1888;
9Xv. 190 Erstes Blatt. Donnerstag den 16. August
Wchener
Amts und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Dringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pst
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
Bnreau r Schul st raße 7.
Deutschland.
Darmstadt, 14. August. Seine Königliche Hoheit der Großherzog und Ihre Grotzherzogltche Hoheit die Prinzessin Victoria, Prinzessin Ludwig von Battenberg, stnd gestern Abend nach 10 Uhr von Bayreuth hierher zurückgekehrt. Allerhöchstdieselben wohnten heule Vormittag einer elektrischen Probebeleuchtung im Großh. Hoftheater bet. — Seine Königl. Hoheit der Großherzog, begleitet von Flügeladjutant Oberst Wernher, sind heute Nachmittag 5 Uhr 22 Min. nach England abgereist, während Ihre Großh. Hoheit die Prinzessin Victoria, Prinzessin Ludwig von Battenberg, sich nach Schloß Heiltgenberg begeben.
Darmstadt, 14. Aug. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller- gnädigst geruht: '
Am 11. August den technischen Rath bei der oberen Bergbehörde und vortragenden Rath bet der Abthetlung des Ministeriums der Finanzen für Forst- und Eameraloerwaltung Geheimen Oberbergrath Gustav Pfannmüller auf sein Rachsuchen unter Anerkennung seiner langjährigen treu geleisteten Dienste, mit Wirkung vom 16. d. M. an, in den Ruhestand zu versetzen.
Politische Rundschau.
Gießen, 15. August.
Der König von Portugal hat Berlin nach dreitägigem Aufenthalte am Dienstag Abend wieder verlassen, um zunächst mit seiner Gemahlin in Bad Gastew zusammenzutreffen. Die dem erlauchten Gaste zu Ehren am Montag Vormittag statt- aefundene Parade der Potsdamer Garnison — zugleich die erste Parade der preußischen Truppen vor Kaiser Wilhelm 1L - verlief von Anfang bis Ende in der glänzendsten Weise. Der portugiesische Herrscher sah übrigens leidend aus und wohnte er der Parade auch nicht zu Pferde, sondern im offenen Wagen bei.
Personalveränderungen, welche in letzter Zeit in den höheren Eommando- stellen der prentzisch-deutfchen Armee eingetreten sind, werden durch eine Veränderung in den Hintergrund gedrängt, die soeben erst bekannt wird. Von mehreren Setten wird übereinstimmend gemeldet, daß der Kaiser den Generalfeldmarschall Grafen Moltke auf dessen Ansuchen von der Stelle eines Ehef's des deutschen Generalstabes enthoben, und zu seinem Nachfolger den Generalquartiermeister Grafen Waldersee ernannt habe. Obgleich die Nachricht von dem Rücktritt des berühmten Strategen von der deutschen Heeresleitung alle Kreise der Armee wie der Nation nur mit Bedauern erfüllen wird, so muß doch anderseits zugestanden werden, daß der greise Feldmarschall — Graf Moltke wird in diesem October 88 Jahre alt — ein Recht daraus hat, angesichts der langjährigen großen Dienste, die er dem Vaterlande Speistet, von seinem verantwortungsreichen und mühevollen Posten an der Spitze des deutschen Heeres nunmehr entbunden zu werden. Erfreulicher Weise scheidet aber Graf Moltke nicht ganz aus der Armee, er wird ihr vielmehr auch ferner als Präsident der Landes vertheidigungscommission angehören, eine Stellung, welche der hochselige Kaiser Friedrich als Kronprinz bekleidete. Die amtliche Nachricht von dieser so wichtigen nulrtarischen Personaloeränderung wird jedenfalls in den nächsten Tagen zu erwarten sein.
