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Mr. Donnerstag den 16. Februar 1888»

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Preis vierteljährlich 2 Mark 26 Pf. mit Bringerloh«. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pfi

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Vureck«r Schulstraße 7.

Politische «everficht.

Gieße», 15. Februar.

Alle Berichts aus San Remo bekunden bas überraschend günstige gort» schreiten der Befferung im Zustande der Kronprinzen. Bereits am Sonntag konnte der hohe Kranke aus einige Stunden bar Bett verlassen und am Montag empsing er zum ersten Male wieder den Besuch seiner Familie seit seiner Operation. Di- Nächte, mit Ausnahme derjenigen von Montag auf Dienstag, hat der Kronprinz gut verbracht. Anzeichen von Fieber- oder Bronchial>Er- scheinungen machten sich nicht bemerklich. . _ ,

Der Reichstag trat am Montag in die zweite Lesung des Socia- listengesstzes ein Die Commission hat bekanntlich den von der Regierung vorgelegten neuen Entwurf sowohl hinsichtlich der Verlängerung auf 5 Jahre, als auch bezüglich der vorgeschlagenen Verschärsungen abgelehnt und mit großer Mehrheit die Verlängerung des bestehenden Socialistengesetzes aus 2 Jahre be­schlossen ; allerdings find von ihr auch dis zu letzterem beantragten mildernden Amendements des Abg. Dr. Windthorst abgelchnt worden. Hebet den Gang der Commiffions-Verhandlungen erstattete der Referent, Abg. Dr. M-yel'Jena, kur, Bericht und ist aus demselben zu entnehmen, daß fich in der Soeiasistm- gesetz-Commission nicht weniger «15 fünf Gruppen gebildet hatten. Die erste wollie die neue Regierungs-Vorlage unverändert bewilligen, die zweite Gruppe erklärte fich gleichfalls für die RegierungS-Vorlage, aber gegen den Expalriirungs- Paragraphen, die dritte Gruppe befürwortete lediglich die Verlängerung um 2 Jahre, eine vierte Gruppe (Windthorst) wünschte zunächst eine Abschwächung des bestehenden Gesetzes, währeno für den Fall der Ablehnung der bezüglichen Anträge die Stimmungen in dieser Gruppe bezüglich ihrer weiteren Stellung­nahme aureinandergingen; die fünfte Gruppe endlich war für einfache Ableh­nung der Vorlage. Die Mehrheit, welche für den Commisstons-Antrag (zwei­jährige Verlängerung) stimmte, fetzte sich aus den beiden conseroatioen Fcactio- neu, den Nationalltberalen und einigen Centrumsmitgliedern zusammen.

Die Montagssttzung des preußischen Abgeordnetenhauses wurde gänzlich durch die dritte Beralhung des Bsnda'fchen Antrages, die fünfjäh­rigen Legislatur-Perioden auch für Preußen einzusühren, ausgesüllt. Obwohl der Gegenstand schon in den beiden ersten Lesungen des Antrages, ganz abgesehen von den vorausgegangenen gleichen Verhandlungen des Reichstages, bis zur Erschöpfung erörtert worden war, fo entwickelte sich hierüber trotzdem in der genannten Sitzung nochmals eine fehr erregte Debatte, bet der es an heftigen gegenseitigen Vorwürfen und Anklagen, namentlich zwischen den Rednern der Freisinnigen und denen der Nationalliberalen, nicht fehlte.

In London fand am Montag Nachmittag eine große Demonstration der radikalen Clubs zu Ehren Sullivans und der übrigen irifchen Deputirten, welche in den letzten Monaten Gesängißstrafen erlitten haben, statt. Es mür­ben hierbei die üblichen fulminanten Reden gegen das Ministerium Salisbury gehalten, doch kam es zu keinen Ruhestörungen.

Die in den letzten Tagen von französiicher Seite aus verbreitete Nachricht, Italien beabsichtige fein Expeditions-Corps aus Ostafrika zurück­zuberufen, hat in der italienischen Regierungspreffe ein entschiedenes Dementi erfahren. Außerdem hat das italienische Expeditions-Corps soeben eine neue Vorwärtsbewegung gemacht, welche jene Nachricht von selbst Lügen straft. Der Verkehr auf der von den Italienern von Maffauah nach den Stellungen bei Saati und Dogali erbauten strategischen Bahn ist am Montag ausgenommen worden uno wurden die Verpflegungs-Magazine bis Dogali transportirt. Ferner rückte die Brigade Genö am Morgen des genannten Tages vor und nahm mit Artillerie westlich von Dogali Aufstellung.

