Ausgabe 
18.10.1888 Erstes Blatt
 
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Hamburg, 16. October. Die Vollzugskommission für den Zollanschluß Ham­burgs macht bekannt, daß der freie Verkehr zwischen dem deutschen Zollgebiet und den angeschlossenen Hamburger Gebietstheilen sowie dem übrigen Zollgebiet mit Beginn deS 17. October eintritt.

Wien, 16. October. Der Prinz von Wales reiste heute Nachmittag von hier ab.

PariS, 16. October. Die radikalen Blätter erblicken in dem gestrigen Votum der Kammer eine Befestigung des Ministeriums, das wahrscheinlich bis nach den Wahlen bleiben werde. Die monarchistischen Blätter haben im Allgemeinen die nämliche Anschauung. Die gemäßigt republikanischen Blätter beklagen die Schwäche des Centrums und die Blindheit des Cabinets, welches in die Republik Bresche lege.

London, 16. October. DerDaily News" wird aus Stmla gemeldet, zu­verlässigen Nachrichten aus Herat zufolge ist Jshak Khan nach Kerki (russischer Posten an der Grenze von Buchara) geflüchtet; die Truppen des Emirs haben am 3. d. M. Masar-i-Scheriff besetzt, wo die Ueberbleibsel der Armee Jshak Khan's die Waffen streckten. Die Rebetllon ist beendet und die Autorität des Emirs in ganz Afghantsch- Turkestan wieder hergestellt.

Rom, 16. October. Der von den Notabeln der deutschen Colonie und vom deutschen Künftl rverein zu Ehren des Besuches des Kaisers Wilhelm gestern Abend abgehaltene Festcommers hatte einen überaus glänzenden Verlauf. Die Feier begann mit dem Gesang eines patriotischen deutschen Liedes; daran schloß sich der Gesang der preußischen und dem Verlangen der Teilnehmer des Festes entsprechend, der italienischen Volkshymne. Der Präsident des deutschen Künstleroereins, Gerhardt, hielt eine An­sprache, worin er auf die deutsch-italienische Allianz und auf den Kampf beider Länder für ihre Einheit hinwies und an die schon zwischen Kaiser Wilhelm I. und König Victor Emanuel bestandene Freundschaft erinnerte, die auf König Humbert und Kaiser Friedrich übergegangen und jetzt von Kaiser Wilhelm auf's Neue besiegelt sei, der mit den von ihm unternommenen Reisen der Sache des Friedens diene. Das Fest war von etwa 400 Theilnehmern besucht, unter denen auch der preußische Gesandte v. Schlözer, sowie der deutsche Consul sich befanden.

Rom, 16. October. Um 7 Uhr 50 Min. früh verkündigten Artilleriesalven die Abfahrt Karser Wilhelm's und König Humbert's vom Qutrinal nach dem Bahnhofe. Das Wetter war prachtvoll. Auf dem Wege nach dem Bahnhofe wurden die Monarchen von nicht enden wollenden Zurufen begrüßt. Die in Zwischenräumen aufgestellten Militärmusikcorps spielten die preußische Nationalhymne. Die Spitzen der Ctvil- und Militärbehörden befanden sich am Bahnhof. Der Extrazug nach Neapel setzte sich um 8 Uhr 12 Min. in Bewegung.

Neapel, 16. October. Die Straßen und Häuser sind prächtig geschmückt mit Fahnen, überwiegend in den deutschen Farben, zu Tausenden. In der Toledostraße sind die Gaskaudelaber in Palmengruppen verwandelt, gekrönt mit buntfarbigen Glas- schaalen. Ein Anschlag des Bürgermeisters fordert zum würdigen Empfange des Deutschen Kaisers auf. Neapel habe schon viele fremde Herrscher in seinen Mauern begrüßt, jetzt komme der erlauchte Nachkomme Friedrichs des Großen und Wilhelms I., dem das italienische Volk aufrichtig zugethan sei. Von diesem Gefühle möchten Alle Zeugniß ablegen.

Der Fremdenzufluß ist ein gewaltiger; von Rom sind 60,000 Menschen theils eingetroffen, theils unterwegs. Alle Bahnhöfe, welche der kaiserliche Extrazug passirte, waren sittlich geschmückt und der Zug wurde überall mit unbeschreiblichem Jubel begrüßt. Das Wetter ist schön.