Von der seit dem 1. Mai in Brüssel stattfindenden Weltausstellung, welche übrigens diesen Namen nur in sehr beschränkter Weise verdient, werden allerhand merkwürdige Dinge laut. Die ganze Ausstellung scheint von einer Rerhe mehr oder weniger einflußreicher Persönlichkeiten nur als ein „Geschäft" betrachtet zu werden, um ihren werthen Geldbeutel füllen zu helfen und es soll von dieser Seite ein wahrer Terrorismus gegen die Aussteller entfaltet werden. Auch die Thätigkett des Commissars der deutschen Ausstellung, eines Herrn Cornely, früher Bürgermeister der Stadt Eleve, soll außerordentlich verdächtiger Natur sein und den Interessen der deutschen Aussteller ebensowenig wie der Würde des Reiches entsprechen. Ein Theil der deutschen Aussteller in Brüssel, welcher sich durch das Gebühren des Herrn Eornely schwer geschädigt glaubt, hat dem Vernehmen nach bereits eine das Thun und Treiben dieses seltsamen Reichs- commissars scharf beleuchtende Eingabe an des Reichskanzleramt abgesandt, in welcher um Enthebung dieses Herrn von seinem Posten gebeten wird; doch ist über die Stellung der deutschen Regierung in der unerquicklichen Affaire noch nichts bekannt.
König Leopold von Belgien hat sich nach England begeben, um hier einerseits für die Interessen des Eongostaates, anderseits für das Zustandekommen der geplanten Expedition zu wirken, welche über das Schicksal der Stanley-Expedition und über die Lage Emin Pascha's Aufklärung herbeiführen soll.
Heber die Pariser Strikebewegung fehlen seit ein paar Tagen orientirende Nachrichten. Man weiß nur, daß die Strikenden, wenigstens was die Erdarbeiter anbelangt, noch nicht an die Arbeitsstätten zurückgekehrt sind, nachdem die Unternehmer die Einigungsvorschläge des Schiedsgerichts so schroff zurückgewiesen haben. Von neuen Excessen der Strikenden ist indessen noch nichts bekannt geworden.
Die nach mancherlei Verzögerungen nunmehr erfolgte Eröffnung der Eisenbahnlinie Belgrad-Sofia-Constantinopel bedeutet einen neuen großen Culturfortschritt auf der Balkanhalbinsel, wenngleich sich dessen Einwirkungen auf die Balkanstaaten noch nicht sogleich in tiefgreifender Weise äußern werden, aber schon die Thatsache, daß nunmehr ein directer Schienenweg die türkische Hauptstadt mit dem westlichen Europa verbindet, spricht für die hohe civiltsatorische Bedeutung der Eröffnung der neuen Orientbahnlinie, denn es ist hiermit ein neues wichtiges Bindeglied zwischen Orient und Occident geschaffen worden. Die Eröffnung selbst erfolgte durch den Ortentexpreßzug, welcher am Sonntag von Belgrad abging und am Montag Mittag in Sofia eintraf, um gegen Abend nach Ost-Rumelien wetterzufahren.
Aus Massauah kommt die unerwartete Kunde von einem Zusammenstöße der Italiener mit den Abyssintern unter dem Häuptling Debeb. Die Italiener erlitten infolge des Verrathes ihrer einheimischen Hilfstruppen, der Assaortins, eine empfindliche Niederlage und mußten sich zurückziehen; mehrere italienische Osficiere sind gefallen.
Seitens Rußlands, Deutschlands, Oesterreich-Ungarns, Englands und Spaniens ist in Rom die Erklärung abgegeben worden, daß die Eapitulationen auf bas Massauahgebiet nicht anwendbar seien. Alle übrigen Brächte nahmen diese, die Haltung Italiens vollkommen billigende Erklärung unter Zustimmung zu den italienischen Noten vom 25. v. M. zur Kenntniß.
Telegraphische Depeschen.
Wolst'S telegr. Eorrespondenz. Bureau.
Berlin, 14. August. Der Kaiser gedenkt Nachmittags nach Berlin zu kommen, mit dem König von Portugal an einem Diner bei dem Prinzen Friedrich Leopold von Preußen thetlzunehmen, hier zu übernachten und auch morgen in Berlin zu verbleiben. König von Portugal das zwanzigste Infanterie-
Regiment. ^chsische Konigspaar ist heute Abend hier eingetroffen und setzte sofort seine Reise nach Dresden fort.
