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Reitüge zu Jlr. 14 desfliefjener Anzeiger".

Politische Ueberficht.

Gießen, 16. Januar.

Die Besserung im Befinden der Kaisers schreitet in erfreulichster Weise vorwärts und konnte flch der hohe Herr am Freitag -um ersten Male seit einer Woche am historischenEckfenster" seines Palais wieder zeigen, von den ver­sammelten Tausenden mit Begeisterung begrüßt.

Der Reichskanzler wird Mitte dieser Woche aus Friedrichsruhe in Berlin zu dauerndem Aufenthalte erwartet und mit dem Eintreffen des leiten­den Staatsmannes am Mittelpunkte der politischen Geschäfte wird die gesammte innere Politik wieder in lebhafteren Fluß gerathen. Hierzu trägt anderseits allerdings auch die Fortsetzung der parlamentarischen Campagne im Reichstage, welcher seine Verhandlungen an diesem Dienstag mit der Specialberathung des Marine-Etats wieder ausnimmt, sowie die eröffnete neue Session des preußischen Landtages das ihrige bei, während außerdem noch die Parlamente verschiedener Mittelstaaten tagen. Es steht demnach für die nächste Zeit ein Nachrichten- Überfluß speciell aus parlamentarischem Gebiete zu erwarten und werden hierbei selbstverständlich die Reichstagsverhandlungen die meiste Aufmerksamkeit auf stch ziehen; wichtige Entscheidungen stehen indessen im Reichstage in den nächsten Wochen wohl kaum bevor und dürften solche frühestens in der Mitte des neuen Sesstonsabschntttes erfolgen.

Der Bundesrath hielt am 12. d. Mts. seine erste Plenarfitzung im neuen Jahre ab, während die Ausschüsse schon früher wieder zusammengrtreten waren. Die Tagesordnung war eine außerordentlich reiche, doch umfaßte ste meist nur Gegenstände untergeordneter Bedeutung. Von hervorragenderen Gesetzentwürfen, welche die definitive Zustimmung des Bundesrathes erhielten, wären zu nennen die Entwürfe, betr. das Gesetz über'die Rechtsverhältnisse in den deutschen Schutzgebieten, und betr. die Feststellung de» Landeshaushslts- Gtats für Elsaß»Lothringen pro 1888/89, außerdem überwies der Bundssrath den in erster Lesung fertiggestellten Entwurf eines bürgerlichen Gesetzbuches den zuständigen Ausschüssen zur Vorberathung. Wie viel Zett dteselde beansvrnchen wird, läßt stch noch nicht mit Sicherheit Voraussagen, jedenfalls erheischt die Wichtigkeit der genannten Materie eine gründliche Dnrchberathung und da Der Entwurf des bürgerlichen Gesetzbuches -egen 2000 Arti'el enthält, so ist es noch sehr ungewiß, ob die Frage wenigstens in dec gegenwärtigen Bundesraths- Sesfion zu ihrem vorläufigeu Abschluß gelangt.

Aus San Remo ist das Antwortschreiben des Kronprinzen auf die an ihn gerichtete Neujahrs-Adresse her Berliner Stadtverordneten- Bersammlrrng eingelausen. In demselben dankt dec erlauchte Briefschre»ber für die herzliche Thetlnahme an seinem Leiden, bemerkt jedoch, es würde für ihn ein betrübender Gedanke sein, wenn diese Theilnahme auf das gesellschaftliche Leben der Bürgerschaft Einfluß ausübte, welcher auf die Industriezweige der Hauptstadt lähmend wirkte. Der jetzige Zustand seines Befindens erfülle ihn mit wohlthuendem Gefühle und zuverstchtlicher froher Hoffnung. Es würde ihn beglücken, wenn er erführe, daß die gleiche Stimmung stch in dem gesell­schaftlichen Leben Berlins geltend machte. Wie erinnerlich, hat der Kron­prinz schon vor einiger Zeit durch sein Hofmarschallamt den Wunsch ausdrücken lassen, man möchte fich in den gesellschaftlichen Kreisen Deutschlands in her Begehung der geplanten Winter-Festlichkeiten keinerlei Beschränkung auserlegen, falls etwa zu einer solchen seine Krankheit Anlaß geben sollte. Wie aus San Remo gemeldet wird, unternimmt der Kronprinz bei der gegenwärtig an der Riviera herrschenden günstigen Witterung täglich Ausfahrten und Spazier­gänge in die nähere weitere Umgebung San Remos.

