Nr. 168 Drittes Blatt. Sonntag den 15. Juli 1888.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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, 2uli. Mit Genehmigung Seiner Königlichen Hoheit des Groß-
Herzogs hat das Großh. Ministerium des Innern und der Justiz beschlossen, eine ^andEEommisfton zur Begutachtung des Entwurfs eines bürgerlichen Gesetzbuchs für c 4. •?£ ^i^h und der für die Hessische Landesgesetzgebung daraus erwachsenden
gesetzgeberischen Aufgaben einzusetzen und in diese Commission zu berufen: als Vor- ntzenden den Geheimen Staatsrath Hallwachs, als Mitglieder den Ministerialrath vr. Dtttmar, die Oberlandesgerichtsräthe Hetnzerling und Lippold, den Geheimen Ober- ronststorialrath Buchner, die Landgerichtsräthe Oppermann und Dr. Gilmer tn Gießen den Landgerichtsrath Steinern In Mainz, den Landrichter Cellarius in Darmstadt, sowie den Notar Juftizrath Dr. Braden in Mainz.
Die Landes-Commission wird zunächst in zwei gesonderten Abtheilungen — einer rechtsrheinischen unter dem Vorsitze des Ministerialraths Dr. Dittmar und einer linksrheinischen unter dem Vorsitze des Oberlandesgerichtsraths Lippold — arbeiten
Die Krankheit Kaiser Friedrichs.
(Fortsetzung.)
Die Darstellung des Professors v. Bergmann, welcher am 15. Mai 1887 von Dem Lerbarzt des Kronprinzen, Generalarzt Dr. Wegener, die Aufforderung erhielt Tags darauf mit ihm und dem Prof. Gerhardt den Kronprinzen zu untersuchen, besagt' daß er dem von dem Leibarzte geäußerten Wunsch um Zuziehung eines weiteren Kehl- kopfspecialisten zugestimmt habe. Es sei begreiflich, daß man, da der bereits behandelnde Prof. Dr. Gerhardt unter den Kehlkopfärzten Deutschlands die erste Stelle einnahm zunächst an eine ausländische Autorität gedacht habe. Dem Vorschläge Wegners daß ihm Mackenzie in London als der geeignetste ausländische Specialist erscheine, stimmte Bramann zu. Prof. Bergmann bemerkt, daß er den Kronprinzen am 16. und 18. Mai ?b=T ,9lceid> 5™ ^sten Tage die Gewißheit eines Epitheltons an dem Hinteren «Quitte des linken Stimmbandes erlangt habe, infolgedessen er für den äußeren Keh kopsschnrtt eingetreten sei, den er bei der Annahme eines kleinen Carcinoms im Kehlkopfe unbedingt dem endolaryngalen Verfahren vorziehe. Unter einer Reihe angegebener Umstände sei es begreiflich, daß er die Spaltung des Kehlkopfes für alle Falle fordere, tn denen der Verdacht einer bösartigen Neubildung im Innern des Organs vorliege. Nachdem Prof. Bergmann des Längeren feine Erfahrungen auf dem Gebiete der Kehlkopfkrankheiten mitgetheilt, betont er ausdrücklich, daß von einer anderen Operation als der Spaltung des Kehlkopfes behufs Exftirption der kleinen an der unteren Flache des linken Stimmbandes sitzenden Geschwulst im Mai v. I nicht die Rede gewesen, nur um diese handelte es sich. Er müsse dies betonen, da die die Aerzte d/-ssc 'mmer nur von der Total-xsttrpalion gesprochen und im Hinblick ^rauf schon im Juni 1887 zahlreiche deuische und englische Zeiiungen Mackenzie als den Mann feierten, der den Kronprinzen aus den Händen der Chirurgen gerettet Die Operatton, die die deutschen Aerzte vorschlugen, sei nicht gefährlicher gewesen, als eine gewöhnliche Tracheotomie, welcher ohnehin, bei der Diagnose der Aerzte, der Kronprinz deretnft doch ganz bestimmt verfallen mußte. Trotz der verschiedenen Beurteilungen und Deutungen, welche sem damaliges entschiedenes Drängen zu einer Operation selbst bis in dte neueste Zeit erfahren, stehe er doch auf dem Boden sicherer Erfahrung indem er vor ca. drei Jahren den Larynxkcebs eines 42jährigen Mannes mittelst