Ausgabe 
15.4.1888 Erstes Blatt
 
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Nr. 88 Erstes Blatt. Sonutag den 15. April 1S88.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Vrrreairr Schulftraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf«

Amtlicher HßeiL

An die Gr. Ortsgerichte des Amtsgerichtsbezirks Gießen.

Die Grundbuchsauszügz werden häufig fehlerhaft ausgestellt, indem beinicht beschränkt" im Grundbuch stehenden Grundstücken im Auszugbeschränkt" eingetragen wird, und umgekehrt. Sie wollen bei Ausfertigung der Auszüge sorgfältigst beachten, ob der Eintrag im Grundbuch ein beschränkter oder nicht beschränkter ist.

Gießen, den 13. April 1888. Großherzogliches Amtsgericht Gießen.

______________________ Langsdorfs.

Gefundene Gegenstände: Eine schwarze Schürze, ein Maßstab, ein Handschuh, eine Wasserwaage, eine Kuhdecke, ein Kaufbrief, ein Regen­schirm, ein Stock, eine Kette, eine Haarnadel. Zugeflogen: ein Kanarienvogel.

Gießen, am 14. April 1888. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Politische Ueberficht

Gießen, 14. April.

In einer anscheinend auf officiösen Quellen beruhenden Berliner Korrespondenz derKöln. Ztg." wird versichert, daß durch die Unterredung Bismarcks mit der Kaiserin Victoria und in Folge des längeren Vortrages, den der Kanzler am Mittwoch dem Kaiser gehalten, die Kanzlerkrisis jetzt wenigstens zum Stillstand ge- fommen und eine Verschärfung für die nächste Zeit jedenfalls ausgeschlossen sei. Hier­mit übereinstimmend weiß auch dieNat.-Ztg." zu melden, daß die Lage durch die Unterredungen des Fürsten Bismarck mit dem Kaiser und der Kaiserin eine Klärung erfahren habe und eine acute Lösung ausgeschlossen erscheine, eine endgültige Ent­scheidung jedoch noch ausstehe. Durch diese Meldungen wird also zunächst der opti­mistischen Auffassung verschiedener Blätter, als ob die Kanzlerkrisis im Großen und Ganzen als beigelegt zu betrachten sei, entschieden widersprochen, aber es scheint doch, daß sie ihren Höhepunkt überschritten habe, ihre völlige Beilegung wird aber erst von der Zeit zu erwarten sein und ob dies bald oder erst später geschehen wird, kann der Fernerstehende einfach nicht beurtheilen. Für die etngetrctene günstigere Wendung spricht auch bk nunmehr wieder erfolgte Abreise des Großherzoglichen Paares von Baden aus der Reichshauptstadt, sie erfährt wenigstens allgemein eine Deutung in diesem Sinne; inwieweit die letzt zum 24. April erwartete Ankunft der Königin Victoria von England in Berlin ebenfalls zur Vermittelung der sich in der Kanzlerkrtsis kreuzenden Gegen­sätze beitragen wird, muß noch dahingestellt bleiben. Uebrigens verlautet jetzt, die eng­lische Königin solle gar keine so warme Befürworterin des battenbergischen Heiraths- projectes sein, wie bislang angenommen wurde, im Gegentheil soll sie die geplante Verbindung zwischen dem Battenberger und ihrer Enkelin, der Prinzeß Victoria, durch­aus nicht begünstigen; .eine Bestätigung dieser Auffassung wird indessen ebenfalls ab- zumarten sein.

