Ausgabe 
13.5.1888 Zweites Blatt
 
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Nr. 111 Drittes Blatt. Sonntag den 13. Mai

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureau r Schul st raße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlahn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Jheit.

Betreffend: Die Ausführung des Reichsmilitärgesetzes. Gießen, den 30. April 1888

Das Großherzogliche Krcisamt Gießen

a« dte Groß herzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.

flenntm63b?hge?[?ffen8efanntmQ4Un9 ®r*r3°9li(^n Landwehr-Bezirks-Commandos Gießen wollen Sie alsbald auf ortsübliche Weise zur öffentlichen Dr. Boekmann.

Bekanntmachung.

, . , Dlezemgen Mannschaften des Beurlaubtenstandes - wozu auch die Ersatz-Reservisten gehören welche sich noch nicht im Besitz der veränderten ar5^ptk.e 7^ namentlich nicht der neuen Bestimmungen befinden, werden hierdurch aufgefordert, bei Meidung der im V 67 abzu^ben l^ @ unverzüglich chre Papiere behufs Abänderung beziehungsweise Austausch an den zuständigen Bezirksfeldwebel

Caspary, Oberstlieutenant und Kommandeur des Landwehr-Bataillons-Bezirks Gießen.

Neber die Gedächtnisfeier M Ehren des Kaisers Wilhelm, welche dte Deutschen in Baltimore am 25. März d. I. in derAcademy of Music abhielten, ging uns von Herrn G. W. Gail (Firma Gail & Ax) in Baltimore eine 2Vr Bogen starke, mit dem Bildnisse des verstorbenen Kaisers geschmückte Broschüre zu, aus deren Lectüre man ersehen kann, welches Interesse dte in Amerika wohnenden Deutschen ihrem alten Vaterlande und seinem Herrscherhause entgegenbringen. Daß aber dieses Interesse nicht allein bei den Deutschen Amerikas zu suchen ist, beweist die Theilnahme, welcher sich diese Feier auch Seitens der Amerikaner englischer Zunge zu erfreuen hatte, beweist auch dte Thatsache, daß nach der Rede des Herrn Carl Ahrendt in deutscher Sprache, eine Rede des Herrn Dr. Henry Wood (Johns Hopkins Univ.) in englischer Sprache folgte. Bezeichnend für den Geist, der in den Rethen der deutsch-amerikanischen Bürger herrscht und der sich in jeder Zeile der vor uns liegenden Schrift widerspiegelt, ist das die Einleitung bildende Gedicht von Louis Willich; hier die ersten Strophen:

Die Hüte ab! und auf den Halbmast hißt Des Deutschen Reichs-Panter, denn der's^.entfaltet Zu neuem Glanze, neuem Ruhme, ist, Nach schwerem Kampfe mit dem Tode, erkaltet. O, saget nicht: Was geht der alte Mann uns an? Sagt nicht, es steh' um einen Kaiser trauern schlecht Dem freien Manne; sagt es nicht, es wär' nicht recht, Denn auch für uns hat dieser Todte viel gethan.

