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Samstag den 14. Juli

Nr. 162

1888.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

V

Bureau r Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf;

Amtlicher Hßeik.

Bekanntmachung.

Es wird hierdurch zur Kenntniß der Jntereffenten gebracht, daß der Vorstand der Steinbruchsberufsgenossenschaft, Section V, den Herrn Ingenieur Karl Drost zu Dortmund zum Beauftragten der Settion V im Sinne des § 82 des Unfallversicherungsgesetzes ernannt hat.

Gießen, am 9. Juli 1888. Großherzogliches Krei-amt Gießen.

Dr. Boekmann.

Politische Rundschau

Gießen, 13. Juli.

An diesem Samstag wird Kaiser Wilhelm von Kiel aus, dem ersten Hafen des Reiches, seine Meerfahrt antreten, die ihn nach den russischen Gestaden zu der be­deutungsvollen Begegnung mit dem Czaren führen soll. Kaiser Wilhelm wird wahrscheinlich drei Tage lang der Gast der Czarenfamtlie sein und gedenkt er auf der Rückreise nach Deutschland auch den Höfen von Stockholm und Kopenhagen einen Besuch abzustatten. Selbstverständlich war, daß ein so wichtiges Ereigniß, wie die Zusammenkunft der Herrscher von Deutschland und Rußland, noch vor seinem Ein­tritte bereits den Mittelpunkt der europäischen Tagesdiscussion bildete und dies wird natürlich in kommender Woche erst recht der Fall sein. Rur gehen bislang die Preß- äußerungen über die politische Bedeutung des Ereignisses noch ziemlich weit auseinander, allerdings wird auf keiner Seite der friedekündende Eharacter der bevorstehenden Kaiser-Begegnung geläugnet, aber während die Einen meinen, daß sie tiefgehende Wandlungen in der bisherigen europäischen Eonstellation zur Folge haben werde, sind die Andern der Ansicht, daß die internationalen Beziehungen auch nach der Entrevue im Großen und Ganzen unverändert bleiben werden. Vielleicht liegt die Wahrheit, wie in so vielen Dingen, auch hier in der Mitte, jedenfalls wird aber die persönliche Aussprache zwischen Kaiser Wilhelm II. und dem Kaiser Alexander von beruhigender und klärender Rückwirkung auf die gesammte Lage sein und deshalb' können alle eu­ropäischen Friedensfreunde mit Zuversicht der neuesten Monarchenbegegnung ent­gegensehen.

Kaiser Wilhelm II. hat soeben einen erhebenden Beweis kindlicher Pietät gegen­über den Manen des hochseligen Kaisers Friedrich gegeben. Ein vom 9. d. M. datirter kaiserlicher Erlaß ordnet an, daß das von Kaiser Friedrich angeregte Project der Erbauung eines Domes in Berlin mit allem Nachdruck gefördert werde. Die Aus- und Fortführung des Planes, im Sinne seines verstorbenen Vaters, sei ihm, dem Kaiser, ein heiliges Vermächtniß. Er wünsche, daß das Werk die Arbeit kröne, welche sein verstorbener Vater jahrelang auf dasselbe verwandt habe. Die bereits auf Befehl Kaiser Friedrichs eingesetzte Jmmediat-Commission soll unverzüglich mit ihren Arbeiten beginnen.

Erst am letzten Donnerstag hat der Bundesrath in einer Plenarsitzung seine Arbeiten für das Sommerhalbjahr definitiv beendigt. Die in der erwähnten Sitzung zur Erledigung gelangten Gegenstände beanspruchter kein sonderliches Interesse.

Aus den Wochenereigniffen auf dem Gebiete der inneren Angelegenheiten sind ferner heroorzuheben die Veröffentlichung des umgeanderten Entwurfes der Alters­und Invalidenversicherung der Arbeiter, das Urtheil des Reichsgerichtes im Landes- verrathsprocesse Dietz und der definitive Rücktritt des bisherigen Chefs der Admiralität v. Caprivi. Was letzteren Vorgang anbelangt, so erblickt man in ihm allseitig nur den Anfang zu ferneren wichtigen Veränderungen, über deren Umfang jedoch noch nichts Genaues feststeht. Herr v. Caprivi selbst wird voraussichtlich das Commando eines Armeecorps übernehmen, während zu seinem Nachfolger in seinem bisherigen Posten bekanntlich der gleichzeitig zum commandirenden Admiral beförderte seitherige Vice- Admiral Graf Monts provisorisch ernannt worden ist, welche Ernennung aber bald in ein Definitum umgewandelt werden dürfte.