Neapel, 16. October, Nachmittags 2% Uhr. Kaiser Wilhelm und König Humbert sind soeben hier eingetroffen. Der Empfang war über alle Matzen begeistert; die Straßen sind von einer ungeheuren Menschenmenge erfüllt. Alle Fenster und selbst die Dächer sind dicht besetzt. Der Kaiser und der König begaben sich in einem glänzenden Wagenzuge in das Palais.

Neapel, 16. October. Beim Einfahren des reich geschmückten Hofzuges ertönten Kanonendonner und die Jubelruse der immensen Menschenmenge. Kaiser Wilhelm trug die Uniform der Garde du Corps mit den Bändern des Annunciatenordens und des Militärordens von Savoyen. Der König Humbert und die Plinzen Amadeus und Thomas trugen die Generalsuniform mit dem Schwarzen Adlerorden. Sie schritten die Ehrencompagnie, die das dritte Infanterie-Regiment gestellt hatte, unter den Klängen der preußischen Nationalhymne ab, worauf die Vorstellung der anwesenden Spitzen der Militär- und Civilbehörden, der Senatoren und Deputirten vorgenommen wurde. Ein unbeschreiblicher Jubel entstand, als die Fürstlichkeiten den Wagen bestiegen. Im zweiten fuhren Prinz Heinrich und der Kronprinz, im dritten die Prinzen Amadeus und Thomas, im vierten Crispi und Bismarck, sodann kam das Gefolge. Die Straßen bis zum Schloß waren mit einer dichten Menschenmenge besetzt, ebenso die Fenster, Balkone und Dächer. Die heute Abend dargebrachte Illumination nahm großartige Dimensionen an. Um 8 Uhr concerttrten vor dem Schlosse 200 Mandolinenspieler und darauf 11 Militärkapellen. Um halb zehn Uhr fand eine Galavorstellung im Theater statt. Für morgen beabsichtigt der Kaiser nach der Flottenreoue die deutsche zoologisch-maritime Station zu besuchen.

Berlin, 17. October. DemLeipz. Tageblatt" zufolge hat das Reichsgericht die Anträge des Vertheidigers des Geheimraths Geffkens, Rechtsanwalts Wolfsohns, auf Haftentlassung Geffkens, abgelehnt.

Lokale-.

Gießen, 17. October. Donnerstag den 25. October, Nachmittags 3 Uhr, findet eine öffentliche Sitzung des Kreisausschusses des Kreises Gießen statt.

Gieße«, 17. October. Die Winterschonzeit für Fische hat mit dem gestrigen Tage im ganzen Großherzogthum ihren Anfang genommen, sie dauert bis zum 14. December d. I.

Gießen, 17. October. sTheaterj. Lebhaften Beifalls erfreute sich die gestrige Aufführung von Moser's köstlichem SchwankDas Stiftungsfest". Auch diesmal müssen wir die durchaus tüchtige Besetzung anerkennen. Den jungen Ehemann und Festredner Dr. Scheffler spielte Herr Taußig mit gewohnter Gewandtheit. Bertha, Scheffler's Gattin, wurde von Frl. Müller (nicht, wie angekündtgt, von Frl. v. Fels) gespielt und zwar innig und warm. Herr Director Reiners war in der Rolle des wohlwollenden, etwas egoistisch angehauchten Commerzienraths Bolgau so recht in seinem Element. Das gemüthltche herzliche Lachen des alten Herrn war wirklich an­steckend. Vorzüglich war sein Monolog an den Schlaf, der sich jedoch dem im Egmont kaum an die Sette stellen darf.

Auch das Winontnchen des Frl. Frey war eine entzückende Leistung. Frau Reiners' Ludmilla war wieder, besonders als verschämtesBackfischchen", ganz reizsnd. Herrn Göhlers' (Dr. Steinkirch) Sprache ist schön und natürlich, seinem Spiele aber fehlte leider auch diesmal wieder etwas an Feuer und Lebendigkeit. Beiläufig könnte ein kleiner Druckfehler in unserem Berichte über die beiden Reichen- müller den Herrn in falschen Verdacht bxingen. Nicht zutragen" sondern nur zu kriegen" halte er in der 4. Zeile v. u. seine Lisbeth. Der unausstehliche Schwätzer Hartweg wurde von Hrn. rst er mit drastischem Realismus dargestellt. Dieser, sowie Herr Hentschel als Schnake, der Hartwig durch seine Schwatzhaftigkeit verhaßte I