der Laryngotomie und theilweisen Knorpelresection entfernt habe. Dieser Mann ein Buck- Mucker, sei bts jetzt vollkommen gesund geblieben; er spreche zwar heiser, aber so verständlich, daß man rhn auf zehn Schritte Entfernung gut hören könne. Er habe damals auch Mackenzie zur Besichtigung des Patienten eingeladen, es sei aber leider dazu nicht gekommen. Eine R^ihe von Fällen gelungener Heilung mittelst partieller r I’11/?0™011 W Herr Prof. Bergmann noch an, um dann zu betonen, daß, wenn sich die Aerzte wirklich geirrt hätten und fein Krebs, sondern eine gutartige Neubildung gesunden worden wäre, die von ihm vorgeschlagene Operation dem Kronprinzen doch keinen Schaden zugefugl hatte, wohl aber die von Mackenzie in Frage gestellte Diagnose zur rechten Zeit geklärt worden wäre. Allerdings habe die Thyreotomie eine Schalten- seite: die Storung der Stimmbildung, allein diese mache sich nicht immer geltend, wie aus einer Reihe von Beobachtungen dargelegt wird. — Prof. Bergmann schreibt u. A.: , '£'te Laryngoflssur als solche hätte weder das Leben bedroht, noch die Sttmm-
blldung zerstoit, wohl aber mußte letztere durch die Fortnahme der Geschwulst, gleich- gtltig, ob dabet die Grenzen der Schleimhaut eingehalten oder überschritten worden
,a Aber hierbei hätte das endolaryngeale Verfahren von dem
extralaryngealen sich nicht unterschieden. Unvermeidlich-war, daß mit dem Tumor überhaupt beseitigt werden sollte, auch ein Stüss des Stimmbandes entfernt wSta" e' k!? Ar? der Entfernung, ob von innen oder von außen, änderte hierin ..daß die von mir beabsichtigte Operation dauernd die ^^digen wurde. Es wurde eine heisere, rauhe, allein, da das rechte Stimm- h rofr^-C? fülIne' hinlänglich verständliche Stimme Zurückbleiben. Ich war t-r akuf .dnielne Sr. Kaiscrl. Hoheit bekannte Personen die Art
Der spateren Phonation anzudeuten.
-]O h:°r.rfthaun?fn iabe Professor Bergmann es zu verdanken, daß am
18. Mai 1887 bie damalige Kronprinzessin ihm auftrug, alles zur Operation Dor-- en^k angekommen und seine Ueberetnstimmung mit der Krmiv?inr ih* Cpefrat.ion am 21. Mai ausgeführt werden könne. Der
Kronprinz selbst habe zu ihm gesagt: „Fort muß die Schwellung auf jeden Fall. Wenn sie nicht von innen herauszuschasien ist, so sollen Sie außen einschneiden."
, Es wurde dann alles vorbereitet - bis Mackenzie's bestimmter Widerspruch Diese Vorbereitungen unnutz gemacht habe. Wie unzweideutig Mackenzie die von Vro- “nn d?arf Krebsdiagnose zurückgewiesen, gehe schon daraus herwor,
überzeugt, daß wenn nicht Ihr Interesse für den geliebten Kronprinzen ^ beherrschte, bei einem gewöhnlichen Patienten Ihrer Klinik Sie gar nicht an Car- cinom in diesem §alle denken wurden", sowie weiter aus der immer und immer A*AKlten Versicherung, daß seine reiche Erfahrung ihm mehr als einen ganz ?^igt habe, der durch milde und schonende endolaryngeale Behandlung schnell genesen fei. Daher auch die Versicherung an mehrere Herren des Hofes, vatz in wenig Wochen bei einer Cur in England der Kronprinz wieder feine alte stimme haben und bei den Herbstmanövern sicherlich würde commandiren können. Q Ä^bei genau so rnotivirt, wie dem Berichterstatter hierüber, der in der Zeitschrift „The World" am 23. November 1887 Mackenzie's Worte in Folgendem wiedergibt: .„Auch jetzt noch denke ich, daß zu der Zeit die Affektion nicht krebsartig war. Was ich in der Kehle des Kronprinzen sah, erschien meinem Auge nicht bös- arttg, und ich kann wohl sagen, daß ich wahrscheinlich mehr von diesen Sachen gesehen habe, als wie irgend ein anderer unter den jetzt Lebenden."