Deutschland.

Berlin, 12. Februar. Der Inhalt des Bündniß-Vertrages mit Ita­lien, die Kunoe, daß auch Italien im Falle eines sranzösifchen angriffs mit seiner gesammten Truppenmacht Deutschland zur H-eressolge verpflichtet ist, benimmt den Franzosen die nach der Veröffentlichung der deutsch-österreichischen Hrkunbe immer wieder geäußerten Zweifel: Wie weit hat Italien sich gegen uns oerpflichtet, und hat auch dieser Vertrag den rein abwehrenden Charakter, wie der mit Oesterreich? Es ist gut, bemerkt dieKöln. Ztg/, daß Frankreich die Wahrheit erfährt und daß der letzte Strohhalm, an den seins Kriegsgelüste fich klammerten, ihm genommen wird. Dem ausmerksamen Leser der sranzöfi- schm Preffe hat er nicht entgehen können, daß von dem Augenblick an, wo er bekannt wurde, daß Italien alr dritterMitverschworener für den Frieden in den Bund eingetreten sei, die bir dahin stolz ausgeblähten chauvinistischen Segel zusehends erschlafften, daß man anfing, selbst den Erfolg der vorher so heiß erstrebten französisch, russischen Friedensbundes, den man dem mitteleuropäischen entgegenstellen wollte, in Frage zu ziehen. Wie man fich auch heute drehen mag, nach rechts, nach links, immer hängt der Zopf hmten, immer behalten die Friedensoerträge der drei Bundesstaaten ihren vefenstven Charakter, immer bleibt für Frankreich die Unmöglichkeit, gegen diese waffenstarrende Macht, selbst im Verein mit Rußland, ersolgreich anzukämpsen, und der sicherste Eckstem beß Friede ü immer besteht als unverrückbare, geschichtlich ausgebaute Grund­lage der Verträge die dauernde Interessen - Gemeinschaft der Bundesstaaten. Dis Verträge, bis zwischen uns und andern Regierungen bestehen, namentlich

Deutscher Reichstag:

37. Sitzung vom 14. Februar 1888.

Aba. Dr. Reinhold (natl., 3. Arnsberg) hat sein Mandat niedergelegt.

An Stelle des aus dem Amte als Schriftführer scheidenden Abg. Dr. Porsch (Centr.) wird der Abg. Graf Adelmann (Centr.) durch Acclamation gewählt.

Die zweite Berathung des Socialistengesetzes wird fortgesetzt.

8 19 der Regierungsvorlage, der für die Verbreitung verbotener Druckschriften verschärfte Strafbestimmungen enthält, ist von der Commission abgelehnt worden.

Aba. v. Helldorff (cons.) erklärt, daß seine politischen Freunde nach wie vor für die verlangten Verschärfungen seien, daß sie aber, um nicht das Gesetz zu gefährden, für die Anträge der Commission stimmen werden.

S 19 wird entsprechend dem Commissionsantrage abgelehn.

Minister v. Puttkamer: Rach der Erklärung der conseroatioen Partei und dem Resultat dieser Abstimmung könne er erklären, daß die Regierungen anf die ^ts- cussion der weiteren in der Commission abgelehnten Paragraphen keinen Werth legen. Es würde daher nur noch die Discussion des $ 28, zu dem ein Antrag aus dem $au^c Dte"in*'der Regierungsvorlage geforderten Verschärfungen werden dem Anträge ber den s 28 des Sonalistengesetzes

(kleiner Belagerungszustand) auszuheben.