Die Verfügung der preußischen Regierung, betr. die Aufhebung des polnischen Sprachunterrichtes in den Volksschulen der ehemalig polnischen Landestheile, hat eine intensive Gegenbswegung aus polnischer Seite hervorgerufen. Dieselbe sucht nunmehr auch den Erzbischof von Posen, Dr. Dinder, in ihre Kreise einzuziehen, obwohl stch Herr Dr. Dinder mit der Regierungs- Verfügung einverstanden erklärt hat und sogar gegen die Geistlichen seiner Diöcese, welche stch an der Gegenagitation betheiligt haben, vorgegangen ist. Nun empfing er aber letzthin eine Deputation angesehener Persönlichkeiten aus den polnischen Kreisen der Provinz Posen, welche ihm eine lange Adresse über­reichte , in der die Polen in unverblümter Weise die Erwartung aussprechen, der Erzbischof werde ste in ihrer Agitation gegen die Aufhebung des polnischen Unterrichts unterstützen. Der Erzbischof soll nun hieraus erwidert haben, auch ihn habe die Verfügung, welche den polnischen Religionsunterricht an den Ele­mentarschulen verbiete, geschmerzt, er habe aber von der Regierung die Ver­sicherung, daß stch jene Verfügung nicht auf den Sprachunterricht beziehe und werde er Alles thun, was ihm in dieser Beziehung seine Pflicht gebiete. Es muß nun abgewartet werden, inwieweit Herr Dr. Dinder bei der Regierung bezüglich der Milderung der betr. Verfügung vorstellig werden wird, leicht ist jedenfalls seine Aufgabe nicht.

Im sechsten Berliner Reichstags-Wahlkreise wird demnächst eine Ersatzwahl stattfinden müssen, da leider der Zustand des bisherigen Ver­treters des Wahlkreises, des socialdcmokrattschen Abg. Hasenclever, welcher schon feit einiger Zeit geistig gestört ist, keine Hoffnung aus Genesung gestatten soll. Dem Vernehmen nach gedenken die Socisldemorraten bei der Nachwahl Herrn Liebknecht als ihren Candidaten aufzustellen, welcher bei den letzten Wahlen in feinem alten Wahlkreise Offenbach nicht wiedergewählt wurde. Der sechste Berlins Reichstags-Wahlkreis ist bekanntlich eine sichere Domalne der Soclal- bemokratir.

Ja Posen tagte in voriger Woche eine Versammlung von Vertretern des Handelsstandes und der Landwirthschäft der östlichen Provinzen, in Welcher der Beschluß gefaßt wurde, eine Petition an den preußischen Landtag um Herabsetzung der Getreidesrachten zu richten.

Im Wehrausschusse des ungarischen Unterhauses wurde am Freitag die Vorlage, betr. die Einberufung her Reservisten zu einer tägigen Hebung mit dem neuen Repetirgewehr, genehmigt. Das Gewehr ist bis jetzt an zwei Armee-Corps zur Vertheilung gelangt und sind im Ganzen 90,000 Stück fertig. Falls die durch die Einberufung verursachten Mehrkosten sich nicht innerhalb des Rahmens des Budgets decken lassen, soll den nächsten Delegationen entsprechende Forderung unterbreitet werden.

Zur allgemeinen Lage ist englischerseits eine friedenszuversichtliche Kundgebung zu verzeichnen, indem Lord Salisbury auf einem confcroolioen Banker die Hoffnung auf Erhaltung des Friedens ausfprach. Zur gleichen Zeit ist auch in dem Budgetbericht des russischen Finanzministers Der Friedensliebe des Czarenreiches erneuter Ausdruck gegeben worden. Schade nur, daß es bei den Tluppenausstellungen im Westen und Südwesten Rußland- verbleibt!

Zur bulgarischen Frage liegt von neuerlichen Meldungen nichts als ein Wiener Dimenti Der Gerüchte, denen zufolge diplomatische Verhandlungen über die bulgarischen Angelegenheiten eingeleitet worden sein sollten, vor; von einem gemeinsamem Schritte der Mächte zurEntfernung" des Coburgers aus Bulgarien soll vollends keine Rede fein. Das bulgarischeFragezeichen" wird also für Europa einstweilen noch unverändert welt-rexistlren! Fürst Fer­dinand antwortete beim Neujahrs-Empfange auf die Glückwünsche der Armee, er werde, durch einen heiligen @ib gebunden, seine Sache niemals von derjenigen Bulgariens trennen.

Drs russische Neujahrsfest ist vorübergegangen, ohne daß es die angekündigte politische Kundgebung des Czaren gebracht hätte und wahrscheinlich w'rd die Welt auch noch länger auf sie vergeblich warten. Dagegen hat Kaiser AUxander anläßlich des Neujahrsfestes verschiedene her leitenden Persönlichkeiten Rußlands mit OrdniLverleihurnen b-dacht. Zunächst wurde der bisherige Ver­weser des Finanzministeriums, Geh. Rath Wischnegradski, zum wirklichen Finanz­minister ernannt, b*r soeben veröffentlichte Budgetbericht Wischnegradski's hat an allerhöchster Stelle offenbar einen günstigen Eindruck gemacht. Der Czar unterhielt sich beim Neujahrs-Empfang des diplomatischen Corps längere Zeit nvt dem deutsche Botschafter v. Schweinitz, was allerdings als ein gewichtige« Friedens-Symptom g?tten darf.

Gingesandt.

Gießen, 16. Januar.