Nunmehr liegt auch von hochofficiöser russischer Seite eine Kundgebung zur Aanzlerkrisis vor. DasJourn. de St. P4tersb." bespricht eine ausländische Corre- spondenz derEorrespondence de l' Est" über die battenbergische Angelegenheit, in welcher die Rückwirkungen einer Verbindung des Prinzen Alexander mit der Prinzessin Victoria auf die bulgarische Politik Deutschland's erörtert worden waren. Offen deutet das Organ des Herrn v. Giers daraus hin, daß eine etwaige Stellung des Batten­bergers als Schwiegersohn des deutschen Kaisers die Bestrebungen in Bulgarien zu seiner Rückberufung mächtig emporflammen lassen würde und führt das genannte Blatt dann weiter aus, wie die Wiedereinsetzung des Battenberger's auf den bulgarischen Thron die Ruhe der Balkanländer und die friedlichen Beziehungen der Mächte zu einander aus's Reue in Frage stellen müßte und diese Folgen ließen sich mit dem Programm des deutschen Reichskanzlers wie mit den friedlichen Gesichtspunkten und freundschaftlichen Versicherungen Kaiser Friedrichs nicht vereinbaren. DasJourn. de St. Pätersb." erklärt schließlich seine Ueberzeugung, daß die deutsche Politik diese Folgen abzuwägen und den Gefahren zuoorzukommen wissen werde, die sich für die guten Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland und die Aufrechterhaltung des Friedens möglicherweise ergeben könnten. Die Ausführungen des russischen Regier­ungsblattes bedürfen kaum noch eines Commentars, sie decken sich vollkommen mit der Auffassung des Reichskanzlers über die bedrohlichen Eonsequenzen, welche sich aus einer Verbindung des ehemaligen Bulgarenfürsten mit einer deutschen Kaisertochter ergeben könnten und der Widerspruch Bismarck's gegen diese Verbindung erscheint jetzt um so gerechtfertigter.

Die Zurückbeförderung der Truppen des italienischen Expeditionscorps aus Ostafrika hat bereits begonnen. Am Freitag wurden die ersten Abtheilungen derselben in Massauah eingeschifft und soll die Ueberführung sämmtlicher zur Heimkehr bestimmten Truppen in drei Transporten erfolgen. Den Oberbefehl über die in Massauah turückbleibenden Truppen übernimmt der General Baldissera, welchem Major Piano als Generalstabschef zur Seite stehen wird. Nach dem Abzüge des größten Theiles des Expeditionscorps kann die Aufgabe der in Ostafrika zurückbleibenden italienischen Streitkräfte nur defensiver Natur sein, zumal der heiße ostafrikanische Sommer größere Operationen einfach unmöglich macht. Indessen dürfte auch seitens der Abyssinier ein erneuter Vorstoß einstweilen nicht zu befürchten sein, da, seitdem Ras Alula beim Negus Johannes in Ungnade gefallen ist, die Wiederaufnahme der italienisch -abyssinischen Unterhandlungen nicht unwahrscheinlich ist.

Die ausgezeichneten zwischen dem deutschen Reiche und der Türkei bestehenden Beziehungen haben soeben wieder eine sehr bemerkenswerthe Illustration erfahren. Dieser Tage wurde der deutsche Botschafter v. Radowitz zur Ueberweisung seines neuen Beglaubigungsschreibens in feierlicher Audienz vom Sultan empfangen. Hierbei 'gab der türkische Herrscher, wie der officiöse Telegraph aus Conftantinopel meldet, seiner freundschaftlichen Gesinnung für den deutschen Kaiser einen so eminenten Ausdruck, daß man in diplomatischen Kreisen dies besonders bemerkt hat. Mit dem Ausdrucke dieser freundschaftlichen Gefühle seitens des Sultans standen die glanzvollen Zeremonien, \ unter denen der Empfang ftattfand, vollständig im Einklang.

Die gemäßigten Republikaner in Frankreich versuchen endlich, der von dem Boulangismus" drohenden Gefahr ernstlich entgegen zu treten. So schreibt der be­kannte ehemalige Intimus Gambetta's, Spuller, in derRLpubl. Franc-":Da Bou­langer erklärt habe, daß es sich um ein Duell zwischen ihm und dem Parlamente handele, müsse letzteres die Herausforderung annehmen; da es sich ferner herausgestellt habe, daß Boulanger's Agitation keine vorübergehende, oberflächliche sei und sich gegen die Einrichtungen des Landes richte, so müsse das Cabinet den Kammern Gesetzesoor- schläge machen, wodurch der Schutz und die Vertheidigung der Republik gesichert würde." Ueber diese Vorschläge scheint sich Herr Spuller des Näheren nicht ausgelassen zu haben, es ist aber überhaupt fraglich, ob die französische Regierung den Boulangerschwindel durch bloße Gesetzvorlagen noch zu bekämpfen vermag. Die französischen Kammern, nehmen am nächsten Donnerstag ihre durch die Osterferien umerbrochene Thätigkeit wieder auf. Die Session soll nur bis in den Mai dauern und deshalb, wie in An­betracht der ernsten innerpolitischen Lage glaubt man, daß Präsident Carnot seine be­absichtigte Reise nach dem Südwesten aufgeben werde. Aus denselben Gründen hat Ministerpräsident Floquet von einer geplanten Reise in die Provinz abgesehen. Laguerre, Laur und andere bekannte Boulangisten haben ein Manifest an die Wähler des Norddepartements erlassen. Dasselbe enthält heftige Ausfälle gegen die Regierung und erklärt Boulanger für einen Republikaner, der sich zu einem Programme auf­richtiger demokratischer Reformen bekenne.

