M. 12 Samstag den 14. Januar ' 1888.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher H h ei t.
Das Großhcrzoqlichc Steuer-Commissariat Gießen
an die Großherzoglichen Ortsgerichtsvorsteher deS Bezirk-.
Wir ersuchen Sie um Rücksendung der Bau- und Cultur-Veränderungs-Verzeichnisse, nachdem Sie auf solchen die Offenlegung bescheinigt haben.
Gießen, am 12. Januar 1888.Süsfert.
Politische Wochen - Ueberfkcht.
Gießen, 13. Januar.
Die Krankheits-Erscheinungen beim Kaiser haben in wahrnehmbarer Weise abgenommen, doch wird die völlige Wiederherstellung der hohen Herrn wohl erst in einigen Tagen zu gewänigen sein; einstweilen bedarf er noch sehr der Ruhe.
Recht zufriedenstellend lauten fortgesetzt die Berichte aus San Remo über das Befinden des Kronprinzen und stimmen fie ganz zu der wiederholt geäußerten Zuverstcht des erlauchten Kranken, in völliger Genesung im kommenden Frühjahr oder Sommer nach der Heimath zurückkehren zu können. — Von einem gegen den Kronprinzen verübten nichtswürdigen Act weiß der Special- Correfpondent des „Berl. Tagebl." m San Remo zu berichten. Der genannten Quelle zufolge sind fämmtliche Lieblingshunde des Kronprinzen von unbekannter Hand vergiftet worden, eine Nichtswürdigkeit, die bei dem bekannten gewinnenden Wesen des kronprinzlichen Herrn und der außerordentlichen Beliebtheit, deren er sich auch bei der Bevölkerung von San Remo erfreut, ganz unerklärlich erscheint.
Mit der Wiederaufnahme der Verhandlungen des preußischen Landtags und des deutschen Reichstags wird die parlamentarische Thätigkeit im neuen Jahre rasch ihrem Höhepunkte zuführen. Rach Allem, was bis jetzt über das Arbeitsprogramm des preußischen Landtags verlautet, erwarten denselben keine außerordentlichen Ausgaben und es dürften sich daher seine Verhandlungen im Allgemeinen glatt abwickeln. Zwischenfälle sind natürlich nicht aurgeschlsffm und besonders von dem im Abgeordnetenhause angekündigten conservatio-nationalliberalen Anträge, betr. die Verlängerung der Legislatur- Perioden — ein gleicher Antrag für das Reich steht bekanntlich auch im Reichstage zu erwarten — ist anzunehmen, daß er zu bewegten Debatten führen wird. Sonst aber scheint das den Landtag erwartende Arbeitsmaterial nicht geeignet zu sein, hitzige parlamentarische Kämpfe hervorzurufen, während sich dagegen der neue Abschnitt der Reichstagssession voraussichtlich um so bewegter gestalten wiro. Vor Allem werden da die Fragen der Verlängerung der Legislatur- Perioden für das Reich und des Soctalistengesetzes, resp. die signalisirten Ver- schärsungen desselben zu ebenso interessanten wie lebhaften Verhandlungen führen und daß ferner auch die beträchtliche Neuforderung von ca. 100 Mill. «X, die mit d:m neuen Wertgesetz zujammenhängt, Veranlassung zu allerhand Ausein- anderschungen im Reichstage geben wird, kann kaum bezweifelt werden. Jedoch auch sonst noch ist die Tagesordnung des Reichstages in dem bevorstehenden weiteren Sesfionsabschnitte qualitativ wie quantitativ eine sehr reichhaltige und rechtfertigt sie darum das Interesse, welches man allseitig auch den ferneren ReichstagsVerhandlungen entgegenbringt.
