Ausgabe 
17.6.1888 Erstes Blatt
 
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-Lr. 189 Erstes Blatt. Sonntag den 17. Juni 1888.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureau r Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Kaiser Friedrich t.

Eine tief schmerzliche Trauerkunde durchdringt das deutsche Vaterland und die gesammte Culturwelt. Am 15. Juni Vormittags elf Uhr ist der edle Dulder auf Deutschlands Kaiser- und Preußens Königsthrone, Seine Majestät der Kaiser und König Friedrich sanft entschlafen. So unsäglich auch die Leiden waren, welche die bösartige, unheilbare Krankheit dem er­habenen, schwergeprüften Herrscher auferlegt hatte, so ist doch das Hinscheiden des hochseligen Kaisers, ein ruhiges, schmerzloses, Gott ergebenes gewesen. Sein Tod bestand in einem deutlichen Schwinden der Kräfte und fanden irgendwelche Schmerzensäuberungen des sterbenden Monarchen nicht statt. Am 14. Juni war der Kaiser auch noch meistens bei klarem Bewußtsein und verständigte sich durch Händedruck und Zettelnotizen mir seiner erlauchten Gemahlin, der Kaiserin Victoria, mit seinen erlauchten Söhnen, dem Kron­prinzen Wilhelm und dem aus Schloß Erdmannsdors herbeigeeilten Prinzen Heinrich, den Prinzessinnen Töchtern, dem Fürsten Bismarck und anderen hohen Würdenträgern. Herzzerreißend war am Donnerstag die Scene zwischen dem sterbenden Kaiser und der Prinzessin Sophie, deren 18. Geburts­tag am 14. Juni war. Als die Prinzessin dem Kaiser die, Hand küßte, überreichte derselbe der schluchzenden Tochter einen Zettel, aus welchen der Kaiser mühsam geschrieben hatte:Bleibe fromm und gut, wie Du es bisher gewesen. Dies ist der letzte Wunsch Deines sterbenden Vaters!" -

Welch eine tiefe Wehmuth erfaßt uns Alle angesichts des tragischen Looses des entschlafenen Kaisers Friedrich! Am 9. März, bereits von schwerer Krankheit befallen und unter Italiens herrlichem Himmel Genesung suchend, bestieg Kaiser Friedrich in Folge des Ablebens unseres unvergeßlichen, hoch­betagten Kaisers Wilhelm den Thron seiner Väter, und ein Vierteljahr später folgte er bereits seinem hochseligen Vater in die Ewigkeit nach. Berufen, den mächtigsten Thron dieser Erde zu besteigen und einer der herrlichsten Fürsten zu sein, wurde Kaiser Friedrich von einem furchtbaren Leiden körper­lich und geistig gequält und schließlich dahin gerafft. Niemals, so weit die Weltgeschichte uns bekannt ist, hat einen edelen Fürsten ein gleich trauriges Loos betroffen als den entschlafenen Kaiser Friedrich!

Doch so tragisch auch Kaiser Friedrich's Regierungszeit und letztes Lebensjahr war, so muß doch auch daran erinnert werden, daß das Leben des verewigten Monarchen als Kronprinz ein von Gott begnadetes war. Geboren am 18. October 1831 als einziger Sohn des damaligen Prinzen Wilhelm und der Prinzessin Augusta von Preußen, durchlebte der Kaiser Friedrich in seiner Jugend eine herrliche Zeit und wurde zur Freude seiner Eltern mit schönstem Erfolge zum Soldaten und Staatsmann herangebildet. Am 25. Januar 1858 vermählte sich der Kaiser mit der Prinzessin Victoria von England und lebte mit seiner erlauchten Gemahlin in glücklicher Ehe. Als durch den Tod des kinderlosen Königs Friedrich Wilhelm IV. der Vater Kaiser Friedrichs im Januar 1861 König von Preußen wurde, da erlangte der damalige Prinz Friedrich Wilhelm auch Würde und Rechte eines Kron­prinzen von Preußen. 1866 und 1870 war es dann dem preußischen Königssohne vergönnt, in hervorragender Weise an dem Werke der nationalen Wiedergeburt Deutschlands mitzuwirken. Die Siegesschlachten Königgrätz, Wörth und Sedan sind für immer an den Namen des Kronprinzen von Preußen und nachmaligen Kaisers Friedrich geknüpft. Ewig unvergessen wird in der deutschen Geschichte auch der Triumphzug des ritterlichen Helden 1870 im Juli nach Süddeutschland sein, wo die Herzen dem leutseligen preußischen Königssohne im Sturme zuflogen und die letzte Verstimmung, die noch damals zwischen Nord- und Süddeutschland lag, edel und großmüthig beseitigt wurde. Ruhmreiches Angedenken und tragisches Mitleid bleibt unserem so früh dahingeschiedenen Kaiser Friedrich in allen deutschen Herzen bewahrt!

