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Nr 218 Dienstag den 18. September 1888.

Gießener A»Mer

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Politische Rundschau.

Gießen, 17. September.

Das sonst so stille und vom Getriebe der großen Welt ziemlich abseits liegende Städtchen Müncheberg im Osten der Mark Brandenburg ist seit einer Woche der Mittelpunkt eines gar bewegten und interessanten lebendigen Bildes. Denn in der Umgebung des Städtchens finden seit vorigen Donnerstag die großen Herbstübungen des Gardecorps und des brandenburgischen Armeecorps und hiermit die ersten Herbst- Manöver unter WUHelm II. statt und das militärische Schauspiel, welches sich jetzt Tag für Tag bet Müncheberg entfaltet, giebt an äußerem Glanz und Lebendigkeit der ganzen Scenerie den berühmten Herbstmanövern unter weiland Kaiser Wilhelm I. in nichts nach. Der Kaiser hat für die ganze Zeit der Manöver sein Absteigequartier in Müncheberg selbst genommen, während seine fürstlichen Gäste sich nach Schluß der Manöver jedes Mal per Bahn nach Berlin zurückbegeben. An diesem Montag und Dienstag manöoriren die beiden Armeecorps gegen einander und findet am Mittwoch der Schluß der Uebungen und die Heimkehr der Truppen nach ihren Garnisonen mittelst Eisenbahn statt. Als Oberschiedsrichter bei den heurigen Kaisermanövern fungirt Prinz-Regent Albrecht von Braunschweig.

Wiener Prievatmeldungen signalisirten für Samstag Abend die Abreise des Grafen Salnoky nach Friedrichsruh, indessen ist von einer Ankunft des österreichischen Staatsmannes in Friedrichsruh zur Stunde noch nichts bekannt geworden-

Der Personalwechsel im ReichSschatzamte ist laut einer amtlichen Mtt- theilung imRetchsanzeiger" bereits vollzogen und Herr v. Maltzahn-Gültz zum Staats- secretair im Retchsschatzamte definitiv ernannt worden. Der bisherige Schatzsecretatr Dr. Jacobi wurde vom Kaiser in den erblichen Adelstand erhoben. Die Ernennung des Herrn v. Maltzahn-Gültz und die politische Richtung desselben hat bereits zu der Permuthung Anlaß gegeben, daß die Berufung eines conservativen Mannes an die Spitze des Reichsschatzamtes bestimmt sei, eine Art Gegengewicht zu der Ernennung v. Benntgsen's zum Oberpräsidenten von Hannover zu bllden. Aber viel wahrscheinlicher ist es, daß man maßgebenden Orts bet der Designirung des Herrn v. Maltzahn-Gültz zum Nachfolger Jacobi's weniger auf sein politisches Glaubensbekenntniß, als vielmehr auf seine Fähigkeit, den ihm zugedachten Poften auszufüllen, gesehen hat. Denn das Reichsschatzamt ist keine Sinecure, es erfordert vielmehr die volle Arbeitskraft eines tüchtigen Mannes, da im Reichsschatzamte nicht nur der Reichsetal fertig zu stellen und politisch zu vertreten ist, sondern weil hier auch die sehr schwierigen und verwickelten Ausführungsbestimmungen auszuarbeiten sind, welche die neuen Zoll- und Steuergesetze erst anwendbar machen. Hierzu ist aber Herr v. Maltzahn-Gültz ganz die geeignete Persönlichkeit, denn er gilt als eine Eapacität seiner Partei in Zoll- und Steuerfragen und in den Zoll- und Budgetcommissionen des Reichstages hat er seine bezüglichen Anschauungen immer in klarer und gediegener Weise vertreten, die ihn zugleich als einen sehr gemäßigten conservativen Politiker erscheinen ließen. Herr von Maltzahn- Gültz steht im 48. Lebensjahre und vertritt er schon seit 1871 den Wahlkreis Demmin- Anklam im Reichstage.