Der Bundesrath hat seine Verhandlungen bereits Anfangs dieser Woche wieder ausgenommen. Eingegangen ist während der Weihnachtspause u. A. der in erster Lesung fertiggestellre Entwurf eines bürgerlichen Gesetzbuches nebst dem begleitenden Bericht. Wie der Vorsitzende der mit Ausarbeitung des Entwurfes beauftragt gewesenen juristischen Commission, Wirkt. Geh. Rach v. Pape, bei Ueberreichung des Berichts erklärte, hat die Auf- und Feststellung des gegenwärtigen Entwurfes nicht weniger als 61/» Jahre in Anspruch genommen. Während die Vorarbeiten zur Redaction sogar 7 Jahre — vom September 1874 bis October 1881 — beanspruchten. Von einer sofortigen Berathung des Entwurfes seitens des Bundesrathes kann indessen noch keine Rede fein, dazu ist der Entwurf noch nicht genug durchgearbeitet. Vielmehr wird der Bundesrath vorerst nur sein Gutachten über denselben abzugeben haben, woraus der Entwurf zu gleichem Zweck auch weiteren competenten Kreisen vorgelegt werden soll.
In Rom sind aus Ostaftika neuerliche Meldungen eingelaufen, welche die precäre Lage des ftalienifchen Expeditionscorps bestätigen. In Gura befinden sich 25,000 berittene Gallas (Negerhilfstruppen des abyssinischen Herrschers), denen 30—40,000 Fußtruppen folgen. Der Negus Johannes selbst befindet sich in Adua. Die in Ghinda stehenden gbyssinischen Truppen fällen alle Bäume an der nach Saati führenden Straße, um Verhaue anzulegen. Ferner hat König Menelik von Schoa, dessen Haltung in dem italienisch - abyssinischen Conflicte bisher schwankend war, alle Europäer aus seinem Reiche vertrieben und ein Bündniß mit dem Negus abgeschlossen, lieber den weiteren Vormarsch der Italiener fehlen seit ein paar Tagen wieder einmal alle Nachrichten.
Aerrtschlanv.
Darmstadt, 11. Januar. (Zweite Kammer der Stände.) Abgeordneter Dr. Osann hat bei der Zweiten Kammer der Stände folgenden Antrag
betr. die Verordnung vom 10. November 1886, den Betrieb von Wirthschasten und den Kleinhandel mit Branntwein und Spiritus, eingebracht: „Großh. Staatsregterung zu ersuchen, die Verordnung vom 10. November 1886, betr. den Betrieb von Wirthschasten und den Kleinhandel mit Branntwein und Spiritus, derart abzuändern, daß dieselbe Anwendung nicht erleide auf Fälle, in denen die Erlaubniß nachgesucht wird von Personen: 1) welche sich im Besitz einer betr. Erlaubniß befinden und nur den Ort des Gewerbebetriebs in derselben Gemeinde verlegen; 2) welche ein Haus ober ein Geschäft durch Erbschaft, Kauf rc. erwerben, in welchem der betr. Gewerbebetrieb zur Zeit der Erwerbung des Hauses, bezw. des Geschäfts bereits bestanden hat. Zahlreiche, fortwährend sich vermehrende Fälle schwerer Benachthetligung von Personen, die Unsicherheit der Rechts- und Geschäfts-Verhältnisse, die Verletzung des Rechtsgefühles, die Verschiedenheit der Entscheidungen je nach strengerer ober milderer Beurtheilung, die Billigkeit, die Rücksicht aus Erhaltung bestehender Verhältnisse rc., rechtsertigen den vorstehenden Antrag." /
Darmstadt, 12. Januar. [Breite Kammer der Stände.^ Vom Abg. Haas ist folgender Antrag eingebracht worden: Den Mitgliedern der beiden Kammern der Landstände sind gegen den Schluß des XXV. Landtags hin Seitens Großh. Regierung gedruckte Exemplare der Herstellung der Ergebnisse Der auf landständisches Ersuchen veranstalteten Erhebungen über die Lage der Landwirthschaft im Großherzogthum und der dc z.. gehörigen Einzelberichte zugegangen, ohne daß die geschäftlichen Verhältnisse des Landtags es gestattet hätten, — so wünschenswerth dies aus verschiedenen Gründen gewesen wäre — das reiche Material, welchem eine weit über die eigentliche landwirth- schaftliche Interessensphäre hinausreichende, allgemein volkswirthschaftliche Bedeutung nicht abgesprochen werden kann, der nothwendigen Prüfung behufs Erwägung der Frage zu unterziehen, ob und zu welchen weiteren legislatorischen, finanziellen oder administrativen Maßnahmen im Interesse der Hebung des landwirthschaftlichen Gewerbes, neben den regierungsseitig oder von anderer Seite bereits getroffenen, die Resultate Anlaß geben müssen. Diese Aufgaben dürften deshalb dem gegenwärtigen Landtag zufallen, zumal das Enquetewerk einer Fructificirung durchaus werth ist und die weitere Behandlung des Gegenstandes auch schon gelegentlich des oben erwähnten Ersuchens an die Regierung landständischerseits in Aussicht genommen worden. Selbstverständlich würde die Berichterstattung durch einen Ausschuß der Berathung voran- zugchen haben und empfiehlt sich zu diesem Behufe die Einsetzung eines Sonderausschusses. Ich beantrage hiernach (zur Geschäftsordnung): Die Kammer wolle 1) die Ergebnisse der landwirthschaftlichen Enquete in Erwägung ziehen, und 2) zu diesem Zweck einen aus 5 Mitgliedern zu bildenden besonderen Ausschuß mit der Berichterstattung über das mitgetheilte Enquetewerk beauftragen.
