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Ar. 269 Freitag den 16 November 1888.

Amts- und Anzeigeblatt für drn Kreis Gießen.

Bureau r Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

reis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerloh«.

>urch die Polt bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Bekanntmachung.

Samstag den 17. November 1888, Nachmittag« 1 Uhr, wird zu Grüaberg im Saale de« Herrn Gastwirlh Hoffmann (rum Hirsch) «ine Generalversammlung deS landwirthschaftltkben BezirkSvereinS GieSen abgehalten werden.

Von dem landwirthfchastlichen Bezirksverein ist zum Zwecks der Verloofung eine Geisenheimer Obstdörre im Werthe von 30 Jt angekauft worden. Es werden in der Versammlung 150 Loose an Jedermann, der Loose wünscht, zu dem Preise von 20 H pro Loos abgegeben werden.

Alle Mitglieder des Vereins und Freunde der Landwirthfchaft werden zu dieser Versammlung hierdurch freundlichst eingeladen.

Gießen, den 8. November 1888. Der Director des landwirthschastlichen BezirkSvereinS.

Jost, Regierungsrath.

Tagesordnung:

1) Referat der Herrn Professor Dr. Pflug über Schutz gegen Verluste durch perlsüchtiges Schlachtvieh.

2) Berathung über den mit einer Hageloerstcherungsgesellschaft abzuschließenden Vertrag. Referent: Herr Amtmann Nebel.

3) Bezug von Saatkartoffeln oder Saatsrucht aus fremden Gegenden durch den Verein.

4) Beschlußfassung über die Abhaltung von Faselmärkten im Kreise Gießen mit Ankörung verkäuflicher Thiere.

5) Verloofung einer Geisenheimer Obstdörre.

Politische Rundschau

Gießen, 15. November.

Der Grotzfürst-Thronfolger Nicolaus von Rußland traf auf der Reise non Petersburg nach Kopenhagen, woselbst der Ezarewitsch seinen kaiserlichen Vater bei den Festlichkeiten anläßlich des Regterungsjubtläums König Christians IX. vertritt, am Dienstag früh in Berlin ein. Der hohe Reisende wurde nur von den Mitgliedern -er Berliner russischen Botschaft auf dein Bahnhof empfangen, da jeder sonstige officielle Empfang dankend abgelehnt worden war und hatte sich deshalb auch Niemand von unserer Kaiserfamilie zur Begrüßung des Großfürsten-Tbronfolgers eingesunden. Nach ganz kurzem Aufenthalte setzte der Czarensohn die Weiterreise nach Kopenhagen fort.

Nur noch einige Tage sind es bis zur Eröffnung der Wintersession des Reichstages und begreiflicher Weise lenkt sich da das allgemeine Interesse vorwiegend dem bevorstehenden parlamentarischen Feldzüge za. Derselbe wird vor Allem auf social- politischem und wirthschoftlichem Gebiete wiederum wichtige Verhandlungen bringen, zu denen die Alters- und Inoalidiiälsoersichcrungsvorlage, die Novelle zum Kranken kassengesetz und der Gesetzentwurf über die Reform des Genossenschaftswesens die Unterlage bieten. Von diesen Gesetzesvorlagen werden indessen die Heiden letztgenannten wohl erst in der zweiten Hälfte der Session zu erwarten sein, während dteJnvaliditäts- versicherungsvorlage und gleichzeitig der Reichshaushaltsetat dem Reichsparlamente bereits bei der Eröffnung zugehen wird. Was diese wichtigste Vorlage der neuen Session anbelangt, so sind die von den Ausschüssen des Bundesrathes namentlich bet ben Bestimmungen über die Invalidenrente vorgenommenen Aenderungen vom Plenum in den Verhandlungen vom Montag und Dienstag im Wesentlichen genehmigt worden und in dieser abgeänderten Gestalt wird der Reichstag den Gesetzentwurf am 22. No­vember jedenfalls vorfindcn. Außerdem stehen auch lebhafte Erörterungen über die deutsche Kolonialpolitik zu erwarten, zu denen verschiedene Posten im Etat des Aus­wärtigen Amtes, ferner die angekündigten Mehrforderungen beim Marine - Etat und nicht zum Wenigsten endlich die Vorgänge in Ostafrika Anlaß bieten dürften. Im Allgemeinen sieht man jedoch einer ruhigen Session und einer schnellen und fachlichen Erledigung des vorhandenen Arbeitsmatertals entgegen und glaubt man, daß die Session des Reichstages längstens bis Ostern beendigt sein wird, um so mehr, als der Oftertermin im nächsten Jahre recht spät fällt.