Nicht unerwähnt wolle Professor Bergmann seinen Widerspruch gegen die von* Mackenzie geübte Verwerthung des Virchow'schen Gutachtens lassen, da Virchow mehr- *
fad) sich wie auch Mackenzie selbst dahin geäußert, daß man tn Fällen, wo Theilchen ausgehustet oder sonst entfernt worden, sich auf das Mikroscop für die differentielle Diagnose nicht verlasien tonne. Selbst Virchow schreibt'
B1r8^blcfc 3rt b-r Uniersuchung sagen; sie ist oft die einzig moglid)e, aber man darf sich dann auch nicht wundern, wenn das Ergebniß ein trügerisches ist Wie leicht kann es sein, daß die minimalen Theile, welche dem Unter- sucher zur Verfügung stehen, grade nicht der schlimmen Stelle angehörten."
Daß Mackenzie das Vorhandensein von Krebs bestritt und zwar bis zuletzt, geht aus einer Reihe von theils in englische medicinische Zeitschriften übergegangenen Aeußermigen desielbcn hervor. Nachdem er aber z. B. die Weigerung der deutschen s^bardt und Tobold zur Ensiiahmc eines zur Untersuchung geeigneten Stückes des Geschwüres in der „Pall Mall Gazette" vom 17. Mai 1887 erörtert, erklärte er kurz darauf daß er betreffs der Natur des Gewächses keine Verantwortlichkeit über; nommen habe, barur mache er aber Prof. Virchow als gänzlich verantwortlich. Die weitere Behandlung des Virchow'schen Gutachtens von Seiten Mackenzie's wird hieraus von Dr p. Bergmann sehr eingehend behandelt; derselbe berichtet bann weiter:
Wir hatten nach den letzten Consultationen zu Mackenzie das Vertrauen, das uns zu seiner Berufung veranlaßt hatte, vollständig verloren. Dazu waren wir gebracht erstens durch bie Unzuverlässigkeit seiner Manipulationen im Kehlkopfe, die uns nicht die mindeste Bürgschaft dafür boten, daß wirklich von seinem Instrumente bie Ge- fcbroulft und nicht etwa eine andere Stelle im Kehlkopfinnern, wie z. B. das notorisch schwerverletzte rechte Stimmband, erreicht war, zweitens durch die unwissenschaftliche und ganz unwillkürliche, gegen seine eigene Lehre verstoßende Verwerthung des Virchow scheu Gutachtens, sowie die Abwälzung jeder Verantwortlichkeit von sich auf den pathologischen Anatomen, drittens durch bie Art, wie sofort mit Mackenzie's Auftreten in Berlin die Presse sich der Krankheit unseres hohen Patienten bemächtigte.
Am 24. Mai, also noch vor unserer gemeinsamen Consultation vom 25., fand eine Conferenz zwischen dem Leibärzte, Generalarzt Dr. Wegner und Dr. Mackenzie im Neuen Palais (Schloß Friedrichskron) zu Potsdam statt, in welchem ersterer ein Pro- Aou aufnahm, dem Mackenzie zustimmte, Der Inhalt desselben ist dem Archiv des Königlichen Hausministeriums unter Nr. 4028 einverleibt. Es lautet: Dr Mackenzie ist der Meinung, daß bei der Form der Geschwulst zuerst versucht werden soll, mit der uZange so viel als möglich von der Geschwulst fortzunehmen, den zurück- bleibenden Rest mittels galvanischer Cauterisatton zu zerstören. Dr. Mackenzie erklärt sich für sicher, dadurch die Stimme in längerer Zeit herzustellen, daß sie wieder laut wird."