Im preußischen Ministerium der öffentlichen Arbeiten finden zur Zett Berathungen über die Abwehr von Ueberschwemmungsgefahren in Hinblick auf die letzten Ueberschwemmungskatastrophen in Schlesien statt. Es heißt, daß auf Grund dieser Berathungen dem Landtage in seiner kommenden Session entsprechende Vorlagen gemacht werden würden, in denen die Regierung ziemlich bedeutende Mittel fordere.

Die französische Prösidentenreise durch die Normandie hat ihr Ende erreicht und ihr Verlauf kann tn den republikanischen Kreisen Frankreichs nur befrie­digen. Denn an allen Orten, die Präsident Carnot mit den ihn begleitenden Ministern besuchte, kam es zu lebhaften Kundgebungen für die Republik uno wenn die Boulan- gistm hie und da Gegendemonstrationen versuchten, so wurden dieselben gleich im Keime erstickt. Ihren effectvollen Abschluß erhielt die Präsidentenreise durch die Revue, welche Carnot, umgeben vom Marineminister Krantz, vom Kriegsminister Freycinet und vom General Billot am Freitag über das 3. Armeecorps bei Rouen abhielt, womit zugleich die großen Manöver desselben ihr Ende erreicht haben. Carnot hielt am Freitag in Elboeuf eine Banketrede, in welcher er des ihm tn der Normandie zu Theil gewordenen enthusiastischen Empfanges dankend gedachte und, anknüpfend an seine Besichtigung des 3. Armeecorps, erklärte, die Marine und die Armee verdienten das Vertrauen des Landes.

Eine neue Hiobspost auS Afrika ist in London eingegangen. Der daselbst wohnende frühere Statthalter des Congo-Staates, Francis de Winton, erhielt von Congo die Nachricht, daß Major Barttelots von seinen Trägern ermordet worden und sein Begleiter James Won nach den Stanley-Fällen zurückgekehrt sei, um eine neue Unterstützungs-Expedition für Stanley zu organistren; Tippu Tib befinde sich in Nyangwe. Major Barttelots war vor einiger Zeit aus dem Lager am Congo, wo er die Nachhut der Stanley-Expedition befehligte, aufgebrochen, um Stanley auszusuchen und ihm Lebensmittel und Munition zuzuführen. Mit diesem Unternehmen ist nun Barttelots gescheitert und er selbst hat den Tod hierbei gefunden, während zugleich der traurige Ausgang des Barttelots'schen Zuges einen neuen empfindlichen Fehlschlag der Bemühungen zur Aufsuchung Stanley's bedeutet. Ob dieselben überhaupt fortgesetzt werden, erscheint nunmehr recht zweifelhaft.

Der Aufstand Jschak Khan'S gegen den Emir von Afghanistan scheint nach einer dem Reuter'schen Bureau aus Simla (Indien) zugegangenen neuerlichen Depesche ziemlich hoffnungslos zu sein. Dieselbe besagt, daß die Truppen des Emirs nach dessen eigner Meldung die von Jschak-Khan besetzte Festung Kamard-Khinjhan erobert und viele Gefangene gemacht hätten, darunter auch den Schwiegervater Jjchak-Khans. Abdur Rhaman scheint letzteres als einen guten Fang zu betrachten!

Deutschland.

Berlin, 15. September. DieNordd. Allgem. Ztg." schreibt: Dem Ober­präsidenten Grafen zu Eulenburg als Ehrenpräsidenten des Congresses der inneren Mission ging ein Telegramm von dem Chef deS Ctvtlkabinets, dem Geheimen Rath Lucanus, zu, welches besagt: Das Huldigungstelegramm des Congresses der inneren

Mission ist in Folge der Allerhöchsten Reisen erst heute in die Hände Seiner Majestät des Kaisers gelangt. Allerhöchstderselbe nimmt an den Bestrebungen der inneren Mission den innigsten Antheil und freut sich über deren ersprießliche Mitarbeit an der Ausbreitung des Evangeliums von Christo unter dem deutschen Volke und über die bisherigen Erfolge auf dem Felde der christlichen Liebe und Barmherzigkeit. Seine Majestät hoffen zu Gott, daß auch die Verhandlungen des diesjährigen CongreffeS der evangelischen Kirche und dem Vaterlande »um Segen gereichen werden.

