Ausgabe 
16.9.1888 Erstes Blatt
 
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Mr. 217 Erstes Blatt. Sonntag den 16. September 1888.

Wehencr Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

_ "*77 nr s c t Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn^

Bureau r Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. . rDurch die Poft bezogen vierteljährlich2Mark50Pf.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

Wegen Neupflasterung des Kanfleiberges und Brandplatzes bleibt daselbst der Verkehr für Fuhrwerk und Reiter bis aus Weiteres gesperrt.

Gießen, am 17. September 1888. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius. _________________________________________________

Gefunden: 1 Mutterschraube, 1 Zuber, 1 Kette, 1'Handschuh, 1 Messer, 1 Partie Dochtband, 1 Hundehalsband, 1 Kinderstrumpf, 1 Kinderschuh, 1 Hosenträger, 1 Handschuh, 1 Tragriemen, 1 Strohhut.

Gießen, am 15. September 1883. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Politische Ueberfkcht

Gießen 15. September.

Der Kaiser traf am Donnerstag früh 6V2 Uhr von den Wilhelmshavener Flottenmanövern wieder in Berlin ein, woselbst er alsbald die inzwischen angelangten Fürstlichkeiten begrüßte, mit denen er sich in der neunten Stunde nach dem Manöver­terrain bet Neuenhagen begab. Hier begannen um 10 Uhr die Manöver des 3. Armee­corps gegen einen markirten Feind, welche in der ersten Nachmittagsstunde endeten. Es folgte darauf eine Parade des 3. Armeecorps, bei welcher der Kaiser dasselbe mit gezogenem Degen dem Erzherzoge Albrecht vorführte, während beim Vorbeimärsche der Truppen Prinz Arnulf von Bayern das 52. Infanterie-Regiment und Prinz Albrecht von Preußen das 2. Dragoner-Regiment oorsührten. Die hierauf nach Berlin zurück­gekehrten Fürstlichkeiten vereinigten sich am Donnerstag Abend im Rittersaale des königlichen Schlosses zu einem Diner, an welchem sich auch die in Berlin anwesenden preußischen Prinzen sowie der König von Sachsen, welcher Abends V26 Uhr in Berlin eingetroffen war, betheiligten. Am Freitag Abend langte daselbst, als letziangekommener der kaiserlichen Gäste, auch der Großfürst Nicolaus von Rußland an und stieg im russischen Botschaftsgebäude ab.

Nach einer officiösen Mittheilung aus Karlsruhe wird sich die Kaiser!« Augusta gegen Ende des Monats von Baden-Baden nach der Insel Mainau begeben, um hier im Kreise der großherzoglich badischen Herrschaften ihr 77. Geburtsfest zu feiern und wird hierbei auch der Kaiser anwesend sein. Der Grobherzog von Baden ist nach dem Elsaß abgereist, um den Manövern des 15. Armeecorps beizuwohnen und gedenkt er bis in die letzte Septemberwoche hinein im Elsaß zu verbleiben.

Ein hochbemerkenswerther Zwischenfall hat sich anläßlich der gegenwärtigen An­wesenheit des Kaisers von Oesterreich in der croatischen Stadt Belooar, in deren Umgebung Manöver ftattfinden, ereignet. Unter den zur Begrüßung des Monarchen erschienenen Mitgliedern des höheren croatischen Clerus befand sich auch der Bischof Dr. S tro ßmayer von Dyakovar, der bekannlich ein Beglückwünschungstelegramm an die bei der Kiewer Jubelfeier Versammelten gerichtet hatte, welches die panslavistische Gesinnung des croatischen Kirchenfürsten in jeder Zeile durchschimmern ließ. Für diese unpatriotische Handlung ist nun dem Dr. Strohmayer vom Kaiser Franz Josef eine persönliche Zurechtweisung zu Theil geworden, wie sie kaum schärfer ausfallen konnte. Der Herrscher drückte dem Bischöfe sein außerordentliches Befremden über dessen Kiewer Telegramm aus und bemerkte, daß er einen seiner Unterlhanen eines solchen Schrittes nicht für fähig gehalten haben würde. Weiter bezeichnete der Kaiser das Stroßmayer'sche Telegramm als eine Beleidigung der katholischen Kirche und der österreichischen Monarchie und meinte schließlich zum Bischof, er scheine nicht gewußt zu haben, was er gethan habe. Als sich Letzterer rechtfertigen wollte, wandte ihm der Kaiser den Rücken zu! Eine derartige Abfertigung einer officiellen Persönlichkeit durch den Kaiser selbst ist während dessen Regierungszeit noch nie vorgekommen und erregt der Vorfall namentlich auch wegen seiner politischen Bedeutung in ganz Oester­reich ungeheures Aufsehen. Speciell fassen die ungarischen Blätter das Eretgniß in Belooar als eine entschiedene Widerlegung der Idee auf, daß man in der Wiener Hof­burg die Meinung von der slavischen Zukunft Oesterreichs theile. Jedenfalls haben nunmehr die mit ihrm panslavistischen Neigungen immer kokettirenden slaotsttschen Kreise des Lonauretches einen sehr deutlichen Wink erhalten, wie wenig dieses Spiel an allerhöchster Stelle gefällt.

