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Nr. 288 Dienstag den 13. November 1888.

Meßmer Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Politische Rundschau.

Gießen, 12. November.

Die kaiserliche Ordre über die Einberufung deS Reichstages ist nunmehr erschienen und wird ihr zufolge der Reichstag am 22. November zu seiner Winter­sesston zusammentreten. Derselbe dürfte bei seinem Zusammentritte jedenfalls den Reichshaushaltsetat vollständig vorfinden, denn vom Bundesralh sind schon in der Plenarsitzung vom 8. d. M. eine ganze Reihe von Etatsthetlen definitiv genehmigt worden und den Rest der Etats-Vorberathung wird der Bundesrath bis zum 22. No­vember sicherlich noch erledigen. Auch die Alters- und Jnvaliditätsversicherungsvorlage soll, entgegen den bisherigen Annahmen, dem Reichstage bei Eröffnung der Session doch noch zugehen. ET heißt, daß in der Bundesrathscommission, welche zur Be­arbeitung der Abänderungsvorschläge zum Altersversicherungsgesetz eingesetzt wurde, neben andern minder wichtigen Aenderungen vor Allem die Beseitigung des in dem früheren Entwürfe vorgesehenen einheitlichen Satzes für die Invalidenrente beschlossen worden sei. Es soll hierbei als zweckmäßig erachtet worden sein, die Rente In Ab­stufungen nach Maßgabe der in großen Octschaftsgruppen gezahlten Tagelöhne so steigen zu lassen, daß die Rente in ein bestimmtes Verhältniß zu der Höhe des ortsüblichen Tagelohns gesetzt wird. Dabei würde davon ausgegangen werden, daß die Gesammt- belastung der Arbeiter und Arbeitgeber nicht erhöht werden dürfe, sondern nur eine auderwette Vertheilung der Beiträge nach Maßgabe der Höhe der Durchschnittslöhne zu erfolgen haben würde. Zweifellos wild diese wichtige Aenderung bei der in dieser Woche erfolgenden Plenarberathung des Bundesrathes über die Jnvaliditätsoersicherungs- Vorlage Zustimmung finden, ebenso wie der ganze übrige Entwurf und es steht somit allerdings zu erwarten, daß derselbe sich bei der Reichstags-Eröffnung auf demTische des Hauses" vorfinden wird, so daß bis Weihnachten die erste Lesung dieser wichtigsten Vorlage der bevorstehenden Session vom Hause vielleicht beendigt sein könnte.

Die preutzischen StaatSeisenbahnen haben, wie dieNordd. Allg. Ztg." jüngst mittheilte, noch niemals eine so starke Einnahme erzielt, wie im ersten Semester des laufenden Rechnungsjahres, denn sie betrug am Schluffe des Semesters rund 394,974,000 Mark und erscheint dies um so bemerkenswerther, als die Güter­tarife auf den preußischen Staatsbahnen vielfach ermäßigt worben sind. Gegen­über dem sich unerwartet steigernden Verkehr hat sich das rollende Material der Staats­bahnen ganz ungenügend erwiesen und stellt darum dieNordd. Allg. Ztg." eine Vor­lage an den Landtag in Aussicht, welche einen besonderen Eredir zur Verstärkung des Fuhrparkes der Staatsbahnen von nicht weniger als 45 Millionen Mark fordert. Trotz der bedeutenden Ueberschüsse bet der Staatsbahnverwaltung leuchtet die Noth- wendigkeit einer so enormen Eredttmaßregel nicht ohne Weiteres ein und wird sie daher seitens der preußischen Regierung dem Landtage gegenüber jedenfalls erst sehr eingehend begründet werden müssen.

In der diplomatischen Vertretung Oesterreich»Ungarns an den Höfen der deutschen Mittelstaalen sind Personaloeränderungen erfolgt. Zum Gesandten Oesterreich-Ungarns in München ist Fürst Wrede neu ernannt worden, der bisherige österreichische Gesandte in Dresden, Baron Herbert Nathkeal, wurde nach Stuttgart versetzt und der bisherige Vertreter Oesterreich - Ungarns am Brüsseler Hofe, Graf Chotek, zum Gesandten in Dresden ernannt.

Das deutsche Lchulgeschwader, welches anläßlich des Regierungsjubiläums des Königs von Griechenland nach Athen beordert worden war, hat von hier aus den Häfen von Triest und Pola einen Besuch abgestattet und sind vom Kaiser Franz Josef besondere Befehle zu einer glänzenden Aufnahme des deutschen Geschwaders seitens der österreichischen Behörden gegeben worden. Von den österreichischen Gewässern aus wird das deutsche Schulgeschwader, wie verlautet, direct nach Zanzibar segeln, um an der zur Bekämpfung des Sclavenhandels beschlossenen deutsch-englischen Blokade der Zanzibarküste theilzuuehmen; auch die englische Flottenmacht in den ostafrikanischen Gewässern wird anläßlich der Blokade auf 7 Panzerschiffe erhöht werden.

