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18.4.1888 Erstes Blatt
 
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Nr. 90

Erstes Blatt

Mittwoch den 18. April

1888

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Th

Pnreau r Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

CTS

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf,

Politische Rundschau

Gießen, 17. April.

Erst nachträglich wird bekannt, daß der Kaiser am vergangenen Donnerstag, tiir welchem von Professor v. Bergmann der Eanülenwechsel vorgenommen wurde, in Erstickungsgefahr geschwebt hat. Nachdem der Monarch schon die vorangegangene Nacht sehr unruhig verbracht, wurde er im Laufe des Donnerstag Nachmittag von Erstickungsanfällen befallen, deren Anlaß die Herunterstotzung großer Gewebsthetle in die Lungen war und gerieth der erlauchte Patient hierdurch dermaßen in Athemnoth, daß Dr. Mackenzie sofort Professor v. Bergmann holen ließ. Dieser fand bei der lllntersuchung, daß die von Dr. Mackenzie zuletzt eingesetzte rechtwinkelig gebogene Eanüle überhaupt nicht mehr in die Luftröhre reichte; sie saß zwar noch in der Wunde, s'ah aber mit ihrem vorderen Theile beträchtlich aus derselben heraus, die Luftröhre selbst erwies sich als mit Wuchermasse erfüllt. Professor v. Bergmann beseitigte auf's Schleunigste das ungeeignete Athmungsröhrchen und legte ein neues ein und Dr. Mackenzie selber entschied sich dafür, daß diese Bergmann'sche Eanüle nunmehr lltegen bleiben müsse. Die über das augenblickliche Befinden des Kaisers veröffentlichten Nachrichten, die sich an anderer Stelle des heutigen Blattes befinden, lauten meist wenig befriedigend.

Die NothstandSvorlage ist am Montage im preußischen Abgeordneten­haus e zur ersten Lesung gelangt und bet ihrer Dringlichkeit dürfte sie wahrscheinlich o»hne commissarische Dorberathung in einer der nächstfolgenden Sitzungen gleich in zweiter und dritter Lesung erledigt worden sein. Bekanntlich fordert die Vorlage im Ganzen 34 Millionen Mark zu Gunsten der von der Ueberschwemmungskatastrophe betroffenen Landestheile, von denen 20 Millionen Maik zur directen Vertheilung an doie Privaten und Gemeinden kommen sollen; an der unverkürzten Bewilligung der geforderten Summen durch die preußische Volksvertretung ist nicht zu zweifeln. Eine staatliche Aufwendung von ähnlichem Umsange für Nothstandszwecke ist in Preußen noch niemals gemacht worden, aber freilich hatten auch die durch elementare Ereignisse verursachten Verheerungen wohl noch nie einen derartigen Umfang erreicht, wie Heuer nnd das in so ausgedehntem Maaße erfolgende Eingreifen der staatlichen Hilfe erscheint doaher vollkommen am Platze. Die Bemessung des entsprechenden Hilfsbeitrages für tote einzelnen Gemeinden und Privaten kann zur Zeit noch nicht auf das Genaueste rrfolgcn, denn es liegt vorerst nach keine specielle Abschätzung der Ueberschwemmungs- iichäden vor und kann auch in den meisten Bezirken wegen der noch andauernden - Illeberschwemmung bis auf Weiteres nicht vorgenommen werden. Unzweifelhaft ist aber, daß mindestens Hunderttausend Menschen für längere oder kürzere Zeit aus ihren Wohnstätten vertrieben, daß Tausende von Gebäuden zerstört oder schwer beschädigt, viele Strecken Landes durch Versandung verwüstet und die Wintersaaten fast überall ün den heimgesuchten Gegenden vernichtet worden sind. Die Verluste an Vieh, Futter- worrLthen, Hausgeräthen und Wirlhschaftsgegenständen erweisen sich auch nach nur ober; Nördlicher Schätzung als sehr bedeutend und die Wiederherstellung der von den Fluthen zerstörten Deiche, Eisenbahndämme, Brücken, Wege, Uferschutzwerke u. s. w. erfordert ebenfalls große Summen. Es kann daher nur mit Genugtuung erfüllen, daß die finanzielle Lage des preußischen Staates demselben zur Zeit ein so thatkräftiges und wirksames Einschreiten für die Nothleidenden gestattet und es ist fraglich, ob die Staatshilfe auch dann in so reichlichem Maaße hätte bemessen werden können, wenn tote finanziellen Grundlagen der Bundesstaaten nicht durch die vorangegangene Reichs- ffieuerrefoim sichergestellt und befestigt worden wären und jeder unbefangen Urtheilende 1 wird zugeben müssen, daß die Reichssteuerreform erst die preußische Regierung in Stand letzte, den Ueberschwemmten durch eine so stattliche Millionensumme zu Hilfe zu kommen.