Herr v. Bennigsen, der Führer der nationalliberalen Partei im Reichstag, hatte sich wegen seiner Ernennung zum Oberpräsidenten einer Nachwahl in seinem Wahlkreise (18. hannoverscher) Stade-Lehe zu unterziehen. Dte Wahl hat am vorigen Samstag stattgefunden und dte mit großer Mehrheit erfolgte Wiederwahl Herrn von Bennigsen's ergeben. Auch von den Socialdemokraten, den Welfen und den Frei­sinnigen waren Candidaten aufgestellt worden, von denen es aber nur der social- demokratische Candidat zu einer größeren Anzahl von Stemmen brachte.

Das ungarische Abgeordnetenhaus genehmigte, wie zu erwarten stand, am Dienstag mit großer Mehrheit dte TtSza'sche Conversions-Vorlage.

Die Anwesenheit des deutschen Dchulgeschwaders in Triest hat zu ver­schiedenen, die deutsch-österreichische Waffenfreundschast aufs Reue beleuchtenden Kund­gebungen geführt. Von ihnen sind die in Adelsberg, wohin die Vertreter der Trieftiner Marine- und Militärbehörden mit ihren deutschen Gästen einen Ausflug zur Besichtigung der berühmten Grotte unternommen hatten, ausgebrachtcn Trinksprüche auf die Ver­brüderung der Marinen Deutschlands und Oesterreich-Ungarns und auf den Bund beider Mächte besonders bemerkenswerth, denn sie bilden gleichsam eine Fortsetzung und Ergänzung der zwischen Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Josef in der Wiener Hofburg gewechselten hochbedeutsamen Kundgebungen. Oesterreichischerseits wurden die Adelsberger Trinksprüche vom Seebezirkscommandanten Vice-Admiral von Wiplinger, Contre-Admiral Czedik von Bründelsberg und Generalmajor Probst ausgebracht, während deutscherseits der Oberbefehlshaber des Schulgeschwaders, Contre - Admiral Hollmann, in warmen Worten zwei Mal erwiderte.

Das Abkommen zwischen Deutschland und England über die gemein­schaftliche Flottenaction in Ostasrtta ist nunmehr veröffentlicht worden. Die Verein- , barung wurde mittels Notenwechsels getroffen und bleiben die näheren Ausführungen ' des Vertrages zur Unterdrückung des ostafrikanischen Sclaoenhandels und der Waffen­einfuhr nach Ostafrika den beiderseitigen Admiralen überlassen. Die Blokade, von Deutschland vorgeschlagen und von England angenommen, wird aufhören, wenn eine der belheiligten Mächte einen bezüglichen Antrag stellt; die Theilnahme Portugals an der Maßregel wird als nützlich und wünschenswerth bezeichnet. Bezüglich der Durch­suchung von verdächtigen Schiffen werden sich die Regierungen der Vertragsmächte mit den andern Mächten in Verbindung setzen, um deren Zustimmung zu diesem Schritte, ohne welchen die ganze Blokade-Maßregel unwirksam werden würde, zu erlangen.

peulschkand.

Darmstadt, 15. November. sPrioatdepesche.) Geheimerath Professor Dr« Wasserschleben in Gießen tritt auf sein Nachsuchen am 1. April k. I. in Ruhestand.

Berlin, 13. November. Einem Pariser Telegramm desBerl. Tagebl." zu­folge ist in Der Nähe von Belfort ein neuer Grenzzwischenfall oorgekommen, welcher bisher streng verheimlicht worden ist. Danach verfolgten In der Nähe von Chavannes les grandes drei französische Jäger einen angefchoffenen Rehbock auf deutsches Gebiet; von einem hinzugekommenen deutschen Förster aufgefordert, sich zurückzuziehen, leisteten sie nicht Folge, worauf der deutsche Förster schoß und einen der französischen Jäger leicht verwundete.

Hanau, 13. November. Landrath Graf Wilhelm v. Bismarck hat den Poften I eines Regierungspräsidenten von Hannover endgiltig angenommen.

Halle a. d.>, 13. November. In Folge der auch hier von der Arbeiter- beoölkerung empfundenen Vertheuerung des Brodes und anderer Lebensmittel hat der Vorstand der Halle'schen Malzfabrik Den gesammten Arbeitern der Fabrik schon feit ei .;a 4 Wochen aus eigenem Antriebe eine Theuerungszulage von je einer Mark wöchent- j lich pro Kopf gewahrt.

Telegraphische Depeschen.

«slff'S telegr. «aercspandenr. Bnrean.

