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Adr. US Freitag den 18. Mai 188&

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Politische Ueberfkcht

Gießen, 17. Mai.

Die Meldung, daß sich beim Kaiser eine Rachenentzündung eingestellt habe, auf welche vermuthlich die vor einiger Zett bei dem hohen Herrn aufgetretenen Schling­beschwerden zurückzuführen sind, ist geeignet, neue Besorgnisse um den erlauchten Kranken heroorzurufen, die aber aus seiner Umgebung als völlig unbegründet bezeichnet werden. Die Entstehung dieser Krankheitserscheinung, welche sich übrigens beim Kaiser schon in San Remo vorübergehend zeigte, soll damit Zusammenhängen, daß derselbe sich kürzlich ungeachtet der rauhen Witterung am geöffneten Fenster niederließ, wodurch die Athmungsorgane des Kaisers ungünstig beeinflußt wurden. Doch ist die Ent­zündung und mit ihr die Schlingbeschwerden bereits wieder im Verschwinden begriffen und hat sie überhaupt den Monarchen in keiner Weise alterirt, vielmehr steigert sich die Kräftezunahme von Tag zu Tag in erfreulichster Weise. Auch die Nächte sind fortgesetzt sehr gut, was auch von der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch zu gelten hat. Bet der Eonsultation der Aerzte am Mittwoch Morgen wechselte Dr. Mackenzie die Eanüle beim Kaiser aus, was sehr leicht von Statten ging. Die Operationswunde weist ein gutes Aussehen auf. Da seit Mittwoch wieder warme Temperatur herrscht, dürften die Aerzte dem Kaiser nunmehr auch wieder den Aufent­halt im Freien gestatten, lieber die Reise der Kaiserin nach Westpreußen ist noch immer nichts Bestimmtes bekannt.

Fürst Bismarck hat nunmehr seiner pommerischen Besitzung den Besuch ab­gestattet, welchen der Kanzler schon vor Wochen ausführen wollte, der aber in Folge des schweren Krankheitsanfalles, der den Kaiser gerade zu jenem Zeitpunkte heimsuchte, verschoben werden mußte. Daß sich Fürst Bismarck nun endlich nach Varzin begeben hat, kann ebenfalls mit als ein Beweis betrachtet werden, daß man in der Umgebung des Kaisers die jüngste schwere Erisis als wieder überwunden ansieht, und gewiß ist dem Reichskanzler die Erholungspause auf seinem pommerischen Tusculum herzlichst zu gönnen. Denn der leitende Staatsmann des Reiches und Preußen ist durch die Schicksale der letzten drei Monate besonders hart ergriffen worden und dennoch mußte er in dieser schweren Zeit, bei angegriffener Gesundheit, ohne jede Rücksicht auf sich selbst, viel mehr arbeiten, als in jüngeren und gesünderen Tagen. Die Rückkehr des Fürsten nach Berlin erfolgt voraussichtlich im Laufe der nächsten Woche.

Die Pfiugstpause hat sich auf innerpolitischem Gebiete erst kurz vor dem Feste selbst stärker geltend gemacht und namentlich sind die beiden Häuser des preußischen Landtages bis in die Pfingstwoche hinein thätig gewesen. Das Abgeordnetenhaus ist am Dienstag in die Psingstferien gegangen, nachdem es vorher noch den Gesetzentwurf über die Oder- und Spreeregulirung definitiv und unverändert genehmigte und zur Zeit dürfte auch das Herrenhaus nach Erledigung des Volksschullastengesetzes und der Weichselregulirungsvorlage seine Pfingstferien angetreten haben. Da das Herrenhaus bei ersterem Gesetze vermuthlich den Beschlüssen seiner Eommission zuge- sttmmt haben wird, so gelangen also die Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und der zweiten Kammer über den Schulgeldparagraphen erst nach Pfingsten zum end­gültigen Ausirag und ob an diesen Differenzen nicht schließlich noch das ganze Gesetz scheitern wird, steht noch dahin.

