Nr. 16»
Mittwoch den 18. Juli
1888.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pst
Pirrearrr Schul st raße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Darmstadt, 13. Juli. Der „V. Z." schreibt man: Der Großherzog, Schirmherr der Hessischen Freimaurerlogen, hat nachfolgendes Schreiben an den Großmeister der Großen Loge zum Eintrachtsbund in Darmstadt (Neichstagsabg. Brand) erlassen: „Mein lieber Direktor Brand! Um Ihrem zu Meiner Kenntniß gelangten Wunsche zu willfahren, sowie auch Meinem fortdauernden Interesse für die Bestrebungen des Freimaurerbundes einen erneuten Ausdruck zu geben, nehme ich gern Gelegenheit, Ihnen anbei Mein Bildniß für die Logen zu Alzey, Bingen, Darmstadt, Friedberg, Gießen, Offenbach, Worms und Mainz zu übersenden. Indem Ich Sie bitte, die Uebennittelung desselben an die einzelnen Logen zu übernehmen, verbleibe ich Ihr wohlgeneigter Ludwig."
Darmstadt, 16. Juli. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller- gnädigst perubt, dem Generalmajor v. Werder, beauftragt mit der Führung der Königlich Preußischen 1. Division, seither Commandeur der 50. Infanterie-Brigade, und dem Generalmajor v. Wulfsen, Eommandeur der 49. Infanterie Brigade, das Comthurkreuz 1. Classe des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen zu verleihen.
Telegraphische Depeschen.
Wolst's telegr. Correfpondenz, Bureau.
Berlin, 16. Juli. Dem „Pos. Tagbl." zufolge lautet das Telegramm des Kaisers an Treitschke: „Ich danke Ihnen auf das Allerherzlichste für das Denkmal, welches Sie meinen Vorgängern in der Geschichte gesetzt haben. Sie haben, wie immer, so auch hier, der Wahrheit die Ehre gegeben. Wilhelm, Imperator rex."
Berlin, 16. Juli. Der „Reichsanzeiger" meldet: Mit Genehmigung des Kaisers wird die verwittwete Kaiserin-Königin Victoria fortan den Namen Kaiserin-Königin Friedrich führen.
Kiel, 16. Juli. Das Kaisergeschwader passirte Sonntag früh 4</t Uhr Arcona (auf Rügen).
Koblenz, 16. Juli. Ihre Majestät die Kaiserin Augusta ist heute Abend kurz vor 6 Uhr von Baden-Baden zu längerem Aufenthalte hier eingetroffen.
Karlsruhe, 16. Juli. Die Großherzogin erhielt nrehrfach Besuche der Kaiserin Augusta. Rian ift mit dem bisherigen Verlauf der Kur der Augenkrankheit der Großherzogin zufrieden.
Straßburg, 16. Juli. Die „Landeszeitung für Elsaß-Lothringen" bringt eine Verordnung, nach welcher Privaturkunden in französischer Sprache, sofern dieselben ein späteres Datum als den l.Juli 1872 oder gar kein Datum tragen, vom 1. Januar 1889 ab ausnahmslos eine deutsche, von einem vereideten Uebersetzer beglaubigte Ueber- setzung auf Kosten der Partei beizusügen ist.
— Die Nachricht des „Pays", einem Oberstlieutenant von elsässischer Herkunft vom Kriegsminifterium in Paris, dem auf der deutschen Botschaft in Eile kein Paßvisum ertheilt wurde und der nur Empfehlungen erhielt und damit die Grenze passiren durfte, sei hier verboten worden, die Leiche seines Vaters zum Friedhöfe zu geleiten, ist vollständig unbegründet. Es handelt sich vielmehr darum, daß der Eommandeur eines Infanterie-Regiments mit regelmäßig visirtem Paß seinen kranken Bruder besuchte und nach der Beerdigung desselben vier Tage Aufenthaltsverlängerung erhielt.
