Ausgabe 
18.11.1888 Erstes Blatt
 
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Mr. 271. Erstes Blatt. Sonntag den IS. November 1888.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

B.,rca..- Schulstr°P- 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. WKWWWZLich2W°°8L

AmtliHer § il.

Gefunden: 2 Messer, 4 weiße Taschentücher, 1 Vorstecknadel, 1 Gebund Schlüffel, 1 Hundehalsband, 1 schwarzer Handschuh, 1 Gesangbuch.

Gießen, am 17. November 1888. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Politische Ueberfiebt.

Gießen, 17. November.

Der Entwurf des Alters- und JnvaliditLtsverficherungSgesetzes ist nunmehr vom Bundesrathe mit den prinzipiell wichligen Abänderungen bet den Bestimmungen über die Bemessung der Renten und über die Eommissare, sowie mit einigen kleineren Aenderungen definitiv genehmigt worden. Namentlich die neuen Bestimmungen hin­sichtlich der Rentenbemessung bedeuten eine entschiedene Verbesserung des Entwurfes, denn die Abstufung der Rente nach Classen ist unstreitig eine zweckmäßigere und gerechtere Maßregel, als die ursprüngliche einheitliche Festsetzung des Rentensatzes. Außer den in der Vorlage vorgenommenen Erhöhungen der Invalidenrente und den Abstufungen der von den Arbeitern zu leistenden Beiträge ist von den sonstigen noch getroffene« Abänderungen wohl die Aufhebung der Bestimmung des ursprünglichen Entwurfes, wonach Personen, die sich ihre Erwerbsunfähigkeit durch Bethciligung bet einer Schlägerei oder bei Begehung eines Verbrechens zugczogen haben, ein Theil der Invalidenrente aus Billigkeitsgründen dauernd oder vorübergehend zuerkannt werden sollte, die am meisten bemerkenswerthe.

Ueber die Jubelfeier in der dänischen Hauptstadt bringt der Telegraph wahrhaft begeisterte Berichte, aus denen zu ersehen ist, daß die Bevölkerung Kopen­hagens , unbekümmert um den öden Streit der politischen Parteien Dänemarks, den lebhaftesten und herzlichsten Antheil an dem Ehrentage ihres Monarchen genommen hat. Besonders ragten aus den Festlichkeiten des 15. November das dem König Christian am Morgen von 500 Sängern dargebrachte Ständchen, der gegen 25,000 Theilnehmer zählende Festzug und die großartige Illumination der Stadt am Abend hervor. Anläßlich seines Regierungsjubiläums ist König Christian vom Kaiser von Oesterreich zum Regtmentsinhaber des österreichischen Infanterie-Regiments Nr. 75 und vom König von Schweden zum Chef des schwedischen Infanterie-Regiments Nr. 10 ernannt worden.

Zwischen der Schweiz und dem derrischen Reiche scheint sich ein kleiner Grenzstreit enlspinnen zu wollen. Deutscherfetts ist die auf reichsländtschem Gebiete gelegene Zollstation Lützel aus Zweckmäßigkeitsgründen aufgehoben worden. Die Station liegt nahe an der Bernischen Grenze und ist nun die Regierung des Cantons Bern, welcher die Aufhebung der Station Lützel unbequem zu sein scheint, beim schweizer Bundesrathe dahin vorstellig geworden, er möge bei der deutschen Regierung die Rück­gängigmachung dieser Maßregel beantragen. Man stützt sich hierbei in Bern auf einen jm Jahre 1828 abgeschlossenen Vertrag zwischen Frankreich und der Schweiz, der nach der schweizerischen Auffassung auch für Deutschland noch gelten soll; ob letzteres einen so vergilbten Vertrag anerkennen wird, bleibt indessen einstweilen zweifelhaft.

Das neue österreichische Wehrgesetz hat durch seine Bestimmung, daß die­jenigen Einjährig-Freiwilligen, welche die Osfiziersprüfung nicht bestehen, ein zweites Jahr dienen sollen, auch in weiteren Kreisen Oesterreich-Ungarns eine gewisse Erregung heroorgerufen. Vom Honoedminister Fejeroary ist nun der Zweck dieser offenbar sehr harten Bestimmung im Wehrausschusse des ungarischen Abgeordnetenhauses dahin er­läutert worden, daß hierdurch dem sich um die Erwerbung des Offiziersranges ernstlich bemühten Theile der intelligenten Jugend die Sache erleichtert werden solle. Aber mit dieser einigermaßen seltsamen Erklärung ist doch die Nothwendigkeit einer so ein­schneidenden Maßregel, wie sie das eventuelle zweite Dienstjahr für die Einjährig- Freiwilligen bedeutet, noch lange nicht begründet und die österreichisch-ungarische Re­gierung wird wohl gewichtigere Gründe für diesen ihren Vorschlag Vorbringen müssen. Jm Uebrigen gab Fejervarp im ungarischen Wehrausschusse noch eine Reihe anderer Erläuterungen zu der Wehroorlage, welche den Ausschuß befriedigt haben müssen, denn derselbe nahm nach Schluß der Generalberathung die Vorlage im Allgemeinen an. Auch im Wehrausschusse des österreichischen Abgeordnetenhauses hat die Generaldebatte über den Entwurf die Zustimmung aller Parteien zu den Grundzügen desselben er­geben und konnte der Ausschuß in die Einzelberathung eintreten.