Müncheberg, 15. September. Bei dem heutigen Manöver kommandirte Seine Majestät der Kaiser tn der Uniform der Garde-du-Corps mit gezogenem Pallasch die Südpartei, welche aus 56 Eskadrons Cavallerix.nebst 4 reitenden Batterien und einer markirten Infanteriedivision bestand, gegen.den unter Befehl des Generallieutenants Generaladjutant v. Versen stehenden markirtm Feind. Das Manöver begann mit dem Vormarsch der beiden Cavallerte - Divisionen von Kempelberg nach Westen zu. Die Cavallerie ging in beschleunigtem Tempo vor und machte eine große Attake gegen die feindliche Retterei, es erfolgte sodann eine allgemeine Rechtsschwenkung und ein glänzender Angriff gegen die feindliche Infanterie-Division, welche südlich von Eggers­dorf aufgestellt war. 8um Schluß des Manövers, welcher nach 12 Uhr Mittags erfolgte, fand ein Vorbeimarsch aller 14 Cavallerie-Regimenter im Galovp statt, wobei der Großfürst Nikolaus in der Uniform seines 5. Kürassier - Regiments daffelbe dem Kaiser vorführte. . % ,,

Nach dem Parademarsch der Cavallerie (14 Regimenter) und der reitenden Artillerie, welche Seine Majestät der Kaiser dem König von Sachsen vorführte, ver­sammelte der Großfürst Nikolaus die Officiere seines 5. (westpreußischen) Kürassier- Regiments, um dieselben zu begrüßen. Während die Fürstlichkeiten sich zu Wagen nach Müncheberg begaben, ritt Seine Majestät der Kaiser in schärfstem Tempo dorthin, um seine Gäste zu empfangen. Alsdann fand ein Frühstück statt, an welchem 130 Per­sonen theilnahmen. Seine Majestät der Kaiser und die fürstlichen Gäste nahmen das­selbe im Zelte, die übrigen Geladenen im Garten ein. Um 2 Uhr begaben sich die fürstlichen Gäste mit ihrem Gefolge mittelst Extrazuges nach Berlin. Heute Abend wird Sr. Majestät dem Kaiser eine Serenade vom Musikcorps des 4» Garderegiments und 300 Sängern unter Fackelbeleuchtung dargebracht.

Italien.

Turin, 15. September. Auf einem zu Ehren des Marineministers Brin ver­anstalteten Banket hielt derselbe eine Rede, in welcher er bemerkte, die italienische Flotte sei zuyi größten Theile reconftrulrt, sie repräsentire einen Werth von 360 Mill. Lire und zahle 102 Schiffe und 108 Torpedoboote. Die Erörterungen der italienischen und der ausländischen Presse über dieselbe bewiesen, daß sie ein Faktor sei, welchen man nicht mehr vernachlässigen könne, sondern vielmehr stark in Rechnung ziehen müsse, wenn es sich darum handle, das gegenwärtige europäische Gleichgewicht zu sichern. Ferner wies der Redner Diejenigen, welche ausgedehnte Rüstungen Italiens wünschten, darauf hin, daß Italien beabsichtige, ausgiebig für die eigene Verteidigung vor­zusorgen, aber nicht eine aggressive Politik zu befolgen. Zum Schluß beglückwünschte der Minister Italien dazu, daß dasselbe bereits im Stande sei, selbst das gesammte zum Schiffsbau nothwendige Material zu liefern, einschließlich der Panzer und Maschinen für die PanzerschiffeUmberto",Sizilia" undSardegna", welche binnen kurzer Zeit vom Stapel gelassen werden sollen. Die Rede wurde beifällig aufgenommen.

Bulgarien.