Kaiser Wilhelm II.

Durch das Hinscheiden Kaiser Friedrichs ist Kronprinz Wilhelm, der älteste Sohn des nun verblichenen Monarchen, zur Regierung berufen worden. Der neue Kaiser von Deutschland und König von Preußen steht im dreißigsten Lebensjahre, er gelangt also in verhältnißmäßig noch jungen Jahren zur Ne­gierung eines der mächtigsten Reiche der Erde, aber der gediegene Charakter des jungen Herrschers und die überaus sorgfältige Erziehung und Ausbildung, welche ihm sein kaiserlicher Vater und Großvater in jeder Beziehung haben zu Theil werden lassen, lassen die schönsten Hoffnungen berechtigt erscheinen: Kaiser Wilhelm II. wird sein hohes und verantwortungsreiches Amt, das er in so ernster Zeit antritt, würdig aussüllen. Der neue Kaiser hat auf dem Gymnasium zu Cassel und später auf der Bonner Universität seine wissen­

schaftliche Bildung genossen, während er zugleich auch eine sehr sorgfältige militärische Erziehung unter den Augen seines unvergeßlichen Großvaters erhielt, und es ist bekannt, daß der Kaiser aus vollster Seele Soldat ist; außerdem nahm er schon in der letzten Lebenszeit Kaiser Wilhelms Theil an den Regierungsgeschäften. In glücklicher Ehe ist Wilhelm II. vermählt mit Victoria, geborener Prinzessin von Schleswig-Holstein und einige blühende Prinzen, deren ältester der nunmehrige Kronprinz Friedrich Wilhelm ist, sind dieser Ehe entsprossen.

Ueber die letzten Lebensstunden des Heimgegangenen Kaisers stellen wir die uns zugegangenen Nachrichten in Folgendem zusammen:

Berlin, 15. Juni, 1.10 N. DerReichsanzeiger" - bringt Mittags folgende Bekanntmachung:Der königliche Dulder hat vollendet! Nach Gottes Ratbschluß ist Se. Majestät der Kaiser und König Friedrich, unser allergnädigster Herr, nach langem, schwerem, mit bewunderungswürdiger Standhaftigkeit und Ergebung in den göttlichen Willen getragenem Leiden heute kurz nach 11 Uhr Vormittags zur ewigen Ruhe em- gegangen. lief betrauern das königliche Haus und unser in jo kurzer Zett zum zweiten Male verwaistes Volk den allzufrühen Hintritt des vielgeliebten Herrschers. Berlin, 15. Juni 1888. Das Staatsministerium."

Berlin, 15. Juni, 12.25 N. Der Tod des Kaisers erfolgte ruhig und schmerz- lss im Beisein der gejammten Familie und des Hofstaates um 11 Uhr 15 Min. Die Stadt bedeckt sich mit Trauer flaggen; die Leute strömen auf der Straße zusammen, Gruppen bildend, mit dem Ausdruck sichtlichen Schmerzes das Ereigniß besprechend. Die Börse ist geschlossen.

Berlin, 15. Juni, 12.30 N. Der Kaiser ist ohne Kamps verschieden. Er liegt jetzt aus dem Todtendett. Die ganze Famttie war beim Verscheiden zugegen. Der Weg vom Schloß Friedrichskron bis Sanswuci ist von Husaren besetzt. Im Innern des Schlosses hält das Lehrbataillon Wache.

Potsdam, 15. Juni. Kaiser Friedrich empfing das Abendmahl bei vollem ^c'.vußttrin. Das Hinscheiden erfolgte kampflos.

Potsdam, 15. Juni. Nach des Kaisers letztem Willen soll die Beisetzung in aller Stille in der Fricdenskirche erfolgen.

Potsdam, 15. Juni. Die Aufbahrung der Leiche des hochseligen Kaisers erfolgt im Muschelsaal des Schlosses Friedrichskron.