In Oesterreich ist die Schulfrage mit der Vertagung der parlamentarischen Erörterungen über den Ltchtenstein'schen Schulantrag bis zum nächsten Herbst von der politischen Tagesordnung einstweilen wieder abgesetzt worden. Dafür ist die Spiritus­frage noch immer in der Schwebe und die Verschleppung der Budgetdebatten im öster­reichischen Abgeordnetenhause hat hierzu das ihrige beigetragen, so daß sich dieselbe erst nach Pfingsten mit dem Spiritussteuergesetz befassen können wird. Bekanntlich macht der österreichische Eabinetschef, Graf Taaffe, fein Verbleiben im Amte von der unbe­dingten Erledigung der Spiritusvorlage im Sinne der Regierung abhängig und an­gesichts der drohenden Möglichkeit eines Rücktritt des Versöhnungsministertums werden die «in der Spiritusfrage noch störrischen Elemente der Rechte in erster Linie die Polen, gewißklein beigeben". Bis zur nächsten Reichsraths-Tagung hat dann Graf Taaffe hinreichend Zeit, darüber nachzudenken, mit was die braven Polen für ihre schließliche Nachgiebigkeit belohnt werden könnten!

Die Rundreise Boularrger'S durch das Norddepartement ist zu Ende und der Ex-General am Dienstag Vormittag wieder in Paris eingetroffen, wo seine Rück­kehr zu einigen Scandalscenen Anlaß gab, doch iand ein ernster Zwischenfall nicht statt, lieber die Erfolge der nun zum Abschluß gelangten Agitationsreise Boulanger's in seinem Wahlbezirk sind die Meinungen fortgesetzt getheilt, jedenfalls haben sich in denbegeisterten Empfang", der dem Zukunftsdictator in Dünkirchen, Douai, Lille, Valenciennes u. s. w. von der großen Masse bereitet wurde, sehr energische Proteste gemischt, die bekunden, daß dergroße Mann" selbst inseinem Departement" eine nicht unbedeutende Opposition gegen sich vorfindet. Inzwischen sind jedoch die Er­örterungen über die Boulanger'sche Rundreise vor den wiederbegonnenen Verhand­lungen der französischen Deputirtenkammer in den Hintergrund zurückgetreten, zumal dieselben einen bewegten Verlauf versprechen. Gleich die erste Kammersitzung nach den Osterferien, die am Dienstag abgehaltene, gestaltete sich nicht uninteressant, denn die Vorlage über die Maiszölle wurden mit 282 gegen 247 Stimmen abgelehnt, was dem Monarchisten Maurice zu der ironischen Bemerkung Veranlassung gab, die Abstimmung sei ein neuer Beweis für die Ohnmacht der Kammer und die Nothwendigkett ihrer Auflösung. Weiter hatte der alte Revolutionär Felix Pyat einen echt communistischen Antrag eingebracht, welcher die Expropriirung jeder Werkstätte, die vom Arbeitgeber geschlossen worden ist, fordert, um sie den Arbeitern zu übergeben; Pyat verlangt für seinen Antrag sogar die Dringlichkeit, welche freilich von der Kammer abgelehnt wurde. Zu lebhaften Debatten wird jedenfalls der Antrag des Bonapartisten Euneo d'Ornano führen, betr. die Revision der Verfassung, zumal d'Ornano hierzu noch ein Amendement beantragt hat, welches ein Volksreferendum über alle Gesetzesvorlagen fordert.

