Erstes Blatt
Samstag den 17. März
1888
Nr. 66
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
'ureanr Schulstraße 7.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlobn
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf
Deutschlands Tranertag.
Gießen, 16. März.
| Dumps hallen die Glocken von den Thürmen, schwär, umflort wallen die Fahnen daher, gedämpster Trommelwirbel-Klang erschallt von fern und Kanonen- onner mischt sich darein. Wohl ist e« derselbe Donner der Kanonen, der -mst de» Kaiser Wilhelm« Majestät umwallte, al« er sein Volk von Steg ,u Sieg, zu Ruhm und Ehre fühlte; aber heute tinen ihm die daherrollenden «länge den Grabgesang. Da« ist ein Tranertag für da« deutsche Reich, ein Lag der Wehmuth, de« Leide«, der Thränen. In langen Reihen ziehen fie saher, in unabsehbarem Zuge, schier endlo« dehnt e« sich au«, da» letzte Geleit e« verblichenen deutschen Kaiser». Endlo», denn et ist da» gesammte deutsche Volk, da» seinem in Gott ruhenden Kaiser zur letzten Ruhestätte folgt. Wellen och die Gedanken jede» Deutschen heute bei der Bahre, die von Kaiser Ailhelm da» umschließt, war sterblich an ihm war; find doch die schmerzum- flotten Blicke der ganzen Ration nach der Resibenz gerichtet, die de» deutschen lleicher theuerste« Kleinod barg!
Roch eine kurze Spanne Zeit trennte Kaiser Wllhelm von der Vollendung e6 91, Lebensjahre». Und war er ihm auch nicht vergönnt, nochmal» den Ge> „urtstag zu erreichen, den da« ganze Volk festlich zu begehen gedachte, so hat 'er edle Fürst doch ein Alter erreicht, wie zu erreichen er wenigen Sterblichen »ercönnl ist, wie et ein Monarch dieser Erde noch niemal« erreicht hat. Und überblicken wir heute dieser thatenreiche Leben, sehen wir heute, wo die sterb- üchen Überreste dem heiligen Muiterichooß der Erde wiebetgegeben werden, Zurück auf jene Zeit, die Kaiser Wilhelm inmitten in seinem Volke verlebt hat, und Die wir selbst al« lebende Zeugen einer großen Zeit erlebt haben, bann .chlägt unser Her, selbst im Angesichte de» Tobe» und selbst in bem Erbeben unter dem Trauergesühle be« heutigen Tage« höher unb stolzer; beim wir können un« sagen: Dieser Mann, der so Großer und Herrliche» für Deutsch, and geleistet, der da» junge deutsche Reich geschaffen, der ein ganzer Mann in ae» Worte» bester Bedeutung und der ein ächt deutscher Mann gewesen, et war uaietl Wohl fließen auch heute die Thränen herab aus da» frische Grab, wie $e floffen, al» un» die Nachricht ward, daß der große Kaiser seine große Seele aurgehaucht, wohl schauen wir auch beute, da noch immer dem lauten Leben unsere» jetzigen Kaiser, und König« Gesahr droht, gepreßten Ge- muthe« in Die Zukunst, aber au» bem Grabe erhebt sich für un» die lichtum- floffene Gestalt Kaiser Wilhelm» be» Siegreichen, der seine Hand segnend über Deutschland unb da» deutsche Kaiserhaus aulbreitet. Unb in unser Herz zieht bie Hoffnung ein. die Hoffnung, daß der Segen Gotter, wie er so lange auf Deutsch- larb unter Kaiser Wilhelm» glorreicher Regierung geruht, auch weiterhin aus rem Reiche ruhen werde; denn mit dem milden Blicke, der ihm im Leben eigen zweien, schaut au» Himmel» Höhen Kaiser Wilhelm nieder aus bar beutsche ■tioit, da» ihm bie Liebe unb Treue auch nach bem Tode bewahrt hat. Segnend schaut des großen Kaiser» Geist hernieder auf den vielgeliebten großen Sohn, bet nun berufen ist, Deutschland» Geschicke zu lenken. O möchte doch a« Gebet, da» heute am frischen Grabe au« Millionen Herzen empor- neigt, da» Gebet um Erhaltung be« Leben» be» neuen deutschen Kaiser», bei >chon al» Kronprinz be« Volke» Liebling war, Erhötung finden vor Gotter Toron! Unb möge Golt schützen und erhalten ben deutschen Kronprinzen unb a» kaiserliche Hau«!
