nachgiebigkeit fchon noch eine nachträgliche Belohnung erhalten.
Mit der endlich erfolgten Constituirung des neuen holländische« Cabinets Mackay, dessen Tendenz eine ausgesprochene reactionäre ist, hat die durch den Rücktritt des Ministeriums Heemskerk cnisiandene Krisis ihr Ende gesunden. Trotzdem bleibt für da« neue Cabinet die Lage noch immer eine unsichere, da die liberale Partei auch bei ben Neuwahlen zur ersten Kammer sich hier in der Mehrheit behauptet hat. Dagegen sind di-Stichwahlen zur zweiten niederländischen Kammer durchweg ungünstig für die Liberalen ausgefallen und stehen hier den 45 Liberalen 53 Clericale, 1 Conser- vcitioer und 1 Socialdemokrat (Nieuwenbaus) gegenüber und gestutzt auf die clerical- orthodoxe Mehrheit der Abgeordnetenkammer, wird sich da« Ministerium Mackay wohl bis auf Weiteres über Wafser zu halten vermögen.
In dem Befinden des Kaisers ist ------ — -
getreten und in banger Beforgniß harrt ganz Deutschland der weiteren "Nachrichten aus der Charlottenburger Kaiferresidenz. Ein officielles Bulletin vom Montag ver- ckündigte, daß der Kaiser nach einer am Sonntag eingetretenen Bronchitis mit starkem Fieber und beschleunigtem Äthern keine gute Nacht hatte. Alsbald erschienen im Laufe des Montag Vormittag der Reichskanzler, Kronprinz Wilhelm und der Grobherzog von Baden im Charlottenburger Schlosse und verweilten namentlich der Kanzler und der Kronprinz längere Zeit daselbst. Nach der Rückkehr des Fürsten Bismarck nach^Berlin fand bei ihm eine vertrauliche Besprechung der Mitglieder des preußischen L-taats- minifterium« statt. Die Professoren Leyden und Senator find nunmehr ebenfalls zur Behandlung des Kaisers mit herbeigezogen worden, ebenso wohnt letzt Professor v. Bergmann regelmäßig den Berathungen der Aerzte bei. Der Verlauf der Nacht vom Montag zum Dienstag war beim Kaiser indessen etwas ruhiger, als der der vorigen Nacht; am Dienstag Morgen wies der Zustand des Monarchen keine Veränderung auf. Nach den neueren Nachrichten scheint im Befinden des Kaisers einige Besserung eingetreten zu sein. Derselbe nahm wieder Vorträge entgegen, erledigte die laufenden Regierungsgeschäfte und zeigte sich am gestrigen Tage Mittags 12«/- Uhr am Fenster des Palais, von der harrenden Menichenmenge natürlich jubelnd begrüßt.
Der Reichskanzler beabsichtigte, am Sonnabend sich für einige Tage nach Varzin zu begeben, um die auf seinen dortigen Besitzungen durch das Hochwasser an- gerichieten Schäden in Augenschein zu nehmen. Ob indessen Fürst Bismarck diese Absicht ausführt, dürfte ganz von dem weiteren Verlaufe der Krankheit des Kaisers