Eine das Leben Kaiser Wilhelms, von der Geburt bis zum Tode, sehr eingehend behandelnde Biographie bildet den Hauptbestandtheil des Büchleins, in welchem dann die Feier selbst, unter Wiedergabe der gehaltenen Reden, beschrieben ist. In Folge der Einladung des Präsidenten des Germania-Clubs, Herrn G. W. Gail an die Präsidenten sämmtlicher deutschen Vereine Baltimores versammelten sich dieselben zu einer Be- rathung über Abhaltung einer würdigen Gedächtnißfeier zu Ehren des verewigten deutschen Kaisers; bei dieser Berathung waren 28 deutsche Gesellschaften vertreten. In einer weiteren Berathung verkündete Namens des ComitLs Herr Ernst Knabe, daß demselben zur Begehung der Feier dieMusik-Akademie", .einschließlich Beleuchtung und Heizung, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden fei', daß dte Polizeibehörde für die Feierlichkeit bereitwillig ihre Zustimmung ertheilte; daß ferner diebereinigten Sänger von Baltimore" (14 Vereine mit 350 Mann) ihre Dienste zur Verfügung stellten. Schon lange vor der angesetzten Stunde füllte sich die Musik-Akademie in allen ihren Räumen, man glaubt kaum, daß je das Gebäude eine solche Menschenmenge gesehen. Im Vordergründe des Saales stand die Kolossalbüste des deutschen Kaisers, entworfen und modellirt von Alois Lochner in New-York. Dieselbe mißt 7 Fuß in der Höhe und hat ein Gewicht von 1100 Pfd. Vor derselben prangte ein drei Fuß hohes Kreuz, aus kostbaren Rosen und Lilien gewunden, ein Geschenk eines ehemaligen Elsaß-Lothringcrs. Den Hintergrund schmückt die schwarz drapirte deutsche Reichsflagge, in der Mitte die deutsche Consularfahne und zu beiden Seiten die denkwürdigen Kaiserstandarten, welche die Jahreszahl 1813 und 1870 und den SpruchGott mit uns" trugen. In den Prosceniums- und Parket-Logen hatten Bürgermeister F. C. Latrobe, Richter CH. E. Phelps, sowie die Consuln Deutschlands, Italiens, Oesterreichs, Nor­wegens, Hollands, Belgiens, Brasiliens, von Liberia, von Spanien, Rußland, Portugal Platz genommen. Interessant war es anzusehen, als derAllg. Arbeiter-Kranken- Unterstützungsverein", derDeutsche Militäroerein" und derOnkel-Bräsig-Verein" von ihrem Hauptquartier fast in voller Stärke anmarschirt kamen. DasPhilharmonische Orchester" eröffnete die Feier mit dem Trauermarsche ausErotca" von Beethoven, worauf Herr G. W. Gail nach einigen einleitenden Worten dem deutschen Festredner das Wort ertheilte, welcher in längerer, schwungvoller, bei allen Theilnehmern den tiefsten Eindruck hinterlassenden Rede den Gefühlen Ausdruck verlieh, die alle Deutsche diesseits und jenseits des Oceans ergriffen, der vor den Augen der Anwesenden über die Lebensgeschichte Kaiser Wilhelms ein Bild entrollte, wie es nur ein von glühender Vaterlandsliebe erfüllter Mann zu entrollen vermochte. Seine Rede schloß Karl Ahrendt mit den Worten: Die Zeit mag kommen, wann Deutschland kein nach Hundert­tausenden zählendes Heer und keinen Kaiser mehr bedarf; aber so lange streitsüchtige Nachbarvölker den Frieden dort bedrohen, kann die deutsche Nation nur durch über­legene Macht ihre Sicherstellung wahren, und wo ein stehendes Heer ist, muß auch ein Heerführer sein; es ist kein einiges Volk ohne Oberhaupt möglich. Deutschland war bis zur Gründung des neuen Reiches ein Sonderbund, wie Altmeister Jahn sagte: Ein Staatenftaat in unendlichen Verfassungen und Verwaltungen verästet und ver­zweigt, wie Schachteln ineinander geschachtelt." Eine geographische Karte der lieben alten Heimath sah aus wie ein Stück Druckkattun. Das ist durch Kaiser Wilhelm, den Fürsten Bismarck und die Generäle Roon und Moltke anders geworden; der Kaiser würde gesagt haben:durch Bismarck, Roon und Moltke", denn zu den vielen guten Eigenschaften des Verblichenen gehörte auch die Bescheidenheit; er schätzte die Verdienste Anderer stets höher als die seinigen. Mögen die Schöpfer von Deutschlands

Größe, zu denen auch der neue Kaiser gehörte, dem Vaterlande noch lange erhalten bleiben; möge Friedrich III. im Geiste Wilhelms I. weiter regieren und die deutschen Stamme noch inniger miteinander verbinden! Mögen auch wir, die freien Bürger dieser mächtigen Republik, von den unsterblichen Errungenschaften der einigen deutschen Nation lernen, daß nur durch gemeinsames Wirken Großes erzielt werden kann; möge der Geist der Einheit und Eintracht auch die Germanen in der Ferne beseelen' Und nun

Kanonen donnert noch einmal

Dem tobten Held zur Ehr'!

Ihr Glocken über Berg und Thal, Erklinget hoch und hehr!

Fromm neige Dich, o deutsches Land,

Vertrauend deinem Hort,

Der siegen half und überwand, Er hilft auch weiter fort!"

.. einem Massenchor der Sänger:Pilger auf Erden" hielt Prof. Hy. Wood

die englische Rede, welche mit den Worten schloß:Hail to thee, Wilhelm, Deutscher Kaiser, Wilhelm der Einzige! Hail to thee, mother of nations, mother of such heroea as he was, Germania. Ein Choral, welcher unter Orchester Begleitung von allen Anwesenden ftehenv gesungen wurde, schloß die erbebende Feier.