„Unb wer sich selbst unb wer ben Besten seiner Zeit genug gethan, bei hat gelebt für alle Zeiten 1" Wenn jemal« der Dichter» Worte auf einen Sterblichen elnroenbung finDen konnten, so finden sie ganz gewiß auf Kaiser Wilhelm An- ■enoung. Denn er hat mehr al» genug gethan In seinem thatenreichen Leben, mehr al» genug für bie Mitwelt unb für bie Nachwelt. Wie er ihm Herzen», würfnifc war, unablässig für feine» Volke» Wohl thätig zu fein, wie er ihm oerzenrfreude war, bar Gute zu wollen unb au»,»führen, so ist e» auch heute am Tage von Deutschland» Trauer dem Volte Herzen,bedürsniß, seiner Dank- lorteit Ausdruck zu geben, in oa» zitternde Lebewohl, bas in bie Trauerklänge ireintönt au» be» Volke» Seele, ben letzten Gruß hineinzuverweben: Du großer Kaiser, Dein bantbare« Volk wirb Deiner nie vergessen!
Schlafe ruhig, schlafe sanft ben Toberschlas, Du Geniu» beulscher Kraft ,nb beulscher Stärke l Gleichwie bem stolzen deutschen Eichbaum, ber bet Jahre wüe Zahl erreicht, hat Dich be« Frühltngrsturmer rauhe Krast gefällt; aber u Wurzeln be« Eichbaumes sind geblieben und sie taben sich festgesetzt unb „ft verschlungen in bet Erde Schooß. Neue Triebe erstehen au« ihnen, neue traft und neue Ställe quillt aus ihnen hervor unb ber allen Eiche wunder- ame Kraft und Herrlichkeit ist verjüngt erstanden zu neuem schönen Leben. io wächst auch au» Kaiser Wilhelm» srischem Grabe der deutschen Kaiser nächtiger Stamm hervor. So reichet noch über da« Grab hinaus de« heim- egangenen deutschen Kaiser« Liebe für fein treue« deutsche« Volk!
(Sießcner Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
AranLreich.
Pari-, 15. März. Die Maßregel gegen Boulanger, die unerwarte kam, hat Pari» in nicht geringe Aufregung versetzt. Mehrere Sbenbblätte erschienen früher al» sonst: der Jntranfigeant brachte eine zweite Ausgabe, man reißt sich um die Zeitungen. Die Mehrzahl zollt der Maßregel Zu. stimmung; die Boulangistevblätter aber ergehen stch gegen die Regierung n heftigen Auslastungen und der Jntranfigeant nennt die Maßregel „wild um feig". An der Börse, die sehr fest blieb, ist man mit dem Krieg-min,stei einverstanden. Die allgemeine Meinung lautet: Es war Zeit, dem Treibet ein Ende zu machen. Im Palais Bourbon ist von nichts al» von Boulanqer die Rede. Die boulangistischen Deputirten finden, daß durch diese Maßrege Boulanger nur an Größe zunehmen werde; andere Deputirten nennen die Sach» bedenklich, aber die Mehrzahl der Deputirten scheint Logerot» Schritt gut zu heißen. Boulanger wurde heute in Pari» erwartet, aber ob er eingetroff.n ist bi» jetzt ungewiß; der Deputirte Laguerre behauptet, Boulanger werde trh morgen etntreffen. Der große Haufe der Boulangisten ist wülhend und er. geht stch offen in Drohungen. Die Polizei hat Anordnungen zur Verhinderung von Kundgebungen getroffen. Die France veröffentlicht eine Depesche be' Generals Boulanger an den Deputirten Laguerre au» Clermont-Ferrand vom 15. März 1888. Dieselbe lautet:
Ich kenne den Wortlaut de» officirllen B-rtchte», welcher mich betriff: nicht, kann aber heute schon sagen, daß ich nach Pari» ging, um meine daselosi krank zu Bette liegende Frau zu besuchen. Der Kriegsminister kannte die Veranlastung, trotzdem schlug er mein Erlaubnißgesuch ab, während ändert Corp^commandanten ohne Erlaubniß fortwährend nach Paris reisen. Da» Land wird stch nicht täuschen lasten; e» wird verstehen, daß man mich nicht wegen meiner Reise nach Paris absetzte, sondern einfach wegen den Ergeb-, nisten der letzten Wahlen am 26. Februar, obwohl man mir keinerlei Em Mischung dabei nachweisen konnte. Bo »langer.