Der Dank des deutschen Botschafters in Wien, Prinzen Reuß, für die Beileids- j kmndgebungen des österreichischen Reichsrathes und des ungarischen Reichstages hat im Ungarischen Abgeordnetenhanse zu einer seltsam berührenden Jnterpellalionsaffaire i geführt. Von dem der äußersten Linken angehörenden Abgeordneten Fenyvessy war eine Interpellation darüber eingebracht worden, warum Prinz Reuß in seiner Dank- zmschrift an den Ministerpräsidenten Tisza nur von einem österreichischen Parlamente i urnb von einem österreichischen Minister des Auswärtigen gesprochen habe und rügte . Aenyvessey in seiner Interpellation förmlich das Verhalten des deutschen Botschafters. Herr Tisza leuchtete jedoch seinem ultra-magyarischen Landsmann in der Sonnabend- suhung des ungarischen Unterhauses energisch heim. Der Cabinetschef verlas zunächst dm Wortlaut der Zuschrift des Prinzen Reuß und knüpfte hieran die Erklärung, daß sue dem ungarischen Staatsrechte vollkommen entspreche. Tisza fügte hinzu, der Interpellant hätte sich vorher genauer tnformken sollen und bat der Ministerpräsident die Abgeordneten sich durch unüberlegtes Einbringen von Interpellationen nicht der Lächerlichkeit auszusetzen. Das Haus nahm die Antwort Tiszas zur Kenntniß und hiermit war der Zwischenfall erledigt, der aber wieder einmal bewiesen hat, zu welchen Seltsamkeiten sich der magyarische Nationaldünkel versteigen kann, wenn er sich b eleidigt glaubt.

In Frankreich ist jetzt der Ministerpräsident Floquet selber mit einer kräftigen Rede gegen das Treiben der Boulangisten in die politischen Schranken ge­treten. Floquet hielt dieselbe am Sonntag in der von etwa 6000 Personen besuchten Jahresversammlung des Pariser Handelsvereins und hob er hierbei hervor, daß das republikanische Frankreich weder ein?s Protectors in Friedenszeiten, noch eines Dictators Lu einem etwaigen Kriege bedürfe. Floquet betonte ferner, daß Frankreich über , republikanische'Institutionen verfüge, die in siebzehnjährigen Bemühungen und heißen Mmpsen errungen worden, daß es im Kriege tapfere, unterrichtete Generale besitze, die fach in loyalster Weise den öffentlichen Gewalten unterordneten und daß seine bürger- liiche Armee aus der Elite der Armee bestehe. Floquet schloß seine mit donnerndem Beifall aufgenommene Rede mit einem Hinweis auf die Centennarfeier des Jahres 1.789 und der Wahrung an die französische Nation, die Eintracht in ihre Mitte zurück- znführen, damit die bevorstehende Feier eine vollständige fei.

