unter das beste Vertheidigungsmittel. Die Staatsanwaltschaft hielt dagegen die Anklage vollständig aufrecht, weil ein Mann von der socialen Stellung und der Bildungsstufe des Beklagten nicht darüber im Zweifel sein könne, daß er auch ohne beleidigende Aeußerungen zu seinem Recht gelange. Der Steuerelnschaßungs- commission wie dem Steuerrath Süffert, dessen Pflichttreue über reden Zweifel erhaben sei, habe ein Treff versetzt werden sollen und für eine Beleidigung, rote hier vorliege sei eine Geldstrafe von 50 JL viel zu niedrig. Er halte den bet der Schöffengerichtsverhandlung seitens der Staatsanwaltschaft gestellten Antrag für angemessen und beantrage 200 JL Geldstrafe und Verurteilung in die Kosten. Der Vertreter des Nebenklägers, Rechtsanwalt Curtmann, betonte besonders bte Interessen des Beamtenstandes und hält eine Freiheitsstrafe für angemessen. Es müsse verhindert werden, daß sich derartige Beamtenbeleidigungen wiederholten, ansonst kämen wir dahin, daß gleich, wie vor 20 Jahren gefragt wurde „was kostet eine Ohrfeige" man heute frage „was kostet eine solche Beleidigung"? Den §193 nannte Rechtsanwalt Eurtmann einen verbrauchten. Der Vertheidiger hielt diesen Ausführungen gegenüber, daß die Höhe des Strafmaßes bei einem Manne wie K. ganz nebensächlich sei. Es komme lediglich darauf an, ob'er überhaupt bestraft werde, er wundere sich, daß der Nebenkläger die Berufung verfolgt habe. Dem Herrn Eollegen müsse er, angesichts mancher gerichtlichen Entscheidungen der jüngsten Zeit, leider zum Theil Recht geben, wenn er den § 193 als einen verbrauchten bezeichne. Man könne zweifelhaft werden, ob der Paragraph noch im St.-G.-B. stehe. Da er indeß noch darin enthalten, muffe er auch zur Anwendung kommen. — Das Urthetl wurde 5 Uhr Nachmittags verkündet. Es lautete auf 120 JL Geldstrafe sonne Tragung der Proceßkosten und der dem Nebenkläger nothwendig erwachsenen Auslagen. In der Begründung ist u. a. gesagt, daß die Strafe nicht in der beantragten Höhe ausgesprochen worden, weil das Gericht angenommen, daß Beklagter im Glauben an fern gutes Recht gehandelt habe, indeß sei seine Ausdrucksweise immerhm etne beleidigende °eroC^n@e0en das Urtheil wird dem Vernehmen nach die Revision verfolgt.
— n Gießen, 18. Januar. Unsere Leser werden sich erinnern, daß der frühere hessische Landtagsabgeordnete Schaum am 9. December v. I., des Betrugs angeklagt vor der hiesigen Strafkammer stand und am Schluß der Verhandlung in Haft genommen wurde. Grund der Verhaftung war der Verdacht, daß Schaum versucht habe, den beugen Stemmler zum Meineid zu verleiten. Schaum wird, da die Voruntersuchung nunmehr geschlossen und der Antrag auf Freilassung bereits gestellt rst, voraussichtlich demnächst auf freien Fuß gesetzt werden. Ob Anklage gegen Schaum erhoben ist, konnte ich nicht bestimmt erfahren.
Gietzen, 18. Januar. In Folge eines Kaminbrandes entzündete sich heute Vormittag der Dachstuhl der mit chirurgischen Kranken belegten Barake des akademischen Hospitals. Nachdem die Kranken in einem anderen Saale untergebracht, wurde das Feuer, Dank der umsichtigen Leitung des Herrn Maschinenmeisters Querner von der oberhessischcn Eisenbahn und Dank der bereitniiUigen Hilfeleistung seiner Arbeiter, noch ehe es größere Dimensionen annehmen konnte, gelöscht. Die kleine Spritze der oberhessischen Eisenbahnwerkstätte unter Bedienung ihrer gut geschulten Mannschaft hat sich bestens bewährt. Ebenso ist die Vorzüglichkeit der im akademtfchen Hospital gegen Feuersgefahr eingeführten Extincteure hervorzuheben.