Abg. Dr. Windthorst begründet den Antrag. Die Ausschreitungen, die mit tiefem Paragraphen bekämpft werden fällten, könnten sehr gut auf dem «oben be§ gemeinen Rechts bekämpft »erben; er fei bereit, an einer Derfcharfung des gemeinen Rechts nach dieser Richtung hin mitzuarbeiten. Er habe in der Commlsswn beantragt, daß mit Rücksicht aus die besonderen für Berlin maßgebenden Verhältnisse der kleine

die Verabredungen, die wir mit Italien haben", sagte Fürst Bismarck in seiner großen Rede,sind nur der Ausdruck der Gemeinschaft in den Bestrebungen und in den Gefahren, welche die Mächte zu durchlaufen haben. Italien sowohl rote wir find in der Sage gewesen, bas Recht, uns national zu consolodiren, von Oesterreich zu erkämpfen. Beide leben jetzt mit Oesterreich in Frieden und haben mit Oesterreich das gleiche Bestreben, Gefahren, dis ste gemeinsam be­drohen, abzuwehren, den Frieden, der dem einen so theuer ist wie dem andern, gemeinsam zu schützen, dis innere Entwickelung, der ste sich widmen wollen, vor Angriffen geschützt zu sehen. Dieses Bestreben, und habet auch das gegenseitige Vertrauen, daß man Verträge hält, und daß durch die Verträge keiner von dem andern abhängiger wird, als seins eigenen Interessen es vertragen, das alles macht diese Verträge fest, haltbar und dauerhaft/ In der That, nur auf dem Amboß der Jntereffen Gemeinschaft läßt sich Weltgeschichte schmieden, und da das Band, welches heute Deutfchland, Oesterreich und Italien umschlingt, durch die Kunst ber Staatsmänner auf dieser Grundlage zu Stande gekommen ist, so bezeichnen jene Worte Bismarck's einen Abschluß in ber neuern Geschichte, eine Stufe, auf der dieselbe hoffentlich lange verweilen wird. Der heutige Zustand, im Vordergründe das Verhältniß zwischen Deutschland und Italien, ist das Bild, welches roeitschauende Forscher schon vor Jahren im Umriß anbeuteten, indem sie aus ber teilweise parallel laufenben, theilweise etnanber sördernden float« lichen und nationalen Entwickelung beider Völker den Schluß auf die Zukunft zogen. So sagt Reuchlin im 4. Bande seiner Geschichte Italiens im Jahre 1873:Kein anderes Volk außerhalb Italiens ist an besten geistiger unb staatlicher Erstarkung so beteiligt wie bas beutsche. Beide haben ähnliche Auf­gaben, beide haben dieselben Feinde, innere und äußere. Darum mag der eine Theil an den Fehlern und Verwirrungen des andern sich eine Lehre holen, wie an seinen Vorzügen. Beide Völker find einander gleichartig und doch an­dersartig, zugleich nahe und fern genug, um wetteifernd ihr Staatsleben zu einem eine starke Humanität fördernden Organismus zu erheben, ohne daß ste in das kränkende Verhältniß des Befchützers und des Befchütztrn treten." Unb so sagte noch früher, int Jahre 1844, schon Jakob Grimm, ber nicht nur den Geist der Sprache, sondern auch den der Geschichte zu belauschen verstand: Beide Volker, Deutsche unb Italiener, deren Schicksale so eng verkettet find, haben lange Zeit einander weh gethan, beiden geziemt endlich Aussöhnung. Was auch kommender Zeiten Schooß in stch berge wenn Friede und Heil des ganzen Welttheils auf Deutschlands Starke unb Freiheit beruhen, fo muß sogar diese durch eine in den Knoten ber Politik nicht abzusehende, aber dennoch mög­liche Wiederherstellung Italiens bedingt erscheinen." Das war vor einem halben Jahrhundert die vielverkannte Richtschnur der deutschen Politik, heute find wir am Ziele.

Kravkreich.

Paris, 14. Februar. In einem von den Zeitungen veröffentlichten Schreiben an den Prinzen Napoleon ersucht Caffagnac diesen, er möge feinem Sohne Louis befehlen, den Dienst in der Italien. Armee, die offen gegen Frankreich organistrt werde, zu verlaffen unb seinen Degen an anberer Stelle zur Ver­fügung zu stellen, wo besten Spitze nicht gegen bas Herz des Vaterlandes ge- richtet wäre.

Der Minister des Aeußern, Flourens, ist gestern Abend in Embrun eingetroffen. . . , ~ , .

Pari-, 14. Februar. Es heißt, der Unterstaatssecretär der Kolonien, Faure, wolle demissioniren. __

Bei einem zu Embrun zu Ehren des Ministers Flourens stattgehabten Banket hielt derselbe eine Rede, worin er erklärte, er habe bei seinen Geschäften nicht als Delegirter der Executivgewalt, sondern als Delegirter des Volkes bleiben wollen. ________________________