Es ist dies auch nach den mageren Andeutungen des Telegraphen gewiß eine sechr schöne Rede, welche der französische Cabinetschef gehalten hat, wenn sie aber etwa bum Wahlsieg Boulangers im Norddepartement verhindern sollte, so ist sie entschieden zu spät gekommen. Denn mit 172,528 von 267,530 abgegebenen Stimmen

ist Boulanger daselbst zum Abgeordneten gewählt worden, während Foucard, der Candtdat der gemäßigten Elemente 75,901 und Moreau, der Candidat der antibou- langistisch gesinnten Radicalen, gar nur 9647 Stimmen erhielt. Es haben demnach alle Anstrengungen der gemäßigten Elemente, den Boulangisten den Sieg im 9torb= departement streitig zu machen, nichts genützt, denn mit geradezu erdrückender Mehrheit hat bet Ex - General über seine beiden Gegner gesiegt und an dieser Thatsache ändert der Umstand, daß ca. 96,000 Wähler ihr Stimmrecht nicht ausübten, nicht das Ge­ringste. Dieser neueste Triumph der Boulangisten spricht für sich selber, er beweist das reißende Umsichgreifen derBoulangeritis" ziffernmäßig und die Freunde des Ex-Generalswerden sicher nichts unversucht lassen, den großen Erfolg der boulangistischen Sache im Norddepartement nach allen Richtungen hin gehörig auszubeuten, sie werden ihren Feldzug gegen den jetzigen Machthaber in Paris und die gegenwärtige französische Volksvertretung ohne Zweifel nunmehr mit verdoppeltem Nachdrucke weiterführen.

Deutschland.

Berlin, 15. April. Der Kaiser hatte in Folge mehrfachen Hustenreizes eine wenig befriedigende Nacht und fand erst gegen Morgen ruhige: en Schlaf. Dem Gottes­dienste in der Schloßkapelle, zu welchem sich die kronprinzlichen und erbprinzlich Mei- ningen'schen Herrschaften aus Berlin eingefunden hatten, wohnte der Kaiser nicht bei, > das kronprinziiche Paar und die Meiningen'schen Herrschaften statteten vor der Rück- ? kehr nach Berlin den Majestäten einen Besuch ab. Der Kaiser, welcher Vormittags | noch einen Vortrag des Ober - Ceremonienmeifters Grafen Eulenburg entgegennahm, $ empfing Nachmittags den Besuch der Großh. badischen Herrschaften.

Berlin, 16. April, 1.55 N. Der Kaiser hat leichte Bronchitis mit schwachem ) Fieber. (F. Z.)

Berlin, 16. April. Die Nachrichten über das Befinden des Kaisers verbreiten j Beunruhigung in allen Kreisen. Die Erscheinungen der Bronchitis haben im Laufe 1 des Tages zugenommen, das Fieber ist etwas gestiegen. Zu den bisherigen Aerzten i ist noch Professor Senator zugezogen, auch Leyden, der verreist ist, wurde berufen. J Bismarck und der Kronprinz fanden sich Vormittags beim Kaiser ein und verweilter längere Zeit im Schloß. Die Aerzte haben bis jetzt noch keine directen Befürchtungen, verhehlen sich aber andererseits auch nicht den Ernst des eingetretenen Zwischenfalls.

Berlin, 16. April, 1.40 N. Ein starker Husten, welcher den Kaiser befiel, erweckte im Laufe des gestrigen Tages die Besorgniß, daß Bronchitis im Anzuge sein könne- Gegen Abend besserte sich der Zustand und die Besorgniß scheint nunmehr beseitigt. (F. Z.)