Berlin, 14. August. Zur Mittheilung eines hiesigen Börsenblattes über deutsch- russische Zolloerhandlungen erfahren die „Berl. Pol. Rachr.": An hiesigen maßgebenden Stellen ist von derartigen Verhandlungen nichts bekannt. m ,
Kiel, 14. August. Zur Feier des Geburtstages Sr. K. Hoheit des Prinzen Heinrich ist die Stadt reich beflaggt. Persönliche Gratulationen wurden nicht entgegengenommen, dagegen sanden sehr zahlreiche Einzeichnungen in die ausgelegte Glückwunsch- liste statt. Mittags nahmen die prinzlichen Herrschaften mit der Erbprinzesstn von Meiningen das Frühstück auf der Yacht „Hohenzollern" ein.
DuiSburg, 14. August. Die Generalversammlung des evangelischen Bundes hat einstimmig eine Resolution angenommen, worin dem Bedauern über die Hindernisse, welche der Aufführung des Trümpelmann'schen Lutherfestspiels in Berlin bereitet wurden, Ausdruck gegeben wird. Außerdem wird eine Erklärung beschlossen, in Betreff der Betheiligung evangelischer Behörden an der Aachener Heiligthumsfahrt, sowie in Betreff der Solinger Vorgänge. , m
München, 14. August. Der deutsche Handwerkertag nahm eine Resolution an, worin allen gewerblichen Vereinen Anschluß an den Handwerkerbund empfohlen, obligatorischer Befähigungsnachweis und Erweiterung der obligatorischen Innungsrechte gefordert wird. Als Endziel der Bestrebungen werden die Zwangs-Innungen bezeichnet. Ein Antrag auf Errichtung eines Wahlfonds durch Erhöhung der Beitrage wurde ab- aeMmt eifrige Wahlbetheiligung im Sinne des Programms dringend empfohlen. ° Wien, 14. August. Das „Fremdenblatt" sagt anläßlich des Rücktritts Moltke's, die Größe dieses Geistes anzuerkennen, hat Oesterreich nie gesäumt. Wir haben sie in ehrlichem, ehrenvollen Kampfe erfahren und bewundert, als Moltke an ber eette-feine« königlichen Herrn den Siegeszug durch Frankreich lenkte. Auch als Präses der Landes- vertheidigungs-Commission bleibt Moltke den Männern zugezahlt, von welchen Deutschland in erster Linie die Aufrechterhaltung der in blutigem Kampfe erworbenen Große erwartet. Sein Nachfolger sei eine der österreichischen Armee sympathische und bekannte Persönlichkeit. Er war Zeuge unserer großen Heeresmanöver und gab den warmen kameradschaftlichen Gefühlen für das Heer unserer Deutschland so innig verbündeten Monarchie stets vollen Ausdruck. Wenn die deutsche Armee diesen hervorragenden, stets bewährten General auf dem bedeutsamen Poften Moltke's begrüßen darf, so begrüßen wir mit sympathischer Theilnahme in ihm auch insbesondere den warmen Freund Oesterreichs und seiner Armee. , , £I * .
Paris, 14. August. Floquet empfing Vormittags eine Delegation der strikenden Erdarbeiter, welche die von den Arbeitern erhobenen Forderungen darlegte, die ihrer Ansicht nach zum Ziele geführt haben würden, wenn die Arbeitgeber von der Verwaltung und der Polizei unterstützt worden wären. Floquet antwortete, daß die Republik den Arbeitern das Recht gewähre, frei Über die Arbeitsbedingungen zu verhandeln, aber daß die Regierung nickt gestatten könne, daß die Ausübung des Arbeitsrechts beeinträchtigt werde. Die Regierung muffe die Arbeiter gegen alle Gewaltthatigkeiten schützen. Die Schließung der Arbeiterbörse sei angeordnet worden, um allen Provokationen ein Ende zu machen. t r ,. c
Paris, 14. August. Einzelne Trupps strikender Erdarbeiter versuchten auf mehreren Bauplätzen die Arbeiter zum Niederlegen der Arbeit zu verleiten, wurden aber unter Beihilfe der Arbeiter selbst von der Polizei entfernt. Auf mehreren Bauplätzen, wo die Arbeiter bisher strikten, wurde die Arbeit wieder aufgenommen.