Der österreichische Katholikentag, welcher Ende dieses Monats in Wien ab­gehalten werden sollte, ist aus noch unbekannten Gründen bis Mat nächsten Jahres verschoben worden.

Jm englischen Unterhause erklärte Unterstaatsseeretair Fergusson auf eine Anfrage, daß die französische Regierung sich an der Blokade der Küste von Zanzibar Vicht betheiltge, daß sie aber ein Kriegsschiff nach Zanzibar entsendet habe, um jeden Mißbrauch der französischen Flagge zu beobachten und zu verhüten. Das Durch­suchungsrecht sei von Frankreich als ein nothwendiger Zwischenfall, den die Blokade mit sich bringe, betrachtet worden, lieber den Wortlaut und die Grenzen der fraglichen Anerkennung schwebten zwischen Deutschland, England und Frankreich noch die Ver­handlungen.

Deutschland.

][ Darmstadt, 16. November. Des Großherzogs König!. Hoheit ist gestern Nachmittag von dem Jagdausflug bei Worms, zu welchem ihn Fürst Alexander und Prinz Heinrich von Battenberg begleitet batten, hierher zurückgekehrt. Letzterer tritt morgen die Rückreise nach England an. Da auch der Prinz und die Prinzessin Ludwig von Battenberg im Laufe der kommenden Woche von hier abzureisen gedenken, so ist man geneigt, anzunehmen, daß das Befinden Seiner Großh. Hoheit des Prinzen Alexander zur Zeit zu besonderen Befürchtungen keinen Anlaß bieten könne.

Fürst Wrede, der österreichisch-ungarische Gesandte am hiesigen Hofe, welcher seinen Sitz in Stuttgart hat, wird morgen Nachmittag dem Grotzherzog sein Ab- verufungsschreiben überreichen. Aus diesem Anlasse findet morgen größere Hof­tafel statt.

Darmstadt, 16. November. Wegen des Ablebens Sr. Kgl. H. des Herzogs Maximilian von Bayern ist auf Allerhöchsten Befehl eine Hoftrauer bis zum 23. I. M. einschließlich ang-ordnet worden.

Darmstadt, 16. November. Mit Ermächtigung Sr. Kgl. Hoheit des Groß­herzogs vom 7. dss. Mts. wurde der Großherzogliche Amtmann Morneweg in Bensheim mit Aushülfslelstung bei Großh. Provinzialdireetion Rheinhessen und Großh. Kreisamt Mainz,

sowie der Großh. Amtmann Buchinger in Bingen mit Versetzung der Stelle des Amtmanns bei Großh. Kreisamt Bensheim beauftragt.

Berlin, 16. November. Der gestern Abend ftattgebabten Sitzung des Berliner Kreisverbandes der Genossenschaft zu freiwilliger Krankenpflege im Kriege unter dem Vorsitze des Ministerialdircetors Greiff wohnten die Minister von Bötticher und v. Goßler, der Rector der Universität Dr. v. Gerha.dt, sowie zahlreiche Studi'.ende bei. Nachdem Wichorn (Hamburg) Bericht erstattet hatte, fprach Professor o. Bergmann über die moderne antiseptische Wundbehandlung. Sodann sprach Professor Brunner über^die allgemeine Wehrpflicht als Grundgedanke der freiwilligen Krankenpflege und als Schutzwehr gegen unnöthige Kriege. Ein von Mtntstertaldtrector Greiff vorge­schlagenes Huldigungs-Telegramm an den Kaiser, in welchem derselbe gebeten wird, dem segensreich begonnenen Werke seine allerhöchste Huld zu gewähren, wurde mit einem dreimaligen begeisterten Hoch auf Seine Majestät den Kaiser einstimmig an­genommen.

Bekanntlich wird von der preußischen Staaisbahnverwaltung beabsichtigt, beim preußischen Landtage eine Credttvorlage von 45 Millionen zur Vermehrung der Betriebsmittel einzubringen. Da nun die Benutzung der Güterwagen der deutschen Eisenbahnen eine gegenseitige ist und diese gegenseitige Wagenbenutzung auf der still- «enden Voraussetzung beruht, daß jede Eisenbahn mit so viel Wagen ausgerüstet

3 zur Bewältigung des auf ihren Linien sich bewegenden Verkehrs erforderlich find, so liegt anläßlich jener in Aussicht genommenen Vemehrung des preußischen Fuhr­parks die Frage nahe, ob auch die Betriebsmittel der übrigen deutschen Eisenbahnen in einem angemessenen Verhältniß zu dem Güterverkehr derselben stehen. Nach der von dem Reichseisenbahnamt herausgegebenen Statistik ist, wie von zuständiger Stelle mitgetheilt wird, diese Frage bezüglich mehrerer außerpreußischen Staatseisenbahnver­waltungen zu verneinen, indem die Leistungen ihrer Wagen auf eigenen und fremden Strecken erheblich hinter denjenigen Zurückbleiben, welche auf ihren eigenen Linien von eigenen und fremden Wagen zusammen ausgeführt sind. Von der preußischen Verwaltung ist denn auch eine entsprechende Verstärkung des Wagenparks der betreffenden außer- preußischen Staatseisenbahnen in Anregung gebracht worden.