Die bekannte Kundgebung derNordd. Allg. Ztg." gegen die serbische Königin, deren deutschfeindliche Gesinnung hierbei an den Pranger gestellt wurde, wird in der Wiener Presse" im Allgemeinen zustimmend beurthetlt. Diedeutsche Zeitung" be­merkt u. A., die Ausführungen des Kanzlerblattes hätten, wenn dies auch nicht aus­drücklich gesagt werde, auf's Neue gezeigt, wie Königin Natalie es auf sich genommen habe, die Politik des serbischen Staates in russische Bahnen zu lenken und sei darum die Königin auch als der Mittelpunkt der Bestrebungen zu betrachten, welche Serbien von Oesterreich-Ungarn abdrängen wollten.

Mit gespanntem Interesse sieht man in den leitenden Londoner Kreisen den weiteren Nachrichten aus Afghanistan entgegen. Die jüngst eingelaufenen Meldungen aus Centralasien stellen eine entscheidende Schlacht zwischen dem rebellischen Gouverneur von Nordafghanistan, Jschak Khan und den Generälen des Emirs Abdur Rhaman als unmittelbar bevorstehend hin. Sollte dieselbe zu Gunsten Jschak Khans ausfallen, so würde nicht nur die Herrschaft Abdur Ryamans den Todesstoß erhalten, sondern auch die afghanische Frage wieder in einer Weise aufgerollt werden, daß sich Engländer und Russen. zum entscheidenden Kampfe um den Besitz Afghanistans rüsten müßten.

Die Reise ikarnots durch die Normandie ist beendigt und das Staatsoberhaupt Frankreichs von derselben am Samstag wieder in Parts etngetroffen. Zu der Präsi- dentenretse ist noch nachzutragen, daß Earnot in der alten Hafen- und Handelsstadt Havre eine Reihe größerer industrieller Etablissements besichtigte und ferner eine Anzahl Bürger meister und Lehrer empfing. Natürlich hat Carnot auch in Havre eine politische Banketrede gehalten und empfahl er in derselben ein festes Zusammenschließen der Republikaner. Von Havre aus besuchte Carnot am Freitag noch die Hauptstadt der

Normandie, Rouen, und beschloß er seine Reise mit einer in der Umgegend von Rouen über das 3. Armeecorps abgehaltenen Revue.

Zwischen Belgrad und Sofia herrschen fortgesetzt sehr fteundschaftliche Be­ziehungen vor. Hiervon zeugt der seitens der bulgarischen Regierung geäußerte Wunsch, bei der nationalen Feier des serbischen Patrioten Karadkie officiell vertreten zu sein, von welchem Wunsche man in Belgrad mit Befriedigung Kcnntniß genommen hat.

Telegraphische Pepesche».

Wolsf'S ielegr. Correspondenz. Bureau.

Berlin, 14. September. Der König von Sachsen und die übrigen fürstlichen Manöoergäste fuhren Morgens 7 Uhr mittelst Extrazugs nach dem Manöoerfeld. Der Kaiser hat sich von Münckeberg aus mit glänzender Suite Morgens 7 Uhr nach dem Manöoerfeld nächst Jahnsfelde begeben.

Berlin, 14. September. Großfürst Nikolaus von Rußland ist heute Abend 8 Uhr 38 Mm. hier eingetroffen. Er wurde von den Prinzen Heinrich und Albrecht am Bahnhose empfangen und zur russischen Botschaft geleitet, von wo aus er sich morgen auf das Manöoerterrain begeben wird.

Berlin, 14. September. Hiesigen Börsenblättern zufolge kom?dirt die Ant­wort des Handelsministers an die Börfenältesten betreffs des Getreidetermtngeschäftes, I daß das Getreidenaturalgewicht gemäß der Vorstellung des Aeltestenkollegiums normirt werden und daß zu Sachverständigen auch Getrcidelokohändler zugezogen werden dürfen, ferner ist für das unkontraktliche Getreide eine siebentägige Sperrzeit eingeführt, endlich sollen si"'r Rauhweizen besondere Schlußscheine eingeführt werden, letzteres ist jedoch an besondere Bedingungen geknüpft.