In Rußland werden neue Zollmaßregeln gegen das Ausland geplant, welche diesmal zum Schutze der Eisenindustrie in Polen gegenüber der ausländischen Concurrenz dienen sollen. Vorläufig hat der Finanzminister Wyschnegradski in einem dem Reichs- rathe unterbreiteten Gutachten diese projcctirten Maßnahmen, bei denen es sich offen- i bar um eine abermalige Erhöhung der Eisenzölle handelt, allerdings alsinoportun"

erklärt, vielleicht wird er sie aber schon morgen für nothwendig erachten. Die Chicanen, denen ausländische Arbeiter beim Ueberschretten der russischen Grenze und bei ihrem Aufenthalte in Russisch-Polen seitens der Behörden ausgesetzt sind, scheinen maßgebenden Ortes in Petersburg doch Mißbilligung erregt zu haben, da von einer weiteren Ein­schränkung der Freizügigkeit ausländischer Werkmeister in Polen abgesehen werden soll.

In der italienischen Deputirtenkammer ist dieser Tage vom Ministerium Crispi wieder einmal die Eabinetsfrage gestellt gewesen, da die Verhandlungen über das Budget und über die Finanzpolitik der Regierung eine für letztere ungünstige Wendung anzunehmen begannen. Auf die bezüglichen energischen Erklärungen des Eabinetschef Ertspi und des Finanzministers Magliani hin lenkte jedoch die Kammer ein und nahm am Dienstag ein die Finanzpolitik der Regierung ausdrücklich billigendes Vertrauensvotum mit großer Mehrheit an.

Darmstadt, 16. Mai. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller- gnädigst geruht:

Am 9. Mai den Oberamtsrichter bei dem Amtsgericht Schlitz Albrecht Braun zum Oberamtsrichter bei dem Amtsgericht Reinheim, sowie den Amtsrichter bei dem Amtsgericht Michelstadt Johannes Jttmann zum Oberamtsrichter bei dem Amts­gericht Hungen mit Wirkung vorn Dienstantritt des Dienstnachfolgers zu ernennen.

Berlin, 16. Mai. Die Besserung im Befinden des Kaisers dauert in erfreu­licher Weise fort. In den Abendstunden erhöht sich zwar die Temperatur etwas, gestern sogar bis 38,3; doch kann man diesen Zustand nicht gerade Fieber nennen. Er ist eine Folge der Anstrengungen, die sich der Kaiser im Laufe des Tages zumuthete und deßhalb haben die Aerzte ihn heute erst gegen 11 Uhr aufstehen lassen. Die Nacht war befriedigend; Husten und Auswurf sind sehr gering, die Temperatur war heute früh und den ganzen Tag über normal und der Kaiser gibt mit Genugtuung durch stramme Bewegungen vor den Aerzten selbst zu erkennen, wie die Körperkräste zu­genommen haben. Da heute feit langer Zeit der erste warme Tag war, durfte der Kaiser in den Mittagsstunden in's Freie; er ließ sich fast eine Stunde lang in einem kleinen Wagen im Park spazieren fahren. Die Rachenentzündung und die damit ver­bundenen Schlingbeschwerden sind fast geschwunden. Bei der heutigen Morgenconsultation hat Mackenzie in Gegenwart der übrigen Aerzte wieder sehr schnell und geschickt eine neue Kanüle eingesetzt, der Kaiser hat dabei nicht einmal Hustenreiz empfunden. Die Wundverhältnisse zeigten sich bei dieser Gelegenheit wieder sehr günstig; die Wund­ränder sind glatt und die Stellen, wo kürzlich noch die entzündlichen Wucherungen vifccn, sind vollständig vernarbt. Es bestätigt sich, daß Virchow bei seiner neuesten Untersuchung des Auswurfs zu demselben Resultate gekommen ist, wie früher. Er sagt, nicht etwa, wie es vielfach aufgefaßt wird, daß das Leiden des Kaisers nicht Krebs sei, sondern er sagt nur, daß in dem, was ihm zur Untersuchung gegeben worden ist, nichts enthalten fei, was unbedingt auf ein Krebsleiden schließen lasse. Man darf dabei nicht übersehen, daß zwischen Virchow und anderen Autoritäten theoretische Meinungsverschiedenheiten über die Pathologie der bösartigen Geschwülste bestehen. F. Ztg.