v. Bergmann berichtet dann weiter, daß es nicht aufgeklärt worden, wodurch es in letzter Stunde veranlaßt wurde, daß Gerhardt's Begleitung nach England eine Ablehnung erfuhr. Die Aerzte verlangten diese Erklärung auf das Entschiedenste und baten auch den Leibarzt des Kaisers, v. Lauer, Sr. Majestät hierüber zu berichten. ^K^rhardt's Begleitung hatte man gehofft, dessen versichert zu fein, daß die zuvor mit Mackenzie in Berlin verabredeten Abmachungen: 1) jedes noch abzukneifende Stück an Virchow zu senden, 2) bei dem Wachsen der Geschwulst bie Laryngofissur vornehmen Zu lafsen, auch eingehalten würden. Notorisch sind sie nicht eingehalten worden. . ^richt Dr Landgraf's, welcher den Stand der Krankheit während
des Aufenthaltes in England beschreibt. Die Berichte über den Zustand des Kronprinzen nach seiner Abreise aus England, während seines Aufenthaltes in Toblach und Baveno scheinen un Allgemeinen beruhigender gelautet zu haben, obwohl es sehr auf- stel, daß der ursprüngliche Plan zu einer Reise des Kronprinzen nach Berlin plötzlich fallen gelassen wurde, trotzdem die beruhigendsten Correspondenzen über das gute Aussehen des Kronprinzen bei seiner Durchreise durch Frankfurt a. M. erschienen waren. Die durch allerlei günstige Berichte beruhigte Welt wurde daher nicht wenig überrascht als zu Beginn des November 1887 es auf einmal hießi Mackenzie fei nach San Remo berufen worden, habe dte Krankheit für bösartig erklärt und sofort dte Hinzuziehung anderer Aerzte verlangt. ö
Begreiflicherweise war hierdurch Se. Majestät der Kaiser und die ganze König- liche Faniilte in nicht geringe Aufregung versetzt worden, sodaß Se. Majestät dringend zuverlafsige ilcachrichten über das Befinden seines Sohnes und Thronerben verlangte. Zu diesem Zwecke erhielt die Königl. Hoheit des Prinzen Wilhelm Befehl, mit einem Vertrauensärzte, als welcher Dr. Schmidt in Frankfurt a. M. von den Aerzten des Kaifers bezeichnet worden war, nach San Remo zu eilen. Man hatte von der Sen- c Gerhardt und v. Bergmann Abstand genommen, weil man
furchten mutzte, Mackenzie würde ihren Bericht als einen voreingenommenen bezeichnen. Ebenso hatte man auf den staatlich angestellten Professor der Laryngologie B. Fränkel verzichtet, we.l man gehört, dieser sei bereits von Mackenzie, welcher den erst vor Kurzem tn Berlin als Privatdocent habilirten Dr. Kvause bevorzugt hatte, verworfen worden. Der Kaiser wünschte zu seinem Berichterstatter eine völlig freie und unbeeinflußte Persönlichkeit.
Die Vorgänge bei den ärztlichen Consultationen und den Befund bei denselben schildern bie Herren Professor Schrötter aus Wien und Dr. M. Schmidt aus Frank- furt a. M. (Fortsetzung folgt.)
Lokales.
Gieße«, 14. Juli. Herr Prof. Dr. Peter von Bradke hielt heute Mittag 12 Uhr in der großen Aula des Unioersitätsgebäudes seine akademische Antrittsrede über „Die arische Alterthumswissenschaft und die Eigenart unseres Sprachstammes".
Fussschweiss.
Absolut sichere und dauernde Heilung des lästigen, übermässigen Schwitzens an Fussen und Händen, sowie dessen gesundheitsschädliche Folgen, als kalte Füsse, Rheumatismus, Nasen-, Rachen- u. Brustkrankheiten, Krampf-Anfälle etc bietet der ohne irgend welche schädliche Nachwirkungen für das übrige Befinden und ohne Berufsstorung äusserlich anzuwendende und von dem pract. Arzt Dr. J. V Brandau in Llchtenau, R -B. Cassel, in die Wissenschaft eingefuhrte
Liquor antihidrorrhoicus,
1er n^nden Herren Aerzten geprüft und empfohlen ist und nach dem englischen Patent No. 3913 v. 19. März 1886 dargestellt wird.
Der Liquor kommt in I Literflaschen, die mit Gebrauchsanweisung versehen sind, in den Handel und ist nur in den Apotheken nach den Sätzen der Arzeneitaxe zx> Mk. 5 pro Flasche, die zu einer Kur ausreicht, zu haben. 5027
Man verlange: Dr. Erandau’s Liquor.