Berlin, 14. November. In Betreff der Eröffnung des Reichstags ist folgende Bekanntmachung ergangen:

Mit Bezugnahme auf die in Nr. 39 des Reichs-Gesetzblattes verkündete Kaiserliche Verordnung vom 9. d. M., durch welche der Reichstag berufen ist, am 22. d. M. in Berlin zusammenzutreten, wird hierdurch bekannt gemacht, daß die Eröffnung des Reichstags an j diesem Tage um 12 Uhr Mittags im Weißen Saale des hiesigen Residenzschlosies statt- finden wird.

Zuvor wird ein Gottesdienst und zwar für die Mitglieder der evangelischen Kirche in der Schloßkapelle um 11 Uhr, für die Mitglieder der katholischen Kirche i in der St. Hedwigskirche um 11^2 Uhr i abgehalten werden.

Die weiteren Mittheilungen über die Eröffnungs-Sitzung erfolgen im Bureau des : Reichstags, Leipzigerstr. Nr. 4 am 21. d. M. in den Stunden von 9 Uhr Morgens bis | 8 Uhr Abends und am 22. d. M. von 8 Uhr Vormittags ab.

In diesem Bureau werden auch die Legitimationskarten für die Eröffnungs-Sitzung und die Einlaßkarten für die Zuschauer ausgegeben, sowie alle sonst erforderlichen Mit- I theilungen gemacht werden.

Berlin, den 14. November 1888.

Der Stellvertreter des Reichskanzlers, v. Bötticher.

Die officiösenPol. Nachr." bezeichnen die schrickt von der Vorbereitung j einer Vorlage wegen Erhöhung der Tabaksteuer als durchaus unzutreffend. Wenn am gegenwärtigen Tabaksteuergefetz Aenderungen vorgenommen werden sollten, so dürften dieselben nur technische Seiten des Gesetzes betreffen; darüber fänden schon längst Erhebungen statt, die jedoch einen baldigen Abschluß nicht erwarten lassen.

Berlin, 14. November. Der Kaiser folgte gestern einer Einladung des Offizier­korps des ersten Garderegiments zum Diner, hörte heute Vormittag Vorträge, konferirte mit dem Minister Lucius und dem Staatssekretär Bismarck und nahm Nachmittags Mel­dungen entgegen, darunter die des Kommandanten derSchwalbe", Hirschberg, und des zum Flügeladjutanten ernannten Kapitäns zur See, Senden. Um l3/i Uhr war anläßlich des Geburtstages des Prinzen Leopold im Marmorpalais eine größere Mittagstafel.

Berlin, 14. November. Der Bundesrath setzte gestern und heute die erste Lesung des Gesetzentwurfs über die Alters- uno Invalidenversicherung der Arbeiter fort und er- theilte den: Entwurf seine Zustimmung. *

Berlin, 14. November. Der Bundesrath nahm den Gesetzentwurf, betreffend die Alters- und Invalidenversicherung mit den von der Subkommission beantragten Aenderungen an. Dieselben laufen wesentlich auf Umgestaltung der Bemessung der Rente und auf Be­seitigung des Reichskommissars und deffen Ersetzung durch Landeskommiffare hinaus. Der für den Bezirk jeder Versicherungsanstalt zur Wahrung der Interessen der übrigen Ver­sicherungsanstalten und des Reichs einzusetzende Kommissar soll nicht, wie im bisherigen Entwurf vorgesehen war, vom Reichskanzler im Einvernehmen mit den Regierungen der beteiligten Bundesstaaten, sondern von der Landesregierung im Einvernehmen mit dem Reichskanzler bestellt werden. Anlangend an anderweitige Bemessung der Rente sollen sämnuliche Ortschaften des deutschen Reichs nach der Höhe des für sie festgesetzten ortsüb­lichen Tagelohns gewöhnlicher erwachsener männlicher Tagearbeiter in fünf Ortsklassen ein» getheilt werden. Die erste soll diejenigen Ortschaften umfassen, wo der Jahreslohn 300 Mark beträgt, die zweite Ortschaften mit 400, die dritte, vierte und fünfte diejenigen mit 500, 600 bezw. 700 Mark. Die Renten werden in Theilbeträgen des Jahresbetrags der­jenigen Ortsklasse berechnet, worin die Versicherungsbeträge für den Empfangsberechtigten entrichtet werden. Die Invalidenrente männlicher Personen beträgt jährlich vierundzwanzig Hundertstel dieses Jahreslohns, sie steigt vom Ablauf der Wartezeit mit jedem vollendeten Kalenderjahr um einen weiteren Theilbetrag des Jahreslohns, und zwar in den nächst-