B t ! m f f 4 t
— (Panik in einer Kirche.) Aus Trient wird vorn 12. d. Mts. geschrieben: Ein entsetzlicher Unglücksfall hat gestern Abend die eine halbe Bahnstunde von Trient entfernte Gemeinde Laois betroffen. Der größte Theil der Ortsbewohner und viele Andächtige aus der Umgebung, im Ganzen über 3000 Personen, befanden sich in der großen Pfarrkirche, um einer Missionspredigt beizuroohncn. Dieselbe war eben beendigt und der Prediger batte den päpstlichen Segen ertheilt, als plötzlich ein junges Mädchen in epileptische Krämpfe verfiel. Eine große Aufregung bemächtigte sich der das Mädchen umstehenden Personen; die Einen schrien: „Feuer"!" Andere: „II diavolo, il diavolo!“ (Der Teufel, der Teufel!) worauf eine ungeheure Panik etntrat. Alles drängte dem Ausgangsporlale zu, das auf Marmorftufen steht, über welche die rückwärts Stehenden stürzten. Die Nachdrängenden eilten darüber hinweg, überall Wehklagen und Geschrei, Frauen fielen in Ohnmacht. Fünf Opfer blieben sofort tobt; es waren Männer, welche im Hintergründe gestanden und zu Boden gestürzt waren. Vier derselben waren verheirathet, drei Väter mehrerer Kinder. Erheblich Verletzte zählte man sieben, leicht Verwundete über sechzig. Es war als ein Glück zu betrachten, daß viele der rückwärts stehenden Männer die Geistesgegenwart gehabt hatten, den aus der Kirche drängenden Menschenschwall zu dämmen, da sonst die Zahl der Todesopfer wohl Hunderte betragen haben würde. Die Bestürzung und Trauer der Gemeinde ist unbeschreiblich, die Mission wurde mit der gestrigen Predigt, welche ein so schreckliches Ende gefunden, abgeschlossen."
Literarisches.
Das 10. Heft der illustrirten Zeitschrift »UttiVCtfuw* (Dresden, Verlag des „Universum", Redaction Jesko von Puttkamer) ist erschienen. Der reiche stofflich vielseitige Inhalt dieses Heftes gibt uns von Neuem Veranlassung, die genannte vortreffliche Zeitschrift bestens zu empfehlen. Eingeleitet wird das vorliegende Heft durch eine sehr stimmungsvolle Weihnachtsgeschichte „Beate" von Eufemia Gräfin Ballestrem. Daran schließt sich ein hochinteressanter, vortrefflich illustrirter Artikel „Das Berliner Zeughaus mit der Ruhmeshalle" von Dr. I. Steinbeck. Der elastische Roman „Nero" von Ernst Eckstein entwickelt sich zu höchster Spannung. Der Aussatz ^Afrikanische Verträge" von Dr. Max Buchner wird fortgesetzt und hält unser
Interesse durch die Eigenart seiner Mittheilungen in erhöhtem Maße gefesselt, während der Fortgang der preisgekrönten Novelle „fDiein Stern" von C. Lauckner uns durch die feine Composition immer mehr anzieht. Einen besonderen Reiz verleihen schließlich dem Heft die aus dem Herzen geschriebenen Weihnachtsbetrachtungen „Unterm Ehrist- baum" von Franz Kvppel-Ellfeld, von A. Mandlick und O. Gerlach durch ungemein reizende und ansprechende Weihnachtsbilder illustrirt. — Das Feuilleton ist wieder sehr reichhaltig und belustigend. Die vielen Illustrationen, welche das Heft noch zieren, werden — rote dies beim „Universum" nicht anders der Fall sein kann — den höchsten Anforderungen gerecht. Darunter nehmen wieder die Kunstbeilagen einen hervorragenden Platz ein: „Ehre sei Gott in der Höhe", Originalzeichnung von E. Unger in photographischem Druck, „Noch sind die Tage der Rosen" von C.Wünnen berg und „Winterabend" von Josef Heydendahl, zwei herrliche doppelfarbig gedruckte Holzschnitlkunstblätter.
Larrdwirthschaftliche Nachrichten.
(Nachdruck verboten.)
— Maiblumen im Zimmer zu treiben.] Maiblumen lassen sich ganz gut und ohne große Mühe im Zimmer treiben, was nicht allgemein bekannt sein dürfte und namentlich ist das jetzt, nach Weihnachten, nicht schwer. Zwar bedürfen die Maiblumen einer ziemlich großen Wärme, doch kann man ihnen dieselbe im geheizten Zimmer leicht zukommen lassen, indem man sie auf den Ofen stellt. Als Erde empfiehlt sich etne Mischung von 2 Theilen guter Mistbeeterde und 1 Theil groben Sandes. Diese Erde wird in Töpfe gefüllt, deren Boden gut mit Scherben bedeckt sind und zwar füllt man die Töpfe zuerst nur so weit, daß man die Maiblumenkeime darauf setzen kann. Sie werden ziemlich eng aneinander gesetzt. Dann wird abermals Erde aufgefüllt, bis nur noch die Spitzen ungefähr einen (Zentimeter aus dem Boden hervorsehen. Sodann wird der Tops oben mit frischem, gut ausgewaschenem und ausgedrücktem, aber seuchtem Moos ca. zwei (Zentimeter hoch bedeckt und eine Glasglocke darüber gestülpt. So kommt er auf den Ofen. Durch Gießen mit Wasser wird immer für die genügende Feuchtigkeit gesorgt. Wenn die Keime treiben, was nach ungefähr vierzehn Tagen geschehen wird, so wird etwas von der Moosbedeckung entfernt, späterhin, mit dem Auswachsen, auch die Glocke abgenommen ober doch gelüftet Meistens kommen die Maiblumen ungefähr vier Wochen nach dem Einsetzen zur Blüthe. Will man sie nicht in dem Topf lassen, in dem sie ursprünglich gepflanzt wurden, so können sie ohne Schaden versetzt werden.