In Oesterreich-Ungarn wird die Thätigkeit der beiderseitigen Ministerien augenblicklich durch das neue Wehrgesetz in Anspruch genommen, welches dem öster­reichischen Reichsrathe albald nach seinem Wiederzusammentritte vorgelegt werden soll. Nach den bisherigen Mittheilungen über das neue Gesetz wird dasselbe von ziemlich einschneidender Wirkung auf die künftige Gestaltung der Wehrverhältnisse des Donau­reiches sein. So soll die Bestimmung, wonach die Kriegsstärke der österreichisch-un­garischen Armee 800,000 Mann beträgt, wegfallen und an ihre Stelle der Grundsatz treten, daß sich die Kriegsstärke nach der Beoölkerungszahl Oesterreich-Ungarns richtet. Wird dieser Grundsatz practisch durchgeführt, so wird das österreichisch-ungarische Heer im Kriegsfälle künftig weit über eine Million Streiter zählen. Die Recrutirung soll ferner sowohl für das stehende Heer, als auch für die Ersatz - Reserve und die Land­wehr erfolgen, auch sollen die Ersatzreservisten in Zukunft jährlich zu einer dreiwöchent­lichen Waffenübung einberufen werden. Das neue Wehrgesetz stellt sich somit als eine abermalige bedeutende Erhöhung der militärischen Kraft und Schlagfertigkeit Oesterreich- Ungarns dar.

Das meerbeherrschende Albion giebt in diesen Tagen der Welt das in­teressante Schauspiel einer Flottenmobilisirung zum Besten. Zwei große Geschwader, unter ihnen die stärksten Schlachtschiffe Englands, sollen an bestimmten Punkten und innerhalb einer gewissen Zeit vollständig kriegsbereit zusammengezogen werden, um bann gegeneinander zu manövriren. Die englische Regierung will hierdurch Europa ad oculos demonstriren, daß die schweren Angriffe, welche im In- wie Auslande gegen die Schlagfertigkeit der englischen Flotte gerichtet worden sind, unbegründet erscheinen und daß England sehr wohl im Stande ist, erforderlichen Falls mit feiner Flotte schnell und nachdrücklich in eine europäische Action einzugreifen. Inwieweit dieser Be­weis durch die Flottenmobilisirung erbracht werden wird, dies wird deren Verlauf ja zeigen.

Die Franzosen feiern an diesem Samstag ihr Nationalfest, den Jahrestag des Bastillensturmes. Das Fest soll diesmal innerhalb eines besonders glänzenden Rahmens begangen werden, sieht man aber näher zu, so läuft schließlich Alles darauf

hinaus, Reclame für die Republik zu machen, was z. B. auch von dem famosen Fest­bankette der 30,000 Bürgermeister auf dem Pariser Marsfelde gilt. Die gichtbrüchige dritte Republik hat bei ihren faulen inneren Zuständen, und ihrem tief gesunkenen Ansehen nach Außen eine solche Reclame auch stark nöthig schade nur, daß sie nicht viel helfen wird!

Deutschland.

Darmstadt, 12. Juli. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller- gnädtgst geruht:

Am 10. Juli dem Senatspräsidenten bei dem Oberlandesgericht Carl Eckstein das Comthmkreuz zweiter Clafse des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen zu verleihen.

Darmstadt, 12. Juli. sOrdensauszeichnung.j Nach demReichsanzeiger" hat der Kaiser den nachbenannten Großherzoglichen Beamten folgende Auszeichnungen ver­liehen, und zwar: dem Oberst-Kammerherrn v. Grolman den Rothen Adlerorden erster Klasse; dem Geh. Rath v. Werner im Staatsministerium den Stern zum Rothen Adlerorden zweiter Klasse; dem außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Ministerin Berlin, Wirklichen Geheimen Rath Dr. Neidhardt, den königlichen Kronenorden erster Klasse mit Brillanten; dem Staatsminister, Minister des Großh. Hauses und des Aeußeren, Minister des Innern und der Justiz, Finger, den könig­lichen Kronenorden erster Klasse; dem Ober - Stallmeister , Kammerherrn Freiherrn von Nordeck zur Rabenau, den Stern zum königlichen Kronenorden zweiter Klasse;, dem Hof-Jägermeister, Kammerherrn v. Werner, und dem Geheimen Rath und Vor­stand der Großh. Cabinetsdirection, Dr. B ecker, den königlichen Kronenorden zweiter Klasse, sowie dem Legationsrath Dr. jur. Breidert im Staatsministerium den königl. Kronenorden dritter Klasse. Ferner hat der Kaiser dem bisherigen Regierungsbaumeister in Berlin, jetzigen Großh. hessischen Oberbaurath und Vortragenden Rath im Ministerium der Finanzen, Victor von Weltzien, den königlichen Kronenorden vierter Klasse verliehen.