Sofia, 15. September. Die Räuberbande, welche vor einigen Tagen bei Dub- nitza drei Personen gefangen fortgeführt hatte, wurde gestern von der Gensdarmerie angegriffen. Zwei der Gefangenen wurden befreit, der dritte erlag wenige Stunden später den ihm von den Räubern zugefügten Mißhandlungen. Ein Räuber wurde gelobtet, ein anderer verwundet, die übrigen wurden zerstreut.

Der diplomatische Agent von Rumänien, Djuvara, ist heute hier ein- getroffen.

Telegraphische pepeschen.

Wolff'ö telegr. «orrespondenr - Buren«.

Berlin, 16. Sept. Der gestern erschienene Wahlaufruf der nationalliberalen Partei zu den bevorstehenden Landtagswahlen in Preußen verlangt die Reform der direkten Steuern, insbesondere der Gewerbesteuer, zur Entlastung der Gemeinden die Ueberweisung fester Beträge anstatt die Zuweisung aus den Getreidezöllen, erweiterte Uebernahme der Schullasten durch den Staat, Befreiung der Lehrer von den Wittwm- beitragen, Ausdehnung des Eisenbahnnetzes, Förderung des gewerblichen Unterrichts, Schutz gegen Hochwasser, eine Landgemeindeorvnung, die nicht in allen Einzelnheiten überall gleich sein, wohl aber in den wichtigsten Grundlagen, Lastenvertbeilung rc. gleichmäßig geregelt werden soll. Ferner verlangt der Aufruf ein Schulgesetz, Wege­ordnungen und eine Reform des Armenwesens. Er enthält einen entschiedenen Protest gegen die Begründung einer hierarchischen Gewalt innerhalb der evangelischen Kirche; ebenso gegen die Loslösung der Schule von der staatlichen Aufsicht. Dieses sei nur durchzuführen, wenn die Mehrheit der Landesvertretung sich von radikalen Tendenzen und persönlichen Gegensätzen freihalte und nicht ihre Hauptaufgabe in Verfolgung ein­seitiger kirchlicher oder weltlicher Ziele sehe.

Müncheberg, 16. September. Heute Vormittag 10 Uhr begann der Feld- gottesdienst, welcher 40 Minuten dauerte. Auf der Wiese dicht bei der Stadt war ein Altar aus Trommeln unter zwei mächtigen Eschen aufgestellt. Gegenüber war ein kleines, mit Laub und Blumen geschmücktes Zelt errichtet, in welchem der Kaiser in kleiner Generalsuniform, Prinz Leopold und das engere militärische Gefolge Aufstellung ae- nommen hatten. Im Carrö standen die hier bequartirten Truppen, das vierte Garde­regiment, die Gardefüsiliere, die Gardebusaren, die Artillerie, der Train und die Pio­niere. Mehrere Mitglieder des Magistrats mit ihren Familien warm zum Gottes­dienst eingeladen. Die Musik begleitete den Choral:Lobe den Herrn" und hierauf einen Vers von:Nun danket alle Gott". Die Liturgie wurde von Garnisonprediger Schöttler geleitet, die Predigt von Feldprobst Dr. Richter über Epheser 3, Vers 20-21 gehalten. Der Kaiser reichte vor und nach dem Goteesdienste dem Feldprobfte Richter die Hand. Gegen 11 Uhr begab sich der Kaiser nach Berlin. Morgen Nachmittag soll hier die Vorstellung deS Magistrats erfolgen. Der Kaiser gedenkt alsdann die städtischen Sammlungen zu besichtigen.

Wien, 16. September. DasFremdenblatt" sagt: Die alljährlich regelmäßig wiederkehrende Zusammenkunft des Ministers des Auswärtigen Graf Kalnoky mit dem Reichskanzler Fürsten von Bismarck erscheint deinem Politiker mehr als Symptom 2 oder Vorbote irgend einer Aktion; die allgemeine Lage weist sicherlich eher einen Fort­schritt auf dem Wege zu einer dauerhafteren Beruhigung auf. Beide Staatsmänner