Paris, 16. Juli. Deputirtenkammer. Bischof Freppel bringt einen Antrag auf Verbot des Duellirens ein und verlangt für diesen Antrag die Dringlichkeit. Die Dringlichkeit wird abgelehnt. Bourgeois (radikal) beantragt die Revision der Verfassung und will feinen Antrag der Revisions-Kommission überwiesen wissen. Die Rechte protestirt hiergegen, weil die Revisions-Kommission nicht in Thätigkeit sei und weil die Verweisung des Antrags an diese Kommission ein Begrabensein desselben bedeuten würde. Der Vorschlag Cuneo d'Omano's (Bonapartist), den Antrag Bour- gois an eine besondere Kommission zu verweisen, wird mit sämmtlichen Stimmen der Linken abgelehnt.
Paris, 16. Juli. Der Präsident Carnot hat ein Schreiben an den Kriegsminister gerichtet, in welchem er seine Anerkennung über die Haltung der Truppen bei der gestrigen Revue ausspricht und den Minister ersucht, das Gouvernement von Paris und dre Truppen, welche dasselbe befehligt, zu dem Ausfall der Revue zu beglückwünschen.
Heute Vormittag empfing der Präsident die Maires, welche dem gestrigen Banket auf dem Marsfelde beigewohnt hatten und richtete an jeden einzelnen derselben einige Worte. Morgen wird der Präsident Carnot den Fürsten von Montenegro empfangen. o Paris, 16. Juli. Der Präsident Carnot empfing Vormittags Den Besuch des Fürsten von Montenegro, der hierauf auch dem Ministerpräsidenten Floquet einen Besuch abftattete.
„ Paris, 16. Juli. Die Verhandlungen mit Italien über die Besteuerung der Auslänoer tn Massauah dauern fort. Frankreich behauptet, daß die früheren Capitu- lationen fortbauern, was Italien bestreitet.
London, 16. Juli. Im Unterhaus erklärte Minister Smith, es fei Sache Parnell's den Antrag der Regierung auf Einsetzung einer aus Richtern bestehenden Commission zur Untersuchung der im Prozesse O'Donnel vorgebrachten Anschuldigungen anzunehmen oder abzulehnen. Falls er annehme, sei die erste Lesung des Antrages noch heute erwünscht, da die Regierung nicht gestatten könne, daß andere Geschäfte des Hauses eine Unterbrechung erführen. Parnell will die Vertagung des Hauses beantragen, wird aber vom Sprecher dreimal zur Ordnung gerufen. Parnell fragt Smith, ob er erwarte, daß die intereffirten Personen wie Schafe den Beschluß einer Jury von Metzgern acceptiren würden.
London, 16. Juli. (Reutermeldung.) Unter Indianern in Hazeeton (Victoria, British Columbia) ist ein Aufstand ausgebrochen. Es werden ernste Unruhen befürchtet. Eine Batterie Artillerie geht nach dem Schauplatze ab, wo bereits mehrere Weiße ge- töbtet worden sind.
Dublin, 16. Juli. In den katholischen Kirchen wurde gestern eine Encyclika an die inschen Bischöfe, batirt vom 14. Juli, verlesen. Es wird darin nochmals das Boycottsystem auf das entschiedenste verdammt und die „unüberlegte" Haltung gegenüber dem heiligen Stuhle sehr beklagt; es solle allen Katholiken mitgetheilt werden, daß Handlungen, welche er untersagt, als vollständig ungesetzlich erachtet und untersagt worden sind.
Haag, 16. Juli. Die Regierung legte den Kammern einen Gesetzentwurf über die Bevormundung der Kronprinzessin vor. Der Entwurf schlägt vor, die Königin als Vormünderin einzufetzen, derselben einen Beirath zur Seite zu stellen aus vier durch den König ernannten Mitgliedern und fünf durch das Gesetz zu bestimmenden höheren Beamten.
Kopenhagen, 16. Juli. Der Besuch des Kaisers Wilhelm ist nun offiziell angemeldet worden. Derselbe wird gegen Ende des Monats erwartet, nachdem zuvor Stockholm besucht worden ist.
Petersburg, 16. Juli. Kaiser Wilhelm wird Donnerstag Mittag in Kronstadt erwartet und dürfte vier Tage in Peterhof verweilen. Ein Besuch in Petersburg und in Krasnoje-Selo ist beabsichtigt. Die Botschafter General Schweinitz und Graf Schuwaloff sind gestern eingetrosfen, Herr v. Giers wird spät Abends erwartet.