Berlin, 16. Avril. Die Sorge um den Kaiser drängt heute alle anderen Ge- ; danken in den Hintergrund. Man darf sich nicht verhehlen, daß eine Bronchitis, so } wenig bedenklich sie auch bei einem sonst gesunden Menschen sein mag, bei dem allge- ? meinen Zustande des Kaisers ernste Besorgnisse wachruft. Das Fieber, das seit gestern ! Abend aufgetreten ist, hat zwar noch keinen hohen Grad erreicht, ist aber auch heute Morgen und im Laufe des Tages nicht geschwunden. Eine besondere Erschwerung t besteht natürlich darin, daß der Kaiser durch die Eanüle die schleimigen und eiterigen | Absonderungen, die auch wieder stark mit Blut gemischt sind, nur schwer oder gar nicht auswerfen kann. Das Befinden des Kaisers war bis Samstag nicht befriedigend; { in der Nacht von Samstag zu Sonntag trat starker Husten ein. Man rechnete mit » der Möglichkeit einer Bronchitis; conftatirt wurde dieselbe erst gestern Abend. Die | Situation ist ernst. Die hier anwesenden Mitglieder der kaiserlichen Familie waren ! heute im Charlottenburger Schloß um die Kaiserin versammelt. Die Aerzte weilen fast unausgesetzt in der Nähe des Krankenlagers. Eine Berathung des Staats­ministeriums, die heute Nachmittag stattfand, stand offenbar im Zusammenhang mit der Verschlimmerung des Zustandes des Kaisers.

Berlin, 16. April, 12 N. Bei der um 9 Uhr abgehaltenen Consultation der Aerzte wurde conftatirt, daß das Fieber beim Kaiser nicht gestiegen ist, die Sempera für ist 39 Grad. Anzeichen für Lungenentzündung sind nicht vorhanden. Der Kaiser conferirte Nachmittags mit Bismarck und Friedberg und schrieb auch einige Zeit. Die Prinzen Wilhelm und Heinrich bleiben die Nacht hindurch im Charlotten­burger Schloß. (F. Z.)

Berlin, 17. April, 1 V. Obwohl die Symptome der Lungenentzündung beim Kaiser noch nicht conftatirt sind, befürchten die Aerzte doch, daß sich das Leiden dazu entwickeln wird. (F. Z.)

Hefierreich.

Wien, 16. Avril. Heute wurde im Museum die Maria-Theresia-Ausftellung durch den Kaiser eröffnet.

Bulgarien.

Sofia, 16. April. Sämmtliche Offiziere, welche Hausarrest hatten, wurden heute auf Befehl des Kriegsministers unter starker Militärwache in ein eigens dazu gemietetes Haus eingefperrt.

Telegraphische Depeschen.

Wolff s telegr. Correspondenz-Bnrean.

Berlin, 16. April. DerReichsanzeiger" bringt folgendes Bulletin aus Charlottenburg vom 16. d.: Der Kaiser hat nach gestern eingetretener Bronchitis mit starkem Fieber und beschleunigtem Äthern keine gute Nacht gehabt. Mackenzie, Wegner, Kraule, Hovell.

Berlin, 16. April. Der Reichskanzler fuhr Vormittags zum Kaiser. Um IV2 Uhr kam der Kronprinz, um 12 Uhr der Großherzog von Baden nach Charlotten­burg. Die Kaiserin Augusta und die Großherzogin von Baden machten gestern Abend dem Kaiserpaar einen Besuch.

Berlin, 16. April. Es verlautet aus Charlottenburg: Der Fieberzustand Sr. Majestät des Kaisers ist ein hoher, das sonstige Befinden ist nicht gebessert.

Berlin, 16. April. Im Fieberzustande des Kaisers ist im Laufe des Tages keine nennenswerthe Aenderung eingetreten. Sämmtliche Kinder des Kaisers, darunter auch der heute früh aus Wilhelmshaven zurückgekehrte Prinz Heinrich, verweilen im Charlottenburger Schlosse. Der Kronprinz war mit dem Reichskanzler längere Zeit j beim Kaiser. Abends 7 Uhr machten der Großherzog und die Großherzogin von Baden i dem Kaiser einen Besuch. Der Kronprinz weilt augenblicklich noch in Charlottenburg. Am Nachmittag soll der Kaiser das Bett verlassen haben. Er verbrachte einige Zeit im Rollstuhle sitzend und erschien gegen halb 4 Uhr kurze Zeit am Fenster. Der Haus-