Bei H. Lenz, Turnbuchhandlung in Berlin, ist ein tllustr. Turn-Kalender für das Schaltjahr 1888, unter Mitwirkung der bedeutendsten Fachschriftsteller heraus­gegeben von Dr. Hans Brendicke, erschienen, be. bezüglich seines fast alle.Gebiete umfassenden Stoffes sowohl als der Ausstattung des Buches von großer Sorgfalt bei Bearbeitung und Herstellung zeigt und dadurch den Kalender zu einem wirklich nütz­lichen Nachschlagebuch für jeden deutschen Turner macht. Der reichhaltige Inhalt und der geringe Preis von 1 dürfte geeignet sein, dem Kalender in Turnerkreisen viele Freunde zu gewinne». Auch den Turnern Gießens sei derselbe hierdurch aufs Wärmste empfohlen. Zur Ansicht ist derselbe in der städtischen Turnhalle aufgelegt und werden Bestellungen von dem Turnwart Stosser entgegengenommen. x.

LebenSverficherungSbank für Deutschland zu Gotha.

Stand: Anfang Januar 1888.

Versichert waren 70,090 Personen mit 529,500,000 JL. Neu beantragt wurden im vorigen Monat 591 Versicherungen über 4,066,700 und zum Abschluß gelangten (einschließlich der im Dezember 1887 zur Erledigung gekommenen Anträge aus früheren Monaten) 650 Versicherungen über 4,670,000 JL. Die Zahl der angemeldeten Sterbe­fälle betrug 180 mit 1,230,000 JL Versicherungssumme. Im Ganzen sind im vorigen Jahre 5123 Versicherungen über 37,472,000 JL Summe beantragt und 4620 neue Ver­sicherungen über 33,640,000 JL abgeschlossen, sowie 1410 Sterbefälle mit 9,855,000 JL Versicherungssumme angemeldet worden. Die seit dem Bestehen der Anstalt ausge­zahlten Versicherungssummen beziffern sich auf zusammen ca. 184,800,000 JL. Der Bankfonds beträgt jetzt ca. 142,700,000 Jt. Die Ueberschüsse werden voll und unver­kürzt an die Versicherten als Dividende zurückgewährt. In diesem Jahre wird nach dem alten System eine Dividende von 41 <V0 der Jahresprämie und nachdemneuen gemischten^ System eine Prämiendividende von 31 % und eine Reservedividende von 2,5o/e »ertheilt. In Pro zent der^Jahresprämie ausgedrückt, berechnet sich im laufenden Jahre nach dem letzteren System die Gesammtdividende für die jüngsten dividendenberechtigten Versicherungen auf 32 o/o, für die ältesten schon auf 128 %.

Literarisches.

Katechismus der Archäologie von Dr. Ernst Kroker. Mit 130 in den Text gedruckten Abbildungen. Preis geb. 3 JL Verlag von I. I. Weber in Leipzig. Dieser Katechismus will den Schülern der höheren Lehranstalten, den jungen Philologen und Denen, welche der archäologischen Wissenschaft und ihren Ergebnissen ferner stehen, eine kurze, aber übersichtliche und unserer heutigen Kenntniß entsprechende Darstellung des Entwi'ckelungsganges der. Kunst bei den alten Völkern und ihrer haupt­sächlichen Schöpfungen in die Hand geben. Die Sprache befleißigt sich dabei der Schlichtheit und Anschaulichkeit und letztere wird durch eine große Anzahl wohl aus­gewählter Abbildungen unterstützt.

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Repertmr der vereinigten Stadtthcater zu Frankfurt a. M.

\ Opernhaus.

Dienstag den 17. Januar: Wintermärchen. Gewöhnliche Preise.

Mittwoch den 18. Januar: Vorstellung zu Ehren der Versammlung mittel­europäischer Eisenbahndirectoren. Cid. Ermäßigte Preise.

Donnerstag den 19. Januar: Tannhäuser. (Landgraf: Herr Schlömann als Gast). Gewöhnliche Preise.

Freitag den 20. Januar geschlossen.

Samstag den 21. Januar, Nachmittags 31/2 Uhr: Zum vorletzten Male: Max und Moritz. Hierauf: Kalif Storch. Ermäßigte Preise. Abends 7 Uhr: So ma^chen's Alle (Cosi fan tutte). Gewöhnliche Preise.

Sonntag den 22. Januar, Nachmittags 31/2 Ubr: Zum letzten Male: Max und Moritz. Hierauf?: Kalif Dtorch. Emäßigie Preise. Abends7Uhr: Joseph in Aegypten. Hierauf: Ballet. Gewöhnliche Preise.

GiyauspielhauS.

Dienstag den 17. Januar: Figaro's Hochzeit. Große Preise.

Mittwoch den 18. Januar: Zum ersten Male: Mit fremden Federn. Lustspiel in 4 Akten von Carl Schönfeld. Große Preise.

Donnerstag den 19. Januar: Zum ersten Male wiederholt: Mit fremden Federn. Außer Abonnement. Große Preise.

Freitag den 20. Januar: Iphigenie auf Tauris. Große Preise.

Samstag den 21. Januar: Zu Lessing's Geburtstag. Nathan der Weise.

Sonntag den 22. Januar: Alt-Frankfurt. Große Preise.

Montag den 23. Januar: Mit fremd en Federn. Große Preise.

Dienstag den.24.Januar: Neu etnstudirt: Emilia Galotti. Große Preise-