König Christian IX von Dänemark feiert am kommenden Donnerstag sein 25jähriges Regierungsjubiläum und wird aus diesem Anlasse sich ein glänzender Kreis von Fürstlichkeiten an seinem Hofe vereinen, unter ihnen zunächst die Vertreter der dem dänischen Königshanse so nah verwandten Herrscherfamilien von Rußland, England und Griechenland, bann die Vertreter des preußischen Königshauses (Prinz Heinrich von Preußen), der österreichischen Kaiserfamilie (Erzherzog Wilhelm), des belgischen und des schwedischen Königshauses u. s. w. In einer sehr bewegten Zeit übernahm König Christian, damals 45 Jahre alt, die Regierung Dänemarks, als Nach­folger des kinderlosen Königs Friedrich VII. Die schleswig-holsteinische Frage drängte mit Gewalt ihrer Lösung zu und hielt die Gemüther in Dänemark in Aufregung und stürmisch drängten die politischen Parteien Dänemarks nach vollständiger Vereinigung der Elbherzogthümer mit dem übrigen dänischen Reiche. Aber diese Strömung be­schleunigte nur den Ausbruch der Crisis und fand 1864 zunächst der Einmarsch der deutschen Bundestruppen, der Sachsen und Hannoveraner, in Holstein und bann, nach deren von ben beiden deutschen Großmächten erzwungenen Zurückziehung, der Ein­marsch der Preußen und Oesterretcher in die Elbherzogthümer statt, was natürlich den Krieg zwischen den deutschen Großmächten und Dänemark zur Folge hatte. Derselbe führte bekanntlich für Dänemark zum Verluste seiner beiden deutschen Provinzen, aber | das dänische Volk konnte diese schwere Niederlage lange nicht verwinden und der I deutsch-französische Krieg erweckte bei seinem Ausbruche in Dänemark die Hoffnung, i durch ein Bündniß mit Frankreich die verlorenen Provinzen wieder zu erlangen. * Es ist zum Theil ein persönliches Verdienst des Königs Christian, daß er dem Drängen j 6er revanchebegierigen sogenannten Eiderdänenpartei, welche durchaus mit Frankreich j Zusammengehen wollte, entschieden widerstand und der Verlauf der Dinge hat gezeigt, § noie unheilvoll für Dänemark das angestrebte Bündniß mit Frankreich geworden wäre. 5 Seitdem wurden die Dänen in ihren nationalen Wünschen bescheidener, sie zielten zu- ; letzt nur noch auf eine friedliche Rückgewinnung Nordschleswigs, aber auch in dieser Richtung sind die dänischen Aspirationen so aussichtslos, daß in Dänemark mehr und mehr eine Strömung zum Durchbruche kommt, welche unter Verzicht auf Nordschleswig eine ehrliche Annäherung Dänemarks an ben mächtigen deutschen Nachbar sucht Der ' Äesuch Kaiser Wilhelms II. in Kopenhagen beweist, daß die deutsch-dänischen Be-1

; Ziehungen in der That einen freundlicheren Charakter angenommen haben und die * Hoffnung, daß sich dieses Verhältniß noch weiter bessern werde, wirft nicht zum Ge^ i ringsten einen Hellen Schein auf das in der dänischen Hauptstadt bevorstehende festliche Ereigniß.

KerttlÄtand.

Darmstadt, 10. November. Seine Königliche Hobelt der Großherzog empfingen heute u. A. brn Landrichter Dr. Linkenheld von Gießen.

Darmstadt, 10. November. Für die Emin-Pascha-Expedition hat Se. Königl. Hoheit der Großherzog einen Beitrag von 1000 JL gespendet und damit sein warmes Interesse für das nationale Unternehmen in hohem Maße zu erkennen gegeben. Die Sammlung, welche für dasselbe eben hier im Gange ist, nimmt trotzdem, daß die öffentliche Freigebigkeit eben von verschiedenen Seiten stark in Anspruch genommen ist, doch einen verhältnißmäßig guten Verlauf und zeigt, daß das Verständniß für die Nothwendigkelt der Expedition als Gebot der Humanität und als Ehrenpflicht deS Vaterlandes in immer weitere Kreise bringt.

Berlin, 10. November. Dem Vernehmenlnach dürfte ben Bundesrath dem­nächst eine Novelle zum Krankenverücherungsgesetz beschäftigen, welche dem Reichstag in dieser Session zugehen soll.

Areibura i» B», 10.November. Unter dem Vorsitz des Generals v. Gluemer fand gestern in Anwesenheit des Erzbischofs eine stack besuchte Versammlung betreffs des Emln-Pascha-Untexnehmer.s statt. Es sprachen Professor Philippopich über Emin Pascha, Professor Hardy über die gegen die Sklaverei gerichtete Bewegung und der Minlsterialpräsident Grimm aus Karlsruhe über die Lage in Ost-Afrika. D»e Ver­sammlung billigte die Beschlüsse bezüglich der Theilnahme Deutschlands an der Unter­drückung der Sklaverei, und beschloß, der Reichsregierung für die getanen Schritte zu* danken und ihr Vertrauen zu der Wahrung der deutschen Interessen in Ost - Afrika auszusprechen. Hierzu empfiehlt die Versammlung die einmüthige Unterstützung des Volkes ohne religiösen und politischen Unterschied ebenso wie die Unterstützung der Emin-Pascha-Expedition.

fc Schweden.