Kronstadt, 16. Juli. Die kaiserliche Yacht „Zarewna" ist mit dem russischen Kaiserpaar heule 51/2 Uhr Abends auf der Fahrt nach Peterhof vorbeipafsirt.
Kronstadt, 16. Juli. Die zum Empfange des deutschen Kaisers commandirte, vrerzig Wimpel zählende Kriegsflotte ist hier eingetroffen und hat die vorgeschriebene Stellung eingenommen. Auf der großen Rhede hat das Uebungsgeschwader, grötzten- theils Fregatten, die angewiesenen Stellungen eingenommen, ihm gegenüber werden die deutschen Kriegsschiffe anfern.
CapetowN, 16. Juli. Der Präsident des Oranje-Freistaates Brand ift gestern gestorben.
Die Krankheit Kaiser Friedrichs.
(Fortsetzung.)
In dem Bericht des Dr. Bramann wird des Näheren bargelegt, wie in der Zeit vom 28. November bis Mitte December der Zustand des hohen Kranken sich stetig verschlimmert habe, was diesen Arzt veranlaßte, seinen Bericht vom 22. December mit der Bemerkung zu schließen,
„daß in den letzten 14 Tagen eine derartige Veränderung eingetreten sei, daß wohl noch vor Ablauf des Semesters die Tracheotomie voraussichtlich in Frage kommen dürfte."
In derselben Woche berichtet das „British medical Journal-, es könne die in der Presse veröffentlichten günstigen Berichte über den Zustand des Kronprinzen bestätigen.
Am 26. December erschien Mackenzie in San Remo und äußerte nach der ersten Untersuchung, daß er immer mehr am Vorhandensein eines Krebses zweifle.
Am 14., 15. und 16. Januar traten Kopfschmerzen, Fieber, Athemnoth ein, bis am 17. der Kranke ein nekrotisches Gewebstück aushustete. Virchow erhielt dasselbe nicht unversehrt; es war zuerst einem in San Remo weilenden Warschauer Arzt, vr. Hering, zur Untersuchung gegeben worden. Am 29. Januar erschien Mackenzie wieder in San Remo, er glaubte jetzt selbst an die Nothwendigkeit baldiger Vornahme der Tracheotomie und ersuchte Bramann, bei der Untersuchung des Kehlkopfes sich zu betheiligen. Das Resultat dieser Untersuchung veranlaßte Bramann, auf die Herbeiziehung von Bergmann's zu dringen.
Am 31. Januar meinte Mackenzie zu Bramann, die Tracheotomie würde in 2 bis 4 Wochen nöthig werden; Bramann verwahrte sich auf das Entschiedenste dagegen und „bestand auf die von den Hohen Herrschaften mit v. Bergmann getroffenen Verabredungen." Von da ab wurde Bramann bis zum Tage der Operation nicht mehr hinzugezogen, ja bekam bis dahin den Hohen Patienten nicht mehr zu sehen. Nach Berichten, die Bramann von Dr. Schrader und den Adjutanten erhielt, war die Athemnoth im Zunehmen; von allen Seiten wurde auf die Berufung v. Bergmann's gedrungen, sie unterblieb; Krause erklärte sich nochmals für Perichondritis und führte als Beweis die Ausstoßung des nekrotischen Fetzens an, was bei Krebs nicht vorkäme. Am 7. Februar erfuhr Bramann, der Kranke habe keine sehr gute Nacht gehabt — merkwürdiger Weise meldete an diesem Tage die „Vossische Zeitung", daß die Tracheotomie am 9. stattfinden werde. Am 8. Februar meinte Mackenzie, die Tracheotomie werde in 8 bis 10 Tagen noch an der Zeit sein. Am Abend desselben Tages srug der Kronprinz: „Ist Dr. Bramann für heute Abend bestellt?" Am 9. wurde endlich Bramann zugezogen, er fand den Kranken sehr leidend, mit bedeutender Athemnoth kämpfend. Mackenzie erklärte jetzt, die Athemnoth habe jetzt so erheblich zugenommen, daß man mit der Tracheotomie nicht länger warten dürfe, er müsse jede Verantwortung für längeres