Telegraphische Aepeschen.

telegr. Sorrespondenz - Bureav.

Breslau, 16. November. Der Kaiser wurde bet seiner Ankunft auf dem Bahnhofe vom Oberbürgermeister mit einer Ansprache begrüßt, worauf der Kaifer mit huldvollen Worten erwiderte. Hierauf begab sich Se. Majestät zu dem vor dem Bahn­hofe haltenden offenen vierspännigen Wagen und fuhr unter unausgesetzten Hurrahrufen [ der dichtgedrängten Volksmenge, welche alle Straßen und Plätze füllte, nach dem kgl. Palais. Zu dem Diner im Palias, welches um 7 Uhr stattfand, waren gegen 60 Ein­ladungen ergangen. An der Tafel hatte der Kaiser den Mittelplatz inne, rechts saß Prinz Albrecht, links der Fürst von Hohenzollern. Unter den Geladenen befand sich auch Fürstbischof l)r. Kopp Der dem Kaiser von den schlesischen königstreuen Arbeitern dargebrachte^ Fackelzug, woran sich viele Tausende beteiligten, verlief äußerst glänzend. L>e. Majestät der Kaiser dankte wiederholt von der Rampe aus, sich huld­vollst verneigend.

Breslau, 16. November. Der Kaiser empfing heute in Gegenwart des Polizei­präsidenten und des Oberbürgermeisters die Deputation königstreuer Arbeiter und beantwortete deren Ansprache mit seinem Dank für die ihm dargebrachte Huldigung und den glänzenden Fackelzug, sowie für den Ausdruck der Gefühle der Treue gegen ihn und das königliche Haus. Er fei doppelt erfreut, weil sich an der Huldigung Ar­beiter beider Confesfione« mit Einmüthigkeit betheiligt hätten. Das Wohl der Arbeiter liege ihm am Herzen. Breslaus Arbeiter seien die ersten, welche dies erkannt und ihrer Treue Ausdruck verliehen hätten. Er sei auch überzeugt, daß sie diese Treue jederzeit bethätigen würden, und hoffe und wünsche, daß das Beispiel der Arbeiter Schlesiens bei den Arbeitern der ganzen Monarchie Nachahmung finden werde. Dies möge man allen Teilnehmern des Fackelzugs bekannt machen. Bei der Vorstellung der Deputation reichte der Kaiser jedem Einzelnen die Hand und verlieh dem Fabrik­besitzer Seidel den Rothen Adlerorden vierter Classe, sowie dem Vorsitzenden der Ar- betteröereine das allgemeine Ehrenzeichen. Hieraus dankte der Kaiser dem Ober­bürgermeister für die glänzende Ausschmückung bei Stadt, deren patriotische Begeisterung ihn ungemein gefreut habe. Er ersuche das Stadtoberhaupt, der Bürgerschaft den Dank dafür kundzuthun und namentlich zu sagen, daß er sehr erfreut gewesen sei über die vortrefflichen Wahlen Breslaus. Der Kaiser reichte sodann noch dem Polizeipräsidenten die Hand und drückte demselben seine volle Zufriedenheit über die im Interesse der Ordnung getroffenen Maßnahmen aus.

Breslau, 16. November. Der Kaifer ist mit den Jagdgästen heute früh 7lli Uhr zur Jagd nach Ohlau gefahren.

Breslau, 16. November. Bei den heutigen Stadtverordnetenwahlen in der zweiten Abheilung wurden sieben Kartelltsten, sechs Deutsch-Freisinnige und ein Neu­traler gewählt.

Karlsruhe, 16. November. Der Reichstagsabgeordnete für Offenburg, Frei­herr v. Degenfeldt (nat.-lib.), ist heute früh gestorben.

Wien, 16. November. Der Kaiser begibt sich morgen Abend zu dem Leichen- begängniß des Herzogs Maximilian nach München, wohin die Prinzessin Gisela bereits morgen früh fahren wird.

Dem Vernehmen nach wird die Kaiserin Elisabeth über Ala und Kufstein ebenfalls nach München reifen.

London, 16. November. Jm Unterhause theilte der Unterstaatssecretär Gorst heute mit, daß Dinizulu gestern in Natal und der Häuptling Tschingana im Zulu­land verhaftet worden seien. Der UnterstaatSsecrelär Fergusson erklärte, daß der