Berlin, 12. September. DerReichsanzeiger" veröffentlicht die Genehmigung der nachgesuchien Dienstentlassung des Staatsfecretärs Dr. Jacobi zum 1. October l unter Erhebung desselben in den Adelstand und die Ernennung des Frhrn. v. Maltzahn ' zum Staatssecretär des Retchsschatzamts unter Beilegung des Charakters Wirklicher Geheime Rath mit dem Prädikat Excellenz.

DerNordd. Allgem. Ztg." zufolge sind über den Termin der Hochzeit der Prinzessin Sophie mit dem Kronprinzen von Griechenland noch keine Bestimmungen getroffen. Nur das Eine möchte sicher sein, daß die Hochzeit nicht vor dem Frühjahr stattsindet.

DieKreuzzeitung" enthält eine ihr zugegangene Berichtigung des früheren Oberpräsidenten v. Ernsthausen, welcher die Nachricht derKreuzzeitung", sein Rück­tritt sei veranlaßt durch Fragen, die mit der Ueberschwemmung und der Beseitigung ihrer Folgen in Zusammenhang stünden, in jeder Beziehung für durchaus unbe­gründet erklärt.

Müncheberg, 14. September. Heute früh kurz nach 8 Uhr trafen der König ! von Sachsen und die übrigen fürstlichen Manövergäste bei Jahnsfelde ein und stiegen j hier zu Pferde. Se. Majestät der Kaiser in der Uniform seines Leibgardehusaren- i Regiments war direct von Müncheberg nach Jahnsfelde geritten. Allerhöchstderselbe

] commandtrte persönlich das Gardecorps, das durch eine combtnirte Cavalleriedivision

- des 3. Armeecorps verstärkt war, gegen den markirten Feind. Gegen 9 Uhr

j begann die Bewegung der Truppen. Cavallerie leitete das Gefecht ein, indem

? südöstlich von Müncheberg 12 Cavallerie-Regimenter einen zweimaligen glänzenden > Angriff unternahmen, dieselben mußten indessen, da sie auf feindliche Uebermacht ] stießen, zurückgehen. Inzwischen gingen von Südosten her die erste und zweite 5 Garde-Jnfanterte-Dioision und die Corps-Artillerie vor. Die Avantgarde derselben z nahm auf der Höhe nordwestlich von Heinersdorf Stellung. Hier verweilte auch Seine * Majestät der Kaiser längere Zeit. Der markirte Feind versuchte einen umfassenden k Jnfanterieangriff. Plötzlich brachen von Nordosten her, wohin sie verdeckt gelangt j waren, beide Kavallerie-Divisionen vor und griffen in langgerittener Attacke den Feind I an. Die Infanterie benutzte dies, um nunmehr einen allgemeinen Vorstoß zu unter­nehmen. Unter persönlicher Führung Seiner Majestät des Kaisers, der sich zwischen dem 1. und 2. Bataillon des 1. Garderegiments zu Fuß befand, ging das gesammte Corps zum Angriff vor. Der Gegner wurde vollständig geworfen. Hiermit war das Manöver beendet. Der Kaiser sprengte sodann zu sämmtlichen Truppentheilen. Bei dem darauf stattfindenden Parademarsch führte Seine Majestät das Gardekorps, sowie die kombinirte Kavallerie-Division des 3. Armeekorps seinen hohen Gästen vor. Tie Haltung der Truppen war wiederum vorzüglich. Seine Majestät der Kaiser ritt nach | dem Hauptquartier Müncheberg zurück, während die fürstlichen Gäste sich mittelst Extra- ! zuges nach Berlin zurückbegaben.

Bern, 14. Sept. Nach Mittheilung des Bundesrathes Snid von dem Justiz- ! Departement wurden die angeordneten Untersuchungen über Einschmuggelung von 3 Druckschriften provokatorischen Inhaltes nach Deutschland nicht auf Ansuchen der ; deutschen Behörden eingeleitet, sondern haben ausschließlich zum Zweck, den Bundesrath | über diese Vorgänge zu unterrichten. Der Bundesrath billigte das Vorgehen des ! Justizdepartemenls und beauftragte dieses, in Zukunft über alle derartige Erscheinungen ' wie bisher zu wachen.

Rouen, 14. September. Präsident Carnot hielt heule Vormittag in Begleitung von Floquet, Krantz, Freycinet und Billot eine Revue über das 3. Armeekorps ab, mit welcher die großen Manöver desselben beendet sind. Nach der Revue begrüßten die fremden Militärbevollmächtigten den Präsidenten der Republik.

Botschafter Herbette kehrt gegen Ende dieses Monats nach Berlin zurück.