9fr- 214 Donnerstag den 13. September 1888.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Politische Rundschau.
Gießen, 12. September.
Kaiser Wilhelm hat am Montag seine zweite große Heerschau abgehalten unb auch diese, die Kaiserparade des brandenburgischen Armeecorps, ist zur größten Zufriedenheit des allerhöchsten Kriegsherrn und in glanzvoller Weise verlaufen. Die Bevölkerung Berlins und seiner Vororte wohnte dem sich wiederum auf dem Tempel- Hofer Felde abspielenden militärischen Schauspiele womöglich noch in dichteren Massen Lei, als dies bei der Parade des Gardecorps der Fall war und dieses Interesse erscheint ^anz erklärlich, da ein guter Theil der märkischen Regimenter aus „Berliner Jungen" Lesteht. Die Truppen zogen zwei Mal am Kaiser und dessen glänzendem Gefolge vorüber, wobei das Regiment der Schwedter Dragoner von seinem erlauchten Chef, dem Prinzen Albrecht von Preußen, dem Kaiser vorgeführt wurde. Beide Male geschah der Vorbeimarsch in tadelloser Weise und waren die Haltung und das Aussehen der Truppen ganz vorzüglich.
Noch am Abend des Paradetages des 3. Armeecorps reiste der Kaiser mittels Extrazuges von Berlin nach Bremerhaven ab, von wo aus er sich mittelst der Yacht „Hohenzollern" nach Wilhelmshaven begab, um hier den Flottenübungen beizuwohnen. In der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag wird der Monarch nach Potsdam zurückkehren, um aber schon im Laufe des Donnerstag nach Müncheberg in der Mark abzureisen, welches Städtchen als Mittelpunkt der heurigen Kaisermanöver die Ehre genießen wird, den Kaiser vom 13. bis zum 19. September in seinen Mauern beherbergen zu dürfen. Den Kaisermanöoern wohnen bekanntlich auch der König von Sachsen, der Erzherzog Albrecht von Oesterreich, der Großfürst Nicolaus von Rußland und andere Fürstlichkeiten bei.
Die Ankunft Kaiser Wilhelms in Wien erfolgt, wie nunmehr als feststehend gemeldet wird, am Vormittag des 4. O c t o b e r und steigt er in dem kaiserlichen Luftschlosse Schönbrunn ab, doch müssen über die Dauer des Aufenthaltes unseres Kaisers in der österreichischen Hauptstadt noch immer endgültige Nachrichten abgewartet werden.
Der Reichskanzler gedenkt, wie die officiösen „Berl. Pol. Nachr." zu melden wissen, bis auf Weiteres noch in Friedrichsruh zu verbleiben. Man erwartet daselbst im letzten Septemberdrittel den Director im Reichskanzleramte, Geh. Rath v. Rottenburg, welcher dm beim Fürstm Bismarck weilendm Schwiegersohn desselben, den Grafen Rantzau, ablöst, da Letzterer alsdann auf den Gesandtschaftsposten in München zurückkehrt.
Ueberaus trübe lauten die Nachrichten aus den binnen fünf Wochen nun zum dritten Male üverschwemmten schlesischen GebirgSdistricteu und die schleunigste Hllfe thut da Noth. Die private Wohlthätigkeit kann jedoch höchstens die erste Noth lindern, eine durchgreifende Unterstützung kann nur durch das Eingreifen des Staates erfolgen und hoffentlich wird hiermit nicht erst bis zum Zusammentritte des nächsten preußischen Landtages gewartet werden, und regierungsseitig vielmehr auf außergewöhnlichem Wege vorgegangen werden. Zugleich wird es sich aber die Regierung endlich ernstlich angelegen lassen sein müssen, durch zweckentsprechende Maßregeln die so häufige Wiederkehr der Hochwässer in Schlesien zu verhindern und scheint namentlich das seit einer Reihe von Jahren am Kamme des Riesengebirges eingeführte Durchforstungssystem einer Abänderung dringend zu bedürfm.
Der englische Thronfolger, welchem kürzlich ein österreichisches Husaren- Regiment verliehen wurde, nahm anläßlich seines gegenwärtigen Aufenthaltes auf österreichischem Boden Gelegenheit, persönlich beim Kaiser Franz Josef seinen Dank für Die ihm widerfahrene Auszeichnung abzustatten. Er besuchte am Montag Mittag in der Obersten-Uniform^ seines österreichischen Husaren-Regiments unb geschmückt mit dem Großkreuze des Stefansordens, den Kaiser in der Wiener Hofburg und meldete sich in seiner neuen Würde; gegen vier Uhr Nachmittags sprach der Prinz von Wales beim Grafen Kalnoky im Auswärtigen Amte längere Zeit vor. Am Dienstag Abend begab sich der Prinz mit dem Kaiser nach Bellovar, um den in dortiger Gegend stattfindenden Manöverir beizuwohnen; später wird er in dem kaiserlichen Lustschlosse Gödöllö in Ungarn noch einen kurzen Aufenthalt nehmen.