Telegraphische Depeschen.

Wolffs telegr. Korrespondenz. Bureau.

Berlin, 12. Juli. Der Kaiser hörte gestern einen Vortrag des türkischen Staatssecretärs Horn. Das Kaiserpaar machte Abends eine Wasserfahrt auf der DampfyachtAlexandria". Dem heute Abend um 7 Uhr im Stadtschloß in Potsdam stattfindenden Botschafter- und Gesandten - Diner wohnen ferner der Staatsminister Graf Bismarck, Wedell, Lucanus, Albedyll, Graf Eulenburg und der Ober-Stallmeister Rauch bei.

Reichskanzler Fürst Bismarck ist mit dem Grafen Rantzau heute um 5*/r Uhr Nachmittags nach Friedrichsrub abgereist.

Berlin, 12. Juli. Heute Abend 7 Uhr fand im Marmorsaale des Stadtschlosses zu Potsdam das große Galadiner statt, zu dem alle Botschafter, Gesandten mit ihren Attaches und zahlreiche andere distinguirte Personen geladen waren. Der Kaiser trug die Gardehusaren-Uniform mit dem großen Bande des schwarzen Adlerordens. Rechts und links neben dem Kaiser saßen die Botschafter nach der Anciennität. Dem Kaiser gegenüber saß Staatssecretär Fürst Bismarck. Vor dem Beginn des Diners nahm der Kaiser im Broncesaale die Vorstellung der Geladenen entgegen. Gegen 9 Uhr kehrten dieselben mit Extrazug nach Berlin zurück.

DenBerl. Polit. Nachr." zufolge ist Regierungsrath Brandenstein zum Präsidialrath der königlichen Regierung zu Potsdam ernannt.

Beim gestrigen Empfange der Deputation der Akademie der Künste betonte der Kaiser, den Traditionen seines Hauses gemäß, im Derhältniß zur Kunst sein beson­deres Interesse und versprach, derselben ein Schutzherr zu sein. Er sprach schließlich seine Freude aus über die großen Aufgaben, welche den Künstlern durch die Denkmäler für die Kaiser Wilhelm und Friedrich, durch den Berliner Dombau und andere beab­sichtigte Kunstschöpfungen erwüchsen.

London, 12. Juli. Einer Meldung desBureau Reuter" aus Capstadt zu­folge stand gestern Abend der Eingang des Schachtes im Bergwerk Debeers bei Kim­berley in vollem Brand. Bei Ausbruch des Feuers sollen sich in demselben 800 Leute, darunter der Betriebsleiter Lindsay und zahlreiche Europäer, befunden haben. Man befürchtet zahlreiche Menschenverluste.

Rom, 12. Juli. Einer Meldung aus Massauah zufolge hat gestern eine Explosion einer kleinen Quantität explosiver Gelatine im Pulverthurm des Forts Arckiko stattgefunden, durch die sieben Soldaten leicht verwundet worden sind. Die Untersuchung ist eingeleitet; verbrecherische Absichten scheinen jedoch ausgeschlossen zu sein.

Wiesbaden, 13. Juli. Der Kronprinz von Serbien wurde heute Vormittag kurz nach 10 Uhr dem Polizeipräsidenten übergeben.

Die Krankheit Kaiser Friedrichs.

(Fortsetzung.)

Das folgende Kapitel der Broschüre behandelt den von Dr. Mackenzie gegenüber der von den übrigen Aerzten auf Krebs lautenden Diagnose entgegengesetzten Wider­sprach. Mackenzie erklärte nach der am Abend des 21. Mai 1887 von ihm vor­genommenen Untersuchung des Kronprinzen, daß er die Krankheit nicht für Krebs halte. Das ganze Aussehen der Anschwellung sei nicht krebsartig; deshalb sei er gegen die