Telegraphische Depeschen.

Wolffs lelegr. Correspondenz- Bureau.

Berlin, 13. April. Die Vorstandsmitglieder des Berliner Ueberschwemmungs- Comitä's sind auf Nachmittags zur Kaiserin in Ehailottenburg beschieden.

Die Kaiserin Augusta empfing gestern Abend einen längeren Besuch des Fürsten Bismarck. Heute Vormittag nahmen der Justizminister, der Hausminifter und der Geheime Regierungsrath Unruhe, die Papiere und Briefschaften, welche noch im gelben Zimmer des Kaisers Wilhelm verschlossen lagen, an sich; dieselben wurden nach dem Hausministerium überführt. K

Der Kronprinz ließ dem Oberpräsidenten Achenbach 10,000 JL für die Ueberfchwemmten zugehen.

Würzburg, 13. April. Bei dem heute Nachmittag stattgehabten 16. Landtags- Wahlgange waren 69 abstimmende Wahlmänner anwesend und wurde der Regierungs­rath Burkard (frf.) mit 41 Stimmen gewählt.

Wien, 13. April. Der Kronprinz ist Nachts zur Jnspicirung nach Ungarn abgereist.

Paris, 13. April. In der gestrigen Versammlung zu Maubeuge wurde be­schlossen, der Candidatur Boulanger's zuzustimmen.

Loudon, 13. April. Der Hilfsfond für die Ueberfchwemmten in Deutschland hat die Höhe von 60,000 JL erreicht; der Gemeinderath der City hat 2100 v4L, der Botschafter Malet und seine Gemahlin haben 2000 JL zu demselben beigesteuert.

Chrisiiania, 13. April. Das Storthing nahm die Zollerhöhung für Spiritus an. Die Erhöhung ist heute in Kraft getreten.

Belgrad, 13. April. Die Skurnchtina genehmigte einstimmig die Consular- Convention und die Convention wegen Auslieferung von Verbrechern zwischen Serbien und der Türkei.

Paris, 14. April. sPrivatdepesche desGießener Anzeigers".j Die französische Regierung ordnete die strengste Untersuchung betreffs der Mißhandlung deutscher Studenten in Belfort an.

LandwirthschaftlLche Nachrichten.

(Nachdruck verboten.)

Da das Aufeggen der Weizenfelder im Frühjahr vielfach üblich ist, so erinnern wir daran, daß auf den Weizenfeldern nasse Witterung und Feldlage Keimung und Entwickelung des rothen Mohn begünstigen. Wo viele Mohnsamen im Acker befindlich sind, darf das Aufeggen des Weizens im Frühjahr nur bei völlig trockener Witterung vorgenommen werden. Geht dies aus wirthschaftlichen oder Wetter-Ursachen nicht an, so muß es lieber ganz unterbleiben. Drillcultur des Getreides und gleichzeitiges Behacken der jungen Saat vertilgen den Mohn binnen wenigen Jahren; doch zeigen sich oft auf Feldern, wo der Mohn verschwunden schien, in nassen Jahren auch uner­wartet viele Pflanzen, so daß eine beständige Achtsamkeit auf dieses Unkraut geboten ist. Der Schaden, den der reichlich aufgehende Mohn anrichten kann, ist ein noch viel bedeutenderer, als der noch sehr fragliche Vortheil, der durch das Aufeggen des Weizens erzielt wird.

(Anzucht von Welnstöcken.j Es hat für den Besitzer eines Gartens oft einen hohen Reiz, einen Obstbaum, einen Strauch, eine Weinrebe selbst zu ziehen, häufig macht dem Besitzer ein einziger selbstgezogener Pflegling mehr Freude als die übrigen Schätze des Gartens. Heute wollen wir nun unseren Lesern einige Winke geben, wie