Vermischte-.

, Geblar, 10. Mai. Heute Mitttag gegen 12Vr Uhr wurde nächst dem rechts- lenrgen Lahnbruckenpfeiler vor dem Hauserthor ein starkes Rauschen in der Luft und danach noch ein stärkerer plätschernder Schlag auf das Wasser gehört ähnlich als wenn eine schwere Bohle von der Brücke platt auf das Wasser geworfen worden wäre worauf sich eine Wassersäule in trichterartiger Form bis gegen 2 Meter Höhe erhob. Dieselbe erweiterte sich in gleichem Maße nach oben und bewegte sich in schneller traubenartiger Drehung 58 Secunden lang gegen die Ufer. Darnach schien sie unterzutauchen; es bildete sich hierauf eine etwa i/2 Meter hohe glatte Welle welche in der Verlängerung der Lahn liegend, sich von Nord nach Süd, mit einer Geschwindigkeit von 23 Meter in der Sekunde nach dem jenseitgen Ufer hin bewegte und dort zerschellte. Mehrere Augenzeugen dieses Vorgangs haben vorher keinen Staub auf der Brückenstraße gesehen und wollen durch das Rauschen bemerkt haben daß der drehende Luftstoß direkt aus der Höhe gekommen und die schraubenartige Bewegung des Wasserstrahls auch so stark gewesen ist, daß wenn eins der kleinen Lahnschiffchen getroffen worden wäre, dasselbe unzweifelhaft in viele Stücke gebrochen lein würde. Eine ähnliche Erscheinung wurde am vorjährigen 22. Mai an der untern Lahnbrücke hierselbft beim Beginn eines Gewitters mit starkem Graupelfall wahrgenommen. Die große Windhose ging bekanntlich am 23. Mai 1886 Hierselbst nieder.

[@in Opfer des Hypnotismus.) Von Laien urtheilslos und leichtfertig mißbraucht, hat der Hypnotismus schon viel Unheil angerichtet. Hier ein Beispiel - Zwei Polizei-Agenten fanden kürzlich in der Nacht auf einer Bank des Pariser Boule­vard einen jungen Mann, der fortwährend schluchzte. Der Mann schien in furchtbarer Verzweiflung. Als er die beiden Agenten bemerkte, wollte er die Flucht ergreifen aber man hielt ihn fest und brachte ihn auf das Comrnissariat. Dort erzählte er mit vor Aufregung zitternder Stimme:Ich heiße August H. und wohne in der Berrystraße. Ich hatte mit meiner Mutter einen Streit und versetzte ihr zwei Messerstiche. Die arme Frau ist todt." Ein Agent wurde sofort in das bezeichnete Haus geschickt und traf dort die Mutter des Verhafteten, die sich vollständig wohl befand. Als man ihr von der Aussage ihres Sohnes Mittheilung machte, erklärte sie weinend, daß der Geisteszustand ihres Sohnes seit einiger Zeit gestört erscheine. Er spreche unzusammen- hangende Worte und erzähle häusig von einem Morde, den er begangen. Aus dem weiteren Berichte der Mutter ging hervor, daß der Unglückliche vor einigen Monaten von einem Freunde beredet worden sei, sich hvpnotisiren zu lassen. Während des Schlafes hatte man ihm befohlen, eine als Frau gekleidete Puppe zu ermorden, was er auch that. Seit dieser Zeit zeigte sich der junge Mann tiefsinnig und glaubte fort­während, er habe einen Mord begangen, und in diesem Zustande verließ er das Haus in der fixen Idee, daß er soeben seine Mutter gctöbtet habe. Der Unglückliche wurde her ärztlichen Obhut übergeben.

[Ein Versehen.) In Oesterreich ist soeben ein tüchtiger Stabsoffizier zum Obersten befördert worden, der im Jahre 1866 das Opfer eines seltsamen Mißver­ständnisses war. Er hatte als Generalstabshauptmann einen Befehl zu einem Ueberfall der vor Floridsdorf stehenden Preußen abzufertigen und befahl einem Schreiber, den Umschlag nachKagran" zu adresstren; der Schreiber, dem dieser Name ganz fremd war, glaubte schlecht gehört zu haben und schriebWagram", worauf der Brief einem Ulanen zur Beförderung übergeben wurde. Dieser biedere Reitersmann schlug sich mühselig in der Richtung auf Wagram durch; plötzlich tönte ihm ein strammesHalt"