Diele Kundgebung Boulanger's wird durch das Gesetz vom 19. Mai 1834 bestraft, wonach jeder in Richtactivität versetzte Osficier, der fich Beleidigunger. gegen seine Vorgesetzten und Verletzung der Disctplin zu schulden kommen läßt, mit Penfion zu entlasten ist. — Der Deputirte Francis Laur ha: Boulanger bereit» seine« Sitz al» Deputtrter der Loire angeboten. Einige radicale Deputirte, die Boulangisten find, erwarten nur die Ankunst Boulangn'«?, um über ihre Haltung in der Sache zu beratden und zu beschließen.
Pari-, 15. März. Die „Agence Havas" meldet: „Das Journal Officiell veröffentlicht einen Bericht des Kriegsministers Logerot vom 14. März, worin mitgetheilt wird, daß General Boulanger dreimal ohne Urlaub nach Paris gekommen ist, am 24. Februar, am 2. und am 10. März, die zwei letzten Male in Verkleidung, eine blaue Brille auf der Rase, thuend.^als ob er hinke. Der Bericht des Kriegsministers hebt die Strafbarkeit eines solchen Mangels an Disciplin und noch dazu bei einem General hervor urd beantragt Boulanger's Versetzung in Richtactivität durch Entziehung seiner Stellung. Der Bericht wurde vom Präfidenten der Republik gutgeheißen."
Telegraphische Depesche«.
Wolff'H telege. Evr?sW-mdeirr*BWE«.
Berlin, 15. März. Die „Post" meldet: Der Kaiser hatte keine besonders gute Nacht und fand erst gegen 2 Uhr Nachts erquickenden Schlaf bis 3 Uhr. worauf er erst gegen Morgen wieder einschlief und gegen halb 10 Uhr aufstand. Dem Aufenthalte in der Orangerie mußte der Kaiser, da deren Temperatur 12 Grad nicht erreichte, entsagen. Die Ursache der weniger guten Nacht wird der übermäßigen Ansttengung durch die Empfänge des gestrigen Tages zugeschrieben. Der gestrige Besuch der Kaiserin- , Wtttwe, welcher der Kaiser die Treppe herunter entgegenging, war besonders angreifend. । — Der Prinz von Wa'.es und dessen Sohn machten Mittags den russischen Großfürsten und Nachmittags 2 Uhr dem Kaiserpaar in Charlottenburg einen Besuch. Tue Post"' meldet ferner: Der Kaiser verlieh dem Minister Maybach den schwarzen Adler- orden. Einer allerhöchsten Verordnung zufolge soll am 22. März in allen Kirchen ein Trauergottesdienst stattfinden. — Den auswärts verbreiteten Mittheilungen von einer demnächstigen Uebersiedelung des Kaiserpaares nach Wiesbaden wird von unterrichteter I Stelle widersprochen. Das Kaiserpaar werde vorläufig in der Residenz Charlotten- I bürg bleiben. — Die Berliner Prtvattheater wollen am nächsten Sonntag mit den Vorstellungen wieder beginnen. . I
Berlin, 15. März. Der Kaiser arbeitete Vormittags mit dem General I v. Winterfeld und hörte darauf den Vortrag des Hofmarschalls Radolinski.
Berlin, 15. März. Der Prinz von Wales besuchte vor der Fahrt nach Ehar- I lottenburg den Dom, um den sterblichen Resten Kaiser Wilhelms seine Ehrfiircht zu I bezeugen. — Mackenzie war vor Mitternacht in Berlin auf der englischen Botschaft, I um sich bei dem Prinzen von Wales zu melden. Er besuchte dann den Dr. Krause I und kehrte nach Charlottenburg zurück. r v
Berlin, 15. März. Das Abgeordnetenhaus dürfte schon Sonnabend Sitzung halten und die Etatsberathung fortsetzen. Montag erscheint wahrscheinlich die kaiserliche I Botschaft, welche in beiden Häusern verlesen wird. Der Schluß des Reichstags ist Dienstag