Wöchentliche Ziederficht der Todesfälle in der Stadt Gießen.
2. Woche.
Vom 8. Januar bis 14.
Januar 1887.
38,3 o/qo.
Einwohnerzahl: 19 001 (incl. 1600 Mann Militär).
Sterblichkeitsziffer:
K t n b e r
Es ft arbeit an:
Zusammen:
Erwachsene:
im
vom
1. Lebensjahr: 2.-
-15. Jahr:
Organischer Herzkrankheit
1
1
—
—
Gehirnschlagfluh
1
1
—
—
Wockenbeltkiankheit
1 (1)
1 (1)
—
—
Altersschwäche
1
1
—
—
Lungenschwindsucht
1
1
—
—
Gehirnerweichung
1
1
—
—
Leberentzündung
1
1
—
—
Lungenentzündung
1
1
—
—
Kolllenvxydgas-Erftickung
1
1
—
—
Selbstmord durch Erhängen
1
1
—
—
Lebensschwäche
1
—
1
—
Unbekannter Krankhett
2
—
1
1
Gehirnentzündung
1
—
—
1
Summa: 14
10
2
2
Anm. Die in Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie viele der Todesfälle in der betreffenden Krankheit auf von Auswärts nach Gießen gebrachte Kranke kommen.
Herr C. Retter in München übergab mir ein „Haarwasser" mit KS/UlUiyIvll» dem Gesuche, dasselbe zu prüfen und gutachtlich darüber zu berichten. Die angestellte Analyse ergab durchaus keine den Haaren nachtheilige Materien; ihre Bestandtheile sind vielmehr solcher Art, daß von dem Gebrauche des Mittels eher ein wohlthütiger Einstutz auf das Wachsthum deo Haare zu erwarten ist und steht daher ihrer Anwendung keinerlei Bedenken entgegen
München, 7. IX. 67. (L. 8 ) Dr. ®. C. Wittstein.
Zu haben um 40 H u. 1.10 bei I. H. Fuhr, Sonnenstraße.529
An unsere geehrten Abonnenten.
Wiederholte Beschwerden, welche in den letzten Tagen uns kund wurden, veranlassen uns, die geehrten Abonnenten unseres Blattes zu bitten, jede Unregelmäßigkeit der Austräger uns mit kurzer Notiz gefl. bittet zu melden. Nur dadurch sind wir in Stand gesetzt, Abhilfe zu schaffen. Die Austräger sind angewiesen, den Anzeiger in die Wohnung der Abonnenten zu bringen und nicht, wie vielfach zu geschehen scheint, auf Treppen und Fluren abzulegen.
Die Expedition de- „Gießener Anzeiger".
Allgemeiner Anzeiger.
Man versäume nicht,
eine günstige Gelegenheit zur Anschaffung eines hochinteressanten, eigenartigen, reich illustrirten hübsch gebundenen, nationalen
zu benutzen, welches zu einem fabelhaft billigen Preis
allen Jahres - Abonnenten von Zchorers Iamilienblati, Jahrgang 1888, zur Verfügung gestellt wird. Nähere Auskunft i.Schorers Iamilienblatt, 1888, Nr. lod.H. 1, welche z. Probe u. Ansicht durch alle Buchhandlungen zu bezieh, sind.
Ludwig Schmitt, Glaser, l£anzleiberg 7, empfiehlt sich im Einrahmen von Bildern und Spiegeln in allen denkbaren Nahmen. 477
Bekanntmachung.
Die Landbriesträger führen auf ihren Bestellungsgängen Bücher mit sich, welche zur Eintragung der ihnen vom Publikum zur Beförderung nach der nächsten Postanstalt übergebenen Sendungen mit Werthangabe, Einschreibsendungen, Postanweisungen, gewöhnliche Packete und Nachnahmesendungen bestimmt sind und zu größerer Sicherheit für die richtige und rechtzeitige Ablieferung dieser Gegenstände dienen.
Will der Absender die Eintragung selbst bewirken, so hat der Landbriefträger demselben das Buch vorzulegen. Bei Eintragung des Gegenstandes Seitens des Landbriefträgers muß dem Absender auf Verlangen durch Vorlegung des Buches die Ueberzeugung von der stattgehabten richtigen Eintragung gewährt werden.
Da diese Einrichtung und das dem Publikum durch dieselbe gebotene Mittel zu seiner Sicherstellung nicht genügend bekannt zu sein scheint, so wird auf das Bestehen derselben besonders aufmerksam gemacht.
Darmstadt, am 6. Januar 1888.
Der Kaiserliche Ober-Postdirector.
I. V.: Plaz.
531 In ein hiesiges Spirituosen- Geschäft, verbunden mit Vertretungen für Versicherungswesen, wird zu Ostern ein Lehrling mit guten Schulkenntniffen gesucht.
Näheres in der Expedition d. Bl.
488 Ein zweiter HauSbursche wird gesucht im
Hotel „Prinz Earl."
532 Einen Haufen Mist verkauft
Ed. Noll, Neustadt.