Vereinsdiener thaten mit vereinten Kräften und nicht ganz ohne Erfolg ihr moa- lichstes, den dritten im Bunde, den Souffleur, nicht zu Worte kommen zu lassen. Den PunktSouffleur" hoffen wir hiermit endgtltig erledigen zu können, denn man hört ihn nur noch selten vor. Auf einen kleinen Mißstand möchten wir hier die Aufmerk­samkeit der Regie richten: Wenn immer, wie gestern Hartwig, fortwährend von seiner Tenorstimme" und seinemTenorsolo mit Brummstimmen" redet, so müßte die Regte doch entweder den Darsteller mit einer Tenorstimme versehen, oder, was noch einfacher wäre, die betreffenden StellenBaß- resp. Baritonsolo" corrigieren. Denn Herrn Forsters übrigens sympathisches reiches Organ klang doch wie alles andere eher, als wie ein Tenor. Die Geschäftigkeit des Festordners Brimborius mit seiner Leiden­schaft für Böllerschüsse brachte Herr Hildebrandt in vielleicht übertriebener, jeden- !2a£.a<er urkomischer Weise zur Darstellung. Auch Herr Hentschel trug unseres Bedunkens an einigen Stellen die Farben etwas zu stark auf

Daß derwohloerpackte" Koffer Steinkirchs, als er Ende des 1. Aktes durch Versehen aufgertssen wurde,auf einmal" leer war, schien uns ein nicht ganz passend angebrachtes, aber erheiterndes Taschenspielerstückchen.

Das Orchester, diesmal unter persönlicher Leitung des Herrn Musikdirectors Krautze, eröffnete die Vorstellung durch eine exakte Wiedergabe von Bellini's Ouver­türe zurNorma".

Zum Schlüsse versäumen wir nicht, auf die heute Abend stattfindende Wieder­holung vonDesdomonas Taschentuch" auch an dieser Stelle htnzuweisen. Für einen genußreichen Abend bürgen nicht nur die seitherigen Leistungen desneuen Theaters" sondern auch das Stück selbst, das an einzelnen Stellen selbst dem eingefleischtesten Hypochonder ein Lächeln abzuzwtngen vermochte. Th. Mn.

Vermischtes.

Worms, 15. October. In der Aula des Großh. Gymnasiums und der Real­schule fand heute Vormittag vor versammeltem Lehrer - Collegium und tämmtlichen Anstaltszoglingen, sowie in Anwesenheit des Herrn Oberbürgermeisters Küchler und der Herren Stadtverordneten die feierliche Uebernahme des Directvrtums durch den Herrn Director Nodnagel statt. Nach Absingung eines Chorals durch den Schüler­chor und einem von Herrn Dr. Dickmann gesprochenen Gebet wurde von dem als Kommissar der Großh. Regierung entsandten Herrn Oberschulrath Soldan das die Berufung des Herrn Dtrectors Nodnagel bestimmende Dekret verlesen und diesem das Amt als Letter des hiesigen Gymnasiums und der Realschule damit förmlich übertragen Herr Dtrector Nodnagel ergriff hierauf selbst das Wort und sprach die Hoffnung aus' daß man ihm von allen Setten mit Vertrauen entgegenkommen werde. Die Schüler mochten ihn immerdar als einen Freund betrachten, der nur ihr Bestes wolle. Herrn Prof. Dr. Marx sprach er die Anerkennung für seine Thätigkeit bet der interimisttschen Verwaltung des Directoriums aus. Herr Dr. Marx dankte dafür und gab der frohen Hoffnung Ausdruck, daß die neue Aera für die Lehrer wie die Schüler von Segen begleitet fein werde. Dann fand der feierliche Akt seinen Abschluß. Nachmittags würbe der Schulunterricht ausgesetzt. (W. Z.)

Wetzlar, 16.October. In dem Wasserkumpen an der Steinwegbrücke ist heute Morgen die Gattin eines geachteten hiesigen Bürgers todt aufgefunden worden. Es steht außer allem Zweifel, daß der bedauerliche Unglücksfall die Folge eines Gemüths- leidens ist, von welchem die Verstorbene in letzter Zeit heimgesucht war. Die Theil- nahme für die schwer betroffene Familie ist allgemein.