Der Zwiespalt in den leitenden Kreisen der Bonapartisten zeigt sich wieder einmal gelegentlich der Vermählung der Prinzessin Laetitia Bonaparte mildem Herzog von Aosta, dem Bruder des italienischen Königs. Wie die bonapartistische „Patrie" mitzuthellen weiß, wird der Prinz Victor Napoleon der in Turin stattfindenden Verbindung seiner Schwester, der Prinzessin Laetitia, mit dem Herzog von Aosta nicht beizwohnen, da er die politischen Bedingungen nicht annehmen könne, welche ihm sein Vater (Prinz JörSme Napoleon) für den Fall der Theilnahme an der Familienfeier habe vorschreiben wollen. Prinz Victor, fügt das Blatt hinzu, werde den Grundsätzen unb Lehren ber Napoleons niemals untreu werben. — Was das für politische Bedingungen sind, welche Prinz Jerome seinem Sohne anläßlich des Turiner Familienfestes der Bonaparte hat aufnöthigen wollen, wird man wohl noch erfahren; jedenfalls beweist die Weigerung des Prinzen Victor, sich in Turin einzufinden, daß die Rivalität zwischen den beiden bonapartistischen Prätendenten auf den französischen Thron eher zu- als abgenommen hat, worüber man in den republikanischen Kreisen Frankreichs nicht böse sein wird. — Inzwischen sind in Turin anläßlich der Vermählungsfeierlichkeiten das italienische Königspaar mit dem Kronprinzen Victor Emanuel, ferner der König, die Königin und der Kronprinz von Portugal, sowie sämmtliche italienische Minister eingetroffen.
Aeutschland.
Darmstadt, 11. September. Seine König!. Hoheit der Großherzog haben Aller- gnädigst geruht:
Am 4. September dem Notar Dr. Friedrich Keller mit dem Amtssitze zu Alzey die Stelle eines Hypothekenbewahrers bei dem Hypothekenamte Bingen zu Übertragen. •
Darmstadt, 11. September. Das Ehrenzeichen für Mitglieder freiwilliger Feuerwehren wurde ertheilt durch Entschließung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz vom 8. September l. I. den Mitgliedern der freiwilligen
Telegraphische Aepeschen.
Wolff'S telegr. Eorrespondenz. Vureau.
Berlin, 11. September. Der Vorsitzende der Cioilgesetzbuchs-Commission, Pape, ist heute Nachmittag 3 Uhr gestorben.
Berlin, 11. September. Die vereinigte Kreissynode Berlins nahm den Antrag des Vorstandes betreffend) die Berliner Stadtmission und Gemeinde-Diakonie mit dem Anträge Keibel an, wonach die Stadtmisston keinen Ersatz biete für die behinderte Entwickelung der organisirten evangelischen Kirche, indessen als segensreich erachtet werden könne, wenn sie mit den berufenen kirchlichen Gemeindeorganen Hand in Hand gehe insbesondere mit den geordneten Diakonien in organische Beziehungen trete.
Berlin, 11. September. Der Strumpfwirker Mähler und 23 andere Socialisten waren beschuldigt, in der Nacht zum 10. Juli die kaiserliche Proclamation an den Reichstag und Landtag mit rothen Zetteln socialdemokratischen Inhalts überklebt zu haben. Dieselben wurden heute von der Strafkammer des Landgerichts wegen Vergehens gegen das Socialistengesetz mit 14 Tagen bis 2 Monat Gefängniß verurtheilt, von der Anklage der Majestätsbeleidigung jedoch freigesprochen. Der Gerichtshof sah in der That der Angeklagten nicht eine Majestätsbeleidigung, sondern eine Ehrfurchtsverletzung.
Bremerhaven, 11. September. Der Kaiser traf heute Nacht l1/* Uhr vor der Lloydhalle ein und wurde von dem Director des Norddeutschen Lloyd. Lehmann, empfangen. Der Kaiser durchschritt die festlich geschmückte Lloydhalle und begab sich sofort zu dem von der „Hohenzollern" abgesandtcn Ruderboot, welches den Kaiser an Bord brachte. Das zahlreich versammelte Publikum begrüßte Se. Majestät den Kaiser enthusiastisch.
Wilhelmshaven^ 11. September. Die Yacht „Hohenzollern", mit dem Kaffer an Bord, hat sich heute Nachmittag dem Marinegeschwader angeschlossen.
Stettin, 11. September. Der Deutsche Juristentag wählte Dr. Drechsler, Reichsgerichtspräsidenten in Leipzig, zum ersten Präsidenten, die Oberlandesgerichtspräsidenten Dr. Thümmel, Geh. Oberjustizrath Wex (beide Stettin), Professoren Dernburg und Delbrück (Berlin) zu Vicepräsidenten. 400 Theilnehmer aus allen Theilen Deutschlands und Oesterreichs sind anwesend, darunter außer den oben genannten die Professoren Brunner, Rubo und Gierke (Berlin), Dr. Jacques (Wien) und Staatsrath Dr. Köftlin (Stuttgart).