Berlin, 12. Januar. In der heutigen Sitzung der Stadtoerordneten-Ver- sammlung verlas der Vorsitzende folgendes Antwortschreiben des Kronprinzen:!
Auf die Glückwunschadresse der Versammlung zu Neujahr, für die guten Wünsche, die mir die Stadtverordneten Berlins bei dem Jahreswechsel in die Ferne gesandt haben, und für den Ausdruck herzlicher Thetlnahme, welche die Bewohner Berlins in treuer Anhänglichkeit meinem Leioen zollen, spreche ich den Stadtverordneten meinen aufrichtigen Dank aus. Es würde mir aber ein trübender Gedanke sein, wenn ich erkennen müßte, daß diese Theilnahme auf das gesellschaftliche Leben der Bürgerschaft einen Einfluß ausübt, welcher auf einige Industriezweige der gewerkthätigen Hauptstadt lähmend einwirken müßte. Der jetzige Zustand meines Befindens erfüllt mich mit dem wohlthuenden Gefühle zuversichtlicher froher Hoffnung und es würde mich beglücken, wenn ich erführe, daß sich eine gleiche Stimmung in dem gesellschaftlichen Leben Berlins geltend machte. Der Bürgerschaft sende ich meinen herzlichen Gruß zum neuen Jahre.
San Remo, den 5. Januar 1888.
(gez.) Friedrich Wilhelm, Kronprinz.
An die Stadtverordneten zu Berlin.
Der Vorsitzende schloß die von Beifall unterbrochene Verlesung mit einem Hoch auf den Kronprinzen, in das die Versammlung lebhast einstimmte. (F. Z.)
— Wie die „Ostpreuß. Zeitung" unter Vorbehalt meldet, werben zum 1. April b. Js. verschiedene Befatzungs-Veränberungen an dortiger Grenze vor sich gehen. So werden zwei Bataillone des schlesischen Füsilier-Regiments Nr. 38 mit dem Stabe nach Goldap verlegt, ein Theil des 2. Bataillons wird in Mierunsken, wo bisher noch kein Militär lag, die Besatzung bilden. Das jetzt in Goldap stehende 3. Bataillon des ostpreußischen Füsilier-Regiments Nr. 33 soll nach Pillau kommen.
Ilrankreich.
Paris, 9. Januar. Nach den Berichten hiesiger Blätter hat Leo XIII. den französischen Botschafter beim Vatikan, be Behaine, mit großer Auszeichnung behandelt. Der Papst soll über die Liebesgaben des katholischen Frankreichs, das immer die erste Nation sei, wenn es gelte, den Stellvertreter Christi auf Erden zu ehren, tief gerührt gewesen sein. Der Papst kann übrigens mit seinem Jubiläum zufrieden sein. 60,000 Pilger, worunter 35,000 Italiener, 5000 Franzosen, 4000 Deutsche und 2000 Spanier find nach Rom gewandert und 52 Cardinäle und 560 Bischöfe schlossen sich ihnen an. Der Gesammt- werth der Geschenke wird auf 60 Millionen geschätzt, das boare Geld beträgt 14 Millionen. Unter den Geschenken befinden sich auch 90,000 Flaschen Wein, für die man einen befonbern Keller bauen mußte.