Stockholm, 10. November. Die Deputation der schwedischen Marine, welche sich am 16. ds. MtS. nach Berlin begibt, um Seine Majestät den Kaiser Wilhelm als Admiral der schwedischen Marine zu begrüßen, besteht aus dem Viceadmiral Lager- crantz, Commandeur - Capitän Klintberg, Capltän Dryssen und Lieutenant Freiherr nLUgglaS.

Amerika.

, Rew'Vork, 10. November. In den Minen bei Pittsbura fand eine Explosion statt, bei der 160 Grubenarbeiter verschüttet wurden. Man fürchtet, daß sie alle oer- loren sind.

Telegraphische Depeschen.

Wolst'ö telegr. Sorrespsndeuz Bureau

Triest, 11, November. Das Galadiner, welches von den hiesigen Marine­behörden zu Ehren des deutschen Schulgeschwaders in Miramare veranstaltet werden sollte, ist wegen der augenblicklich herrschenden heftigen Bora auf Dienstag verschoben worden.

Triest, 11. November. Contre-Admlral Hollmann und die Commandanten der zum deutschen Schulgeschwader gehörigen Schiffe statteten heute Mittag dem Statt­halter Baron Pretis, dem Commandanten des Trlestiner Seebezirks, Vice-Admiral Baron Wiplinger, und anderen hervorragenden Persönlichkeiten von Triest Besuche ab. Die Bora bat nachgelassen, das Wetter ist wieder schön geworden.

Madrid, 11. November. Canooas del Castillo kam heute Morgen hier an, konnte aber nur mit Mühe inmitten feindlicher Kundgebungen der Studenten und einer großen Volksmenge, welche unausgesetzt rief:Nieder mit Canooas!" seine Be­hausung gewinnen. Die Polizei war genöthlgt, den Wagen Canooas' unter ihren Schutz zu nehmen. Am Nachmittag erneuten sich die Kundgebungen; es wurden Steine gegen das Gebäude des conservativen Clubs und das Redacttonslocal des Journals Epoca" geworfen.

Petersburg, 11. November. Anknüpfend an verschiedene Meldungen aus­wärtiger Blätter über eine angeblich kriegerische Rede des Generals Gurko sagt das Journal de St. Petersbourg", es gehöre eine große Unwissenheit oder Unredlichkeit dazu, um ein derartiges Geschwätz zu glauben ober zu verbreiten.

Lissabon, 11. November. Der Kriegsminister General Januario hat demlssionirt. Wie es hetßt, würde General Castro an seine Stelle treten.

Newyork, 11. November. Gestern brach in Rochester (Staat Newyork) in einer Manometer-Fabrik Feuer aus. Die in der Fabrik Beschäftigten versuchten sich zu retten, indem sie durch die Fenster sprangen, 12 Personen wurden jedoch durch den Einsturz der Fabrik getöbtet und 20 verwundet. Man glaubt, daß 21 weitere Per­sonen, die noch fehlen, unter den Trümmern begraben sind.

Konstantinopel, 11. November. Der Specialgesandte des Königs von Griechenland, General Valtimos, überreichte heute dem Sultan in feierlicher Audienz das Großkreuz des Erlöserordens. Der Sultan gab dabei dem Wunsche Ausdruck, baß sich die zwischen Griechenland und der Türkei bestehenden Bande der Freundschaft immer enger knüpfen möchten. Derselbe verlieh dem General das Großkreuz deö Osmanie-Ordens. Nach der Audienz fand großes Galadiner statt. Alsdann wurde der Gesandte noch in Privataudienz empfangen.

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Gießen, 12. November. Die theologische Fakultät der Landes-Universität zu Gießen hat dem Fürsten von Bismarck am 10. November, als dem Geburtstag Dr. Martin Luthers, die theologische Doctorwürde verliehen und dem Diplom folgendes Elogium eingefügt:

Illaetrissimo prinoipi Ottoni de Bismarck imperii germanici oancellario, viro magno unioo, qui tribns imperatoribus singulari cum fide operam et quasi vitam euam dicavit, dicat, impavido, indefeesö, qui timet neminem praeter De um eiusque numine res humanas regi pie confidit;

consiliario summo spectatissimoque regum Boruseiae evangelicorum atque CTangeJii ubicunque protectorum, qui diligenter providet, ut ex sua natura et indole, non ad exemplum alienum et perniciosum ecclesia nostra regatur;

rei publicae gerendae scientissimo atque peritissimo, qui sooietatis huma- nae angustiis miseriisque unuro credit remedium paratum esse in religione