Posen, 11. September. In der heutigen Delegirtenversammlung der deutschen Geschickls- und Alterthumsvereine wurde Metz für die nächste Generalversammlung in Aussicht genommen und an den Kaiser folgendes Telegramm abgesandt: „Sr. Majestät dem deuischen Kaiser bringt die in Posen tagende Generalversammlung der deutschen Geschichts- und Alterthums-Vereine ihren allerunterthänigsten Festgruß dar. Heil unserm Kaiser Wilhelm."
Wiesbaden, 11. September. Der Vorstand der deutschen Colonialgesellschaft sandte unter dem Vorsitz des Fürsten Hohenlohe ein Telegramm an den Kaiser ab, enthaltend die unterthänigste Huldigung und den ehrfurchtoollsten Dank für das huldreiche Wohlwollen, welches der Kaiser für die colonialen Bestrebungen, insbesondere das geplante Unternehmen für den Entsatz Emin Paschas, kundgegeben habe. Ein zweites Telegramm an Bismarck bittet den Kanzler, dem Vorstände die bisherige that- kräftige und umsichtige Förderung auch bei der projektirten Expedition für Emin Pascha feine machtvolle Unterstützung zu gewähren. t
Stuttgart, 11. September. Dem „Staatsanzeiger" zufolge ist der Kaiserbesuch jetzt definitiv festgesetzt. Der Kaiser wird am 28. dss. Mts., von der Mainau kommend, den König und die Königin in Friedrichshafen besuchen.
Wien, 11. September. Der Kaiser, der Kronprinz und der Prinz von Wales sind heute Abend zu den Manövcrn nach Bellovar abgereift.
Wien, 11. September. Die Südbahn stellte in Folge der Ueberschwemmungen in Südtyrol unb des zwischen Margreid und Salurn stattgehabten Dammbruches den Verkehr zwischen Neumarkt und Salurn ein. Auch die Verbindung zwischen Pinzola und Campiglio ist unterbrochen. In Verona dauert die Ueberschwemmung durch die Etsch fort. Der Eisenbahndamm zwischen Talamna und Ardenno ist unterbrochen.
Innsbruck, 11. September. Es werden weitere Zerstörungen durch das Hochwasser gemeldet. Abermalige Dammbrüche haben stattgefunden unb ber Bahnoerkehr vom Silben her ist in Folge dessen nur noch bis Roveredo möglich. Auch die nächst dem Inn gelegenen Stadttheile Innsbrucks selbst sind überschwemmt.
Paris, 11. September. Präsident Carnot wurde bei seiner Ankunft in Caen lebhaft begrüßt, ebenso in allen Stationen, wo der Zug anhielt. Vereinzelte Rufe: Es lebe Boulanger" waren unter den Beifallsrufen der Menge kaum vernehmbar. Abends fand in Caen ein Banket statt. bei welchem Carnot, den Toast des Maires beantwortend, sagte: Das Vertrauen der Bevölkerung werde nicht getäuscht werden. Die Freiheiten der Republik seien nicht bedroht. Wenn das einmal ber Fall wäre, könne bie Bevölkerung gewiß sein, baß bie Regierung dieselben zu vertheidigen wissen werde.
PchriS, 11. September. Präsident Carnot und Premierminister Floquet trafen heute in Cherbourg ein. Auf der Durchreise in Saint Lo empfing Carnot den Bürgermeister und den Präsidenten des Generalraths, welcher ihn baten, ber gegenwärtigen lanbwirthschaftlichen Krisis energischeren Schutz angebeihen zu lassen.
Feuerwehr zu Wimpfen a. B.: 1) Heinrich Wassenmüll er, 2) Franz Mensen unb 3) Hermann Bender.
Araukreich.
Paris, 10. September. Der Kriegsminifter, Herr v. Freycinet, beabsichtigt, sich mit seinem e>tabe nach Belfort zu begeben, um bie Projecte bezüglich ber Verstärkung der umliegenden Forts zu prüfen. Von Belfort wird ber Minister nach Hericourt gehen, wohin die Verlegung von drei neuen Feldbatterien als Reserve der in Belfort concentrirten Artillerie angeordnet wurde. Bei der dortigen Anwesenheit des Kriegsministers soll ferner die Frage einer eventuellen Verstärkung der Cav aller ie- Besatzungen in diesen Grenzgegenden erörtert werden.
— Am 24. September, dem Jahrestage des Todes Brignon's, den der deutsche Jä-er Kaufmann erschossen, wird in Vexaincourt ein Denkmal des Ereignisses enthüllt; die Blätter warnen die dortige Bevölkerung vor gefährlicher Ueberschwenglichkeit.
Schweiz.
— Das „Genfer Journal" und einige andere Schweizer Blätter melden in Uebereinftimmung, daß am 8. dss. Mts. in Zürich eine geheime Sitzung ber beutschen Soctalbemokratie stattfanb, in welcher bie innere Partei-Organisation zur Berathung kam. Es seien in Zürich seit ber letzten Ausweisung schon mehrere solcher geheimen Sitzungen abgehalten worben.