Telegraphische Depeschen.

Wolst'S lelegr. Correspondenz-Brrrearr.

Berlin, 16. Mai. Se. Majestät der Kaiser arbeitete heute Vormittag mit dem General v. Winterfeld und machte am Nachmittag eine einstündige Spazierfahrt im Parke von Eharlottenburg.

Ihre Majestät die Kaiserin Augusta begab sich heute Mittag nach Char- lottenburg, um Sr. Majestät dem Kaiser einen Besuch abzustatten.

Se. K- u. K. Hoheit der Kronprinz wohnte am Vormittag den Hebungen der Truppen auf dem Tempelhofer Felde bei und folgte am Nachmittag mit Ihrer Kaiser!, u. König!. Hoheit der Kronprinzessin einer Einladung der Majestäten zum Frühstück.

Berlin, 16. Mai. Der Kaiser hatte heute einen sehr guten Tag; die Schling­beschwerden sind gehoben, Fieber war nicht vorhanden. Er empfing Nachmittags den brasilianischen Gesandten und später den General Winterfeld zum Vortrag. Die Kaiserin unternahm Abends mit den Prinzessinnen eine Spazierfahrt.

Berlin, 16. Mai. Es verlautet, daß der kürzlich veröffentlichten Lifte von Auszeichnungen demnächst noch^ein umfangreicher Nachtrag folgen werde.

Iserlohn, 16. Mai. Soweit bis jetzt bekannt, erhielt in der gestrigen Reichs­tags Ersatzwahl der Deutsch-Freisinnige Langerhans 14,035, Herders (nationalliberal) 9700 Stimmen. Die Ergebnisse aus einigen kleinen Wahlbezirken fehlen noch.

Karlsruhe, 16. Mai. Die Besserung in der katarrhalischen Affektion des Großherzogs schreitet langsam fort- der Genuß der milder gewordenen Luft bekommt sehr gut. Der Großherzog empfing heute den Besuch des Statthalters Fürsten Hohenlohe.

Wien, 16. Mai. König Milan empfing heute Mittag den Grafen Kalnoky in längerer Audienz und binirte beim Kaiser.

Paris, 16. Mai. Die Ministerien des Krieges und der Marine arbeiten ge­meinsam einen Entwurf über eine Dreißig-Millionen-Vorlage zum Zwecke der Küften- vertheidigung aus. Das französische Mittelmeer - Geschwader ging heute nach Barcelona ab, wo es vier Tage verbleiben wird.

Florenz, 16. Mai. Das württembergische Königspaar ist direkt nach Stutt­gart abgereist.

Berlin, 17. Mai, 12 Uhr. sPrivatdepesche.) Der Kaiser verbrachte eine recht gute Nacht; er ist bereits seit 10% Uhr im Park und benutzt heute zum ersten Male das Zelt. Die Kaiserin und die Prinzessin Victoria sind 10% Uhr zur Lehrlings-Ausstellung nach Berlin gefahren.

Der Meist, den das Pfingstfest verbreiten soll.

Die gewaltige Mehrheit der Menschen sehnt sich nach einer Umgestaltung der gesellschaftlichen Dinge, nach einer Ausgleichung der Unterschiede im Erwerben und Genießen, nach einem friedlichen und versöhnlichen Zusammenarbeiten der verschiedenen. Völker und der noch so vielfach getrennten Klassen eines und desselben Volkes. Der Klassenhaß und Völkerhaß, womit inan sich zu vernichtenden inneren Kämpfen und zu blutigen äußeren Kriegen vorbereitet, ist ein unnatürlichee Zustand. Er führt dazu, daß sich die Stände und Völker auch wirthschaftlich von einander abschließen und daß die großen Errungenschaften der modernen Cuttur, die Fortschritte der Technik, die