Berlin. Es wird gewiß von den Interessenten gerne begrüßt werden, daß die Firma Armour & Co. in Chicago am hiesigen Platze, Neue Königsstraße 60, eine General-Agentur errichtet hat und zwar bat der bereits in Frankfurt a. M. ansässige Vertreter diese Firma auch für hier übernommen und führt beide Geschäfte unter seinem Namen. Von der Firma Armour & Co., dem Geschäftsumsatze nach die bedeutendste der Welt, liegt uns ein kleiner Auszug aus den Geschäftsbüchern vom Jahre 1887 vor, woraus wir Folgendes entnehmen. Die Zahlen sind gewiß staunens- werth.

Mark 233,750,000

Stück

Bushel

Pfund

Land ein

1,255,600

477,000

108,000

74,036

106,156 62,894,000 10,765,500 97,466,109 60,667,000 54,824,056 30,269,571 33,708,396

Düngemittel

Die Fabrik nimmt einen Flächcnraum von 195 Acres

Schafe ....

Alle Arten Schweinefleisch-Fabrikate

Ochsenfleisch-

Schmalz, rasfinirt Oele,

Diverses getrocknetes und gesalzenes Fleisch Gepökeltes Fletsch Geräuchertes Fleisch ....

Büchsenfletsch

----- 3 Land ein und hat einen Lager­

raum für 120,000 Tonnen. Arbeiter beschäftigt: Im Sommer 5000, im Winter 6000. In letzter Zeit haben Armour & Co. auch ihre flüssigen und festen Fleischextracte an den Markt gebracht, die sich durch Güte und Billigkeit auszetchnen und von den ersten ärztlichen Autoritäten empfohlen werden.

Auszug aus den Geschäftsbüchern der Firma Armour & Co. in Chicago für das Jahr 1887: Total-Comptant-Verkauf .

Schweine geschlachtet Ochsen

sMnemotechnisches.jWo bist Du denn jetzt immer Abends?"£), ich besuche immer die Vorlesungen von dem Professor ich kann seinen Namen nicht behalten in der Straße mit dem Namen, den der Teufel sich merken mag. Heute Abend war ich wieder dort, aber das Local war geschlossen und da fiel mir erst ein daß gestern die letzte Vorlesung war. Das thut mir furchtbar leid, denn man profitirte unglaublich viel." -Worüber liest denn der Professor?"Ueber die Kunst, ein gutes Gedächtntß zu erlangen."

Frankfurter Stadttheater.

Das am Dienstag den 16. ausgefallene Gastspiel der Frau Pauline Lucca findet nunmehr Freitag den 19. statt und wird die Künstlerin an diesem Abend als Carmen in Bizet's gleichnamiger Oper auftreten. Diejenigen Plätze, welche für bas Gastspiel der Frau Pauline Lucca (Carmen) für Dienstag den 16. angemeldet waren, werden nunmehr als für Freitag den 19. bestellt betrachtet.

Wöchentliche Neberficht der Todesfälle in der Atadt Meßen.

41. Woche. Vom 7. October bis 13. October 1888.

Einwohnerzahl: 19 001 (incl. 1600 Mann Militär). Sterblichkeitsziffer-: 2,7o/qq.

~ar. , , Kinder

Gs starben an: Zusammen: Erwachsene: im vom

. 1. Lebensjahr: 2.15. Jabr:

Organischer Herzkrankheit 1 1

Summa: I I ZZ3

Allgemeiner

Anzeiger.

Bäckerverein Frühauf.

Feier des 3. Stiftungsfestes mit Theater und Tanz im Saale des Cafe Leib Sonntag den 21. Oktober 18 88.

Anfang 4 Uhr. Der Vorstand.

Damen ohne Einladungskarten haben keinen Zutritt.

Herrenkarten ä 1 X Galeriekarten a 20 H. 8244

Jünglings-Verein zu Gießen

# Die Mitglieder versammeln sich regelmäßig am Sonntag, Dienstag, Freitag und Samstag, Abends von 8 Uhr an, im Vereinsloko! in der Herberge zur Heimath". Anmeldungen zum Beitritt geschehen bei dem Vorstand, auch im Vereinslokal.

Gießen, im October 1888.

QAr7A Für den Vorstand:

bU7ü Dr. Naumann, Pfarrer.