Warten ablehnen; Krause und Hovell schlossen sich ihm an. Bramann verlangte einen Aufschub von mehreren Stunden, um doch wenigstens Gelegenheit zu erhalten, den Hohen Patienten selbst zu beobachten, und drang andererseits auf die Herbeirufung v. Bergmann's. Darauf gab Mackenzie die Erklärung ab, daß er, im Falle Bramann nicht operire, jede Verantwortung ablehnen müsse. Krause und Hovell schlossen sich dem an. Bramann blieb beim Verlangen eines mehrstündigen Aufschubs, umsomehr, als er für den Fall des Eintretens einer Besserung fest entschlossen war, bis zur Ankunft Bergmann's zu warten, da eine Tracheotomie unter den damaligen Verhältnissen keineswegs als ein gleichgiltiger oder geringfügiger Eingriff angesehen werden durfte. Um 12Vr Uhr kam Mackenzie zu Bramann, um dem letzteren zu sagen, daß der Kronprinz ihn um 1 Uhr erwarte. Nach den Aeutzerungen, welche der Kronprinz Bramann selbst über seine Athemnoth in den letzten Tagen machte, sowie nach den Berichten, welche hierüber der Kammerdiener, der die letzten beiden Nächte in der Nähe seines Hohen Herrn gewacht, abgab, und angesichts der von Bramann selbst vom Morgen bis zum Mittag conftatirten Zunahme der Athemnoth schien dem letzteren die Möglichkeit ausgeschlossen, noch länger warten zu können und es wurde zur Operation geschritten, für die Dr. Bramann nicht einmal einen geeigneten Tisch erhalten, sondern das Bett benutzen mußte. Nachdem Mackenzie noch Einwendungen gegen die Anwendung des Chloroforms gemacht und erst auf Beharren Bramann's nachgegeben, vollzog letzterer die Tracheotomie. Die Operation incl. Narkose hatte 20 Minuten gedauert.
Professor Bergmann wurde trotz Der gelungenen Tracheotomie nach San Remo berufen. An demselben Tage war Professor Bergmann zweimal zu Seiner Majestät dem Kaiser in Berlin befohlen worden, einmal um über die Wirkungen der Tracheotomie Auskunft zu geben und sodann, um den Auftrag entgegenzunehmen, so schnell als möglich abzureisen, regelmäßig Bericht zu erstatten und nach Kräften dafür zu sorgen, daß, wenn eS der Zustand des Hohen Kranken gestatten sollte, Höchstdessen Uebersiedelung nach Berlin zu bewerkstelligen.
Professor Bergmann reifte ab und traf am Abend des 11. Februar in San Nemo ein. Schon wenige Minuten nach seiner Ankunft sah er den Hohen Kranken, der auf ihn den allerbesten Eindruck machte, und beobachtete ihn auch am 12. und 13. Februar. An den letzten beiden Tagen zeigte sich ein übelriechender Auswurf, Der nach der Aussage der Kammerdiener schon in den letzten Wochen vor der Operation eine gleiche Beschaffenheit gezeigt hatte. Nach Bergmann's Ansicht, die derselbe Mackenzie mittheilte und dem letzteren durch eine besondere Untersuchung am Kehlkopf des Kranken bemonftrirte, handelte es sich bei diesem Auswurf um aus dem Kehlkopfe hinabgeflossene Massen, da an dem ulcerativen Zerfall des Carcinoms feit dem 17. Januar, wo ein großer nekrotischer Fetzen ausgehustet wurde und Fieber und Kopfschmerz aufgetreten, nicht mehr gezweifelt werden konnte. Mackenzie war anderer Ansicht. Während indessen Bergmann annahm, daß diese Differenz dis zur gegenteiligen Klärung unter den beteiligten Aerzten bleiben würde, mutzte er schon zu Mittag desselben Tages erfahren, daß Mackenzie der Frau Kronprinzessin mitgetheilt, das häufigere Husten und der braune Auswurf seien Folgen einer unzweckmäßigen, von Bergmann