Berlin, 15. Juni. Um 11 Uhr 12 Minuten that Kaiser Friedrich den letzten Aihemzug. Die Aerzte hatten den Zustand bereits gestern Mittag für hoffnungslos erklärt. Der Kaiser lag im Halbschlummer. So oft das heftige Fieber und der Hustenreiz nach­liehen, hatte der hohe Kranke Theilnahme für die Umgebung. Zweimal hat er aus Block streifen während des gesttigen Nachmittags Aufzeichnungen gemacht, welche sich auf Staats- geschäfte bezogen; einer der letzten Wünsche, die Kaiser Friedrich äußerte, ging dahm, daß er den König von Sachsen zu sehen verlange. In der Nacht um 2 Uhr trat der Todeskampf ein. Um 6V4 Uhr war die gesammte kaiserliche Familie in Schloß Friedrichskron beisammen. Die Kaiserin war seit 4 Uhr Morgens am Bett des Kaisers. In ihrer Um­gebung befanden sich sämmtliche Aerzte und die Hofprediger Rogge und Persius. Die Um­gegend des Schlosses war von dichten Gruppen theilnahmsvoller Menschen besetzt. Zuerst verbreitete sich kurz vor 11 Uhr das Gerücht, der Kaiser sei verschieden, es entstand eine mächtige Bewegung, ein Adjutant erschien, widerlegte das Gerücht-und verlas das letzte Bulletin. Etwa eine Viertelstunde später sank die Königsstandarte auf dem Schloß aus halben Mast. Gegen 12 Uhr flaggten hier in Berlin fast alle Häuser halbmast; wo die dreifarbige Fahne erschien, zeigte sie sich florumhüllt und an vielen Häusern wehen schwarze Trauerfahnen. Es ist dasselbe Bild wie am 9. März, da Kaiser Wilhelm die Augen für immer schloß. In den Straßen herrscht ein ungeheures Treiben; die Leute stehen in dichten Gruppen zusammen. Das Staatsministerium trat um 12 Uhr unter Vorsitz des Fürsten Bismarck zu einer Sitzung zusammen. Die Minister werden sich Nachmittags zusammen nach Potsdam begeben. Die Kaiserin Victoria soll eine bewundernswerthe Fassung bewahren. Wie man Höri, wird die Aufbahrung der irdischen Hülle des Kaisers Friedrich im Muschelsaale des Schlosses Friedrichskron, die Beisetzung in der Friedenskirche zu Potsdam erfolgen, wo bekanntlich dem König Friedrich Wilhelm IV. und seiner Gemahlin die letzte Ruhe­stätte bereitet ist.

Berlin, 15. Juni. Auf dem Todtenbette liegt der Kaiser, bis zum Haupte mit einer weißen Decke zugedeckt. Die Züge des Verklärten sind überaus friedlich. Zahlreiche Anfragen von Souveränen über das Befinden des Kaisers gingen noch ein, als die Augen desselben bereits geschloffen waren; in den letzten Tagen waren auch mehrfache Erkundi­gungen von bem Präsidenten Carnot erfolgt. Die Kaiserin-Wittwe zog sich ganz in ihre Gemächer zurück, dem tief heiligen Schmerze sich hingebend. Heute Nachmittag findet die Protokollaufnahme betreffend den Leichenbefund statt. Der letzte Wille des Kaisers liegt im Hausministerium und soll im Beisein des Justizministers eröffnet werden. Als Be^ setzungsstätte wird anstatt der Garnisonkirche die Friedenskirche genannt, wo Friedrich Wilhelm IV. ruht. Die Proclamation des Kaisers Wilhelm II. ist erst nach dem

Begräbnisse zu erwarten. _ , . ..

Berlin, 15. Juni. Die Beerdigung der sterblichen Hülle Kaiser Friedrichs wird am Montag stattfinden und zwar voraussichtlich in Potsdam. Zufolge letztwimger Bei fügung des verstorbenen Kaisers wird sie einen vorwiegend militärischen Eharalter haben. Zu derselben werden nur die nächsten Angehörigen des kaiserlichen.yauses, vor allem also nur die Fürstlichkeiten aus England, Baden und Hessen-Darmstadt erwartet. Die Bekanntmachung des Staatsministeriums über das Ableben Kaiser Friedrichs ist bereits an den Straßenecken angeschlagen. Fürst Bismarck werll feit 1 Uhr in Friedrichskron bei Kaiser Wilhelm II. . .. ..

Potsdam, 15. Juni, Nachm. An der Leiche Kaiser Miebrich s halten letzt Krongardisten, Gardehusaren und Theile der Mannschaft des ^^bataillons l hren- wache. Vor dem Schloß Friedrichskron bewegt sich ein zahlreiches Publikum. Seit sechs Uhr ist die Besichtigung der Leiche des Kaisers nicht mehr gettattet. Die Auf­bahrung findet morgen statt, dem Vernehmen nach in der Jaspis-Gallerte oder dem Malachitsaale des Schlosses Friedrichskron.