London, 14. August. Nach einer Reuter-Meldung aus Pietermaritzburg fand am 10. ds. Mts. ein Zusammenstoß zwischen einer Abteilung Engländer und Zulus statt. Letztere hatten mehrere Todte und Verwundete. Der Verlust der Engländer ist unbefanm.^^Ä^w, 14 August. Der ehemalige Minister Hall ist gestorben.
Rom, 14. August. Amtlich wird aus Massauah gemeldet: Der Obercommandant hatte erfahren, daß Debeb in (saganetti gegen 300 mit Gewehren Bewaffnete ansammle, um Razzias zu unternehmen, und er ordnete deshalb eine Expedition gegen denselben an, zu welcher 400 Baschibozuks unter einem Capitan und vier Lieutenantv sowie 200 Baschibozuks und 200 Assaortiner unter Adamaga vor Saganettt eintrafen. Debeb verfügte über 470 Mann. Er hatte von dem Anrucken der Italiener Kenntniß, daher Alles zur Vertheidigung vorbereitet; gleichwohl drangen der Capitan, ein Lieutenant und 100 Baschibozuks in den Ort ein, vertrieben die Abessinier aus dem Hehicn Fort und besetzten dasselbe, konnten es aber nicht halten, well die A saortiner, welche bereits auf dem Marsch durch Benachrichtigung Debeb'« Verrath geübt wahrend de« Kampfe« rum Feind übergingen und die Italiener angriffen. Der tn das Fort eingedrungene Capitän und der Lieutenant fielen und die Baschibozuks verließen das Fort in Unordnung. Hierdurch, sowie durch die mrvermuthet große Anzahl des Feindes wurde unter den außerhalb des Ortes befindlichen Baschibozuks eine Panik her vor gerufen. 3wei bis drei italienische Offiziere sind gefallen. 400 Baschibozuks haben sich m Uaa wieder gesammelt. Der Verlust Debeb's wird auf 350 Mann geschaht; auch Adamaga soll gefallen sein. Der Obercommandant ließ 40 Assaortiner als Geiseln festnehmen und wird nach ausreichenden Nachrichten gegen den Feind vorgehen.
Rom, 14 August. Ein Telegramm des Oberbefehlshabers in Massauah meldet, es sei ein französischer Mifsionspater aus Akrur eingetroffen mit der Nachricht, daß bei der Expedition gegen Saganeiti vier italienische Offiziere getodtet feien, während das Schicksal des fünften unbekannt blieb. Debeb verfugte beim Kampf über <00 Mann, wovon 350 mit alten Gewehren und geringer Munition versehen waren- Von den zerstreuten italienischen Soldaten sei eine größere Anzahl mit Adamaga zuruckgekehrt.
Berlin, 14. August. Aus Anlaß des letzten LandesverrathSprozesseS werdm sämmtliche Truppentransportpläne von Bayern nach dem Elsaß neu ausgearbeitet.
— Die Freiburger Studenten, welche seiner Zeit in Belfort mißhandelt wurden, hatten nach dem französischen Gesetz von der Gemeinde Belfort eine Entschädigung zu beanspruchen. Es ist jedoch den Studenten nicht gelungen, irgend einen französischen Anwalt zu ihrer Vertretung zu gewinnen. Ebenso hat der Gerichtspräsident in Belfort es abgelehnt, den Gemißhandelten von Gerichtswegen einen Anwalt zu bestellen. ES ist hiermit conftatirt, daß der Deutsche In Frankreich fein Recht findet und daß für Vergehen gegen Deutsche in Frankreich keine Sühne zu erlangen ist.


